2. Kapitel
Javert hatte das Gefühl, schon seit Stunden die Wände des Raumes anzustarren, in dem er sich befand. Er war sich nicht sicher, was dieser Raum eigentlich darstellte, eine Zelle oder ein Quartier. Der Raum war grau eingerichtet, karg, aber zweckmäßig, und er hatte weder eine Tür noch Fenster. Immerhin gab es einen, wenn auch mehr zweckmäßigen als bequemen Sessel.
Noch immer kochte Javert vor Wut. Was hatte sich dieses Weib dabei gedacht, ihn ein Jahr unter Bewährung zu stellen? Er und Bewährung, das war doch lächerlich, albern, völlig sinnlos. Bewährung war etwas für Leute wie Valjean, die sie dann brechen konnten, doch nicht für ihn!
Und überhaupt, was hatte Valjean schon wieder in seinen Gedanken zu suchen? Wenigstens im Tod hätte er gerne seine Ruhe vor ihm!
Nein, das stimmte nicht wirklich, gestand Javert sich ein. Eigentlich, und dieses Bedürfnis brachte ihn mehr durcheinander als alles andere, was geschehen war, hätte er gerne mit Valjean gesprochen. Niemand sonst könnte wahrscheinlich besser verstehen, was ihm widerfahren war.
„Verdammt!" Es war unmöglich, den Fluch zu unterdrücken.
„Ich würde an Ihrer Stelle das Fluchen unterlassen, sagte die Advokatin und trat mitten durch die Wand in den Raum. „Ansonsten könnte das Gericht noch auf die Idee kommen, Ihre Bewährung zu widerrufen."
„Sie… Sie haben mir das eingebrockt", knurrte Javert.
„Das kann ich schwer leugnen." Die Advokatin lächelte, übrigens nicht im mindesten schuldbewußt.
„Ist das eine besondere Form der Höllenqual, mich in Ungewißheit zu lassen? Ich habe mich umgebracht, mein Leben war ein einziger Irrtum, das sollte für die Hölle reichen. Stattdessen stellen Sie mich unter Bewährung!"
„Sie haben mein Plädoyer gehört, M. l'Inspecteur. Ich habe jedes Wort so gemeint. Ich gebe Ihnen einen guten Rat. Nutzen Sie die Chance, sich für den Himmel zu bewähren, denn glauben Sie mir, wenn Sie zur Hölle fahren müssen, wird das unschön für alle Beteiligten. Für Sie, für meinen Chef und vor allem für mich, die meinem Chef das erklären müßte."
Javert schnaubte nur verächtlich.
„Zum Teufel – Verzeihung, Chef – Javert, ein Mann mit Ihren Talenten als simpler Kohleschaufler, das wäre glatte Verschwendung. Sie sind prädestiniert für Aufgaben, die nur da oben vergeben werden. Sie wären ein idealer Schutzengel. Der Himmel ist nur wieder einmal viel zu borniert, das einzusehen. Wir können Ihnen keinen Job bieten; was sollten wir mit einem Polizisten? Einem unbestechlichen Polizisten zumal?"
„Hhm", machte Javert. Idiotischerweise machte es Sinn, was diese Frau erklärte, auch wenn der Sinn etwas verdreht war. „Und was werde ich Ihrer Meinung nach tun während meiner Bewährung? Oder muß ich ein Jahr hier herumsitzen?"
„Herr der Hölle, nein, ich dachte, wir lassen Sie erst einmal als Todesengel arbeiten."
„Todesengel?" Javert war nicht sicher, ob er erstens richtig verstanden hatte, und zweitens was ihm an diesem Wort am wenigsten behagte, Tod, Engel oder beides zusammen.
„Ja, die Todesengel befinden sich zwischen Himmel und Hölle, betreten jedoch keines von beiden. Sie geleiten die Seelen der Verstorbenen vor das Tor zum Paradies oder das Tor zur Hölle."
„Das klingt nicht sehr… anspruchsvoll", wandte Javert ein. „Irgendeinen Menschen zu begleiten, dürfte kaum etwas sein, wobei ich mich bewähren kann."
„Wir werden sehen", erwiderte die Advokatin wissend.
XXX
Javert hatte vollkommen das Zeitgefühl verloren. Er hätte nicht sagen können, ob er in diesem merkwürdigen Zwischenreich sich nur wenigen Stunden aufhielt oder gar schon Tage. Er schlief nicht, er aß und trank nicht, denn das haben die Toten nicht nötig. So gab es nichts, woran er die Zeit, die verging in diesem grauen Zimmer, hätte berechnen können.
