18

Was sind Träume schon, wenn sie an der Realität zerbrechen? Miranda erreichte mit Severus an einem grauen und verhangenen Tag die Insel. Die Wolken hingen tief und kündeten einen nahen Regen an.

Schon bald klatschten schwere Tropfen auf sie herab und die aufgewühlte See brach sich in hohen Wellen an den Felsen. Kalter Wind griff nach ihrem Haar und zog heftig dran. Das Wetter schien sich ihrer Stimmung anzupassen.

Sie brachte ihn rasch in die Hütte und legte ihn sorgfältig auf das Bett. Sanft strich sie über sein Gesicht und beugte sich vor um ihn zu küssen. Der glühende, hasserfüllte Blick aus seinen schwarzen Augen ließ sie in der Bewegung inne halten, schmerzhaft zog sich ihr Herz zusammen. Hastig richtete sie sich wieder auf. Er war wach, das Schlafmittel hatte seine Wirkung verloren.

„Wie geht es dir?" fragte sie ihn vorsichtig.

Sie wusste nicht wie sie mit ihm umgehen sollte, er war so anders. Über seine Lippen drang kein Wort nur seine Augen sprachen eine unmissverständliche Sprache. Er verachtete sie und er verabscheute es hier mit ihr zu sein.

„Ich werde alles tun, damit du wieder gesund wirst!" versprach sie leise, bemüht kämpfte sie die Frucht nieder, die ihr Herz beschlich.

Das ist Severus der Mann den ich liebe! Sagte sie sich fest vor, aber es half nicht viel, ein Zweifel war in ihr Herz geschlichen und ließ sich kaum noch ignorieren.

Die Verzweiflung und die Ängste der letzten Tage fielen von ihr und machten neuen Platz. Jede Nacht erwachte sie aus Alpträumen, geboren aus Angst und Schrecken, die sie die letzten Wochen durchlebt hatte.

Girisha warf immer noch ihren bedrohlichen Schatten über sie beide. Es war als wäre sie nicht in Askaban, sondern mitten unter ihnen. Sie hatte ihr Leben zerstört. Ständig kreisten ihre Gedanken um den schwarzen Turm, er manifestierte sich in ihrem Geist und wurde so zu einer stärkern Bedrohung, als er es in Wirklichkeit je hätte sein können.

Am schlimmsten war ihre Einsamkeit, sie hätte so dringend Severus zum reden gebraucht, doch er war nicht da. Sie fühlte sich allein gelassen. Sie war einsam und das obwohl der Mann den sie liebte bei ihr war. Traurig sah sie ihn an.

Rede mit mir! Ich brauche dich! flehte sie im Geist. Laut wagte sie es nicht mehr das Wort an ihn zu richten.

Meist sah er durch sie hindurch und nur wenn es sich nicht vermeiden ließ fielen seine kalten schwarzen Augen auf sie. Er jagte ihr einen Schauer über den Rücken, sie begann ihn zu fürchten. Früher blickte er sie voller Liebe und Wärme an, aber jetzt haftete ihnen eine dunkle Drohung an, wenn er sie erblickte.

Miranda litt immer mehr unter dieser untragbaren Situation. Dieser beständige Druck der auf ihr lastete machte sie Schreckhaft, selbst das geringste Geräusch ließ sie ängstlich zusammenzucken. Was ihr einen weiteren geringschätzigen Blick von Severus eintrug.

Alles worunter sie litt, bereitete ihm offensichtlich Freude. Oft fielen ihr Sachen aus den Händen, sie war fahrig und unkonzentriert. Ständig war sie dabei seinen Anfeindungen und hämischen Grinsen ausgesetzt. Er verbarg nichts, zeigte nur all zu offen für wie gering er sie achtete und er nur darauf wartete ihrer Gegenwart zu entrinnen.

Seit einer Woche war sie nun mit Severus auf der Insel gefangen. So fühlte sie es, als Gefängnis. Sie konnte in seiner Gegenwart kaum atmen, seine abweisende Art vergiftete sie. Nichts hatte sich verändert. Er stand immer noch unter dem Einfluss des Mittels das Girisha ihm gab.

