Einunddreißig Teil 2
Tag: 1472; Stunde: 17
Er sieht sie nicht ein einziges Mal an, obwohl sie ihren Blick nicht von ihm abwendet. Nach allem, was sie erlebt hat, will sie das das hier einfach ist, aber sie weiß, dass er es ihr nicht einfach machen würde. Er sieht entspannt aus, lehnt sich mit ausgestreckten Beinen im Stuhl zurück, aber sie kann die Steifheit in seinen Schultern sehen. Sie weiß nicht, ob es an ihr, an der Mission oder an irgendetwas anderem liegt.
Auf dem Tisch steht ein Glas mit Alkohol neben seinem Notizbuch, ein einziger Schluck ist noch darin. Auf dem Beistelltisch steht eine halb leere Flasche, das Etikett ist abgerissen und der Deckel offen. Sie ist sich nicht sicher, wie viel er heute Abend getrunken hat, aber dem Rot auf seinen Wangenknochen nach zu urteilen, ist es wahrscheinlich genau der falsche oder der richtige Zeitpunkt, um mit ihm zu reden.
Hermine wartet ungeduldig, während er Fragen über die Mission beantwortet und sich der Raum langsam von den erfahreneren Mitgliedern leert – denjenigen, die nachgekommen sind, den Job erledigt haben und wieder gegangen sind. Die Neuen - die, die es noch nicht ganz verstehen, die, die Angst haben - brauchen am längsten, um zu gehen. Sie ist sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt weiß, dass sie da ist, bis die letzte Person im Flur verschwindet und sein Blick automatisch zu ihr wandert. Sein Gesicht ist wie eine Statue; schön, aber leer.
„Du bist wütend."
„Willst du meine Stimmungen für mich bestimmen?" Sie hat fast nicht erwartet, dass er etwas sagen würde. „Ich versichere dir, ich bin –"
„Draco."
Sie will nicht so verzweifelt klingen, aber es lässt ihn innehalten. Sie will nur, dass es einfach ist, nur dieses eine Mal. Dass es auf eine Weise Sinn macht, die nicht so kompliziert ist. Er mustert sie einen Moment lang, und sie sieht, wie seine Zunge die Zähne umspielt und sich in seine Wange drückt.
„Ich bin überrascht, dass du nicht verärgert bist."
Das was er sagt, meint er auch. Zumindest hofft sie, dass er es so meint. „Ich ... Sollte ich das sein?"
Er lächelt, zuckt mit einer Schulter. „Ich wäre es gewesen."
„Überraschung, Überraschung", murmelt sie.
„Was?"
„Vielleicht sollte ich mich bei dir bedanken." Er blickt sie an, weil er weiß, dass sie das zuvor nicht gesagt hat.
„Ist das nötig?"
„Ja. Ich bin dir dankbar. Du hast uns das Leben gerettet."
„Nun, ich bin sicher, Potter wird einfach zurückkommen und euch auf eine weitere Selbstmordmission schicken. Die scheint er zu mögen, wenn es um dich geht."
Hermine blinzelt ihn an und schüttelt den Kopf. „Was?"
„Wenn sie nicht von euch allen Informationen hätten bekommen können und dass wenn ihr versagt hättet, sie abgehauen wären und wir unsere Chance verloren hätten... wäre es sinnlos gewesen, euch zu helfen."
Das tut weh, egal wie sehr sie es nicht will. „Draco..."
„Ich habe gesehen, wie du um dein Leben gekämpft hast. Aber in dem Moment, in dem Potter auftaucht und dir sagt, dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt, all das zu opfern, ist es auf einmal weniger wert. Du wusstest, dass ihr keine Chance habt, also was war es? Neben Harry in einem heroischen Kampf zu sterben, war das passend für dich? War es ein schöner Moment in deinem Kopf? War es besser, als du es dir vorstellen konntest? Du in einem Korridor, Potter unter einer Treppe, Weasley in einer Zelle. So weit voneinan –"
„Halt die Klappe. Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst. Ich –" Hermine zeigt mit ihrem Finger auf ihn und er steht auf.
