Kapitel 15
Am nächsten Morgen war sie nicht beim Frühstück.
Draco hatte gut geschlafen, so gut wie seit langem nicht mehr. Er wachte zwar immer noch auf, bevor die Sonne auf den Grund des Schwarzen Sees gesunken war und sein Zimmer durchtränkt hatte, aber seine Augen brannten nicht wie sonst, und sein Kopf tat nicht weh. Er fühlte sich ausgeruht, friedlich. Draco erlaubte es sich sogar, ein paar Minuten im Bett liegen zu bleiben.
Er bewegte sich und spürte die Kühle der Fessel um seinen Knöchel. Es fühlte sich nicht so eng an wie sonst. Er fragte sich, ob McGonagall sie lockerer gemacht hatte. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und erinnerte sich daran, wie sich der Schnee auf seiner Haut angefühlt hatte, wie die Hitze im Pub ihn umhüllt hatte und das Feuer des Whiskeys seine Kehle hinuntergeronnen war, wie sich Hermines Hand in seiner angefühlt hatte, ihr Kopf an seiner Schulter, ihr Lachen, der Blick in ihren Augen, wenn sie ihn gesehen hatte...
Draco presste die Handflächen auf seine Augen und stieß einen erstickten Laut aus. Was, zum Teufel, hatte diese Hexe mit ihm gemacht? Hatte sie ihn verhext? Oder war es nur so, dass er sich so verzweifelt nach jemandem sehnte, der ihn sah, dass er begann, sich danach zu sehnen, dass Hermine Granger wieder seine Hand hielt?
Allein ihr Anblick reichte aus, um seine Seele zur Ruhe kommen zu lassen. Er fühlte sich, als wäre er so lange verloren gewesen, umherirrend, auf der Suche nach einem Weg, wieder gut zu sein, dass das Finden seines Ziels ein Traum war. Es fühlte sich nicht real an. Gestern war der beste Tag gewesen, den er seit langem gehabt hatte, und die Tatsache, dass sie sich so viel Mühe gegeben hatte, um es möglich zu machen, um es zu legalisieren, um ihm zu helfen, wieder zu atmen... Granger hatte immer 100% zu allem gegeben, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Aber das hier war etwas anderes, mit ihm. Er wusste, dass sie investiert war. Er sah es in ihren Augen, wenn sie ihn fragte, ob es ihm gut geht, in ihrem Blut, als sie sich auf die Lippe gebissen hatte, weil sie versucht hatte, ihn zu verstehen, in dem Schwanken ihrer Stimme, als sie ihm gesagt hatte, dass sie ihn nicht hasste.
Deshalb wurde ihm ganz mulmig, als Granger nicht beim Frühstück war, als er schließlich in die Große Halle schlenderte. Er stand wie erstarrt in der Tür und ließ seinen Blick über den rot-goldenen Tisch schweifen. Blaise beobachtete ihn und Draco zwang sich, zum Slytherin-Tisch hinüberzugehen und sich neben seinen Freund zu setzen, um nicht noch mehr seltsame Blicke auf sich zu ziehen. Er schluckte heftig.
„Hast du gut geschlafen?", fragte Blaise, der ihn immer noch beobachtete.
„Ja.", antwortete Draco, aber er war abgelenkt.
Blaise sah ihn stirnrunzelnd an, dann folgte er seinem Blick. Er seufzte. „Sie ist noch nicht reingekommen."
Draco sah ihn schnell an. „Wer?"
Sein Freund sah ihn an, als wüssten sie beide, dass es eine überflüssige Frage war.
„Warum sollte mich das interessieren?", fragte Draco, aber er wusste auch, dass er keinem von ihnen etwas vormachen konnte.
Blaise machte sich nicht einmal die Mühe, zu antworten. Er bediente sich am Speck. „Wo warst du eigentlich gestern? Ich konnte dich nirgendwo im Schloss finden."
Draco schwieg eine lange Zeit. Schließlich murmelte er: „Und wenn ich nicht im Schloss gewesen bin?"
Die Gabel, die Blaise in der Hand gehalten hatte, klapperte auf seinen Teller, was ein paar finstere und erschrockene Blicke auf sich zog. Die Augen seines Freundes zuckten wild umher, dann senkte er den Kopf und sagte mit leiser Stimme: „Dann spielst du mit dem Gesetz, Draco. Das weißt du doch."
Draco schluckte. „Und wenn ich dir sage, dass es legal war?"
„Das Ministerium hat es dir erlaubt?", verlangte Blaise zu wissen.
Draco sah ihn an. Er nickte einmal.
Blaise lehnte sich zurück und stieß einen langen Pfiff aus. „Scheiße." Er lachte. „Wie hast du das geschafft?"
„McGonagall."
„Aber wie? Warum?"
Irgendetwas in Dracos Hinterkopf legte nahe, dass er Blaise die Wahrheit sagen sollte, aber es fühlte sich zu schwer an es zuzugeben. „Ich weiß es nicht."
„Und was hast du gemacht? Wo bist du hingegangen?", fragte Blaise.
„Hogsmeade."
„Alleine?" Ein amüsierter Unterton untermalte das Wort.