Die Tage wurden immer schlimmer. Er war nicht er selbst und jeder Blick, jede Geste mit der er ihren Bewegungen folgte, war von grenzenlosem Hass geprägt. So oft es ging floh sie daher aus der bedrängenden Enge der Hütte. Konnte es kaum ertragen.

Sie durchstreifte die ihr so vertraute Insel auf der Suche nach verborgenen Pfaden um ihren Gedanken und ihm entfliehen zu können. Doch die Wahrheit war, dass sie am Ende ihre Kräfte war. Die Situation entglitt ihr immer mehr.

Nebelschwaden trieben diesen Morgen über die Insel und trieben wie Geister über sie hinweg. Sie selbst fühlte sich wie ein Geist. Kein Hauch regte sich, auch die Seevögel, die sie sonst mit ihren Rufen begleiteten, schwiegen heute. Es war ein sehr kühler Morgen und fest schlang sie ihren Umhang um ihre zarte Gestalt, doch selbst durch diesen kroch eine unmenschliche Kälte in ihr hoch.

Sie fror entsetzlich, solange Severus in diesem Zustand war, würde sie nie wieder Wärme empfinden. Miranda stellte sich ans Ufer und ließ das Wasser ihre bloßen Füße umspülen.

„Warum?" schrie sie hinaus in die Wellen und ihr Schrei brach sich mit der Brandung.

Was sie zu erfahren hoffte, woran sie zu scheitern begann, was sie nicht mehr ertragen konnte, doch da war niemand, warum prüfte man sie so? Das Wasser war eiskalt und ihre Zehen fühlten sich taub an, aber sie brauchte es um ihre aufgewühlten Sinne zu beruhigen.

Schon bald würde Dumbledore den Heiltrank schicken und Severus würde wieder gesund und damit rückte der Tag der Entscheidung näher. Eigentlich hatte sie sich schon entschieden, nur wie sie es ihm sagen sollte, das wusste sie nicht. Die letzten Tage hatten ihr die Augen geöffnet.

Sie konnte so nicht leben. Sie wollte so nicht leben. Diese ständige Bedrohung. Diese ständige Angst. So viel Böses herrschte in seiner Welt, er selbst war böse. Miranda hatte geglaubt sie wäre stark genug, aber sie war es nicht. Ihre Liebe zu ihm reichte nicht. Sie war ein Feigling!

Ein entsetzlicher Feigling und sie sehnte sich nach Afrika zurück. Dort war sie gewesen als Voldemort mächtig war und James und Lily tötete. Sie hatte von seinen Gräueltaten gehört, er verbreitete Angst und Terror. Nur in Afrika war sie verschont geblieben.

Schreckliche Dinge zu hören war anders als sie selber zu erleben. Sie dachte sie würde damit zu Recht kommen und Licht in sein Leben bringen. Welch Närrin sie doch war. Das Gegenteil war der Fall, die Dunkelheit umhüllte sie. In seiner Nähe wurde alles schwarz.

Oh Gott wie konnte sie nur ihm die Schuld geben. Er hat alles für sie getan. Verzweifelt wandte sie sich vom Wasser ab und schritt unstet weiter. Unsichtbar getrieben hastete sie voran. Die Insel war nicht sehr groß und schon bald sah sie am Horizont das Dach der Hütte aufblitzen.

Abrupt blieb sie stehen. Sie konnte nicht zurück, noch nicht. Wieder würde er sie mit diesem verächtlichen Blick ansehen, ihr stumm die Schuld geben und er hatte Recht damit. Wäre sie nicht von Girisha entführt worden, hätte er sich nicht in Gefahr begeben müssen. Alles wäre besser, auch für ihn, wenn sie ginge.

Hektisch strich sie sich durch ihr Haar. Wie einfach alles gewesen war, als sie vor ein paar Wochen hier auf die Insel kam. Sie hatte sich gefühlt als könnte sie der ganzen Welt die Stirn bieten. Als könnte sie das Schicksal ändern.

