13

Girisha stieg die Stufen zu ihrem Reich hoch. Wer hätte vor so vielen Jahren als sie in Indien als viertes Kind einer armen Bauernfamilie das Licht der Welt erblickte gedacht, dass sie es einmal soweit bringen würde?

Ihre Muggelfamilie war nicht gerade glücklich über den Umstand, dass sie magisch war, ließen sie aber wider erwarten die Magierschule "Der Tempel der Göttin Kali" besuchen. Als sie ihr 15 Lebensjahr erreichte hatte, wurde sie ihrer Familie zu unheimlich und so beschloss ihr Vater sie mit einem benachbarten Bauern zu verheiraten.

Magie war ihrer Familie fremd und sie verbanden damit etwas Böses. Doch Girisha lachte die kümmerlichen Versuche ihres Vaters ihre Magie zu unterbieten nur aus und lief davon. Sie, eine mächtige Hexe, würde doch keinen einfachen Bauern heiraten.

Sie durchreiste die Welt, entdeckte viele exotische Orte. In Frankreiche verliebte sie sich in den Zauberer Toulouse und heiratete ihn. Toulouse war reich und brachte ihr viel bei. Doch schon bald war sie auch ihm überlegen.

Sie begann sich für die die dunklen Künste und die verbotene Magie zu interessieren. Toulouse wollte das verhindern und sie auf den rechten Pfad der Magie zurückführen, doch dafür war es bereits zu spät. Girisha tötete Toulouse und erbte sein Vermögen.

Von nun an war sie wirklich frei zu tun wonach ihr der Sinn stand. Als armes Mädchen war sie nach Frankreich gekommen und als reiches verließ sie es. Ihre weiteren Reisen führten sie nach Moldawien, wo sie diesen Turm entdeckte und ihn zu ihrem neuen Zuhause erkor.

Damals war er nicht mehr als ein heruntergekommener Steinhaufen, erbaut aus geschliffenen Granitblöcken. Doch sie errichtete ihn mit Magie neu. Aus Grau wurde Schwarz, gleich ihren dunklen Augen und doch für den Rest der Welt unsichtbar.

Dominiert wurde der Turm von einer mächtigen steinernen Wendeltreppe, die sich einer Schlange gleich nach oben wand. Von jeder Windung zweigte ein Gang ab. Der erste führte in die Küche, der nächste in ihre Bibliothek, dann kam das Labor, wo sie sich ausgiebig mit diversen Tränken beschäftigte.

Weiter oben gab es noch ihre Schatzkammer, dort hatten sich mit den Jahren magische Gegenstände angehäuft, über deren Verwendung sie nur wenig bis gar nichts wusste, die sie aber trotzdem oder gerade deswegen haben musste.

An der Spitze des Turmes war ihre Schlafkammer. Sie bildete den Abschluss und besaß in jede Windrichtung ein Fenster. So konnte sie von allen Seiten über die Welt zu ihren Füßen blicken. Sie fühlte sich gern über den Dingen erhaben.

Sie lebte viele Jahre glücklich hier und hielt sich schon beinahe für das mächtigste magische Wesen das es gab. Bis Voldemort in ihr Leben trat.

Er kannte ihre Sammlerleidenschaft und auch er war auf der Suche. Nur anders als sie. Sie strebte nicht nach der absoluten Macht wie er. Ihr Ziel war der höchste Grad an erreichbarer Magie. Voldemort war so alt wie sie und vom ersten Moment an fand sie ihn schön und anziehend.

Er war charmant und wusste mit Worten gut umzugehen, außerdem besaß er eine Gerissenheit, die sie damals unterschätzt hatte. Wie ein Kind teilte sie mit ihm ihr Wissen, ihre Schätze, und begann ihn zu lieben. Mit jedem Tag ein Stückchen mehr, bis sie ihm rettungslos verfallen war.