Seine Belustigung wurde einen Moment später unterbrochen, als Draco sich weigerte, ihm in die Augen zu sehen und mit leiser Stimme sagte: „Nein."
Blaise runzelte tief die Stirn. Verwirrt fragte er: „Wer ist dann...?" Auf seinem Gesicht dämmerte die Erkenntnis, und sie hatte etwas fast Entsetzliches an sich, das Draco in Panik versetzte. „Granger.", flüsterte er und suchte nach Bestätigung.
Draco schluckte. „Du kannst es niemanden sagen."
Blaise zog die Augenbrauen hoch. Er fuhr sich mit einer Hand über den Kopf. „Ich wurde für Hermine Granger abserviert, verdammt!"
Draco hob Blaise weggeworfene Gabel auf und stach ihm damit leicht in die Hand. „Würdest du bitte leiser sprechen?", zischte er.
Blaise zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er schnappte sich seine Gabel zurück und aß weiter. Draco aß nicht.
„Hattest du wenigstens einen schönen Tag?", fragte Blaise mit angespannter Stimme.
Draco hielt inne. „Ja. Es war schön, danke."
Er blickte zurück zum Gryffindor-Tisch. Sie war immer noch nicht aufgetaucht. Draco schürzte seine Lippen. Am liebsten hätte er sich für das, was er vorhatte, selbst mit einer Gabel in die Hand gestochen.
Er stand auf, ignorierte Blaises Fragen und sagte: „Ich habe etwas vergessen."
Blaise verdrehte die Augen, denn er wusste, dass es hier nicht um etwas, sondern jemanden ging, aber Draco lief einfach von ihm weg. Er wusste, wo er als erstes suchen musste. Zu seinem Glück war Granger ein ziemlich einfaches Geschöpf.
Er suchte zuerst in der Bibliothek. Es machte Sinn, dass sie dort war, selbst zu dieser grässlichen Zeit am Morgen; höchstwahrscheinlich, so schlussfolgerte Draco, holte sie all die Arbeit und die zusätzliche Überarbeitung nach, die sie gestern verpasst zu haben glaubte, und die Schuldgefühle hatten sie vermutlich aus dem Bett getrieben, noch bevor die Sonne ihre Vorhänge geküsst hatte. Aber er sah nirgendwo ihren wilden Haarschopf, und obwohl er in jedem Gang ihren Namen flüsterte und ihm mit dem Rauswurf gedroht wurde, tauchte sie nicht plötzlich auf, um ihn zu schimpfen. Als klar war, dass sie nicht hinter einem der Bücherregale hervorspringen würde, machte Draco sich auf den Weg zum Raum der Wünsche, aber auch der war leer. Er machte sich sogar die Mühe, den Schwarzen See zu umrunden, nur um zu sehen, ob sie nicht ein wenig frische Luft schnappen wollte. Die Luft war unglaublich frisch und eiskalt; er hielt sich nicht lange draußen auf und machte sich schnell auf den Weg zurück in die Große Halle.
Draco lungerte in der Nähe der Tür herum und versuchte, etwas Gefühl in seinen Armen zurückzubekommen. Er hatte alle seine Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt hatte er keine Wahl mehr. Es gab nur eine Person, die er fragen konnte. Nun, er hätte noch ein paar andere Möglichkeiten, aber er musste jetzt wissen, wo Granger war, und die Elfen würden zu lange brauchen, um das ganze Schloss zu durchsuchen, und es könnte verdächtig wirken, wenn er einen Gryffindor-Erstklässler in ihren Gemeinschaftsraum schickte, um nach ihr zu suchen. Deshalb stand Draco mit verschränkten Armen am Eingang zur Großen Halle und wappnete sich für das, was er vorhatte. Er holte tief Luft, bevor er seine Meinung ändern konnte. Dies war für Granger. Granger, die alles getan hatte, um sicherzustellen, dass es ihm gut ging. Was für ein Mensch wäre er, wenn er nicht dasselbe tun würde?
Eine abfällige Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass er die Antwort nicht wissen wollte.
Draco ging zum Gryffindor-Tisch, bevor er sich selbst davon abhalten konnte.
„Weasley.", sagte er und schluckte seine Nervosität hinunter.
Er hatte seit Jahren nicht mehr mit dem Mädchen gesprochen, und selbst dann war es immer nur ein spöttisches Grinsen gewesen, um sie an ihren Platz in der nicht existierenden Hierarchie zu erinnern. Trotzdem fand Draco den Blick, den sie ihm zuwarf, als wäre er ein Kaugummi auf ihrer Schuhsohle, ein wenig unnötig. Dann erinnerte er sich daran, dass seine Tante versucht hatte, sie zu töten. Und der Freund seines Vaters ihren Bruder ermordet hatte. Er musste sich zwingen, ihr weiter in die Augen zu sehen.
„Frettchen.", antwortete sie. Draco konnte sich nicht erinnern, dass Weaslebees Blick jemals so giftig gewesen war. Ein paar der Gryffindors um sie herum lachten leicht. Weitere von ihnen beobachteten ihn vorsichtig.