Traurig schüttelte sie ihr Haupt. Welch Illusion! Dachte sie ironisch. Sie waren nicht für einander bestimmt, das war die Wahrheit. Zögernd trat sie ein paar Schritte auf die wie ihr es schien schon viel zu nahe Hütte zu.

Er war bestimmt schon wach und wartete auf sie um ihr erneut irgendeine Bosheit an den Kopf zu werfen. Miranda bückte sich und hob eine leere Muschel auf, die einer der Seevögel hier hat fallen lassen. Fest umschloss sie sie mit der Faust bis die scharfen Kanten ihr die Handfläche zerschnitten. Blut ran zwischen ihren Fingern hindurch und plötzlich flossen die Tränen.

Erschöpft sank sie zu Boden und gab sich dem Schmerz hin. Sie würde es wieder tun, was sie versprochen hatte nicht zu tun. Sie würde erneut gehen, ohne ein Wort. Sein Haas auf ewig wäre ihr damit sicher, aber er war besser ohne sie dran. Miranda schlang die Arme um sich und wiegte sanft hin und her. Sie richtete die Augen auf die Hütte.

Er wartete, er wartete auf ihr erscheinen um sie erneut zu quälen. Sie wollte nicht zurück in die bedrängende Enge, zurück zu ihm. Etwas war in ihr zerbrochen. Sie wäre am liebsten für immer hier draußen geblieben.

Der freie Himmel über sich und rund um sich nur unberührte Natur. Eine kleine Rauchwolke entstieg dem Kamin der Hütte und mahnte sie gleich einem drohend erhobenen Finger zur Rückkehr. Sie hatte noch Feuer gemacht, ehe sie zu ihrem Spaziergang aufgebrochen war. Es half nichts, sie musste zurück. Langsam erhob sie sich und ging darauf zu.

Eine Eule wartete bereits auf sie. Sie brachte den ersehnten Trank für Severus. Sobald er ihn getrunken hatte wäre alles vorbei. Immer noch scheute sie sich die Hütte zu betreten. Mit der Phiole in ihrer Hand wurde alles anders.

Sie gab sich innerlich einen Ruck, öffnete die Tür und trat ein. Severus saß auf dem Bett und bedachte sie mit demselben hasserfüllten Blick, wie schon die ganze Woche. Tief atmete sie durch, setzte sich an den Tisch, stellte die Phiole darauf, zog einen Bogen Pergament zu sich ran und begann zu schreiben.

Geliebter Severus wie soll ich dir erklären was ich selber nicht verstehe? Ich dachte ich könnte alles ertragen, aber ich kann nicht. Die letzten Tage haben mir mehr und mehr gezeigt ich kann so nicht leben.

Ich hatte so große Angst um dich. Ich wusste nicht was ich tun sollte und hier auf der Insel war ich ständig deinem Hass ausgesetzt. Ich weiß, das warst nicht du, aber es hat so wehgetan und niemand war da. Du warst nicht da. Ich bin nicht so stark wie du und ich kann so ein Leben wie du es führst nicht ertragen.

Ich gebe dir deinen Ring zurück, ich habe das Recht in zu tragen verwirkt. Eigentlich sollte ich vor dir stehen und all dies Worte zu dir sagen, aber ich kann nicht. Wenn du mir dabei in die Augen blicken würdest, würden diese Worte meine Lippen niemals verlassen. Wie oft habe ich in Gedanken diesen Brief zerrissen und es doch nicht getan. Du hast etwas Besseres als mich verdient.

Sieh mich an, ich sitze hier und schreibe diesen schäbigen Brief an dich und meine Hände zittern. Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit. Ich hätte dich so sehr gebraucht. Ich war mit meiner Angst ganz alleine. Ich wünschte es gäbe einen anderen Weg, aber ich sehen keinen. Warum tue ich dir das immer wieder an? Gib mir Zeit. Es tut mir so leid. Wenn du das liest werde ich bereits in Afrika sein. Folge mir nicht.

Ich weiß du willst mich sicher zur Rede stellen und ich habe es verdient, aber bitte lasse mir meinen Frieden. Bitte Severus, versteh' mich doch. Ich kann nicht die Frau in deinem Leben sein. Leb wohl.