Von ihm bekam sie kaum einen Gunstbeweis, nur gerade soviel das er ihre Gefühle am kochen hielt. Ein tiefer Blick in ihre Augen, ein gelegentlich kurzes Halten ihrer Hand, war alles was sie jemals von ihm erhielt und doch dürstete sie nach mehr, hungerte sie nach ihm, verzehrte sie sich danach sein zu sein.

Wie sie später von ihm persönlich erfahren durfte, als sie schon am Boden lag, war ihm längerer Körperkontakt zuwider. Wie muss er innerlich über sie gelacht haben. Sich ihrer Gefühle sicher war sie eine leichte Beute für ihn, konnte er doch machen was er wollte mit ihr. Er hatte gefunden wonach er gesucht hatte und im Gegensatz zu ihr wusste er auch damit umzugehen. Sie besaß, ohne es zu wissen, den Stab von Gablon – einen Magiesammler.

Damit war es ihm möglich die Magie von anderen abzusaugen und auf sich zu übertragen. Sein einziges Ziel war Macht und Stärke. Ohne mit der Wimper zu zucken richtete er ihn auf sie und entzog ihr alle Magie. Wie lachte er über ihr kindliches Erstaunen.

Sie hatte ihn bis zu diesem Zeitpunk aufrichtig geliebt, doch er empfand nichts für sie außer das sie seinen Zwecken, gleich einem Gegenstand dienlich war. Ihre Liebe strafte er mit Verachtung. Liebe war für ihn etwas für Schwächlinge, die Starken gaben sich damit nicht ab. All ihrer Magie beraubt fiel sie in ein dunkles Loch, sie fühlte dass sie starb.

„Siehst du Girisha, dass ist es was ich an dir begehre. Nicht dein dummes Herz, nicht deinen schwachen Körper. Wie du mich immer anfasst, war mir, das sei dir in deiner Stunde des Todes gesagt, aufrichtig zuwider!" spuckte er ihr verächtlich vor die Füße.

Mühsam richtete sie einen letzten Blick auf ihren Peiniger, dieser Blick gab ihr die Kraft sich zu schwören am Leben zu bleiben und ihn dafür büssen zu lassen. Aus ihren Augen sprach Hass, bevor sie sie schloss und hinab in die Dunkelheit taumelte.

Sie wusste nicht wie viel Zeit vergangen war, als sie das erste Mal wieder erwachte. Ihre Kehle war ausgedörrt und sie war so schwach wie ein neugeborenes Kind. Langsam kroch sie auf dem Bauch zu ihrem Zauberstab, der achtlos verstreut am Boden lag.

Endlich hielt sie ihn in ihren tauben Fingern, aber jeden Spruch den sie anwandte verlief ins Nichts, erst da wurde ihr das volle Ausmaß dessen was er ihr angetan hatte bewusst, sie besaß keinen Funken Magie mehr im Leibe.

Bittere Tränen liefen ihr über das Gesicht und Hoffnungslosigkeit erfüllte sie. Wie sollte sie ohne Magie leben? Bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte, versank ihre Welt erneut in Dunkelheit.

Als sie das nächste Mal das Bewusstsein zurück erlangte fühlte sie sich nicht besser, nur wusste sie sogleich, was mit ihr geschehen war und das ließ in ihr die Wut hochkochen. Energisch stemmte sie sich auf die Ellenbogen, den nun für sie nutzlos gewordenen Zauberstab ließ sie achtlos fallen.

Sie schaffte es nach mehreren Versuchen sich auf die Beine zu ziehen, aber nur mit sehr viel Mühe gelang es ihr, sich auf ihnen zu halten. Ein zufälliger Blick in den Spiegel ihr gegenüber, ließ sie entsetzt aufkeuchen und beinahe erneut das Bewusstsein verlieren, erst jetzt wurde ihr das ganze Ausmaß dessen, was er ihr angetan hatte wirklich bewusst.

Nicht nur das er ihr die gesamte Magie gestohlen hatte, hatte er auch ihr Gesicht zerstört. Scheinbar ein stümperhafter Versuch sie zu töten, zu hastig ausgeführt um ihr tatsächlich das Leben zu rauben, aber stark genug dass es ihr Aussehen entstellte.

