Die Cullens
Heißes Wasser prasselte herunter auf meine verspannten Muskeln, die Tropfen die meine Wangen herunter rannen vermischten sich mit etwas Salzigem.
Ich stand völlig reglos da, meine Arme hingen schlaff an meinen Seiten herunter.
Ich wusste, dass Charlie jede Minute klopfen würde, das tat er immer wenn ich über meinem Zeitlimit von 20 Minuten unter der Dusche stand.
Seufzend bewegte ich mich endlich und stellte die Dusche aus, rechtzeitig um die schwerfälligen Schritte meines Vaters auf der Treppe zu hören.
„Bella, alles ok bei dir?", hörte ich ihn fragen, nachdem er sachte gegen die Tür getrommelt hatte.
„Klar Dad. Mir geht's gut.", gab ich nur zurück.
Eine Weile herrschte Schweigen.
„Gut. Sag mal Bells, willst du gleich ins Bett? Wenn nicht, könntest du mir helfen noch eben etwas für den Grillabend einzukaufen?"
Ich ließ den Kopf hängen.
Charlie wollte an diesem Wochenende eine Grillparty mit Kollegen und etlichen Leuten aus Forks veranstalten, unser gesamter Garten würde gebraucht werden.
„Klar Dad!", wiederholte ich mich und machte mich fertig.
Meine Entscheidung bereute ich jedoch gleich nachdem wir auf den Parkplatz des kleinen Einkaufcenters fuhren. Der schwarze Mercedes und der silberne Volvo fielen mir sofort ins Auge. Ich sah aus den Augenwinkeln, dass Charlie sie ebenfalls bemerkt hatte und etwas sagen wollte. Jedoch wollte ich nicht schwach sein. Ich wollte nicht einfach abhauen. Wenn das einer müsste, dann die Cullens...
Ich sprang noch während Charlie fuhr aus dem Auto und warf den Autos grimmige Blicke zu. Charlie fluchte und bremste mit quietschenden Reifen. Er ließ den Motor laufen während er ausstieg und zu mir kam.
„Bells, du musst das nicht-!", begann er, doch ich unterbrach ihn.
„Park das Auto Dad. Ich schaff das schon.", versicherte ich und schob ihn zurück.
Ich wartete bis er fertig war, ehe wir zusammen das Center betraten.
Sie saßen an der gegenüberliegenden Seite und unterhielten sich mit dem Chefarzt unseres Krankenhauses und seinem Stellvertreter. Carlisle wollte also seinen Job wieder haben.
Meine Brust pochte schmerzhafter als sonst, jetzt wo ich sie sehen konnte, wo ich ihn sah.
Eine Mischung aus Panik und Unbehagen mischte sich zum Schmerz hinzu, als mir einfiel, dass er bereits wusste, dass ich litt. Und somit wussten es dir anderen Cullens wohl auch.
Die Hand an meinem Ellbogen ließ mich aufschrecken. Mit einem leichten Nicken gab ich Charlie zu verstehen, dass ich okay war, und wir gingen langsam weiter.
Der Chefarzt, Dr. Frint, bemerkte uns als erster. Ich sah seinen Blick zu uns wandern und dann seinen Redefluss stoppen. Das letzte Wort, was ihm über die Lippen kam, konnte ich ablesen.
Bella.
Die Gesichter der anderen wandten sich uns zu.
Ich atmete tief ein und wandte den Blick ab. Meine Beine zitterten und wäre Charlie nicht gewesen, hätte ich garantiert die Kontrolle verloren und wäre zusammengeklappt.
Mechanisch ließ ich mich von ihm leiten und versuchte krampfhaft alles was mich verraten könnte zu unterdrücken. Zu meiner Schande gelang es mir nicht.
Ich spürte, wie mein Vater mich schüttelte und auf mich einredete – und etwas hartes unter meinen Knien.
Das Loch in meiner Brust pochte und riss immer weiter auf. Ich konnte mich auf nichts anderes konzentrieren – nur die Schmerzen spürte ich mit unglaublicher Klarheit.
Die Wärme auf meinen Schultern verschwanden und dumpf drangen Geräusche von hektischen Schritten in meine Ohren.
Das nächste was ich vor mir sah, waren die Gesichter von Dr. Gerandy und Dr. Frint.
