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29.

„Frau Plenske, schön Sie zu sehen", begrüßte die Gynäkologin Lisa. „Folgen Sie mir bitte in mein Sprechzimmer." Die Angesprochene griff nach Rokkos Hand und sah ihn bittend an. „Soll ich mitkommen, Lisa?", fragte er leise. „Ja, bitte." Er nickte und erhob sich dann.

„So, Frau Plenske, ich habe mehrere gute und eine schlechte Nachricht für Sie." – „Die schlechte zuerst", bat Lisa. „Das geht nicht. Die schlechte hängt von einer der guten ab und es macht keinen Sinn, wenn ich sie Ihnen zu erst nenne", lachte die Ärztin. „Also, zunächst einmal: Sie sind nicht schwanger. Das hatten wir ja im Hinterkopf, nachdem Sie die Pille danach nicht drin behalten haben." Irritiert horchte Lisa auf, als sie Rokkos erleichtertes Seufzen vernahm. „So, dann das Ergebnis der Biopsie: Der Tumor ist gutartig", verkündete die Ärztin. Diesmal war Lisa es, die erleichtert ausatmete. „Und das ist auch schon das Ende der guten Nachrichten. Ihr Blutbild war… nun ja, es lässt nicht auf eine gesunde Lebensweise schließen. Sie haben erheblichen Eisenmangel. Ich verschreibe Ihnen erst einmal Eisentabletten. Die sind wichtig für die Blutbildung und die werden Sie brauchen, denn Sie werden Sie einer Operation unterziehen müssen. Auch wenn der Tumor gutartig ist, muss er entfernt werden. Das ist aber kein großer Eingriff. Kein Grund, Angst zu haben. Aber angesichts Ihres Blutbildes werde ich Sie ein paar Tage krankschreiben, damit Sie sich erholen. Besorgen Sie sich Obst und Gemüse, kochen Sie frisch, schlafen Sie aus, gehen Sie an der frischen Luft spazieren… so 'was eben. Mindestens eine Woche kein Bürostress, haben wir uns verstanden?" Betreten sah Lisa ihre Ärztin an. „Wann wäre denn die OP?" – „Mein OP-Tag ist mittwochs. Ich habe Sie auf die Liste für nächste Woche Mittwoch gesetzt. Gleich um 12 Uhr, dann ist es erledigt. Sie müssen nüchtern kommen… Sie kennen das Prozedere." Lisa nickte. „Sind dann noch fragen?" – „Ich wüsste gerne, wie konnte… also, wie habe ich diesen Knoten bekommen?" Die Ärztin zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich schätze, das ist eines der Risiken, die das Leben so in sich birgt. Das passiert einfach, dafür gibt es keine Erklärung. Klar, die Lebensweise und Umwelteinflüsse tragen auch dazu bei. Zerbrechen Sie sich darüber nicht den Kopf. Wir entfernen den Knoten und dann ist es vorbei. Wichtig ist nur, dass Sie weiterhin regelmäßig Ihre Brust abtasten und zu den Vorsorgeuntersuchungen kommen", fügte die Ärztin mit einem mahnenden Blick hinzu. „Gut", erwiderte Lisa nickend. „Dann sehen wir uns nächsten Mittwoch." – „Genau. Machen Sie es gut, Frau Plenske." – „Ähm", ergriff Rokko das Wort. „Lisa, geh doch schon mal zu Churchill runter, der vermisst dich bestimmt schon. Ich würde Frau Doktor gerne noch etwas fragen." Irritiert sah Lisa von Rokko zu ihrer Ärztin und zurück, zuckte dann aber mit den Schultern und ging. „Was gibt es?", fragte die Ärztin Rokko gut gelaunt, kaum dass Lisa den Raum verlassen hatte. „Ich… Also, Lisa ist ja nun nicht schwanger, aber wir… wir lieben uns und es könnte ja doch passieren und ich… also, ich hätte ein Kind aus einer früheren Beziehung gehabt, aber mein kleines Mädchen hatte eine Missbildung – offener Rücken. Sie hat die Geburt nicht überlebt." – „Das tut mir sehr leid, Herr Kowalski. Jetzt möchten Sie wissen, ob das wieder passieren kann?" – „Genau." – „Nun, ich möchte Sie nicht belügen: Ja, es kann. Es ist ungeklärt, wie Spina Bifida wirklich entsteht. Fakt ist, es ist eine Fehlbildung, die in der dritten und vierten Schwangerschaftswoche entsteht. Statistisch gesehen, sind Mädchen häufiger betroffen als Jungen, aber es muss nicht immer tödlich sein. Es gibt auch leichtere Formen, bei denen die betroffenen Kinder gehbehindert sind oder querschnittsgelähmt. Beim heutigen Stand der Physiotherapie wird diesen Kindern aber eine adäquate Therapie zuteil." Die Ärztin sah Rokko aufmerksam an. „Sie hätten sich ein ‚Nein, es passiert nicht noch mal' erhofft, oder?" Rokko nickte kurz. „Ich schätze, das ist das Leben, oder? Das ist wie beim Lotto." – „Naja, neueste Forschungen haben gezeigt, dass die Einnahme von Folsäure vor und während der frühen Schwangerschaft das Risiko reduziert. Wenn Sie und Frau Plenske also ein Kind wollen, dann kommen Sie beide wieder her und wir besprechen das erneut." – „Ja. Danke Frau Doktor", meinte Rokko, erhob sich und ging dann auch.

„Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen in den Park gehen? Wir machen einfach blau und machen uns einen schönen Tag mit Churchill", schlug Lisa vor, als Rokko endlich zu ihr kam. Sie hatte Churchills Leine bereits von dem Fahrradständer, an dem er angebunden war, gelöst und sah Rokko abwartend an. „Klingt gut und du hast die Ärztin gehört: Frische Luft und viele Vitamine." – „Du meinst, ich soll im Park ein bisschen Wiese futtern?", lachte Lisa ausgelassen. „Das würde ich zu gerne sehen", grinste Rokko zurück. „Komm, lass uns gehen", meinte er und legte seinen Arm um Lisa.

„Verena, was machen wir hier?", fragte Bruno ungeduldig und versuchte, mit der jungen Frau Schritt zu halten. „Wir sind immer noch nicht fertig, aber ich habe die Nase voll. Sie haben sich, sie vertrauen sich und trotzdem halten sie uns zurück." Schnellen Schrittes schob Verena ihren Kinderwagen vor sich her. „Was hast du denn vor?", verlangte Bruno zu wissen. „Das wirst du gleich sehen", erwiderte die junge Frau und deutete auf einen Bernhardiner, der zwischen zwei Leuten auf der Wiese hin und her rannte und versuchte einen Ball zu fangen. „Churchill", rief Verena. Der riesige Hund hielt inne und sah in die Richtung, aus der die Stimme kam. Als er Verena und Bruno erspähte, hechtete er los. „Hey, mein Großer", freute Bruno sich und knuddelte seinen Hund. Lisa und Rokko tauschten verwirrte Blicke, folgten dem Bernhardiner dann aber. Wie versteinert blieb Lisa vor ihrer Freundin und dem jungen Mann, der aussah wie ihr Bruder, stehen. Entsetzt sah sie zu Rokko herüber, dem es mit Verena ähnlich erschien. „Hallo", grüßte die junge Frau. „Wir sind hier, um uns zu verabschieden", erklärte sie dem verdatterten Pärchen. „Lisa", flüsterte Bruno. „Es tut so gut, dich glücklich zu sehen. Du kümmerst dich gut, um Churchill. Sein Fell glänzt so schön." Lisa wusste nicht, was sie sagen sollte. „Ist das Anna-Lena?", hörte sie Rokko fragen. „Ja, das ist unser kleines Mädchen", antwortete Verena. „Darf ich… darf ich sie mir bitte ansehen?" Verena nickte nur. Langsam ging Rokko um den Kinderwagen herum, hielt die Luft an und sah hinein. Das kleine Mädchen, das darin lag, gluckste fröhlich vor sich hin. Sie hatte gerade entdeckt, dass man seinen Fuß in die Hand nehmen konnte. Rokkos Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Du bist genauso hübsch, wie ich dich in Erinnerung hatte." Er spürte, wie sich eine kalte Hand auf seine Schulter legte. „Rokko, sieh sie dir genau an. Behalt sie genauso in Erinnerung. Wenn du nach Hause kommst, dann wirf bitte das Bild, das du von ihr hast – das von nach der Geburt… wirf