Tiefe Wunden liefen über ihr einst mal schönes Gesicht, tief genug das selbst ein Zauber sie kaum heilen konnte. Bittere Tränen liefen ihr erneut über die Wangen und zeichneten eine brennende Spur. Das ließ sie genug Wut fühlen um sich gerade aufzurichten.

„Ich finde dich, Voldemort! Ich werde dich vernichten!" flüsterte sie kalt in die Leere des Raumes. Ihr Herz war an diesem Tag gestorben.

„Severus! Das glaube ich nicht! Sie hat dich nicht verlassen! Las uns keine voreiligen Schlüsse ziehen. Ich werde alles noch einmal überprüfen. Vielleicht hat sie ein dringender Fall nach Afrika gerufen? Lass mich nur jede denkbare Möglichkeit ausschöpfen, bevor du das Schlimmste annimmst." bat Dumbledore ihn.

Severus nickte einfach, glaubte ihm aber nicht und Dumbledore musste ihm zugestehen, dass sich seine Beschwichtigungsversuche selbst in seinen Ohren sehr dürftig anhörten.

„Severus ich möchte das du etwas für mich tust.", setzte Dumbledore an, er musste ihn irgendwie beschäftigen, sonst brach er ihm noch komplett zusammen. „Ich habe da von einem sehr seltenen, aber höchst heilsamen Trank gelesen. Ich möchte, dass du ihn für mich herstellst."

Das war es was dieser brauchte eine Herausforderung, eine Beschäftigung um sich abzulenken und er, Dumbledore, hätte so in Ruhe Zeit nach Miranda zu suchen. Severus erhob sich schwerfällig, nahm die Anleitung für den Trank an sich und taumelte zur Tür.

Als er sie aufriss, stand dahinter Harry und wollte seinerseits gerade an die Tür pochen. Das Gesicht des Zaubertränkemeisters ließ ihn unwillkürlich einen Schritt zurück machen. Doch dieser beachtete ihn kaum und rannte an ihm vorbei.

Einen Augenblick sah Harry ihm verblüfft nach, normalerweise hätte sich dieser solch eine Gelegenheit für eine bissige Bemerkung nicht entgehen lassen. Harry trat in Dumbledores Büro ein und schloss die Tür.

Ihm brannte es förmlich auf der Zunge, den Direktor danach zu fragen, was mit Snape geschehen war, aber er wagte es nicht, stattdessen brachte er den eigentlichen Grund hervor, weswegen er gekommen war.

„Sir kann ich sie etwas fragen?" setzte er an. Dumbledore der in Gedanken noch bei Severus war, nickte abwesend.

„Sir wegen Voldemort, ist es sicher das er tot ist?" fragte Harry weiter. Erst da schenkte Dumbledore ihm seine vollste Aufmerksamkeit.

„Ich nehme es an Harry. Bis jetzt hab ich noch nichts gegenteiliges erfahren können." antwortete ihm dieser.

Scharf richtete Dumbledore seine Augen auf Harry. Ihm war schon des öfteren zu Ohren gekommen, dass sich dieser zu allen möglichen Tages- und Nachtstunden im Schloss herumtrieb. Vielleicht war auch gestern so ein Tag gewesen, vielleicht hatte der Junge etwas gesehen.

„Harry ich möchte dich etwas fragen und du musst mir ehrlich antworten, versprich mir das." fing Dumbledore an.

„Ich weiß, dass du die Angewohnheit hast dich nachts im Schloss herumzutreiben. Warst du auch gestern unterwegs und hast du etwas ungewöhnliches gesehen?" fragte er ihn.

Harry senkte die Augen. Fieberhaft überlegte er was er sagen sollte und entschloss sich Professor Dumbledore zum Teil die Wahrheit zu erzählen.

„Ja Sir, ich war gestern Nacht unterwegs und ich habe tatsächlich etwas ungewöhnliches gesehen."

