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„Mein Gebieter ich bringe dir wichtige Nachrichten!" rief die in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt, eine Kapuze bedeckte sein Gesicht.
„Du wagst es mich zu stören? Ich habe nicht nach dir gerufen! Was willst du hier?" zischte Voldemort erbost und warf seinem Gegenüber einen vernichtenden Blick zu.
Er konnte es nicht leiden in seinen Gedanken gestört zu werden. Ehe sich der Mann erheben konnte warf in der Crutio Fluch nieder. Schmerzhaft wand er sich am Boden.
„Bitte Gebieter, ich habe wichtige Informationen!", flehte er.
Voldemort senkte den Zauberstab und wartete bis sich der Mann wieder in eine halb sitzende Position gebracht hatte. Schwer atmend versuchte sich dieser zu sammeln, ihm blieb nicht viel Zeit, Voldemorts Geduld war bereits erschöpft.
„In Hogwarts gibt es außer den Schulen noch einen Gast. Seht!" Er hielt Voldemort eine Fotografie unter die Nase. Voldemort grapschte mit seinen Klauenhänden danach und zog das Bild näher zu sich heran.
„Wer ist das?" fragte er. Seine Neugierde war erwacht. Auf dem Bild war eine Frau zu sehen, deren Schönheit ihn an die eines Einhorns erinnerte. Sie schien so rein und gut zu sein, wie die Farbe ihres Haares und des Kleides das sie trug.
„Miranda, Herr!" keuchte der Mann.
„ Ihr Name ist Miranda und Snape kennt sie!", fügte er verschlagen hinzu. Er hasste Snape, diesen großen schwarzen Mann und seine Arroganz. Er hatte sich immer schon für etwas Besseres gehalten und strafte seine Umgebung mit Verachtung.
„Snape kennt sie? Und er hat mir diese Information vorenthalten? Du denkst er tat es mit Absicht?", bohrte Voldemort weiter.
„Ja….also." Der Mann begann zu schwitzen. Er begab sich auf sehr dünnes Eis. Voldemort vertraute Snape und wenn er ihm keinen Glauben schenkte, würde es für ihn sehr schmerzhaft werden.
„Es spricht für sich, dass ihr es von mir erfährt und nicht von ihm!", versuchte er zu trumpfen.
Voldmort schwieg dazu, er schien nachzudenken. In Gedanken versunken betrachtete er erneut die Fotografie. Auf dem Bild schritt die Frau anmutig über eine Wiese und strich sich dabei ihr langes weißes Haar hinters Ohr, sodass er einen besonderen Blick auf ihr Profil werfen konnte.
Sie strahlte eine derartige Anmut und Würde aus, die der einer Königin würdig war. Seine Königin. Solche Gedanken hatte er vorher nie gehegt, ihr Bild regte etwas in ihm, von dem er nicht wusste, dass es existierte. Verlangen nach einer Frau.. Was war sein Reich ohne eine würdige Gefährtin an seiner Seite?
Er richtet seinen Blick wieder auf den Mann, schien zufrieden mit ihm zu sein.
Erleichtert atmete dieser auf.
„Du kannst gehen und ich rate dir gut mich nie wieder unerlaubt zu stören. Nächstes Mal werde ich dich nicht mehr mit soviel Nachsicht behandeln!"
Schwerfällig erhob sich der Mann und ging gebeugt hinkend zum Ausgang.
„Wurmschwanz!" brüllte Voldemort. Seine Augen lagen wieder auf dem Foto. Eine Königin für sein Reich.
Den ganzen Tag hatte er sie noch nicht gesehen. Sie war offensichtlich genauso durcheinander wie er sich fühlte. Auf der Suche nach ihr verließ er das Schloss, er hatte eine Ahnung wo er sie finden würde. Seine Schritte leitenden ihn hinab zum See. Immer wenn sie Ruhe haben wollte, oder über irgendwas nachdachte schlich sie sich unbemerkt von allen hinab zum See.