„War es die Wiedergutmachung für den Friedhof? War es die Tatsache, dass er dich endlich gebraucht hat? Dass –"
Sie unterbricht ihn, als sie ihm ein Kissen an den Kopf wirft, aber es ist nicht hart genug, um den Zweck zu erfüllen. „Fick dich, Draco Malfoy! Ich habe versucht, Ron zu retten! Ich hätte dasselbe für jeden meiner Freunde getan! Ich hätte es auch getan, wenn Harry nicht da gewesen wäre, um zu fragen! Damit hat es nichts zu tun, und versuch nicht, ihm die Schuld zu geben. Es war meine Entscheidung, und ich würde sie keine Sekunde lang zurücknehmen! Wir haben Ron, und –"
„Und du hättest keinen Scheiß, wenn ich nicht –"
„Ich habe mich bedankt!"
„Ich will nicht, dass du –"
„Was willst du dann? Hm, Draco? Was willst du von mir? Ich habe die beste Wahl getroffen, die ich treffen konnte –"
„Zu sterben?"
„Ron zu retten! Ich hätte dich gebeten, mitzukommen, aber ich wollte dich nicht zwingen, an der Situation teilzuhaben. Das musst du doch wissen. Ich –"
„Warum?"
„Weil es so viele Konsequenzen für dich gehabt hätte. Alles –"
„Warum muss ich das doch wissen?", fragt er genauer nach.
Sie schweigt eine Weile, beide starren sich gegenseitig an. Forderte er sie auf, etwas zu gestehen? Zu sagen, wo sie in dieser Sache steht? Oder will er, dass sie sich unwohl oder seltsam fühlt, weil sie das Gefühl hat, ihm eine Erklärung schuldig zu sein, weil er ihr eine Erklärung wert sein könnte? Sie hat das Rätselraten so satt.
„Ich weiß es nicht." Denn er soll dieses Mal raten. „Warum hast du mich nicht aufgehalten? Wenn –"
„Was?" Er klingt, als hätte sie ihm gerade gesagt, dass er in Flammen steht.
„Du wusstest –" Sie hält inne, als sich sein Gesicht vor Wut verzieht und rot wird.
Er packt sie am Oberteil und tritt gleichzeitig einen Schritt nach vorne, wobei ihr Körper wie eine Wand gegen ihn stößt. Er beugt sein Gesicht zu ihr, die Ader an seiner Schläfe schwillt an, sein Gesicht ist rot und seine Augen sind wie Rasierklingen. „Wage es nicht, auch nur eine Sekunde lang zu behaupten, du hättest mir eine Wahl gelassen. Die Entscheidung lag ganz bei dir, und ich habe das Einzige getan, was ich konnte. Du hast praktisch verlangt, dass ich dir beim Weggehen zusehe. Dich sterben zu lassen."
„Ich habe nicht –"
„Doch, hast du.", zischt er. „Du hast wie ein Kind ausgesehen, dass ohne Zauberstab vor Voldemort steht, als du gegangen bist. Und du hast einfach erwartet, dass ich... Du hast mich gezwungen... Und jetzt gibst du mir die Schuld?"
Sie zuckt zusammen, als er den letzten Teil schreit, seine Hand zuckt von ihr zurück, als ob sie eine Krankheit hat. „Ich gebe dir nicht die Schuld! Es tut mir leid, dass ich... Ich habe mich bedankt! Ich habe es nicht so gemeint! Ich meinte nicht, dass du mich hättest aufhalten sollen, ich weiß, ich habe dir keine Wahl gelassen. Ich meinte... Wenn du... Warum bist du zu Lupin gegangen? Warum bist du zurückgegangen –"
„Was glaubst du denn?", schreit er und reißt seine Arme hoch. Seine Fingerknöchel treffen die Lampe und sie fällt um, zerbricht aber nicht. Es ist, als ob der Raum zwischen seinen Armen ihr alle Antworten gibt, die sie braucht, aber er ist einfach leer und leer, und sie versteht es nicht.
Sie atmet aus, presst den Kiefer zusammen und schüttelt den Kopf. Alles fällt in sich zusammen. „Das ist zu schwer."
Sie kann sehen, wie die Verwirrung über sein Gesicht huscht, bevor sie weggeht.