Severus fühlte sich immer noch wie betäubt und so dauerte es mehrere Minuten bis er realisierte, dass ein besonderer Trank in seinem Schrank fehlte. Auf der Suche nach den Zutaten besah er auch den Schrank in seinem Zimmer.

Mehr aus Routine als tatsächlicher Notwendigkeit, kontrollierte er dabei seine Tränke und Vorräte, so wie er es auch einmal in der Woche zu tun pflegte. In den letzten Wochen war er seiner Angewohnheit nicht nachgekommen, zu beschäftigt war er mit Miranda gewesen.

Nur der kurze Gedanke an sie jagte ihm einen glühendheißen Schmerz durch die Eingeweide. Entschlossen schüttelte er diesen ab und befahl ihm sich in den hintersten Winkel seines Denkens zu verziehen.

Hier gab es wichtigeres, als eine entflohen Braut die offensichtlich nicht geheiratete werden wollte. Er besah sich jede Flasche genau. Enthielt der Schrank nicht nur einfach Schlaf- und Heiltränke, auch einige Hochgiftige und wenige Todbringende waren darunter. Severus zählte durch, besah sich seine Liste und dann lief es ihm eiskalt den Rücken hinab.

Er wusste welcher Trank fehlte. Midnight-Poison! Ein hochwirksames Nervengift! Im ersten Stadium wirkte es lähmend, dann setzte die Atmung aus, was schlussendlich zum Tode führte. Egal wer ihn genommen hatte, er führte nichts Gutes im Schilde. Wütend schlug Severus mit der flachen Hand auf den Tisch.

Warum hatte er seine Vorräte nicht wie immer kontrolliert? War er wirklich so ein liebeskranker Trottel, der bei der erst besten schönen Frau seine Pflichten vernachlässigte? Scheinbar ja!

Tief atmete er durch. Er würde den Schulleiter informieren müssen. Das war kein Spaß, kein Spiel, sondern tödlicher Ernst.

„Erzähl mir was du gesehen hast, Harry! Es ist enorm wichtig!" drang Dumbledore in ihn.

„Ich ging den Flur im ersten Stock entlang, ich wollte zur Bibliothek, da sah ich eine ungewöhnliche Frau aus einem Raum kommen. Sie war nicht von hier." erzählte Harry.

„Begleitet wurde sie von einer Elster, diese schickte sie voraus." fügte er noch hinzu.

„Wie sah sie aus? Kannst du sie mir beschreiben?" fragte Dumbledore weiter.

„Dunkel lange Haare, nur vorne links und rechts je eine weiße Strähne. Sie war nicht sehr groß und schlich den Zauberstab erhoben, leise die Wand entlang."

Dumbledore beschlich eine unangenehme Vorahnung. „Sag mir Harry, ist das der Abstellraum, dritte Tür auf der rechten Seite, aus dem die Frau kam?"

Verblüfft nickte Harry. Dem Schulleiter entging fast nichts, er war schlau wie ein Fuchs.

„Verdammt!" entfuhr es Dumbledore. „Ich habe einen großen Fehler gemacht!" klagte er sich selber an. Dumbledore erhob sich aus seinem Stuhl und kam um den Schreibtisch.

„Harry zeig mir diesen Raum. Bring mich sofort dort hin."

Severus verließ seine Räume und machte sich auf den Weg zurück zu Dumbledore. Doch dieser war nicht in seinem Büro. Fluchend lief Severus wieder hinab in seinen Kerker. Das dieser auch nie in seinem Büro anzutreffen war.

Unterwegs stieß er mit Mad-Eye-Moody zusammen.

„He, nicht so hastig, alte Fledermaus!" zog dieser in spöttisch auf.

Snapes Augen zogen sich drohend zusammen.

„Wie bitte?" fragte er spitz nach.

„Ach nichts, alter Freund! Wo läufst du schon wieder so eilig hin? Hast du heute schon Miranda gesehen? Ich hätte sie gerne etwas besonderes wichtiges gefragt." fragte in Mad-Eye und sah in lauernd an.