Sich unbemerkt fortzubewegen war für sie ein leichtes, da sie sehr unter der Verachtung die man ihr zu ihrer Schulzeit entgegenbrachte gelitten hatte, lernte sie so wenig wie möglich aufzufallen. Eine Sache die sie gemeinsam hatten. Auch er wusste wie man sich lautlos und unauffällig bewegte, etwas was ihm bei den Schülern zu Gute kam.
Hatte er doch so manch Missetäter geschnappt, lediglich Harry Potter ging ihm weiterhin erfolgreich durch die Lappen. Ärgerlich presste er die Lippen aufeinander, dann schob er rasch jeden Gedanken an James Potters Sohn beiseite. Das hier war wichtiger. War er es zuerst gewesen, der keine Chance mehr für sie beide sah, so stört es ihn jetzt viel mehr, dass sie aufzugeben schien.
Wie kam sie dazu? Wenn dann hatte nur er das Recht ihre Beziehung, oder mögliche Beziehun,g zu beenden, nicht sie! Das würde er ihr klarmachen. Er kämpfte sich durch einige Büsche und Bäume. Der Platz den er suchte lag leicht versteckt.
Als er schon nahe beim See war, sah er sie. Sie saß mit dem Rücken zu ihm auf einem Stein, blickte in die Ferne. Sie regte sich kein bisschen, man konnte fast meinen eine Meerjungfrau sei gestrandet und an diesem Felsen für alle Ewigkeit erstarrt.
Langsam trat er näher, er wollte sie nicht erschrecken. Dabei nahm er ihren Anblick in sich auf, es war seit langem das erste Mal, dass er sie ansehen konnte ohne dabei seine Gefühle verbergen zu müssen. Denn nur wenn keiner hinsah, oder er alleine war, ließ er es zu, dass sie nach außen drangen.
Ein zufälliger Beobachter hätte in dem Mann, der auf diese Frau zuging, den Snape der in der Schule unterrichtete, nicht wieder erkannt. Seine Züge waren plötzlich weich, die harte Linie um den Mund und die starre Falte auf der Stirn waren verschwunden, er sah um Jahre jünger aus.
In seinen Augen stand ein liebevolles Leuchten, ausgelöst von ihrem Anblick. Tief sog er die Luft durch die Nase ein, was seine Nasenflügel leicht zum beben brachte, doch er war noch zu weit weg um ihren Duft aufnehmen zu können. Kein Parfum der Welt, war so berauschend für ihn wie der ihr eigene Duft.
Severus war nur noch wenige Schritte entfernt. Sich jetzt nicht bemerkbar zu machen, wäre sehr unhöflich gewesen. Eine Sekunde der Ruhe gönnte er sich noch, ehe er sich leise räusperte.
Erschrocken fuhr sie herum und sah ihn mit großen Augen an. Augen in denen soviel Traurigkeit stand, was selbst sein dunkles Herz dazu brachte, sich schmerzhaft zusammen zu ziehen. Wie hatte er die Liebe dieser Frau nur verdient? Er war den Weg hier herab gekommen um sich seinen Gefühlen zu stellen.
Leise stellte er sich an ihre Seite und blickte über das Wasser. Auch sie sah wieder nach vorne. Keiner von ihnen beiden sprach ein Wort. Zusammen genossen sie die Stille um sich.
„Ich bin in den vergangenen Jahren oft hier gewesen." eröffnete er ihr. Mit diesem Geständnis offenbarte er ihr mehr als nur das er sich hier gerne aufhielt.
Dieser Ort war ihr Ort gewesen. Hierher waren sie gekommen um sich zu küssen um zu träumen um einander ungestört nahe zu sein. Nachdenklich sah sie ihn von der Seite an, abwartend, ob er noch mehr sagen würde. Severus setzte sich zu ihr auf den Stein.
Ihre Seiten berührten sich und sie konnte seine Wärme spüren. Sie vermittelte ihr Geborgenheit und Trost.