„Ähm.", begann er. Sein Blick huschte zu den anderen, denn er wusste, dass sie zuhörten. Vage fragte er sich, ob Granger es dem Weasley-Mädchen überhaupt gesagt hatte. Es war unwahrscheinlich, wenn sie es Potter nicht gesagt hatte. „Kann ich mit dir sprechen? Unter vier Augen?"
Weasley starrte ihn sehr lange an, und er wollte schon aufgeben, als sie mit den Schultern zuckte und sagte: „Sicher."
Sie stand auf und gestikulierte mit ihrer Hand, dass er voran gehen sollte. Er wischte sich die Hände an seiner Hose ab und führte sie aus der Halle. Sobald sie nicht mehr beobachtet wurden, drehte sich Weasley zu ihm um, die Hände auf den Hüften, und sah ihrer Mutter verblüffend ähnlich.
Sie fragte: „Was willst du, Malfoy?"
Draco starrte sie an. Dann öffnete er den Mund. „Wo ist Granger?" Er zuckte zusammen, als sie eine Augenbraue hob, und fuhr eilig fort: „Wir haben ein gemeinsames Zaubertränke Projekt und müssen damit anfangen. Mir ist aufgefallen, dass sie nicht beim Frühstück war und ich wüsste nicht, wo ich sie finden könnte –"
„Hast du in der Bibliothek nachgesehen?", fragte Weasley unumwunden.
Draco runzelte die Stirn. „Natürlich habe ich das."
Beinahe hätte er ihr ein Grinsen entlockt, aber sie schien sich im letzten Moment zu erinnern, wer er war. „Nun.", sie verschränkte die Arme. „Ich habe heute Morgen auf sie gewartet, aber sie ist nicht rausgekommen. Als ich an ihre Tür geklopft habe, hat sie gesagt, dass es ihr nicht gut geht."
Draco spürte, wie sich seine Kehle zusammenzog, und er versuchte, seine Gesichtszüge zu glätten, damit seine Sorge nicht noch durchschaubarer war, als sie es vermutlich eh schon war. „Oh. Okay. Danke."
Als er sich umdrehen wollte, hob sie die Augenbrauen und fragte: „Ist das alles?"
Draco nickte und widerstand dem Drang, sich von ihr loszureißen und in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum zu rennen. „Ja. Das war's."
„Richtig.", sagte Weasley. Sie starrte ihn immer noch komisch an. „Also dann, bis bald, Malfoy."
Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Großen Halle. Kurz bevor sie darin verschwand, drehte sich Weasley noch einmal um und sagte: „Wie geht es dir eigentlich? Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, hat man dich gerade zu Brei verprügelt."
In ihrer Stimme lag vielleicht ein Hauch von Spott, aber ihr Gesicht war wie versteinert. Draco wettete sogar, dass er ein Aufflackern von Aufrichtigkeit in ihren dunklen Augen sehen konnte. Er leckte sich über die Lippen. „Mir geht's gut. Und Weasley, danke für deine Hilfe."
Sie nickte einmal, ging zurück zu ihrem Platz am Gryffindor-Tisch und nahm ihr Frühstück wieder auf, als wäre nichts geschehen. Die Leute beobachteten sie.
„Was hat er gewollt?", hörte Draco Longbottom fragen.
„Nichts, er hat mich nur etwas über ein Projekt gefragt.", log Weasley leichthin.
Er wartete nicht mehr länger. Er schlenderte in der Eingangshalle herum, als ein paar Nachzügler zum Frühstück stolperten, ihm vorsichtige Blicke zuwarfen und ebenso schnell wieder wegschauten. Sobald sie vorbei waren, sprang Draco über das Treppengeländer und stürmte die Stufen hinauf, wobei er jeweils zwei auf einmal nahm. Er hielt erst im obersten Stockwerk an, schlitterte um Ecken und eilte die Korridore entlang, bis er schließlich zum Porträt der Fetten Dame kam.
Dort blieb er stehen, weil ihn der gesunde Menschenverstand verließ. Jetzt, wo er da war, wusste er nicht, was er sagen sollte.
„Sagen Sie - ähm, können Sie Hermine Granger sagen, dass ihr - ähm, ihr Zaubertrankpartner sie sehen will?", verlangte Draco lahm.
Die Frau auf dem Bild war nicht gerade das, was Draco als Muse bezeichnen würde; wenn er ein Künstler wäre, hätte er sicher nicht das Verlangen gehabt, sie zu malen. Sie hatte dichte blonde Locken, eine Perücke, wenn man von der Art, wie sie auf ihrem Kopf wackelte, ausgehen konnte, violette Pflaumen als Lippen und ein exzentrisches und hässliches Kleid aus dem mittleren Jahrhundert. In der Hand hielt sie einen silbernen, verschnörkelten Spiegel, in dem sie sich zurecht machte.
Sie ignorierte ihn.
Draco spannte sich an. Er klopfte an ihren Rahmen und sprichwörtlicher Staub regnete vom Porträt, die Fette Dame zuckte und streckte sich, um sich zu beruhigen. Sie sah ihn vorwurfsvoll an.
„Hermine Granger?", fragte er.