Severus Miene versteinerte sich, und verächtlich blickte er sein Gegenüber an.

„Ich wüsste nicht, warum ich dir sagen sollte wohin ich gehe. Sollt ich dir in irgendeiner Form Rechenschaft schulden, so ist mir das zu meinem Glück völlig entgangen. Was deine andere Frage betrifft, ich bin nicht dein Laufbursche. Wenn du mit irgendjemanden im Schloss sprechen willst, musst du ihn dir schon selber suchen." erwiderte er feindselig und ließ ihn stehen.

Mad-Eye blickte ihm noch eine Weile hinterher. Was war hier los? Scheinbar hatten sich die Turteltäubchen gestritten, wie sonst sollte es sein, dass die beiden die so gut wie unzertrennlich waren, plötzlich getrennt waren. Zumindest auf Snape traf das zu. Miranda hatte er den ganzen Tag noch nicht gesehen.

Wohin war das kleine Vögelchen entflohen? Mad-Eye sammelte diese Information begierig in sich auf. Außerdem war Snape über irgendwas sehr verärgert und aufgewühlt. Nun er würde der Sache auf den Grund gehen. Sein Meister würde zufrieden mit ihm sein. Es schien heute ein richtig guter Tag zu werden.

Wenn Snape litt und das tat er, dann war das sogar ein sehr guter Tag. Vergnügt vor sich hinsummend ging er seines Weges.

Harry stieß die Tür zur Abstellkammer auf und traf auf einen Widerstand. Komisch, denn gestern hatte sie sich einfach öffnen lassen. Irritiert sah er Dumbledore an, doch der schob ihn einfach zur Seite und murmelte einen Zauberspruch.

Die Tür sprang auf. Beide traten ein. Es war wie gestern, außer dem Bild befand sich nichts darin. Dumbledore sah sich gründlich um, doch es hatte sich nichts verändert, alles war genauso wie zu dem Zeitpunkt, als er den Raum verlassen hatte.

„Diese Frau kam aus diesem Zimmer? Und du bist dir da ganz sicher?" fragend blickte er auf Harry.

„Ja Sir!"

Stumm wies Harry auf das Bild. Kaum merklich lag ein kleines Stück weißer Stoff davor. Dumbledore bückte sich und hob ihn auf. Er besah in sich genau und seine Ahnung wurde zur Gewissheit. Miranda war nicht verschwunden, sie hatte Severus nicht verlassen. Aus einem ihm unerklärlichen Grund wurde war sie entführt worden.

„Harry lauf los und hol mir Professor Snape und Professor McGonagall her!" sagte er ernst zu Harry. „Und Harry – beeil dich!" fügte er noch hinzu.

Harry lief den Gang hinab und hetzte die Stufen hinunter. So ernst hatte er den Schulleiter bisher selten erlebt. Er rannte in die große Halle, dort stand Professor McGonagall gerade im Begriff die Halle zu verlassen.

„Professor McGonagall!" rief er. Sie hielt ihn und sah ihn erwartungsvoll an.

„Was ist los Mr. Potter? Warum rennen sie als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her?" fragte Minerva irritiert.

„Professor McGonagall sie sollen sofort in den ersten Stock zum Abstellraum auf der rechten Seite kommen! Professor Dumbledore erwartet sie dort!" rief er ihr zu.

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, eilte diese auch schon los. Sie hatte an Potters Gesicht erkennen können, dass es sich um etwas sehr ernstes handelte. Harry eilte in die entgegengesetzte Richtung davon.

Er musste noch Snape verständigen. Als er am Tisch der Gryffindors entlang lief, hielt Ron ihn auf.

„Harry was ist los?" fragte er ihn. Harry blieb kurz stehen.

„Ich glaube, Miranda wurde entführt!" erzählte ihm dieser und versuchte so noch nebenbei zu Atem zu kommen.