Tag: 1473; Stunde: 12
Der Himmel öffnet sich mit einem Schrei. Es mag einen Moment zwischen dem Wolkenbruch und dem wütenden Knall des bebenden Donners gegeben haben, aber sie bemerkt ihn nicht. Es fühlt sich an, als würde sich das Haus durch die Wucht des Lärms bewegen, und ihr Nacken ist angespannt, weil sie ihn gegen das Fenster gepresst hat.
Es ist das einzige Donnergrollen, das während des Gewitters zu hören ist. Eine Stunde lang beobachtet sie den Regen, und alles andere ist still.
Tag: 1473; Stunde: 15
Der Himmel ist blau. Er wirkt fast weiß vor der schwarzer Rinde und den Grüntönen. Seltsamerweise hängt ein Vogelfutterhäuschen an Drähten von einem Ast, leer bis auf ein paar Klumpen in der Mitte, die durch die Feuchtigkeit entstanden sind. Die Vögel sitzen wankelmütig auf den Ästen, und die Regentropfen des Sturms von vor Stunden tropfen langsam von den Wipfeln der massiven Bäume herab. Sie bringen die Blätter zum schimmern, und um sie herum ertönen Geräusche, vor denen sie sich nicht fürchten sollte, wenn das Wasser auf verschiedene Dinge tropft.
Sie liebt es, durch offene Fenster dem Regen zu lauschen und die Welt im Sturm toben zu sehen. Jetzt, kurz vor der Dämmerung, ist es anders. Ihre Beine sind mit Schlamm bedeckt, ihr Körper zittert, sie ist durchnässt von dem schweren Sturm und hat jetzt mit dem kalten Wind zu kämpfen. Sie lauscht auf die Geräusche um sich herum und versucht, sich an die Natur zu gewöhnen, damit sie weiß, wann sie es nicht ist. Das Letzte, was sie braucht, ist, ihre Zeit damit zu verschwenden, auf Regentropfen zu schießen.
Durch das Laub sieht sie einen Vogel, der in der Ferne durch das Weiß-Blau fliegt. Weiter hinten legt sich Nebel über den Hügel, auf dem der Wald liegt, und er kommt immer näher, während sie vorwärts eilen. Sie klingen wie ein herannahender Sturm: das Schlurfen von Stoffen, das Rascheln von Blättern, das Schmatzen und Platschen von Füßen, die auf Schlamm treffen, das Knacken von Zweigen, das Rauschen von sich bewegenden Ästen, das Strömen von Sauerstoff in den Lungen. Die Geräusche werden synchronisiert, spielen wie ein uralter Rhythmus gegen eine wachsende Flut an, die sich mit dem Brennen in ihren Schenkeln aufbaut.
Dean läuft an ihrer Seite, und jedes Mal, wenn sie ihn anschaut, sieht sie die Narbe von ihrer schlampigen Heilarbeit. Mit der Zeit wird sie sich daran gewöhnen, aber jetzt erinnert es sie nur an Seamus, an Dean, der sie vom Abgrund zurückgeholt hat, und an sie Beide in einem Flur ohne Hoffnung. Jedes Mal, wenn sie ihn sieht, möchte sie ihn heftig umarmen. Erinnerst du dich, als wir absolut sicher waren, dass wir zusammen sterben würden, als wir allein waren und es nichts anderes gegeben hat, woran wir uns festhalten konnten? Erinnerst du dich daran? Aber sie weiß, dass er das nie vergessen wird und sie auch nicht. Sie ist schon in vielen gefährlichen Situationen gewesen und ist selbst dem Tod nahe gewesen. Sogar nur Sekunden davon entfernt. Nur einen Zentimeter.
Aber an diesem Tag ist etwas anders gewesen. In jener Minute im Flur hat sie sich von ihm und dem Leben verabschiedet, und es wäre beinahe das Letzte gewesen, was sie je erlebt hätte. Das ist etwas, das sie für den Rest ihres Lebens mit ihm in Verbindung bringen würde, selbst wenn sie sich eines Tages fremd werden sollten. Es ist etwas, das sie jedes Mal, wenn sie ihn sieht, das Bedürfnis verspüren lässt, ihn umarmen zu wollen, zu lächeln und zu sagen: ‚Weißt du, dass wir immer noch am Leben sind.'