„Ja! Ja, schon gut! Also wirklich, so eine Frechheit. Was willst du?" Sie hob eine dünn geschminkte Augenbraue. Ihre Stimme klang rau und trällerte wie eine Operette. Merlin wusste, wie die Gryffindors mit ihr zurechtkamen; Draco dachte, es wurde langsam klar, warum sie alle so empfindlich waren.
Draco biss die Zähne zusammen. „Ich muss Hermine Granger sehen."
Die Dicke Dame schniefte und schaute auf ihre Nägel. „Es geht ihr nicht gut."
Sein Gesicht verzog sich, aber er beschloss, so höflich wie möglich zu bleiben. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Deshalb muss ich sie sehen."
„Sie hat es nicht nötig, dass du auch noch Dinge von ihr verlangst."
„Ich verlange nichts –"
Draco kniff sich in die Nase. „Wenn du ihr sagst, dass ich hier bin, werde ich gehen. Wenn du es nicht tust, muss ich bleiben und dich den ganzen Tag nerven. Ich habe nichts Besseres zu tun."
Sie versuchte, ihn nicht anzusehen, aber er wusste, dass er sie geködert hatte; die Lippen der Fetten Dame schürzten sich, ihre Augen blickten zu ihm. Sie hielt noch einen Moment inne und stieß einen melodramatischen Frustrationsschrei aus, bevor sie sich aus dem Rahmen stürzte. Draco grinste.
Sein Grinsen hielt nicht sehr lange an. Die Fette Dame kam nicht zurück. Er dachte, dass Granger vielleicht schlief, aber dann glaubte er, dass es wahrscheinlicher war, dass die verdammte Frau nicht einmal Grangers Zimmer betreten hatte, sondern sich davongeschlichen hatte, damit sie ihm nicht helfen musste. Er begann auf und ab zu gehen.
Es dauerte zehn Minuten, bis die Fette Dame wieder auftauchte, ein wenig zerknittert und ihre Perücke zurechtrückend. Sie warf ihm einen bösen Blick zu. Er wartete mit angehaltenem Atem, aber sie schwieg, wie aus Protest.
„Was –?"
Das Porträtloch klaffte auf und er verstummte. Tatsächlich spähte Granger mit dem Kopf herum und schnaubte. Nach einer Sekunde erschien sie vollständig. Ihre Haare waren wild, noch wilder als sonst, und standen in alle Richtungen ab, ihre Augen waren rosa und geschwollen, ihre Nase rot, ihre Wangen gerötet, ihre Lippen rissig und wund. Sie war in einen lächerlich grellen Morgenmantel gehüllt.
„Wirklich, Draco.", schniefte sie. „Ein Porträt zu belästigen, bringt dich nicht weiter. Kein Wunder, dass ich ständig bessere Noten habe als du –"
Er knurrte, stürmte auf sie zu und schlang seine Arme fest um sie, ohne sich darum zu kümmern, wer sie beobachten könnte. Ihre Haare dufteten nach Vanille und sie war warm und weich und okay. Nach einem Moment streckten sich ihre dünnen Arme nach oben, um ihn zu umarmen.
„Draco.", brachte Hermine heraus. Ihre Stimme war in seiner Schulter gedämpft. „Ich will dich nicht beunruhigen, aber Erkältungen sind höchst ansteckend."
Draco trat zurück und ließ sie grob los. Er blickte den Korridor auf und ab. Er war leer. Sein Blick kehrte zu ihrem Gesicht zurück, und er wusste, dass er zerknirscht aussehen musste, als er sie ansah. Grangers Augenbrauen zuckten.
„Draco? Hast du... hast du dir Sorgen um mich gemacht?" Sie klang verwirrt.
Er merkte, dass er sie nicht weiter ansehen konnte, wenn sie so klang. Es traf ihn zu unvorbereitet. Sein Blick wanderte über den Boden. „Du warst nicht beim Frühstück."
Granger sagte nichts. Er wusste, dass ihre Lippen wahrscheinlich vor Überraschung aufgesprungen waren, dieser Goldfischausdruck, den sie gewöhnlich machte, wenn es jemand geschafft hatte, sie sprachlos zu machen. Draco bemerkte, dass sie barfuß war, und auf der freiliegenden Haut ihrer Knöchel hatte sich bereits eine Gänsehaut gebildet.
„Du solltest wieder ins Bett gehen.", sagte er ihr und kratzte sich im Nacken. „Du wirst dir hier draußen noch den Tod holen."
Sie hatte die Arme um ihren Körper verschränkt und umarmte sich selbst. Granger beobachtete ihn. „Okay." Sie nickte nach einem Moment. „Draco –"
Er sah zu ihr auf.
Granger lächelte schwach. „Danke, dass du nach mir gesehen hast."
Er nickte. Sie drehte sich um, um zu gehen, und als sie am Porträtloch ankam, konnte Draco sich nicht zurückhalten und platzte heraus: „Darf ich reinkommen?"
Granger blinzelte. Dann lachte sie. „Ich schmuggle dich nicht in mein Schlafzimmer, Draco."
Er errötete beschämt. Sie lachte immer noch. Als sie aufhörte, lehnte sie ihren Kopf gegen die Tür zum Gemeinschaftsraum und sagte: „Du kannst nicht reinkommen, Draco. Wie soll ich dich denn rausschmuggeln? Du würdest mit zu vielen Leuten zusammenstoßen, selbst wenn du den Umhang trägst. Das ist zu verdächtig."