Dr. Gerandy war der Stellvertreter von Dr. Frint und mein Hausarzt. Er wusste welche Knochen ich mir schon gebrochen hatte, gegen was ich geimpft war und wie hoch mein Blutdruck war. Ich mochte ihn sehr, vor allem da er sich ernsthaft mit den Patienten beschäftigte. Als seine warmen rauen Hände meine Schultern umfassten und mich zwangen aufzusehen, sah ich aus den Augenwinkeln die schockierten Blicke der Cullens. Mein Kopf wurde klarer, als ich sah, dass Esme von lautlosen Schluchzern geschüttelt wurde. Ich fragte mich, wieso sie sich Sorgen um mich machen sollte, wieso es sie interessieren sollte, wie sehr ich litt. Meine Arme umschlangen meinen Oberkörper und ich begann apathisch vor und zurück zu wippen, um den Schmerz zu lindern.
„Raus. Alle.", dröhnte Dr. Gerandy's Stimme auf einmal durch das stille Einkaufscenter. Ich sah, dass mein Vater und Dr. Frint widersprechen wollte, jedoch kamen sie nicht dazu.
„Ich bin ihr Arzt, ich kenne sie. Ich habe sie schon öfters in so einem Zustand behandelt und es hilft mir wirklich nicht wenn hier ein Haufen verschreckter Zuschauer rum steht und Bella noch weiter durcheinander bringt!"
Ich wusste, wen er eigentlich damit ansprach, doch ich war froh, dass er seinen Chef und Charlie ebenfalls rausschickte. Zu meiner Überraschung verließen alle widerstandslos das Center und ich war mit meinem Arzt allein.
„Bella.", sagte seine sanfte Stimme und er zog mich etwas an sich heran.
„Beruhig dich. Wir beide werden jetzt einfach in meine privat Praxis fahren und dann sehen wir weiter okay? Wir werden hinten rausgehen, du wirst nicht noch einmal da durch müssen!"
Ich nickte und ließ mir von ihm aufhelfen. Er griff mir unter die Schultern und führte mich langsam zum Notausgang heraus. Ich wusste, dass ich ihm vollkommen vertrauen konnte – und dass er der einzige war der mir im Moment helfen konnte. Er war der einzige, mit dem ich reden konnte.
-Charlie-
Seufzend folgte ich den anderen nach draußen.
Mir war klar, dass ich nichts für meine Tochter tun konnte, auch wenn ich dies mehr als alles andere hasste.
Das Gefühl der Hilflosigkeit versuchte mich zu übermannen, doch ich konnte es inzwischen unterdrücken. Zu oft hatte Bella mich mit Anfällen oder Lethargie überfordert, zu oft wusste ich einfach nicht weiter.
Einen Psychiater hatte sie abgelehnt, die Hilfe ihrer Mutter, ihrer Freunde, hatte sie abgelehnt. Der einzige, mit dem sie redete, war Jacob Black, ihr bester Freund.
Doch es schien aussichtslos. Sie war tot. Seelisch.
Bis zu dem Tag, an dem sie beim Sport hin fiel und sich das Knie aufschlug.
Dr. Gerandy behandelte sie länger als sonst, ich wartete fast zwei Stunden auf sie. Doch danach wurden ihre Anfälle und ihre Leblosigkeit weniger. Sie redete wieder etwas mehr, traf sich öfter mit Jacob.
Ich wusste nicht, was Dr. Gerandy gemacht hatte, doch es schien ihr zu helfen. Anscheinend konnte sie sich ihm anvertrauen. Es nagte an mir, dass ich ihrer Meinung nach nicht in der Lage dazu war, doch ich musste es zurückstecken. Schon allein der Gedanke daran, dass er Bellas Lächeln zurück bringen konnte, ließ diesen bitteren Nebengeschmack verblassen.
Die Stimme von Dr. Frint schreckte mich aus meinen Gedanken auf.
„Chief Swan, ihre Tochter und Dr. Gerandy sind weg. Wollen sie denn nicht hinter her fahren?", fragte er verwirrt und verblüfft und ich schloss daraus, dass er mich schon mehrmals gefragt haben musste.
Er und die Cullens sahen mich fragend an, wobei ich in den Gesichtern der Familie so etwas wie Scham lesen konnte.
Ich schnaubte verärgert und wandte mich meinem Auto zu.
„Nein Dr. Frint. Ich vertraue Dr. Gerandy vollkommen und sie sollten das lieber auch tun. Er ist der einzige der Bella helfen kann."
Das Summen meines Motors übertönte die Antwort des Chefarztes und ich fuhr schneller als sonst nach Hause.