Das Ende des Waldes ist plötzlich vor ihr, und sie muss sich an einem Baum festhalten, um nicht über den Abhang des Hügels zu stürzen. Der Baum ist jung, ihre Finger umschließen fast den gesamten Stamm, und das Holz splittert, als ihre Füße aufhören, im Schlamm zu rutschen. Durch ihren Schwung wird Schlamm auf ihre Kleidung gespritzt, aber sie bemerkt es nicht und reißt ihre Hand von dem Baum zurück, als ein Auror ihn packt und er schließlich durchbricht. Er rutscht über die Kante und landet mit dem Rücken auf der Schräge des Hügels, und ächzt. Drei andere Teammitglieder stehen unten am Hügel, schlammverschmiert und verwirrt.
„Wann zum Teufel sind wir in die Muggelwelt gekommen?" Dean schnappt mit den anderen nach Luft, seine Hand ruht auf ihrer Schulter, während er über den Hügel blickt. Als ob sie sie beide aufrecht halten könnte, falls er ausrutscht.
Hermine wirft einen Blick auf Draco, der zu sehr damit beschäftigt ist, die Karte aus seiner Tasche zu ziehen, um Fragen zu beantworten. Unter ihnen ertönt lautes Hupen, und sie sieht ein Auto, das in einer Pfütze ins Schleudern gerät. Die vier, die hinuntergefallen sind, versuchen, wieder hinaufzuklettern, aber der Hügel ist zu steil und der Schlamm zu glitschig. Vor ihnen liegt eine Landstraße, auf der anderen Seite eine Grundschule. Die Landstraße verschwindet links von ihr im Wald, und am Fuße des Hügels befindet sich rechts ein Supermarkt. Weiter hinten kann sie gerade noch das Schild eines Restaurants ausmachen. Es gibt kein Haus oder Gebäude, kein ominöses Gebilde, das sich in den Wäldern versteckt.
Sie schiebt ihren Zauberstab zurück in das Holster an ihrem Arm. Früher hat sie ihn an der Hüfte getragen, bis sie an einem freien Tag in einem Sicherheitshaus das Holster von Draco anprobiert hat und bemerkt hat, dass sie ihn so schneller erreichen kann. Sie hat nur ein einziges Mal gebraucht, bei dem sie fast einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, weil sie gedacht hat, dass sie ihren Zauberstab verloren hat, und Lavender die sich hysterisch über sie schlapp lachte, bevor sie sich an die neue Position gewöhnt hat. Sie kann den Tag kaum erwarten, an dem sie nie wieder an einem Ende eines Flurs stehen muss, um zu sehen, wie schnell sie ihren Zauberstab ziehen und einen Topf von einem Tisch auf der anderen Seite explodieren lassen kann. Wenn das hier vorbei ist, will sie nie wieder ein Holster tragen müssen. An manchen Tagen würde sie ihren Zauberstab zu Hause lassen - einfach, weil sie es kann.
Sie würde sowieso ohne Magie auskommen müssen, mindestens sechs Monate lang. Harry, Dean, Angelina und Ginny würden es drei Monate lang tun müssen. Lavender hat ebenfalls sechs Monate bekommen, weil es ihr zweites Vergehen ist. Sie würden zwar alle erst nach dem Krieg auf Bewährung gesetzt werden, aber es würde ohnehin noch lange dauern, bis einer von ihnen das Haus ohne seinen Zauberstab verlassen würde. Hermine hat sich überlegt, bei ihren Eltern zu bleiben, aber es fühlt sich an, als würde sie sich immer noch verstecken, auch wenn der Krieg vorbei sein würde. Sie weiß nie, wie ihr nächster Tag aussieht. Vielleicht würde sie sich nach dem Krieg einfach nicht mehr darum kümmern. Vielleicht würde sie alles, was passierte, einfach geschehen lassen.
„Wer zum Teufel hat diese Karte gezeichnet?", zischt Draco wütend, und das Papier hat keine Chance, als er es in seiner Faust zu einem Ball zerknüllt.
„P und V.", murmelt ein junges Mädchen irgendwo hinter ihr, verängstigt durch Dracos Tonfall und ihrer ersten Mission als Phönix. Hermine kann sich nicht erinnern, wessen Tochter sie ist, nicht einmal an ihren Namen.