Draco nickte wieder und vermied es, sie anzuschauen. Natürlich war es eine dumme Idee. Aber warum in aller Welt wollte er überhaupt in die Höhle des Löwen gehen? Er hatte keine Todessehnsucht. Zumindest nicht mehr.
„Aber.", begann Granger, fast schüchtern. Draco blinzelte. Er glaubte nicht, dass er Hermine Granger jemals schüchtern erlebt hatte. „Wenn du Gesellschaft willst und dich mein Zustand wirklich nicht abschreckt, könnten wir doch in den Raum der Wünsche gehen?"
Sie sah wirklich furchtbar aus. Sie schniefte und räusperte sich ständig und er wusste, dass sie sich nur umarmte, um etwas Wärme zu bewahren.
Draco seufzte. „Granger, du solltest dich ausruhen –"
Sie verdrehte die Augen. „Bitte, ich kann mich doch ausruhen. Ich habe nicht vor, mich viel zu bewegen, wenn wir erst einmal dort sind. Lass mich nur meinen Umhang holen. Ich will nicht, dass mich das ganze Schloss in meinem Pyjama sieht."
Ihre Pyjamahose war unter ihrem Morgenmantel zu sehen und er bemerkte, dass kleine goldene Bienen darauf zu sehen waren. Draco schmunzelte. „Warum nicht? Sie sind niedlich."
Der finstere Blick, den sie ihm zuwarf, hätte ihn umbringen können, wenn sie es ernst gemeint hätte. Er schwor, dass ihre Wangen noch dunkler wurden.
Draco wartete auf sie, als sie zurück in den Gemeinschaftsraum ging, um ihren Umhang zu holen. Die Fette Dame war immer noch verärgert über ihn, also vermied er es, sie anzusehen, und zupfte lieber an seinen Nägeln. Das bedeutete, dass er den verwirrten Blick auf ihrem ölverschmierten Gesicht verpasste und die Art, wie er weicher wurde, was sie ein wenig sympathischer erscheinen ließ.
Granger tauchte ein paar Minuten später wieder auf und wickelte ihren Mantel fest um ihren Körper. Er stellte fest, dass sie sich die Zeit genommen haben muss, um ihre Haare zu bürsten, denn es war nicht mehr ganz so wild. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Sie gingen nebeneinander her, schweigend, wie sie es immer taten, und erreichten das Zimmer in kürzester Zeit, da es sich auf derselben Etage befand. Draco ging auf und ab, wünschte sich etwas und hielt ihr die Tür auf, als sie schließlich eintrat.
Das Zimmer war aufgebaut wie immer; die beiden Sofas standen einander gegenüber, vor dem knisternden Feuer, mit einem Wald von Bücherregalen am anderen Ende. Es war warm, angenehm warm, und er sah, wie Granger fast schmolz. Er ging vorsichtshalber hinter ihr her, als sie sich zum nächstgelegenen Sofa begab. Es gab einen Stapel Decken und Kissen, und sie ließ sich auf den Sitz fallen und lehnte sich in die Kissen zurück. Er schüttelte eine Decke auf und drapierte sie über ihr. Granger verbarg ihre Überraschung und lächelte dankbar.
Draco saß ihr gegenüber und sah zu, wie sie es sich gemütlich machte und die Hände verschränkte. Sie sah aus, als könnte sie jeden Moment wieder einschlafen.
„Du hast nicht gescherzt, als du gesagt hast, dass du eine Erkältung bekommen würdest.", bemerkte er. Er räusperte sich. Schenkte ihr ein schiefes Lächeln.
Sie legte den Kopf schief und lächelte ihn an. „Nein. Es geht mir gut. Ich bin immer zu diese Zeit erkältet. Es ist nicht so schlimm. Das bedeutet, dass ich bis Weihnachten darüber hinweg sein werde.", sagte sie. Sie war einen Moment lang still. „Hast du schon Pläne für Weihnachten?"
Draco schluckte heftig. Er lehnte sich in die Couch zurück. „Ich durfte bis jetzt nicht einmal nach Hogsmeade, Granger. Mein Haus ist ein Tatort. Es wird das erste Weihnachten sein, das ich in Hogwarts verbringe, abgesehen vom vierten Schuljahr."
„Oh." Granger verzog das Gesicht. „Es tut mir leid. Ich bin so doof. Daran habe ich nicht gedacht –"
„Was! Hermine Granger hat nicht nachgedacht?", stichelte er.
Sie kniff scherzhaft die Augen zusammen. Draco grinste fast.
Sie zog die Beine hoch und zitterte, versuchte, es zu überspielen, während sie sich bewegte. Draco zückte seinen Zauberstab und zauberte ihr ein paar warme Socken um ihre Füße. Granger wackelte mit den Zehen und lachte. „Danke, das ist schon viel besser.
„Falls es dich tröstet, ich bleibe auch über die Feiertage. Harry und Ron arbeiten noch bis zum ersten Weihnachtsfeiertag. Ich wurde zwar zum Fuchsbau eingeladen, aber da ich dort den größten Teil der Ferien allein verbringen würde, kann ich genauso gut hier bleiben.", sagte sie.