„Erzähl mir von Afrika.", sagte er überraschend.
Severus war noch nicht weit herum gekommen. Die meiste Zeit verbrachte er in Hogwarts, nur zu Weihnachten besuchte er seine Eltern, aber die lebten immer noch in der Nähe von Harrys Zuhause im Ligusterweg.
Zwar gab ihm der dunkle Lord Aufträge die ihn weiter weg brachten, doch an die wollte er nicht denken, an allen haftete Tod und Verderben. Miranda sah kurz zu ihm hoch, ehe sie den Blick wieder nach vorne richtete.
„In Afrika ist es das ganze Jahr einfach nur schön und besonders in Ägypten, dort in der Nähe von El Charga betreue ich die Sphinx. Es ist an manchen Tagen so heiß, dass die Luft flirrend über der Wüste hängt und so Trugbilder erzeugt, die mich immer noch zum Staunen bringen. Aber tausendmal schöner sind die Nächte dort. Von manchen Muggellagerfeuern erklingen uralte Lieder, die dich zum Träumen bringen und du siehst die Sterne so nahe, als bräuchtest du nur die Hand auszustrecken und einen von ihnen vom Himmel herab pflücken." erzählte sie mit träumerischer und wehmütiger Stimme.
Afrika war zuerst ihr Zufluchtsort gewesen und dann zu ihrer Heimat geworden. Sie liebte die unterschiedlichen Gesichter dieses großartigen Landes. Die Wüste die sich schier unendlich ausdehnte. Die Berge an deren Gipfel das ganze Jahr, trotz der vorherrschenden Hitze, Schnee lag.
Die Küsten an den auf der einen Seite wild der Atlantik und auf der anderen der Pazifik schlug. Oder die verschwenderisch üppige Vegetation am Rande des Nils. Alles besaß Schönheit und einen eigenen Zauber.
Diesmal merkte sie es nicht, dass Severus in ihren Gedanken mitlas und sie um diese Gefühle und Erfahrungen beneidete. Er wünschte er könnte mit ihr dort hin reisen und sich all diese Orte die sie beschrieben und an die sie gedacht hatte mit eigenen Augen ansehen. Eine alte Sehnsucht keimte in ihm auf. Eine Sehnsucht nach einem unbeschwerten Leben, nach Liebe, nach ihr.
Schweigend betrachtete sie sein Gesicht, schien zu überlegen ob sie es wagen konnte?
„Erzähl mir von Vold…, du weißt schon, erzähl mir von ihm…", sagte sie zaghaft.
Sie wollte die friedliche Stimmung zwischen ihnen nicht zerstören, aber auf der anderen Seite brauchte sie alle Informationen die sie kriegen konnte um ihn schützen zu können, wenn es sein musste. Severus wandte ihr sein Gesicht zu. Seine Miene war wie immer unergründlich, nur die steile Falte auf der Stirn kehrte zurück.
Die Last seines Lebens, die er für einen kostbaren Augenblick vergessen hatte, war wieder da. Nach Worten suchend schloss er kurz die Augen. Was sollte er ihr erzählen? Er dachte an die Aufträge, wo unschuldige Magier, deren einziges Verbrechen war sich gegen Voldemort zu stellen, einen grausamen Tod fanden, davon wollte er ihr nichts sagen.
Alles was der dunkle Lord berührte verwelkte und verdarb. Er brachte die Dunkelheit und das Chaos über die Welt.
„Neugierde und Dummheit sind eine schlechte Kombination, wenn dann auch noch Stolz und Überheblichkeit dazukommen, dann hast du einen kompletten Narren vor dir. So war ich, als ich ihn auf der Suche nach mehr traf. Ich war geblendet von seinen schmeichlerischen Worten. Er scharrte zu dieser Zeit willige Magier und Hexen um sich. Er wusste wie und was er sagen musste, seine Worte waren klug gewählt. Es gab viele die von altem Geschlecht und reinblütig sind, die sich nach den alten Werten zurück sehnten, wo es noch keinem Muggelgeborenen gestattet war in Hogwarts oder einer anderen Einrichtung zur Schule zu gehen. Oh ja, er ist sehr klug und gerissen."