„Verfickt nochmal fantastisch.", knurrt er als Antwort und wirft das Knäuel der Karte auf den Boden zu seinen Füßen. Hermine wirft ihm einen Blick zu, weil er etwas auf den Boden geworfen hat, aber sie sagt nichts, weil sie es schon zu oft erlebt hat.
Dies ist das erste Mal, dass Draco eingewilligt hat, P&V bei einer seiner Missionen helfen zu lassen. Sie wurden vor einem Jahr für Auroren gegründet, die aufgrund von Verletzungen nicht mehr in der Lage sind, zu kämpfen, und für Leute, die sich nicht mehr in der Lage sehen, an Kämpfen teilzunehmen. Cho Chang arbeitet jetzt dort, nachdem sie ihre Finger verloren hat. Die Abteilung Planung und Vorbereitung erstellt Karten für die Einsatzorte, gibt den Einsatzleitern Listen der verfügbaren Soldaten und entwirft unter anderem Pläne für jeden Einsatz. Das letzte Wort hat immer der Missionsleiter, der alles oder nichts von P&V verwenden kann.
Sie glaubt nicht, dass Draco nochmal auf deren Hilfe zurückgreifen wird.
„In einem der Autos da unten gibt es bestimmt ein GPS-System. Wir können herausfinden, wo wir sind und die Koordinaten mit denen vergleichen, wo wir sein sollen." Dean sieht Draco an, der offensichtlich nicht weiß, wovon der andere Mann redet, und der zu überlegen scheint, ob er es zugeben will oder nicht.
„Du redest davon, in ein Auto einzubrechen?" Hermine kann sich den leicht empörten Tonfall in ihrer Stimme nicht verkneifen und auch nicht das Zusammenziehen ihrer Lippen, als sie die Augenbrauen hochzieht.
„Hast du eine bessere Idee?"
Magie ist etwas, das sie nicht benutzen können, falls der Ort in der Nähe ist und die Todesser ihn beobachten. Die Tatsache, dass es sich um die Muggelwelt handelt, bedeutet, dass nichts so versteckt ist wie der Grimmauld Platz, denn die Todesser würden es nicht riskieren, Magie einzusetzen, schon gar nicht, nur um ein Haus zu betreten. Zeit ist etwas, wovon sie nie genug haben können, und wenn der Ort nicht schon verlassen ist, dann würde er es sicher bald sein. Zum Apparitionspunkt zurückzulaufen, eine neue Karte zu erstellen und dann zu dem Ort zu gelangen, würde Stunden dauern, die sie nicht hatten.
„Es ist illegal –"
„Verdammt noch mal, Granger, jetzt ist nicht die Zeit, um ein Vorbild an Moral zu sein. Du –"
„Aber –", unterbricht sie Draco mit einem bissigen Blick, „– solange wir niemanden verletzen, ist es das Beste, was wir haben."
„Weißt du, wie man ein GPS bedient?", fragt Dean und lenkt ihre Aufmerksamkeit von Draco ab, als er sie am Ellbogen packt und sie zum Rand des Hügels führt.
„Ich werde es herausfinden."
„Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest." Sie kann das Grinsen in seiner Stimme hören, während sie vorsichtig nach einem guten Halt unter ihrem Fuß sucht. Ich nehme es dir nicht übel, versucht sie zu denken, zu sagen. Ich mache dir keine Vorwürfe.
Sie findet etwas Halt auf einem Felsen, aber in der Sekunde, in der sie ihren anderen Fuß nach unten bringt, gibt dieser nach. Sie gibt ein Quietschen von sich und stößt mit dem Ellbogen an etwas Hartes, als sie auf die Seite fällt, ihr Gewicht und die Schwerkraft ziehen sie den Hügel hinunter. Sie kippt auf den Rücken, Schlamm spritzt dort auf, wo sich ihre Fersen in den Boden graben, und Unkraut sticht in ihre Finger, als sie versucht nach etwas zu greifen, um den Schwung zu stoppen. Ihre Füße schlagen mit einem Ruck auf dem Boden auf, sie knickt ein und fällt nach vorne auf die Knie. Sie kann die Flüche, Schreie und das Ziehen der Körper über ihr hören und weiß, dass Draco, Dean und das Mädchen das gleiche Schicksal ereilt hat.