Erschrocken sahen sich Ron und Hermine an. Wer sollte Miranda entführen wollen? Miranda die immer nur nett und freundlich war. Unglaube machte sich auf ihren Gesichtern breit, doch das sah Harry nicht mehr, er eilte bereits hinab in den Kerker.

Vor Professor Snapes Bürotür blieb er kurz stehen, atmete ein paar Mal tief durch und pochte kräftig an die Tür. Energisch wurde diese aufgerissen.

„Was gibt's, Potter!" knurrte Snape ihn an. Severus hatte keine Lust sich mit dem Potterbalg auseinander zu setzten.

„Professor Dumbledore schickt mich! Sie sollen dringend in den ersten Stock zur Abstellkammer auf der rechten Seite kommen!" rief Harry aus.

Auch hier hatte er kaum seinen Satz beendet, als auch schon Snape seine Bürotür zu schlug und den Gang entlang hinauf eilte.

Miranda ließ die Flasche achtlos zu Boden gleiten. Sie spürte bereits wie die Wirkung einsetzte. Ihr fiel das Atmen schwer und die Sicht begann sich zu trüben. Nicht mehr lange und sie würde dieser Welt entfliehen.

Miranda schloss die Augen und dachte an Severus. Das letzte woran sie denken wollte war sein geliebtes Gesicht. Miranda gaben die Beine nach, sie ging in die Knie, das Gift wirkte schnell.

Ihr wurde schwindelig und sie fasste sich an die Stirn. Das Atmen wurde immer schwerer. Keuchend sog sie die Luft ein. Sie hatte sich entschieden zu sterben, doch ihr Körper wollte leben und wehrte sich gegen den Tod.

Sie kippte vorne über, lag da und dachte an Severus. Schon bald würden sie wieder vereint sein. Sie dachte an sein geliebtes Gesicht. Sah die steile Falte auf seiner Stirn die sich immer bildete, wenn er sich mit unangenehmen Dingen auseinander setzten musste.

Oder wie er eine Augenbraue hochzog um sein Gegenüber einzuschüchtern. Widerwillig stahl sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen. Vor ein paar Wochen hatte diese Geste dieselbe Wirkung auf sie gehabt, doch jetzt liebte sie sie. Und sein Lächeln.

Das war etwas Unbezahlbares. Ihr wurden immer die Knie weich, wenn er ihr ein seltenes, und dafür umso kostbareres Lächeln schenkte.

Immer flacher wurde ihre Atmung. Ihre Sinne begannen sich aufzulösen. Sie schwebte. Sie schwebte fort in eine andere Welt. Einer Welt wo sie und Severus für immer vereint sein würden. Mirandas Lider flatterte ein letztes Mal und sie versank in Dunkelheit, auf den Lippen ein Lächeln.

Severus stürmte in den Raum und sah auf Dumbledore. Dieser hielt ihm stumm das Stückchen Stoff hin. Severus nahm es an sich und erkannte es sofort. Das stammte von Mirandas Kleid, aber warum war es hier und was hatte Dumbledore damit zu tun?

Fragend blickte er den Schulleiter an. Genauso fragend wie McGonagall.

„Gestern Nacht hat Harry eine ungewöhnliche Beobachtung gemacht." begann Albus zu erzählen, weiter kam er auch nicht. Severus drehte sich um und packte Harry vorne bei der Brust.

„Was ist mit Miranda?" knurrte er ihn an.

„Severus! Las auf der Stelle Harry los!" fuhr in Dumbledore an. Augenblicklich ließ er ihn fallen, blickte ihn aber weiterhin finster an.

„Severus, eine fremde Frau war hier im Schloss und sie kam aus diesem Raum. Ich sollte noch etwas weiter ausholen. Dieses Bild, das hier steht wurde mir von jemand unbekannten gestern Abend geschickt. Ich habe es hierher gestellt und den Raum magisch versiegelt, in der Meinung dass das reichen würde, aber ich habe mich geirrt. Bei der Frau handelte sich um eine Hexe, eine sehr mächtige Hexe, wie es aussieht. Ihr gelang es beinahe mühelos die Barrieren zu durchbrechen und unerkannt durch das Schloss zu eilen. Was sie suchte scheint mir offensichtlich, den Beweis hältst du in den Händen!" damit deutete er auf den Stoff.