Severus Worte waren hart und zynisch.
„Voldemort erkannte wie sehr ich auf der Suche nach einem Platz im Leben war. Wie sehr ich Anerkennung suchte, die mir mein eigener Vater sein Leben lang verwehrt hatte. All das bekam ich von ihm und noch mehr."
Automatisch schob er den Ärmel seiner Robe zurück und entblößte seinen Unterarm.
„Jedem seiner Anhänger brannte er dieses Mal ein. Jeder der dieses Mal trägt gehört für immer zu ihm. Um uns zu rufen, braucht er nur mit dem Zauberstab das Mal von einem seiner Diener berühren und es fängt bei allen zu schmerzen und glühen an, so wie du es bei mir vorletzte Nacht gesehen hast."
Miranda senkte den Kopf, wollte nicht dass er das Mitgefühl in ihren Augen sah. Er war noch viel einsamer gewesen als sie. Ihre Eltern hatten sie nie verstanden, aber geliebt hatten sie sie von ganzem Herzen, und auch später hatte sie in Lily eine wahre Freundin gefunden.
Sie war nie wirklich alleine gewesen, er schon. In ihr brannte die Frage nach seinen Eltern, nach seiner Kindheit, aber sie hatte jetzt noch größere Angst ihn zu fragen. Darüber zu sprechen würde ihm noch schwerer fallen als über den dunklen Lord, das fühlte sie ganz genau. So als hätte er ihre Gedanken gelesen, erzählte er ihr von seiner Kindheit.
„Meine Mutter war eine Hexe, mein Vater ein Muggel. Ich bin ihm äußerlich sehr ähnlich, aber da enden schon unsere Gemeinsamkeiten." Bitter presste er kurz die Lippen aufeinander, ehe er fortfuhr.
„Ich habe meine Mutter nie verstanden, was sie an ihm gefunden hatte. Er war selten liebevoll zu ihr. Die meiste Zeit war er hart und grausam. Er.." Severus versagte die Stimme.
Miranda sah hoch in sein Gesicht. Er schien Meilen weg zu sein. Sein Blick war nach innen gerichtet. Sie hatte mit ihrer Frage, auch wenn sie nicht laut gestellt hatte, Bilder heraufbeschworen, an die er nicht gerne dachte.
Die er zu vergessen versuchte, was ihm aber nicht gelang. In manch düsterer Stunde seines Lebens, gesellten sie sich ungebeten dazu und quälten ihn. Sich innerlich schüttelnd verbannte er sie aus seinem Kopf und richtete seinen Blick wieder nach vorne.
Sanft tastet Miranda nach seiner Hand und hielt sie fest.
„Es tut mir leid. Ich wollte keine schlimmen Erinnerungen wecken." sagte sie leise.
„Würdest du mir einen Gefallen tun?" fragte er so leise, dass sie ihn kaum hörte.
„Jeden!"
„Denk für mich an einen schönen Ort." bat er sie.
Er hatte das früher schon getan und sie hatte ihn oft dafür gescholten. Er las ungefragt ihre Gedanken, drang ohne dass sie es merkte in ihren Kopf ein. Nur heute war sie nicht wütend, nur traurig.
Sie durchforschte ihre Erinnerungen und ließ ihn dran teilhaben. Sie verstärkte ihre Emotionen um ihm das Gefühl zu geben es wären seine und so erlebte er mit ihr eine ungewöhnliche Reise durch die Lüfte auf dem Rücken eines Sphinx.
Sah Flüsse wie dünne Striche unter sich, sah Sanddünen die sich bis zum Horizont erstreckten, konnte den Wind beinahe in den Haaren spüren und die Sonne auf seinem Gesicht. Er hatte sich noch nie in seinem Leben so frei gefühlt.