Draco versuchte, ihr ein schwaches Lächeln zu schenken. „Wir können zusammen Einzelgänger sein."
Sie lachte laut auf. „Was für ein trostloses Bild."
Sein Lächeln wurde weicher. Als er sie wieder ansah, waren ihre Augen geschlossen. Er sagte sanft: „Ich wäre nicht beleidigt gewesen, wenn du es abgelehnt hättest, den Tag mit mir zu verbringen."
Grangers Lippen kräuselten sich träge. „Da ich weiß, wie leicht du beleidigt bist, würde ich dir widersprechen."
Draco zuckte kurz beleidigt zurück und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, bevor ihm klar wurde, dass er ihr damit nur Recht geben würde, und eine Granger, die Recht hat, war unausstehlich. Stattdessen schloss er den Mund.
„Ich kann nicht glauben, dass du durch das Schloss gejagt und dann die Fette Dame belästigt –"
„Ich habe sie nicht belästigt.", spottete er. „Wenn überhaupt, dann hat sie mich belästigt. Niemand, der bei Verstand ist, würde ihr Bild freiwillig auf die Leinwand bringen."
„– hast, nur um mich zu finden. Früher hast du mich um jeden Preis gemieden."
Sie klang amüsiert über diese Tatsache. Trotzdem fühlte sich Draco ein wenig schüchtern. Er murmelte: „Manchmal habe ich versucht, dich zu finden. Wenn ich gelangweilt gewesen bin. Du hast mich immer auf die Palme gebracht. Es war unterhaltsam."
Granger riss ein Auge auf. „Wenn ich dich nicht gerade verbal vernichtet habe."
„Oder mich geschlagen hast." Er schnitt eine Grimasse und rieb sich bei der Erinnerung daran seinen Kiefer. Der blaue Fleck war wochenlang nicht verblasst; er hatte Make-up benutzen müssen, um ihn vor seinem Vater zu verstecken.
Ein verräterisches Lächeln kroch bei der Erinnerung über ihr Gesicht und Draco verzog das Gesicht. Es verschwand ebenso schnell wieder.
„Hast du ein Pergament?", fragte sie plötzlich und riss die Augen auf. Sie flog nach vorne und setzte sich auf, wobei ihr die Decke von den Schultern rutschte.
Draco runzelte die Stirn. „Warum sollte ich...? Warum brauchst du welches? Bitte sag mir, dass du nicht vorhast, gerade jetzt Hausaufgaben zu machen, Granger."
„Nein.", rief sie. „Sei geduldig und du wirst schon sehen! Hast du jetzt welches?"
Er fühlte sich wie ein bockiges Kind, das von seiner Mutter ausgeschimpft wurde. Er rappelte sich auf und schlenderte zu den Bücherregalen hinüber, wobei er mit dem Finger über die Buchrücken fuhr. Es gab einige, die er wiedererkannte, und er fragte sich, ob der Raum dies absichtlich getan hatte. Er war sich dessen sicher, als er auf einen bestimmten Titel stieß. Sein Finger verweilte. Seine Lippen verzogen sich.
Draco kam keinen Augenblick später mit einem Buch in der Hand zurück. Er zeigte ihr den Titel, als sie neugierig ihren Hals reckte.
„Hamlet?", las Granger laut vor. „Du bist wirklich ein Bewunderer, oder?"
„Von Shakespeare? Normalerweise schon.", antwortete Draco. „Aber nicht von diesem."
Er ließ sich in das Sofa zurückfallen, schlug das Buch auf seinem Schoß auf und riss eine Seite heraus. Der Schrei, der sich aus Grangers Kehle löste, wirkte, als hätte er jemanden vor ihren Augen ermordet und ihr eine Tasse Tee über der Leiche angeboten.
Er machte sich daran, eine weite Seite herauszureißen.
„Draco!", rief sie erschrocken.
„Beruhige dich, Granger. Es ist doch nur ein Buch."
„Es ist ein Klassiker!"
„Es ist ein Witz.", er verzieht das Gesicht. „Hamlet lässt sich von allem zerstören. Er hätte sich mehr Mühe geben sollen."
„Sein Vater wurde von seinem Onkel ermordet!", wetterte sie und ihre Nasenflügel blähten sich auf. Sie sah ein bisschen lebendiger aus als vorhin.
„Und? Was ist das für eine traurige Geschichte?", fragte er.
Granger spottete laut. „Eine verdammt gute!"
„Verdammt ist richtig.", murmelte Draco. Dann, lauter und wütender: „Du hast Hamlet gelesen, oder nicht? Seine traurige Geschichte hat dazu geführt, dass alle sterben!"
„Manche Menschen können nichts dafür, was ihnen widerfährt.", schimpfte Granger.
„Nein, aber sie können kontrollieren, wie sie damit umgehen.", stieß er hervor.
Sie sah ihn finster an, schwieg aber und schien ihn gewähren zu lassen. Dann streckte sie ihre Hand aus, wie ein kleines Kind, das nach einem Wutanfall zurück gelaufen kommt. Draco riss eine weitere Seite heraus. Er achtete darauf, dass es dieses Mal lauter klang. Granger zuckte zusammen.