Severus blickte verständnislos darauf. Warum sollte jemand Miranda entführen? Fragen über Fragen.

Plötzlich fiel Severus das Gift ein. Schnell berichtete er Dumbledore davon, was diesen genauso wie ihn beunruhigte. Für sie wurde klar, dass zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang bestand.

„Wir sollten uns beeilen und diesen Portschlüssel entschlüsseln. Ich hege die wage Befürchtung, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt!"

Alle drei richteten ihren Zauberstab darauf und murmelten die verschiedensten Verschwörungen, doch nichts tat sich. Nichts zeigte Wirkung. Harry eilte davon, er wusste wenn er in solchen Fällen fragen würde – Hermine.

Sie wusste alles was jemals irgendwo aufgeschrieben worden war. Schnell eilte er hinauf. Er vermutete und hoffte sie noch im Gemeinschaftsraum zu finden und hatte Glück.

„Hermine, Ron!" rief er aus. Schnell berichtete er den beiden was sich zugetragen hatte.

Für Hermine war die Sache klar. Sie würde sich in die Bibliothek begeben und Nachforschungen betreiben.

Ron und Harry begleiteten sie, mehr zur moralischen Unterstützung als zum lesen. In der Bibliothek waren sie keine große Hilfe. Für Hermine war das ganz anders. Hier eröffnete sich für sie eine ganz neue Welt.

Hastig zog sie hier und dort ein Buch heraus. Bei näherem Hinsehen stellte sich für die beiden heraus, dass sich alle mit demselben Thema befassten – Portschlüssel. Hermine begann zu lesen und innerhalb kürzester Zeit war sie so vertieft, dass sie ihre Umgebung gar nicht mehr wahrnahm.

Nach drei Stunden schlug sie ein Buch heftig auf den Tisch.

„Ha!" rief sie freudig erregt aus. „Ich hab's!" und dabei deutete sie auf das Buch vor sich. Harry und Ron, die schon beinahe eingeschlafen waren, sprangen erschrocken hoch.

„Dann lass uns so schnell wie möglich zu Dumbledore gehen!" sagte Harry.

Mit Hermine an erster Stelle eilten sie zum Abstellraum, doch dort trafen sie nur auf Snape. Dieser kniete vor dem Bild und untersuchte es von allen Seiten, so als könnte er so dessen Geheimnisse entschlüsseln.

„Professor Snape, Sir!" begann Harry.

Ein giftiger Blick aus schwarzen Augen ließ ihn aber abrupt verstummen. Beherzt trat Hermine hervor.

„Professor Snape ich habe vielleicht die Lösung für dieses Problem gefunden!" wagte sie zu sagen.

„Was hat Miss Neunmalklug den herausgefunden, was die anderen bedeutenden Magier wie Dumbledore nicht sehen?" fragte er bissig.

Hermine hielt sich eingeschnappt das Buch an die Brust gepresst und wollte sich beinahe weigern, diesem Kotzbrocken die Lösung zu zeigen. Doch Harry schubste sie von hinten an.

„Es geht um Miranda!" flüsterte er ihr eindringlich ins Ohr.

„Hier, Sir!" Hermine reichte Snape das Buch.

Kurz flogen seine Augen darüber, dann sah er Hermine widerwillig bewundernd an. Er zog seinen Zauberstab und wendete sich dem Bild zu. Schnell murmelte er ein paar Worte und es funktionierte, der Portschlüssel war aktiviert. Severus trat drauf zu, aber wandte sich noch einmal kurz an die Kinder.

„Das ist kein Spiel, keiner darf mir folgen! Sagt Dumbledore bescheid, sobald ich verschwunden bin." sagte er eindringlich zu ihnen und trat hindurch.