Die vier Teammitglieder starren sie an, während sie Schlamm aus ihrem Mund spuckt und an sich herunterschaut. Abgesehen von einem sauberen Streifen von ihrem Schlüsselbein bis zu ihrem Knie auf der rechten Seite ist sie entweder bespritzt oder bedeckt mit Schlamm. Dean ist am wenigsten verschmutzt, als er unten ankommt. Er ist auf seinen Füßen und einer Hand heruntergerutscht, aber er hält Gras in der Hand, das mehr rot als grün ist.
„Es gibt einen Supermarkt..." Hermine bricht ab, als Draco und das Mädchen in diese Richtung stapfen. Draco scheint von dem Schlammbad, das er gerade genommen hat, nichts mitzubekommen, bis er zu laufen beginnt, und sie kann an dem Schmatzen erkennen, dass eine Schicht Schlamm in seine Stiefel gelangt ist.
Einer der Auroren starrt auf die vorbeirasenden Autos, die Wasser hochspritzen. Hermine bekommt eine Pfütze ins Gesicht und ihr Zittern verdoppelt sich in der Kälte. Sie stellt sich vor, dass sie wie eine seltsame Gruppe aussehen müssen, acht Leute in Umhängen und mit Schlamm bedeckt, die in der Dämmerung über die Landstraße marschieren. Draco geht zielstrebig, als würde die Person, die die Karte gezeichnet hat, auf dem Parkplatz warten. Hermine muss sich beherrschen, um nicht vor Nervosität zu zittern.
Sie ist sich nicht sicher, ob die Leute zu neugierig auf die seltsame Gruppe von Menschen auf der Landstraße werden, die alle farbige Bänder um die Arme tragen und ihre Gesichter in grimmige Mienen hüllen. Sie sehen aus wie eine Sekte. Sie fallen auf wie ein Fleck auf einem weißen Teppich, und sie würde sie gerne daran erinnern, dass Muggel den Todesfluch und Cruciatus in Metallkugeln mit sich führen.
Der Schlamm trocknet seitlich an ihrem Gesicht, wodurch ihre Haut juckt, und ihr Tonfall ist gereizt, als sie spricht: „Weiß jemand, wie man ein Auto aufbricht, ohne Magie einzusetzen?"
Deans Schritte geraten ins Stocken, das Mädchen fuchtelt weiter mit den Armen, um den Schlamm loszuwerden, und die anderen Teammitglieder sehen sie an, ohne zu wissen, wovon sie spricht. Das Mädchen blickt zu ihr auf, kalt, verwirrt und verängstigt. „Sie halten sie verschlossen?"
„Glaub mir, wir sind nicht die ersten, die jemals daran gedacht haben, in ein Auto einzubrechen." Dean grinst sie an, aber das Grinsen verblasst, als ihre Augen auf seiner Narbe haften bleiben.
„Ich werde fragen.", schaltet sich Hermine ein, bevor Dean oder das Mädchen sich noch unbehaglicher fühlen oder Dracos Kopf explodiert.
„Was?", fragt Draco auf einer Art und Weise, bei der die meisten Leute so tun würden, als hätten sie nichts gesagt, geschweige denn, es wagen würden, es zu wiederholen.
„Ich werde fragen." Denn sie hat keine Angst vor ihm, zu mindestens normalerweise nicht.
„Und wie kommst du darauf, dass das klug ist?"
„Manche Leute sind nette Leute.", sagt sie ganz langsam und beobachtet, wie sich seine Schultern anspannen und seine Fäuste ballen.
„Du gehst da einfach so rein, und jemand lässt dich in sein Auto, um den Standort von irgendwelchen Koordinaten zu finden?" Draco klingt ungläubig, und zwei Auroren schnauben. Sie starrt sie alle an.
„Ihr werdet schon sehen."
„Blödsinn, werde ich sehen. Wenn niemand zustimmt, was sie nicht tun werden, sind wir aufgeschmissen, und werden nicht zum GBS kommen –"
„GPS."