Er stand auf und reichte ihr die Seiten. Granger ließ ihn mit einem bösen Blick wissen, was sie von ihm hielt, der ihm nicht mehr so viel Angst einflößte wie früher. Sie setzte sich ein wenig aufrechter hin, holte ihren Zauberstab aus der Tasche ihres Umhangs und richtete ihn auf die Seiten. Draco beobachtete sie neugierig. Er schwor, dass sie etwas Verurteilendes vor sich hin murmelte und ihm einen letzten kurzen Blick zuwarf.
Die Magie tropfte von der Spitze ihres Zauberstabs und durchtränkte das Papier, das golden glühte. Als sie fertig war, zog sie eine Augenbraue hoch, und er merkte, dass er sie angestarrt hatte.
„Hier.", sagte Granger und reichte es ihm zurück. Er kam ihr auf halbem Weg entgegen. Sie war immer noch ein wenig unsicher auf den Beinen.
„Und was ist das?", fragte er und wedelte damit herum.
Sie runzelte die Stirn. „Nun, du kannst die Fette Dame nicht immer belästigen. Sie ist eine Klatschtante, weißt du. Jeder wird wissen, dass wir ‚Zaubertrankpartner' sind - übrigens eine nette Tarnung, aber es bedeutet, dass wir, wenn Slughorn unweigerlich Partnerarbeiten verteilt, zusammen gehen müssen, um keinen Verdacht zu erregen –"
„Blaise weiß es schon."
Granger brach ab, die Lippen immer noch geschürzt, als wolle sie fortfahren. Sie blinzelte. „Richtig. Nun, es ist wahrscheinlich nicht überraschend, dass er es herausgefunden hat. Ich habe ihn durch den Korridor gejagt und von ihm verlangt, dass er mir sagt, wo du bist."
„Ich –" Draco hielt inne. „Was?"
Granger zuckte zusammen. „Er hat es dir nicht gesagt?"
Er wusste nicht, ob er lachen oder verärgert sein sollte. Geräuschlos schüttelte er den Kopf.
„Richtig." Granger sah ihn nicht an. „Nun, Ginny weiß, dass ich mich mit jemandem treffe, wenn ich mich davonschleiche. Sie hat mir nachspioniert. Nicht sehr gut, wohlgemerkt, aber ich glaube, sie hat versucht, respektvoll damit umzugehen - jedenfalls habe ich ihr nicht gesagt, mit wem ich mich treffe."
Draco versuchte, nicht anders auszusehen, aber die Schuldgefühle müssen in sein Gesicht gesickert sein, denn Granger erblasste leicht und fragte: „Was?"
„Weasley weiß es jetzt wahrscheinlich.", sagte er zögernd.
„Was hast du getan?"
Die Anschuldigung in ihrer Stimme ließ ihn eine Grimasse schneiden.
„Nichts! Zumindest nicht ausdrücklich. Ich habe sie nur gefragt, wo du bist –"
„Oh, fuck!"
Das Schimpfwort kam so hart und schnell aus Grangers Mund, dass Draco sich zweimal umdrehen musste. „Granger! Hast du gerade –?"
„Nun, jetzt ist es geschehen, nicht wahr?", rief sie aus. „Wenn alle es wissen, dann wissen sie es eben! Es ist nicht so, dass ich mich für dich schäme und du dich für mich auch nicht. Zugegeben, bei meinen Freunden ist es frustrierender, weil sie alle Idioten sind, die sich an dumme Schul-Rivalitäten klammern, und ich habe weder die Zeit noch die Energie, ihnen die Feinheiten der Situation zu erklären. Zabini war nicht begeistert von mir, als ich das erste Mal mit ihm gesprochen habe, aber zumindest scheint er zu wissen, dass er schweigen muss, wenn seine Meinung nicht erwünscht ist. Aber wir werden nicht mehr herumschleichen müssen." Granger ließ sich mit einem kräftigen Schnaufen in die Couch zurückfallen, während sie ihre Decke wieder etwas nach oben zog. „Außerdem wäre es schön, nicht verrückt zu wirken, wenn ich mich mit einem scheiß Unsichtbaren Mann unterhalte!"
Draco war einen Moment lang sprachlos und schüttelte dann langsam und fassungslos den Kopf. „Granger, hast du gerade geflucht? Zweimal! Ist dir jetzt das Fieber zu Kopf gestiegen?"
Sie verdrehte die Augen, aber ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. „Ehrlich, Draco.", sagte sie. „Du tust so, als wäre ich nicht in der Lage, Schimpfwörter zu benutzen."
„Prüde und anständige Granger", grinste er. „Ich hätte dich nie für ein Schandmaul gehalten."
„Das liegt daran, dass ich dir nie ins Gesicht gesagt habe, was ich wirklich denke.", erwiderte sie abfällig.
Seine Lippen kräuselten sich. „Clever."
„Das wurde mir schon öfter gesagt."
„Aber nicht besonders lustig.", sagte er mürrisch.
Sie schmollte. „Du brichst mir das Herz." Granger fing an zu husten. Schwach fuhr sie fort: „Ich habe dich in letzter Zeit ziemlich oft zum Lachen gebracht."