In der Ferne beobachtete sie ein Mann schon eine Weile. Starr stand er da, wagte kaum zu blinzeln, nichts sollte seinen Augen entgehen. Wie würde sein Meister auf diese Neuigkeit reagieren.
Seine Königin war ihm untreu und noch dazu mit so einem Unwürdigen. Er würde diesen Verräter zur Strecke bringen und dann seinen Platz an der Seite seines Herrn einnehmen. Er mochte den dunklen Lord täuschen, was einem Wunder gleichkam, aber ihn konnte er nicht täuschen. Ihm war klar auf welcher Seite Snape stand und das war nicht die des dunklen Lords.
„Ich werde dich kriegen und zur Strecke bringen, du Bastard!" flüsterte er durch zusammengebissene Zähne.
Als sich die beiden anschickten den Platz zu verlassen, zog er sich hastig zurück. Es wäre nicht klug von Severus hier gesehen zu werden. Dieser war ein gerissener Teufel und wenn er nur den Hauch eines Verdachtes in ihm weckte, wäre sein schöner Plan ihn zu vernichten undurchführbar.
Gemächlich schlenderte Miranda an Severus Seite zurück zum Schloss, als ihnen Harry und seine Freunde über den Weg liefen.
„Mr. Potter was treiben sie noch hier draußen? Und natürlich sind ihre Freunde Miss Granger und Mr. Weasley auch wieder dabei. 50 Punkte Abzug für Gryffindor. Ich würde ihnen raten sich schleunigst nach drinnen zu begeben!" bellte er die drei Kinder an. Erschrocken zuckten sie zusammen. Halbherzig versuchte Harry sich zu verteidigen.
„Sir, Professor Snape…. ich, wir…" Doch Snape schnitt ihm das Wort ab, ehe er den Satz beenden konnte.
„Mr. Potter ich bin nicht an irgendwelchen Erklärungen welcher Art auch immer interessiert und ich rate ihnen gut, meine Geduld nicht über Gebühr zu strapazieren. Verschwindet!" knurrte Snape ihn und die anderen an.
Die Kinder flohen zurück ins Schloss. Befriedigt über seine Tat schritt er erhobenen Hauptes weiter. Nachdenklich geworden ging Miranda einen Schritt hinter ihm. Er merkte ihr zögern und drehte sich zu ihr um.
„Was hast du?" fragte er.
„War das notwendig?" entfuhr es ihr. Severus Mine wurde hart. Sie kritisierte seine Erziehungsmethoden? Wer war sie schon? Sie verstand gar nichts.
„Ich denke nicht, dass ich mich vor dir rechfertigen müsste!" antwortete er kühl und wandte sich ab. Mit rauschendem Umhang schritt er rasch voran. Seufzend lief sie ihm nach.
„Was ist zwischen dir und Lillys Sohn?" fragte sie weiter.
„Nichts!" erwiderte er barsch.
„Kennt er die Wahrheit?" ihre Stimme hallte klar und fest durch die Abendluft, drang zu ihm durch und erschütterte ihn tief bis in seine Knochen.
Severus erbleichte. Kannte er die Wahrheit?
Dumbledore und er hatten sich darauf geeinigt ihm noch nicht seine Rolle in der Tragödie um seine Familie zu erzählen. Noch war er nicht alt genug um damit fertig zu werden. Nach all diesen Jahren hegte er immer noch diesen brennenden Wunsch in sich, alles ungeschehen zu machen.
Stumm schüttelte er nur den Kopf, wandte sich ab und verschwant ins innere des Schlosses, ließ sie stehen. Er konnte ihre Nähe nicht mehr ertragen. Sie hatte ihn mit Fragen gequält, ihn mit seinen Dämonen konfrontiert und nun fühlte er sich schwach wie ein Kind.