„Das ist mir scheißegal. Wir sind –"
„Draco, niemand weiß, wie man ohne Magie in ein Auto einbricht. Es gibt eine Alarmanlage, wenn wir uns auch nur dagegen lehnen –"
„Es –"
„Es gibt ein Restaurant weiter die Straße rauf. Wenn mir niemand helfen will, gehen wir dorthin und versuchen es... auf deine Art." Sie will sich darüber beschweren, wie schlecht sein Plan im Vergleich zu ihrem ist, aber sie änderte ihre Meinung. Man muss auch an seinen Stolz denken, er ist schon wütend, und es würde ihn aufregen, wenn es nur sie beide wären, geschweige denn der Rest des Teams, das er anführt.
Er läuft mit seinen Matsch befüllten Stiefeln auf den Parkplatz, hält kurz inne und dreht sich dann zu ihr um. Er beäugt sie kritisch und hebt eine Augenbraue, als sie die Nase in die Luft hebt. „Geh, Granger."
Er wirft ihr einen abwägenden Blick zu, und sein Kopf neigt sich mit einem Anflug von Übermut, so als sei er sich sicher, dass sie versagen wird. Als wolle er ihr eine große Lektion erteilen. Dean schenkt ihr ein Lächeln, und der Rest des Teams starrt sie an, als sei der gesamte gescheiterte Plan ihre Schuld.
Sie zieht ihren Mantel aus und Draco greift danach, bevor sie ihn ihm überhaupt hinhält. Er starrt einen Moment lang auf den Stoff, dann hebt er seinen Blick zu ihr, um sie anzusehen, und nimmt ihn mit seiner anderen Hand. Sie ist drei Sekunden lang verwirrt, bis sie das Stück Papier in seiner Hand sieht, als er damit winkt. Seine Finger sind eiskalt, als sie es nimmt. Sie beginnt sich umzudrehen, hält aber ruckartig inne und schaut über ihre Schulter, als der Blonde seinen Finger unter ihrem Holster hervorzieht. Sie nimmt es ab und reicht es ihm mit rotem Gesicht. „Geht ... da drüben hin. Zur Seite des Gebäudes."
Sie marschiert zu den Türen des Ladens und zittert noch stärker, als die Türen sich öffnen und ihr kalte Luft entgegenblasen. Sie achtet darauf, die Zahlen nicht mit dem Dreck an ihren Fingern zu verschmieren, und hält den Zettel an einer Ecke fest. Die Kassiererin an der Kasse für zehn Artikel oder weniger blinzelt ihr langsam zu und versucht, nicht so auszusehen, als würde sie sie anstarren.
„Hallöchen." Hermine lächelt sie an. Hallöchen? Hallöchen? Wann in ihrem Leben hat sie jemals Hallöchen gesagt?
„Hallo.", grüßt die Frau und verzieht ihre Lippen zu einer Art Lächeln.
Hermine atmet tief durch und versucht, sich nicht von ihrem Dickkopf beherrschen zu lassen. Sie hat immer den Eindruck, dass die Leute sie sofort durchschauen, wenn sie lügt. Als sie zehn gewesen ist, hat sie sich aus dem Fenster geschlichen, um sich mit ihren Freunden auf einem Friedhof zu treffen, wie in einem Film, den sie gesehen haben. Am nächsten Morgen hat ihr Vater sie gefragt, wie sie geschlafen habe, und er hat gelächelt, als sie „gut" gesagt hat. Noch bevor er sich ganz umgedreht hat, um die Eier zu wenden, hat sie sich davon überzeugt gehabt, dass die Art und Weise, wie er sich umgedreht hat, bedeutet, dass er alles weiß, und sie hat alles ausgeplappert, bis sie ganz rot im Gesicht gewesen ist.
„Ich habe ein ernstes Problem." So wie die andere Frau plötzlich nervös aussieht, ist das nicht die beste Wahl für den Start der Unterhaltung gewesen. „Ich war auf dieser Art von ... Such- und Finde-Ding. Sehen Sie, mein Freund Dra... Kuh, Henry... Drake Henry, dachte, es wäre eine wirklich romantische Sache, mich an all diese verschiedenen Orte zu schicken und Hinweise zu finden, um ihn zu finden. Und es ist eine wirklich romantische Sache, verstehen sie mich nicht falsch, Henry ist sehr romantisch. Es hat ganz süß angefangen..." Hermine hält inne, ihr Gesicht flammt trotz der Kälte auf.