es weg, ja?" Rokko konnte nur knapp die Tränen herunterschlucken, die sich in seinen Augen sammelten. „Das mache ich." – „Rokko, hättest du etwas dagegen, wenn… noch spricht sie ja nicht, aber irgendwann wird es soweit sein… hättest du etwas dagegen, wenn sie…" – „… zu Bruno Papa sagt? Nein, Verena, ich hätte nichts dagegen", lächelte Rokko. „Du wirst sehen, Rokko, eines Tages wirst du eine kleine Familie haben mit gesunden Kindern." Verena spürte einen Sog von hinten. „Du darfst einfach keine Angst haben", gab sie Rokko einen letzten Rat. „Verena, wir müssen", erinnerte Bruno sie. Er nahm Churchills Ball in die Hand. „Mach es gut, Lisa. Genieß das Leben und vergiss nicht: Die Firma ist nicht alles." Dann wandte er sich an Rokko: „Vielleicht machst du dir mal einen zünftigen Herrenabend mit David. Er hat bewiesen, dass er im entscheidenden Moment den Unterschied zwischen Gut und Böse kennt. Die Bars und Clubs sind doch voll von netten Frauen, da ist auch eine für ihn dabei." Bruno holte aus und schleuderte den Ball quer über die Wiese. „Ich habe dich lieb, Bruno", fand Lisa nun doch ihre Sprache wieder. „Ich dich auch, kleine Schwester." Mit diesen Worten drehten Bruno und Verena sich um. Er legte einen Arm um Verenas Schulter und die andere Hand auf den Kinderwagen, um beim Schieben zu helfen. Während Churchill seinem Ball hinterher eilte, sahen Rokko und Lisa dabei zu, wie sich Verena und Bruno mit jedem Schritt mehr und mehr auflösten und dann gänzlich verschwanden.

„Rokko, ich… es… aber es schien doch so unwahrscheinlich. Ich meine, so etwas ist doch…" – „Schon gut, ich hätte mir vermutlich auch nicht geglaubt", unterbrach er Lisas Entschuldigungsanlauf. Churchill war in der Zwischenzeit mit seinem Ball zurück und versuchte, Rokko dazu zu bringen, ihn erneut zu werfen, indem er seine Hand mit dem Ball im Maul anstupste. Rokko legte seinen Arm um Lisa und drehte sie in Richtung Wiese. „Komm, wir sind hier, um mit Churchill zu spielen." Kaum hatte der Bernhardiner seinen Namen gehört, tippelte er ein paar Schritte zurück, um es Rokko schwerer zu machen, nach dem Ball zu greifen. Lisa warf noch einen letzten Blick über ihre Schulter dorthin zurück, wo sie ihren Bruder das letzte Mal gesehen hatte. Dort joggte gerade ein Mann, eine Gruppe Kindergarten-Kinder ging in Zweierreihen – keine Spur mehr von dem, was gerade passiert war. Lisas Kopf drehte sich nun zu Rokko und sie gab ihm einen zärtlichen Kuss. „Na dann, lass uns spielen", grinste sie ihn an und rannte Churchill hinterher, der seinen Ball in Sicherheit bringen wollte.

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