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Snape erhob sich und streifte sich, von ihr abgewandt, seine Kleidung über. Abwartend betrachtete sie seinen Rücken der von Narben übersäht war. Erst als er fertig angezogen war, hob er ihr Kleid auf, drückte es kurz und reichte es ihr dann.
„Zieh dich an." sagte er und verließ mit schnellen Schritten die Hütte. Draußen atmete er tief die frische Luft ein. Was sollte er ihr sagen? Er starrte auf den Horizont wo die Sonne im Begriff stand unterzugehen um einer sternenklaren Nacht Platz zu machen.
Leise trat sie an ihn heran und schob ihre Hand in die seine. Gemeinsam betrachten sie den Sonnenuntergang. Irgendwie wusste keiner so recht was er sagen sollte.
„Ich mag den Frieden und die Stille hier." sagte Miranda mit leiser Stimme. Severus hob ihre Hand an seine Lippen, hauchte einen Kuss darauf und wartete bis sie ihn ansah.
„Du weißt nicht wer ich bin. Was ich getan habe und was aus mir geworden ist."
„Nein, das weiß ich nicht. Erzähl es mir." bat sie. Fest sah sie ihm in die Augen.
„Zuerst solltest du wissen, wenn ich auch nur geahnt hätte, dass du hier bist, wäre ich nicht hergekommen."
So bitter es für sie auch war, so wusste sie seine Ehrlichkeit zu schätzen.
„Für mich gilt das gleiche. Das hier.." Miranda deutete hinter sich auf das zerwühlte Bett. „..war nicht geplant. Ich wollte einfach eine Weile für mich alleine sein und kam hierher. Ich war einmal sehr glücklich hier." Den letzten Satz sprach sie kaum hörbar leise aus.
Snape spürte den alten Zorn in sich aufsteigen, fest drückte er ihre Hand, so das sie schmerzvoll stöhnte.
„Wenn du so glücklich warst, und ich nehme an du meinst die Zeit die wir hier gemeinsam verbracht haben, warum bist du davon gelaufen? Dieser eine Artikel hat gereicht, dass du alles aufgegeben hast. Dass du mich, obwohl du behauptet hattest, dass du mich liebst, ohne ein Wort verlassen konntest und ich von dir 16 Jahre lang nichts sah und hörte! Verzeih wenn ich das schwer glauben kann!" fuhr er sie an. Er ließ ihre Hand los, trat einen Schritt zur Seite und sah stur geradeaus.
„Ich war ziemlich durcheinander und wusste gar nicht wo ich hin sollte. Zu meinen Eltern konnte und wollte ich nicht. Die lebten in Griechenland und kümmerten sich um die Harpyien. Zuerst bin ich nach London, dort traf ich Remus und der brachte mich zu Lily und James."
Severus Mine verdüsterte sich Wort für Wort von ihr. James hatte einen bitteren Stachel bei ihm hinterlassen.
„James half mir einen Job zu finden. Weit weg von hier. Sie wussten bereits was aus dir geworden war." meinte sie bitter.
„Ich ging nach Afrika und lernte unter der Leitung von Alastoria Grünberg alles über die Sphinx. Ich war glücklich dort." endete Miranda ihre Erzählung.
Lange standen sie schweigend neben einander.
„Ich habe den ganzen Tag und die ganze Nacht gewartet. Auf dich, auf eine Nachricht. Am nächsten Morgen begab ich mich zu Lord Voldemort. Von ihm erfuhr ich, dass du dich in Afrika aufhieltst."
„Warum der dunkle Lord?"
„Er bot mir Möglichkeiten. Lockte mich mit verbotenen Künsten. Seine Magie, die dunkle Seite, faszinierte mich."
„Hast du je geheiratet?" Sie musste all ihren Mut für diesen Satz zusammennehmen, obwohl die Frage, wenn sie an die vergangenen Stunden dachte, etwas spät kam.
„Nein. Und du?"
„Nein. Warum nicht? Ich meine, die ganzen Jahre…."
Severus ahnte was sie wissen wollte.
„Es gab nie eine andere Frau."
Traurig blickte sie ihn an.
„All die Jahre und immer allein."
Severus zuckte gleichmütig mit den Schultern.
„Du fragst mich gar nicht nach anderen Männern?"
„Es geht mich nichts an." winkte er ab, er wollte nichts von ihren Freunden wissen.
Hastig fuhr sie fort. „Es gab auch keinen anderen."
Erstaunt hob er eine Augenbraue, sagte aber nichts dazu.
„Und du bist jetzt Lehrer? Wie kommt das? Zuerst Todesser und dann Lehrer ist nicht gerade der übliche Karriereweg."
