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28.

„Was ist, wenn die mir die Brust amputieren müssen? Und mir die Haare ausgehen – wegen der Chemotherapie?", fragte Lisa. „Hör doch auf, so schwarz zu sehen. Noch weißt du nicht, was mit dir ist." – „Aber was, wenn?" – „Dann wirst du weiterhin die schönste Frau für mich sein. Lisa, der einzig gute Grund, warum du uns keine Chance geben könntest, wäre, wenn du meine Gefühle nicht erwiderst." Seufzend ließ Lisa ihre Finger über Rokkos Brust wandern. „Werde ich dich je in den Armen deiner Assistentin wieder finden?" – „Nein, ich habe keine Assistentin", grinste Rokko. „Aber es könnte vorkommen, dass du mich ständig in den Armen meiner Chefin wieder findest." – „Ähm, ich bin deine Chefin", wunderte Lisa sich. „Genau und nur bei der möchte ich sein." Hoffnungsvoll sah Rokko auf. „Lisa? Ist die Frau, die sonst durch eine riesige Modefirma rennt und alles am Laufen hält, etwa nicht in der Lage diese eine Entscheidung zu treffen?", zog er sie auf. „Das ist nicht das gleiche. Wenn ich für Kerima entscheide, dann betrifft mich das nicht persönlich…" – „Aha, und das Wohlergehen der Firma ist natürlich wichtiger als du selbst. Lisa, was muss ich denn tun, damit du mir eine Chance gibst?" Lisas Finger zeichnete Rokkos Kinn nach. „Du könntest mich küssen", lächelte sie ihn an. „Ach so? Ich dachte ja, jetzt käme etwas viel Schwereres", schmunzelte er. „Alter Sprücheklopfer", meinte Lisa. „Ich sag's dir, meine Küsse sind alle eine 6,0." Kaum hatte Rokko ausgesprochen, küsste er Lisa auch schon. „Hm, so richtig überzeugt mich das nicht", scherzte sie. „Ich glaube, ich brauche noch einen, um restlos überzeugt zu sein."

„Weißt du, worauf ich jetzt Lust hätte?", fragte Rokko. Die Sonne war schon lange untergegangen und allmählich wurde es kalt in der Hängematte. „Worauf?", fragte Lisa müde. „Tanzen. Ich würde jetzt wirklich gerne tanzen." – „Wenn du noch weggehen willst, dann lass dich von mir nicht aufhalten", meinte Lisa traurig. „Du hast nicht richtig hingehört: Ich möchte nicht weggehen, sondern tanzen und ich will mit dir tanzen und du bist hier und nicht irgendwo da draußen." Ungelenk kletterte Rokko aus der Hängematte und verschwand kurz in seinem Zimmer. Als er wieder kam, lief leise Musik. „Darf ich bitten?", wandte er sich an Lisa. Die Angesprochene erhob sich und ging auf Rokko zu, der sofort seine Arme um sie legte. „Es tut mir leid", flüsterte Lisa. „Was tut dir leid?", fragte Rokko verwirrt. „Das wirst du gleich sehen", meinte Lisa. „Du hast noch nie mit mir getanzt, darum weißt du nicht, was das für deine Füße und dich bedeutet."

Ein warmer Windhauch über seiner Brust ließ Rokko aus dem Schlaf aufschrecken. „Lisa?", fragte er verschlafen. „Pst", hielt sie ihn davon ab, weiter zu sprechen. „Sagst du mir trotzdem, was du da machst?", fragte Rokko die zarten Berührungen durch Lisas Lippen genießend. „Wenn du so weitermachst, dann brauchen wir Kerzen und Musik", gab er zu bedenken. „Vergiss die blöden Kerzen und die blöde Musik", meinte Lisa schmunzelnd und beugte sich vor, um Rokko auf den Mund zu küssen. „Bist du sicher?" – „Ja." – „Ich rede aber nicht von Kerzen und Musik." – „Ich auch nicht." Zufrieden mit dieser Antwort ließ Rokko einen weiteren Kuss zu. Langsam tasteten sich seine Hände vor und schoben sich unter Lisas Nachthemd. Als sie den Kuss für einen Augenblick unterbrach, nutzte Rokko diesen Moment, um es ihr über den Kopf zu ziehen. Rokko stockte kurz der Atem, als er Lisa so betrachtete. „Zeigst du mir, wo…?" Lisa griff nach seiner Hand und legte sie auf die Stelle, an der sich der Knoten befand. Rokkos Finger erfühlten die Veränderung in Lisas Brust sofort. Er schenkte Lisa ein kurzes Lächeln und drehte sie dann auf den Rücken. Augenblicklich hauchte er einen Kuss genau diese Stelle ihrer Brust.