Hastig rannte er hinab in seinen Kerker, hinab in sein Reich, wohin ihm niemand folgen konnte, ohne das er es ihm nicht erlaubte. Automatisch griff er nach dem Whiskey goss sich ein Glas bis zum Rand voll und stürzte es in einem Zug in seine Kehle.
Erst dann gelang es ihm sich so weit zu beruhigen, dass er wieder normal atmen konnte. Sie alleine schaffte es Fragen zu stellen, die harmlos waren, aber durch sie ein Gewicht bekamen, wo seine Schuld und sein Gewissen mit einander rangen.
Vor ihr fühlte er sich entblößt, bar jedes Schutzes, auch wenn er seine Mauer um sich errichtet hatte, reichte ein sanftes Wort aus ihrem Munde um sie mühelos nieder zu reißen. Schwer stützte er sich auf seinen Schreibtisch. So wie die Liebe zu ihr ihn in die höchsten Sphären erhob, so stürzte sie ihn auch in den tiefsten Abgrund.
Miranda stand noch eine Weile mit offenem Mund da und starrte auf die Stelle wo er nur einen Augenblick zuvor gestanden hatte. Was hatte sie getan? Warum konnte sie nicht ihren Mund halten? Seit wann stellte sie so viele Fragen?
Warum machte sie alles falsch? Der schöne Nachmittag war unwiederbringlich zerstört. Vor lauter Trauer gebückt kehrte sie langsam ins Schloss zurück, vorher noch einen kurzen Blick auf den Himmel werfend. Sie hätte in Afrika bleiben sollen.
Beim Abendessen glänzte Severus durch Abwesenheit. Sorgenvoll blickte Dumbledore auf seinen leeren Platz und sah dann scharf Miranda an. Augenblicklich fühlte sie sich schuldig und ertappt. Dann glätteten sich seine Züge wieder und sanft sah er auf sie herab.
„Wie war dein Tag heute?" fragte er freundlich wie immer, so dass sie sich schon zu fragen begann, ob sie sich seinen strengen Blick nur eingebildet hatte.
„Sehr schön, danke. Ich habe die Umgebung Hogwarts erkundet, war lange am See unten." Bei dem Wort See stockte ganz kurz ihre Stimme und einem weniger geschärften Zuhörer wäre es entgangen, aber Dumbledore besaß dafür ein feines Gehör.
„Du hattest doch auch schon während deiner Schulzeit hier eine vorliebe für den See, soweit ich mich erinnern kann?" fragte er unschuldig nach.
Ihm lag das Wohl seines Zaubertrankmeisters sehr am Herzen und nur zu gerne hätte er erfahren, was der Grund für sein Nichterscheinen hier war. Das es mit Miranda zusammenhing stand für ihn außer Frage.
„Ja, ich habe dort sehr viele schöne Stunden verbracht." antwortete sie leise. Viele schöne Stunden mit Severus, dachte ihr Herz.
Müde und glücklich schlenderte sie hinab zum See. Es war ein besonders schöner warmer Sommertag. Die Sonne stand hoch am Himmel und rund um sie summten die Insekten und über ihr zwitscherten die Vögel. Heute war ihre extra Flugstunde bei Madam Hooch besonders hart gewesen.
Sie forderte von ihr mehr als von den anderen, aber das wollte Miranda auch nicht anders haben. Als sie schon fast ihren persönlichen Platz erreicht hatte, sah sie ihn. Er lag da und starrte verträumt in den Himmel, die Arme hinter den Kopf verschränkt.
Unwillkürlich begann ihr Herz schneller zu klopfen. Severus war hier. Ob er auf sie wartete. Sie hoffte es. Nervös kam sie näher und setzte sich neben ihn.
„Hi!" sagte sie zittrig.
Severus fuhr überrascht in die Höhe. Wie hatte es die kleine Hexe nur geschafft sich so an ihn heranzuschleichen? Er hatte sie, obwohl er auf sie gewartet hatte, nicht kommen gehört.