„Es hat sich so ergeben." antwortete er ausweichend.
Es hat sich so ergeben? Was heißt das?
„Du bist kein Anhänger Lord Voldemorts mehr, oder?" Miranda schüttelte über sich selbst den Kopf. „ Nein, Blödsinn kannst du gar nicht sein, sonst würde Dumbledore dir nicht Kinder anvertrauen und dich unterrichten lassen."
Severus schwieg dazu.
Verschlossen und undurchschaubar.
„Ich werde ein Bad im Meer nehmen. Bist du, wenn ich zurückkomme, noch hier?" fragte sie vorsichtig. Er nickte zustimmend. Er sah ihr nach wie sie über die Felsen zum Meer hinab kletterte, sich das Kleid abstreifte und ins Meer sprang.
Heftig sog er den Atem ein. Sie war perfekt. Übellaunig und mürrisch wandte er sich ab. Warum hatte er nur zugestimmt hier zu bleiben?
Weil sie alles von dir haben kann, wenn sie dich so ansieht! Und weil du sentimentaler Narr sie immer noch liebst!
Severus lief den schmalen Weg hinter der Hütte hinauf und auf der anderen Seite zum Strand hinunter. Er musste allein sein. Er musste nachdenken. 4 Wochen könnte er hier im Paradies verbringen.
An nichts denken müssen. Keine Sorgen haben. Kein Dumbledore, dem er verpflichtet wäre. Niemand der ihn verächtlich behandelt, im Gegenteil. Er verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf das dunkle Meer hinaus.
Der Wind riss an seinem Haar, hier herrschten immer raue Winde. Er blieb so lange bis ihn die Dunkelheit vollkommen umschloss, erst dann kehrte er zur Hütte zurück.
Er setzte vor die Hütte auf den Boden. Miranda war noch nicht zurückgekommen. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er sich Sorgen machen, aber neben der Luft war auch das Wasser ihr Element.
Unentschlossen saß er da. Er wollte nicht bleiben, warten. Worauf?
Aber ein anderer Teil ihn im wollte hören, was sie zu sagen hatte, wollte sie noch einmal sehen.
Auch ohne aufzusehen wusste er dass sie wieder da war. Miranda sank neben ihm auf den Boden und lehnte ihre Schulter an seine. Wasser tropfte von ihrem Haar auf seinen Arm.
„Erzähl mir mehr von deinem Leben." bat sie. Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und er spürte die Nässe durch seine Kleidung dringen.
„Was willst du wissen?" Unwillkürlich tauchten Bilder, schreckliche Bilder aus seiner Kindheit auf. Dann seine Zeit in der Schule, immer der Außenseiter, von allen gehasst, bis auf Lily und Miranda. Der üble Streich den ihm Sirius gespielt und ihm beinahe das Leben gekostet hätte.
Seine Zeit unter Lord Voldemort, auf die er weiß Gott nicht stolz war und seine Rückkehr nach Hogwarts, als Dumbeldore ihn wieder aufnahm und für ihn einstand. Niemals würde er das vergessen, Dumbledore hatte sich für ihn verbürgt. Er würde ihm immer dir Treue halten.
„Ich war Schüler in Hogwarts, dann ein Anhänger von Voldemort, hab schlimme Dinge getan doch dann erkannte ich meinen Fehler. Dumbledore gab mir eine zweite Chance und so wurde ich Lehrer."
Um Mirandas Mund spielte ein kleines Lächeln, das war wieder so typisch für ihn. Er erzählte sein ganzes Leben in einem einzigen Satz.
„Was ist mit dir und Harry, Lilys Sohn? Du kannst ihn nicht ausstehen! Ist es wegen James?"
Severus seufzte. Früher fragte sie ihn nie soviel, war zufrieden wie die Dinge wahren.
„Er ist wie sein Vater und braucht eine strenge Führung. Gedankenlos wie James bringt er die Menschen die ihm vertrauen in Gefahr."
„Hast du nie Fehler gemacht?" versuchte sie ihn aus der Reserve zu locken.
Severus sprang auf.
Zu viele! Viel zu viele.
Überrascht sah sie zu ihm auf. Blickte auf seinen Rücken.
Ob er mir eine Antwort gibt? Ob ich sie hören will?
„Es gibt zweierlei Fehler. Verzeihliche und unverzeihliche. Ich habe beide begangen." antwortete er bitter.
Hastig erhob sie sich und trat an ihn heran. Legte ihre Arme von hinten um ihn und schmiegte ihr Gesicht an seinen Rücken. Schon fühlte er wie ihr feuchtes Haar auch da sein Hemd durchnässte, das ließ ihn, trotz der schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit, schmunzeln. Sie war so liebevoll, der mitfühlendste Mensch den er kannte.