„Über dich, Granger.", erwiderte er und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Nicht mit dir. Das ist ein Unterschied."
Eine einzelne Augenbraue zog ihre Stirn in die Höhe. „Ich meine mich zu erinnern, dass du meine Gesellschaft gestern sehr genossen hast.", schniefte sie. „Außerdem, bist du mir heute nachgejagt –"
Draco spottete. „Hör doch auf, das so zu sagen! Ich habe dir nicht nachgejagt –"
„Das alles lässt mich vermuten, dass du eher eine Schwäche für mich hast.", beendete sie und Draco konnte sie nur anstarren.
Er bemerkte, dass sie immer atemloser und leiser wurde, ihre Augen rollten fast in ihrem Kopf zurück, und er fragte sich, ob das Fieber es wirklich bis zu ihrem Gehirn geschafft hatte.
„Granger?"
Ihr Kopf ließ sich in die Kissen zurückfallen, die Decke rutschte weiter an ihrem Körper herunter. Draco sah, dass sie auch ihren Morgenmantel anbehalten hatte, aber das schien sie nicht davon abzuhalten, heftig zu zittern. Er presste seine Lippen zu einem Strich zusammen. Vorsichtig stand er auf, ging um den Couchtisch herum und blieb vor ihr stehen. Er biss sich auf die Innenseite seiner Wange, und seine Brust fühlte sich an, als würde sie, vor dem Krieg der darin herrschte, fast explodieren, aber er sah, wie sie zitterte, und ließ von dem Gefühl ab.
Leise und sanft, um sie nicht zu beunruhigen, ließ er sich neben sie auf das Sofa sinken. Granger bewegte sich ein wenig und riss ein Auge auf. Draco hatte das Gefühl, in ihren Vorwürfen zu ertrinken. Bevor er die Nerven verlieren konnte, legte er seinen Arm um sie, zog sie zu sich und hüllte sie in seine Wärme ein. Er spürte ihren trüben Blick auf sich, ignorierte ihn aber und zog die Decke zu sich heran. Granger versteifte sich, aber nur für eine Sekunde – es fühlte sich aber viel länger an, als würde es sich stundenlang hinziehen, was ihn ins Grübeln brachte, und sein Arm zuckte, um sich von ihren Schultern zu lösen – bevor sie mit ihm verschmolz, ihren Körper an seinen schmiegte und den Kopf in die Beuge zwischen seiner Schulter und seinem Kiefer legte.
Draco wusste nicht, was das für ein Gefühl war. Die Wärme von ihr, auf ihn gepresst und von seinen Armen umschlossen, als er seinen anderen Arm um sie legte und sich eine tiefe Ruhe in ihm ausbreitete. Er konnte jeden ihrer Atemzüge spüren, wie sie gegen seine Haut einatmete und sich in ihrer Brust ausdehnte. Ihre Haare waren entgegen aller Vorurteile gar nicht wie ein Vogelnest, sondern weich und kitzelig. Sie roch nach Vanille und Hustenbalsam.
Draco stieß einen zittrigen Atemzug aus. Er schloss die Augen.
Er wusste nicht genau, was das für ein Gefühl war, als er etwas Sanftes an seinem Hals spürte. Es war leicht feucht, weich, süß. Granger drückte ihm einen Kuss mit offenem Mund auf die Haut. Draco unterdrückte ein Keuchen.
Er schluckte. Er lehnte sich näher zu ihr und umklammerte sie fester. Sie flüsterte seinen Namen. Buchstabierte ihn mit ihren Lippen gegen seinen Hals. Dann schlief sie ein.
Betäubt legte er den Kopf zurück auf das Kissen. An der Decke flackerte der Schein des Feuers, tanzte durch die Dunkelheit, und Draco kniff die Augen zusammen. Granger schlief auf ihm, dicht an seinem Körper, in Frieden und ließ sein Herz auf dieselbe Weise friedlich fühlen. Sein Nacken brummte, als hätte man ihm einen Stromschlag verpasst, und die Funken blieben und setzten ihn mit Nachbeben außer Gefecht.
Was hatte sie ihm angetan? Warum glaubte sie, sie könnte mit ihrem Bienenpyjama und dem grellen Morgenmantel in sein chaotisches Leben treten und ihm einen Sinn geben, ein Motiv und einen Grund zu leben, wo er doch schon fast aufgegeben hatte? Draco stieß einen unbeholfenen Seufzer aus. Als er auf sie hinunterblickte, wusste er, dass es ihm nichts ausmachte. Es konnte ihm nichts ausmachen. Nicht, wenn sie ihm das Gefühl gab, in seiner Brust gäbe es einen Sonnenaufgang, der nur in ihren Augen untergehen konnte. Er schluckte erneut. Er leckte sich über die Lippen, weil sie trocken geworden waren. Dann beugte er sich langsam vor und drückte seine Lippen auf ihre Stirn, verweilte dort. Er schloss die Augen und hielt sie so fest, wie er sich traute, weil er wusste, dass er sie niemals wieder wirklich loslassen würde.
Jeden Mittwoch gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 22.02.23