Jetzt redet sie um den heißen Brei herum. Sie ist ein wirres, schlammiges Durcheinander von einer Verrückten, und diese Frau ist wahrscheinlich drei Sekunden davon entfernt, die Polizei zu rufen. Hermine beobachtet, wie sich ihre Finger unter dem Tresen zu einer Faust ballen, als würde sie sich darauf vorbereiten, sie anzugreifen oder so. Hermine könnte Dracos Gesicht nicht ertragen, wenn es schief gehen würde. Vielleicht müsste sie ihm eine Ohrfeige verpassen, nur um die Selbstgefälligkeit loszuwerden.
„Das ist süß."
Hermine hebt den Blick und stellt fest, dass das Lächeln der Kassiererin eher echt als nervös ist, und atmete tief ein. „Ja, ja, sehr süß. Sehen Sie, sein letzter Hinweis waren diese Koordinaten, und ich dachte, ich hätte den richtigen Ort gefunden, aber dann bin ich plötzlich einen Hügel hinuntergefallen. Da drüben.", sie macht eine vage Geste über ihre Schulter. „Also ... doch nicht der richtige Ort."
„Einen Hügel hinunter?"
„Jep!", sagte Hermine viel zu aufgeregt. Die Frau hält inne, Verwirrung huscht über ihr Gesicht. „Aber ich freue mich immer noch sehr, ihn zu sehen, und ich habe mich gefragt... gibt es eine Möglichkeit, dass Sie diese Koordinaten für mich nachschlagen könnten? Ich brauche nur –"
„Oh. Ich weiß nicht."
„Es würde wirklich nur eine Minute dauern. Oder vielleicht können sie einfach fragen, ob jemand im Laden –"
„Ich darf mich nicht ins Internet einloggen, außer es ist etwas für den Laden." Die Kassiererin schürzt die Lippen und geht zur Vorderseite des Computerbildschirms hinüber. Hermine blinzelt sie kurz an, denn sie kann sich wirklich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal etwas wie ‚Internet' gehört hat. Plötzlich fragt sie sich, wie viele E-Mails sie wohl seit Beginn des Krieges bekommen hat, und ein seltsames, verrücktes Lachen entweicht ihrer Kehle.
„Ich würde es wirklich zu schätzen wissen, wenn Sie diese eine Ausnahme machen könnten."
Denn es ist ziemlich wichtig. Denn es herrscht Krieg, und Hermine ist eine Soldatin mit Narben und Erinnerungen und Freunden, die gestorben sind. Da sind diese Leute, diese schrecklichen Leute, die man Todesser nennt, die in dieser sicher aussehenden Stadt sind. Die Stadt, in der man nachts seine Türen nicht verschließt, in der kleine Kinder bis weit nach Einbruch der Dunkelheit draußen spielen, in der die Menschen leben und atmen und es nicht wissen. Nicht, bis jemand mit Kapuze und Maske kommt und einen umbringt, ohne Gefühl, während man sich über das Gemüse beugt und versucht, die besten Orangen auszusuchen. Erst wenn die Kinder Waisen sind, die nicht mehr draußen spielen können, wenn selbst eine verschlossene Tür einen nicht mehr schützen kann und Menschen die Welt mit einem Schnipsen und dem Schwingen eines Stocks in die Knie zwingen können.
Hermine spürt einen Anflug von Wut, der ihr in die Glieder fährt. All die Kosten des Krieges und alles, was er ihr genommen hat, und diese dumme Frau mit ihrem mürrischen Gesicht, die nicht einmal das Internet benutzen will, einfach nur weil sie es kann. Hermine würde sie am liebsten in ihre Erinnerungen stecken, ihr jeden Moment zeigen, der zu sehr schmerzt, um daran zu denken, und jedes lächelnde Gesicht, das sie außerhalb dieser Erinnerungen nie wieder sehen würde. Siehst du, würde sie fragen, und schreien, und vielleicht würde sie weinen. Siehst du das?
„Ich werde meinen Chef fragen."
Jeden Dienstag gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 21.02.23