„Wie kann ich dir nur helfen? Du sprichst nie über dich. Über das was dich bewegt. Was in dir vorgeht."
„Du kannst mir nicht mehr helfen. Es ist zu spät." Er hielt ihre Hände fest in den seinen.
Miranda schloss die Augen.
„Sag das nicht. Du hast dich verändert. Hast ein neues Leben begonnen. Wie kann es da zu spät sein?"
Sie verstand nicht. Wie den auch, Erklärungen waren bisher nie nötig.
„Ich hab versucht Lily zu retten, ich wusste von Voldemorts Plänen. Ich bin zu Dumbledore, hab ihn verraten und flehte um Hilfe, aber es war zu spät. Und ich brachte Voldemort auf ihre Spur." erzählte er tonlos.
„Ich musste Dumbledore versprechen, Harry zu schützen, um jeden Preis, und das tue ich.
Ich habe bereits einmal versagt, das darf mir nicht wieder passieren."
Ihre Hände verkrampften sich. Gleich würde sie ihn loslassen und sich angewidert abwenden. Das war der andere Preis, den er bezahlen musste. Er hatte es nicht besser verdient.
„Du hast was?" er hörte das namenlose Entsetzen in ihrer Stimme. Er hätte ihr erzählen können, dass er nicht gewusst hatte was der dunkel Lord mit den Informationen die er ihm brachte vorhatte und als er es erfuhr war es zu spät gewesen, aber wozu?
„Sag mir, dass es nicht wahr ist! Du bist schuld an Lilys und James Tod?" Sie fühlte wie sich seine Schultern anspannten.
„Das kann ich nicht." erwiderte er leise.
Sie löste sich von ihm und trat zurück.
Er begann zu frieren. Das lag sicher an der durchnässten Kleidung. An nichts anderem.
„Das glaub ich nicht. Du bist kein Mörder! Und Lily? Lily war deine Freundin!" entsetzt klagte sie seinen Rücken an.
Er sollte sich umdrehen, sich ihr stellen, ihr ins Gesicht blicken, aber er konnte es nicht.
„Du irrst dich in mir." Er wollte nicht, dass sie etwas Gutes in ihm sah, da war nichts.
„Nein! Sieh mich an und sag mir das ins Gesicht, dann werde ich dir glauben." verlangte sie.
Verdammt! Jetzt stecke ich in Schwierigkeiten.
Zögerlich drehte er sich um, bemüht sein Gesicht ausdruckslos wirken zu lassen.
Fest sah er sie an. Keine Regung war in seiner Mine zu sehen.
„Ich habe sie verraten und damit getötet." sagte er emotionslos.
Auch sie sah ihn einfach nur an. Er konnte nicht erkennen, was sie dachte.
„Noch mal. Sag es mir noch mal. Bis ich es dir glauben kann."
Miranda war klar, dass er die Wahrheit sagte, aber nicht die ganze Wahrheit. Da war noch mehr.
„Da gibt's nicht mehr. Finde dich damit ab!" sagte er kalt und drehte ihr wieder den Rücken zu.
Ich hätte gehen sollen, sobald ich sie sah.
„Severus Snape du bist ein feiger Lügner!" schrie sie seinen Rücken an, wohl wissend, dass er noch nie feige war.
Zornig schwang er herum und sah sie bedrohlich aus seine schwarzen Augen an.
„Wie hast du mich genannt?"
Dicht trat sie an ihn heran und blickte ihn herausfordernd an.
„Soll ich mich wiederholen?" fragte sie hitzig, doch im selben Moment verpuffte ihre Wut.
Sanft strich sie mit der Hand über sein Gesicht, hielt seinen Blick mit dem ihren fest.
„Ich wusste nicht als er mich um diese Informationen bat was er damit vorhatte und als ich es verstand, war es zu spät." sprudelte es aus ihm heraus, in seinem Gesicht standen seine Qualen.
Miranda schlang die Arme um ihn und drückte ihn an sich. Ohne es verhindern zu können, begann sie leise zu weinen, um Lily, um James, aber vor allem um Severus.
Er spürte an seinem Hals die nassen Tränen.
„Du weinst?" stellte er fest.
„Oh Severus, dass ist alles so traurig. Und außer Dumbledore weiß niemand davon?" Mit tränenfeuchten Augen blickte sie ihn an.
Er schüttelte lediglich verneinend den Kopf. Warum sollte er auch mit jemand anderem darüber reden?
„Weiß überhaupt irgendjemand, außer dir selbst, was in deinem Kopf, in deinem Herzen vorgeht?" fragte sie ihn.