Miranda

Unruhig wippte Miranda auf ihrem Stuhl. Sie hatte den Brief für Severus beendet, jetzt fehlte nur mehr den Ring. Schwermütig zog sie ihn sich vom Finger und legte ihn auf den Brief. Wie feige das war.

Wenn er das las würde er sie sicher bis ans Ende ihrer Tage hassen und sie hatte es nicht besser verdient. Stand sie doch im Begriff wieder davon zu laufen. Neben dem Brief stand die Phiole. Sie umfasste sie mit zittrigen Fingern. Ob ihre Hände jemals wieder ruhig wurden?

Bedächtig ging sie auf Severus zu. Er saß noch immer abwartend da. Eigentlich tat er seit sie auf der Insel waren nichts anderes.

„Hier trink das!" forderte sie ihn auf und hielt ihm die Phiole hin.

Gleichgültig nahm er sie und leerte sie in einem Zug. Zunächst geschah nichts und es sah so aus als würde es nicht wirken. Doch plötzlich sog Severus heftig den Atem ein und sein Blick klärte sich. Miranda sah ihm tief in die Augen. Das war ihr Severus.

„Ich liebe dich!" flüsterte sie leise an seinen Lippen und hauchte einen sanften Kuss darauf.

Bevor Severus reagieren konnte war sie schon verschwunden. Orientierungslos sah er um sich. Wo war er und was war geschehen?

Leise rief er nach Miranda, er brauchte sie, doch nur Stille antwortete ihm. Sein Blick blieb beim Tisch hängen. Darauf glitzerte etwas im herein scheinenden Sonnenlicht. Langsam erhob er sich. Eine dunkle Vorahnung bemächtige sich seiner und sein Herz begann sich schmerzhaft zusammen zu ziehen.

Sein Ring, da lag der Ring den er Miranda gegeben hatte und auch ohne das er die Zeilen die darunter lagen lesen musste, wusste er was das zu bedeuten hatte. Kraftlos sank er auf den Stuhl nieder auf dem zuvor Miranda gesessen hatte.

Er umschloss den Ring in seiner Faust so fest bis das es wehtat. Er nahm den Brief in die andere Hand und las. Seine Mine blieb dabei unbewegt, so als würden ihn ihre Zeilen unberührt lassen.

Als er ihn gelesen hatte zerknüllte er ihn und wollte ihn ins Feuer werfen. Im letzten Augenblick besann er sich anders. Vorsichtig und bedächtig strich er ihn glatt, faltete ihn ordentlich und steckte ihn zusammen mit dem Ring in seine Tasche nahe bei seinem Herzen.

Mit Erststaunen stellte er fest das es tatsächlich noch schlug. Ohne sich weiter umzublicken erhob er sich und verließ die Hütte für immer. Nie wieder würde er hierher zurückkehren.

Er aperierte nach Hogwarts. Schnell schritt er aufs Schloss zu. Er wollte nur mehr in seinen Kammer am besten ohne, dass ihn jemand sah.

Aber er wurde gesehen, ein Augenpaar folgte ihm und schlich ihm nach. Bevor er in Sichtweite des Schlosses gelangte durchfuhr in einen brennender Schmerz von hinten in die Brust.

Blut blubberte über seine Lippen. Überrascht wandte er sich um und blickte in Mad-Eye-Moodys Gesicht. Nein es war Barty Crouch Junior.

„Du Bastard hast meinen Meister getötet, dafür wirst du jetzt sterben!" keuchte er ihm hasserfüllt ins Gesicht.

Severus fühlte noch einen brennenden Schmerz in der Brust. Blutend sank er auf den Boden von Hogwarts. Barty Crouch war verschwunden.

Mit letzter Kraft richtete er sich auf, einen Hilferuf auf den Lippen, doch er schwieg und ließ sich zurück auf den Boden fallen. Er schloss die Augen, das Leben ran aus seinem Körper.

Der Tod wartete auf ihn und mit offenen Armen wollte er ihn empfangen. Hier hielt ihn nichts mehr. Das letzte woran er dachte war Mirandas Gesicht und dann versank seine Welt endgültig in Dunkelheit.