Nervös nestelte er an seinem Umhang.
„Wie war dein Training?" fragte er ohne sie dabei anzusehen. Wenn er das getan hätte, so hätte er vermutlich kein Wort mehr heraus gebracht.
„Toll!" sagte sie einsilbig.
Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich wortgewandter zu sein. Ihn mit einem richtig coolen Spruch zu beeindrucken, aber meistens fühlte sie sich durch seine dominante Erscheinung eingeschüchtert.
Zaghaft griff er nach ihrer Hand und begann mit ihren Fingern zu spielen. Ihn faszinierte immer wieder aufs Neue wie zart und feingliedrig sie war. Im Vergleich dazu wirkten seine langen, schlanken Hände grob und groß.
Das letzte Mal als sie sich nahe gewesen waren, war auf der Wiese gewesen wo er sie zum ersten Mal geküsst hatte. Seit dem dachte er ständig daran. Ihre Lippen waren so weich unter seinen gewesen und schienen wie geschaffen dafür, geküsst zu werden.
Jedes Mal seit er sie danach gesehen hatte, ertappte er sich dabei, wie sein Blick automatisch auf ihren Mund fiel und er sich danach sehnte seine Lippen erneut auf ihre zu pressen.
„Miranda, darf ich dich wieder küssen?", fragte er schüchtern.
Erschrocken zuckte sie zusammen und erbleichte, um dann knallrot anzulaufen. Es gab nichts was sie sich mehr wünschte. Sie konnte bloß zustimmend mit dem Kopf nicken. Langsam beugte er sich zu ihr herüber.
Miranda hob leicht ihren Kopf und bot ihm so ihre Lippen dar. Nervös strich er sich mit der Zungenspitze über seine Lippen und sah sie an. Sie hatte ihre Augen geschlossen und wartete darauf von ihm geküsst zu werden.
Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Stolz. Sie wollte von ihm, Severus Snape, geküsst werden. Entschlossen senkte er seinen Mund auf den ihren. Zuerst saßen sie beide regungslos da, nur die Lippen aufeinander gepresst.
Dann begann er sanft mit seinem Mund den ihren zu streicheln, fuhr sachte darüber, forderte zart Einlass. Seufzend öffnete sie ihre Lippen und gewährten ihm Zugang, erlaubte ihm das Innere ihres Mundes zu erforschen. Kühn geworden drang seine Zunge vor, erkundeten jeden Winkel ihres Mundes und forderte sie gleichzeitig auf bei ihm dasselbe zu tun.
Miranda schlang ihre dünnen Arme um ihn und zog in so näher an sich heran. Wie sehr sie seinen Duft liebte. Sanft ließ sie ihre Hände durch sein Haar gleiten und spielte damit. Sie wünschte dieser Moment würde ewig andauern.
Aber das tat er nicht!
Leise seufzend kehrte sie in die Gegenwart zurück und sah in das fragende Gesicht des Schulleiters. Offensichtlich hatte er etwas gesagt und forderte von ihr eine Antwort.
„Verzeihung ich war mit meinen Gedanken ganz woanders." , murmelte sie, verlegen errötend.
„Ich habe nur gefragt ob du vielleicht nach dem Essen bei Severus vorbeischauen könntest um nachzusehen ob es ihm gut geht?" Betroffen schaute Miranda auf ihren Teller.
Sie konnte die Bitte Dumbledors nicht verweigern, aber so wie sie heute auseinander gegangen waren, verspürte Severus sicher keine Lust, sie heute noch einmal zu sehen.
Ein „Natürlich gerne!" rang sie sich ab. Selbst für einen Unbeteiligen wäre es klar gewesen, dass sie sich nicht wohl fühlte bei dem Gedanken ihm noch einmal gegenüber zu treten. Ihr entging so völlig das verschlagene Glitzern in Dumbledores Augen.
Er würde den beiden schon helfen, ob sie's wollten oder nicht!