„Ich rede nicht gerne über mich." wich er wieder aus.
„Ich hätte hier sein müssen. Mir hättest du es gesagt, wenn ich damals zugehört hätte, aber ich bin lieber davon gelaufen."
Entsetzt sah er sie an.
„Es ist nicht deine Schuld. Du hattest schon Recht mich zu verlassen, ich hatte dich nicht verdient."
Seine Worte lösten bei ihr eine neue Tränenflut aus. Hilflos zog er sie wieder in seine Arme und strich tröstend über ihren Rücken.
„Schsch, es ist vorbei." versuchte er sie zu trösten.
Ihre Tränen versiegten und sie wischte sich die letzten aus den Augen.
Miranda fasste nach Severus Hand und zog ihn mit sich.
„Genug geredet für heute. Ich bin müde. Lass uns schlafen." Sie traten in die Hütte und mit einem leichten Wink von ihr schloss sich die Tür. Beim Bett angelangt, zog sie ihn sanft mit sich herab. Sie lagen das Gesicht einander zu gewandt da. Zärtlich schmiegte sie sich an ihn.
„Versprich mir auch morgen noch dazu sein." flüsterte sie. Sie hatte solche Angst ihn nochmals zu verlieren.
„Ich verspreche es." erwiderte er leise. Kurz darauf war sie eingeschlafen. Severus glaubte kein Auge zu tun zu können, betrachtete sie wie sie schlief. Zärtlich küsste er ihren Scheitel und schloss die Augen.
Miranda erwachte früh am nächsten Morgen. Severus schlief noch. Sie betrachte ausgiebig sein Gesicht, wie sehr sie ihn noch immer liebte. Auch wenn sie gestern Dinge über ihn erfahren hatte, die sie zutiefst erschüttert hatten. Aber war alles alleine seine Schuld?
Inwieweit trug sie Schuld daran, was aus ihm geworden war? Sie hatte sich nie für sein Leben interessiert, hatte ihn nie nach seiner Vergangenheit gefragt, obwohl sie geahnt hatte, dass seine Kindheit viel war, nur nicht glücklich.
Er war in der Schule ein Streber und ein Außenseiter gewesen. Die meisten, eigentlich alle, hatten ihn gehasst und er rächte sich dafür, in dem er sie verpetzte und sie mit Flüchen belegte.
Noch so eine Sache, er kannte mehr Flüche als er mit der Schule begann, als die meisten älteren Schüler. Warum hatte sie ihn nie gefragt, was ihn bewegte, was ihm wichtig war. Sie war so fasziniert von ihm gewesen, er war so anders.
Auch seine, oder gerade seine dunkle Seite fand sie so anziehend. Doch das Dunklemal schreckte sie auf, machte ihr Angst und sie lief davon.
So als hätte er ihren Blick gespürt schlug auch er die Augen auf.
„Guten Morgen." sagte sie sanft und küsste ihn zart auf den Mund. Von ihren Gedanken ließ sie sich nichts anmerken und verbarg sie so gut sie konnte, denn sie kannte seine Fähigkeiten, er beherrschte Legilimentik, er konnte die Gedanken anderer lesen und gleichzeitig die eigenen verbergen.
Er blinzelte verblüfft.
„Guten Morgen" erwiderte er zögerlich, ganz ergriffen von diesem zärtlichen und viel zu flüchtigen Kuss.
Wohlig rekelte sie sich in den Kissen, so als wäre es das natürlichste der Welt neben ihm zu liegen, dann rollte sie sich über ihn und verließ das Bett.
Severus hatte die ganze Zeit den Atem angehalten und ein anderer Teil von ihm hatte sich eindeutig Hoffnungen gemacht.
Sie lachte über die Schulter zurück. Sie wusste ganz genau was in ihm vorging.
Für sie bin ich ein offenes Buchstellte er fest.
„Ich mache Frühstück." rief sie und zückte ihren Zauberstab.
Er blieb liegen und beobachtete ihr treiben. Sie schien akzeptiert zu haben, was er getan hatte und ging einfach zur Tagesordnung über. Konnte er das auch?
Gab es eine Chance für sie beide?
Sollte er sein Glück nun doch gefunden haben?
Er stützte einen Arm auf und sah ihr zu wie sie in der kleinen Küche umherhuschte, leicht nervös, sich seines Blickes bewusst. Ein leises Lächeln umspielte seine Lippen und er stand auf und ging zu ihr. Umschlang sie mit seinen Armen von hinten, drückte sie an sich und küsste ihren Hals.
„Danke" flüsterte er in ihr Ohr.