„Guten Morgen Berlin!" Rokko staunte nicht schlecht, als er sah, wie Lisa im Schlaf nach ihrem Wecker schlug und dem Radiomoderator somit das Wort abschnitt. Grunzend rollte sie sich wieder in ihre Decke ein und drehte sich um. „Lisa, Schatz, Zeit zum Aufstehen", flüsterte er ihr zu, erntete aber nur ein unzufriedenes Knurren. „Gut, dann mache ich erst Frühstück und versuche es dann noch mal." Rokko stand auf und wollte das Zimmer schon verlassen, als sein Blick auf Lisas Schreibtisch fiel. Was war denn das? Dort stand ein Bilderrahmen, der Rokko noch nie aufgefallen war. Das Bild darin zeigte Bruno und Lisa. Rokko ging näher heran und nahm es in die Hand, um es richtig betrachten zu können. Wie glücklich die zwei zusammen aussahen! Shooting-Star der Modebranche bei Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Rokko glaubte, seinen Augen nicht trauen zu können, als er diesen Satz las. Er war der Titel eines Zeitungsartikels, den Lisa feinsäuberlich in ein Album geklebt hatte. Es lag offen auf ihrem Schreibtisch. Rokko begann zu blättern. Der verlorene Sohn folgt Schwester auf Karriereleiter – Plenskes Halbbruder auf den Spuren seiner Schwester – Frischer Wind bei Kerima – Schuhe + Halbbruder großartige Show – Unfalltod kein Anschlag – Beisetzung im kleinsten Kreis, ein schwerer Gang für Lisa Plenske. Immer wieder blätterte Rokko durch das Album, betrachtete schockiert die Fotos. Verschlafen öffnete Lisa ihre Augen, kniff sie aber gleich wieder zusammen, um Rokko einigermaßen sehen zu können. Er war so konzentriert, dass er gar nicht merkte, wie Lisa aufstand und zu ihm schlich. „Was machst du da?", fragte sie und legte ihre Arme um seine Taille. „Rokko?" – „Wer ist das?", fragte er fassungslos und hielt Lisa das Album hin. „Das ist Bruno, mein Bruder. Ich habe die ganzen Artikel über ihn aufgehoben und in dieses Album geklebt. Eigentlich wollte ich es ihm… naja… feierlich überreichen, wenn die Tochterfirma offiziell vorgestellt wird. Das ist ja dann nicht passiert, aber ich habe die Artikel über seinen Unfall trotzdem gesammelt… als Selbstheilung oder so. Warum?" – „Lisa, das ist der Bekannte von mir, der mir den Tipp mit dem WG-Zimmer hier gegeben hat und er hat mich gestern Abend zu dir auf die Brücke gefahren." – „Das finde ich nicht witzig, Rokko", zischte Lisa und ließ ihn los. „Wenn das ein Scherz sein soll, dann trifft er gerade gar nicht meinen Humor." Lisa machte einen Schritt zurück und sah Rokko wütend an. „Lisa, das musst du mir glauben. Ich habe ihn gesehen, mit ihm geredet, ich bin auf seinem Roller gefahren…" – „Hör auf damit!", schrie Lisa Rokko an. „Ich war dabei, als Bruno gestorben ist. Zu mir hat er seine letzten Worte gesagt. Sein Roller war ein Totalschaden. Das ist alles kompletter Unsinn! Vielleicht hat sich da einer einen dummen Scherz mit dir erlaubt." – „Ja, Namen kann es mehrmals geben, aber das Gesicht… Lisa, ich weiß doch, was ich gesehen habe!" – „Ich auch und ich habe Bruno sterben sehen." Den Tränen nahe griff Lisa nach ihrem Morgenmantel. „Ich gehe duschen. Ich muss nämlich zum Arzt und habe keine Zeit für deine seltsamen Fantasien."

Kopfschüttelnd ging Rokko in die Küche und erstarrte. „Bruno!", entfuhr es ihm, als er einen jungen Mann dort stehen sah, der gerade ausgiebig mit Churchill schmuste. „Rokko", freute er sich. Dieser schnappte sich jedoch ein Messer aus dem Messerblock und hielt es hoch. „Mach dich doch nicht lächerlich", schmunzelte Bruno. „Was willst du mir denn damit schon tun? Ich bin doch schon tot… Außerdem will ich dir nichts Böses, das habe ich nie gewollt. Sag mal, du liebst Lisa?" – „Ja, das tue ich." – „Das freut mich – bloß… warum bin ich dann noch hier?" – „Ähm, bitte?" – „Ist bei dir und Lisa wirklich alles geklärt?" – „Ja… naja, ich glaube, sie fand es seltsam, dass ich ihr von dir erzählt habe." – „Hast du sie mal gefragt, wer die Frau mit dem Kinderwagen ist?" – „Wer?" – „Na die Frau, von der sie dir gestern erzählt hat." – „Die, die angeblich auf der Brücke war?" – „Genau die." – „Weißt du, wer sie ist?" – „Ja, und du weißt das auch. Eine gemeinsame Freundin von uns, die niemand vom Springen abgehalten hat." – „Verena?", fragte Rokko erstaunt. Doch Bruno antwortete nicht mehr, denn er war verschwunden. „Was hast du gesagt?", fragte Lisa, die gerade die Küche betreten hatte. „Warte kurz hier", wies Rokko sie an und hechtete in sein Zimmer.

„Kennst du diese Frau?", fragte Rokko Lisa kurze Zeit später. „Das ist Verena. Ich habe sie im Park kennen gelernt. Wieso hast du ein Foto von ihr?" – „Weil das meine Verena ist. Die Affäre, von der ich dir erzählt habe… das Baby, die Abtreibung, erinnerst du dich?" – „Ja-a", antwortete Lisa zögerlich. „Dann kann sie es ja nicht sein. Ich meine… nee, das ist sie dann nicht." Mit kraus gezogener Stirn betrachtete Lisa das Bild, das Rokko und Verena bei einer Buchmesse zeigte. „Sicher?" – „Das einzige, das ich sicher weiß, ist, dass die Arztpraxis gleich aufmacht und ich langsam losmuss."

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