Zur Ablenkung standen ihm lediglich drei Bücher zur Verfügung: die Bibel, Dantes „Inferno" und der „Leitfaden für Todesengel". Javert haderte zwar noch immer mit dem Gedanken, daß man ausgerechnet ihm Bewährung auferlegt hatte, doch da er gewohnt war, seine Pflichten ernst zu nehmen, hatte er das letztere Buch gründlich studiert.
Er hatte gelernt, daß er keine materielle Gestalt auf der Erde haben würde, also nichts berühren konnte, und nur Menschen, die dem Tode nahe waren, ihn sehen und hören konnten. Er wußte jetzt auch, daß er eine Liste erhalten würde, auf der die Namen der Sterbenden und ihr Aufenthaltsort verzeichnet waren sowie ein Pfeil nach oben oder unten, der zeigen würde, ob der Tote vor dem Tor zum Himmel oder zur Hölle abzuliefern sei. Er hatte sogar eine Antwort auf die Frage gefunden, weswegen er selbst keinen Todesengel gesehen hatte, denn Selbstmörder entschieden den Zeitpunkt ihres Todes selbst, so daß die Todesengelabteilung sich hierauf nicht vorbereiten und einen Mitarbeiter vorbeischicken konnte.
Javert hätte eine Menge dafür gegeben, daß man ihm endlich eine Aufgabe zuteilte. Die Langeweile hätte tödlich sein können, wäre er nicht bereits tot gewesen.
Als er diesen Gedanken schätzungsweise zum dreizehnten Male hatte, öffnete sich eine Tür mitten in der Wand. Javert nahm dies durchaus nicht ohne ein Gefühl der Dankbarkeit als Einladung und trat hindurch. Er gelangte in einen Raum, dessen eine Wand vollständig mit Akten verdeckt war, die sich dort stapelten. Die andere Wand war – welche Überraschung! – grau, ein Kleiderständer stand dort, und vor dem Kleiderständer stand mit dem Rücken zu Javert ein Mann.
„Kommen Sie nur herein, es besteht kein Grund zur Schüchternheit", sagte der Mann. „Ich denke, Größe 6 dürfte es bei Ihnen tun."
„Größe 6?" Javert kam langsam zu der Überzeugung, daß das Jenseits vielleicht nichts weiter als ein absurder Albtraum war.
„Die Flügel"; antwortete der Mann und drehte sich um. „Ich grüße Sie, M. l'Inspecteur."
Javert starrte den Mann an. „Ich kenne Sie, Sie waren auf der Barrikade. Ihr Name ist… Grantaire."
„Ich bin beeindruckt, daß Sie sich an mich erinnern." Grantaire verbeugte sich spöttisch.
„Was tun Sie hier?" Javert hoffte überaus inständig, daß nicht auch noch der Rest dieser unreifen Schuljungenaufrührer auftauchen würde.
„Wonach sieht es denn aus? Kartoffeln ernten?" Grantaire nahm ein paar schwarze Flügel vom Kleiderständer herunter. „Ich arbeite hier."
„Als was?"
„Ich assistiere fünf Todesengeln, sorge dafür, daß sie ihre Einsatzbefehle erhalten, statte sie aus." Grantaire reichte Javert die Flügel. „Das sind Ihre."
„Nur über meine Leiche."
Statt einer Antwort blickte Grantaire nur sehr ironisch zu Javert herüber, der mit einer ärgerlichen Bewegung die Flügel an sich riß.
„Und wieso hier?" Javert hatte nicht die Absicht, die Flügel anzulegen. „Ich meine, sollten Sie nicht in der Hölle schmoren? Bewaffneter Aufstand, meine Hinrichtung gutgeheißen, quasi Selbstmord begangen, indem Sie sich freiwillig vor ein Erschießungskommando stellten, keinen einzigen nüchternen Moment in den vergangenen Jahren erlebt…"
„Ja, und genau hier liegt das Problem. Natürlich sollte ich in die Hölle, aber man läßt mich nicht hinein." Grantaire begann, zwischen den Akten zu wühlen. „Sie sagen, meine Seele habe soviel Alkohol getankt, daß es im Höllenfeuer zu einer Explosion kommen würde. Sie lassen mich erst hinein, wenn der Alkohol abgebaut ist. Ah, hier haben wir es." Er zog etwas zwischen den Akten hervor. „Allerdings wird das noch eine Weile dauern. Jemand versorgt mich jeden Morgen mit einer Flasche Absinth. Ich glaube, diese Advokatin schickt mir die, weil sie eine Schwäche für mich hat."
Das konnte sich Javert nicht wirklich vorstellen, doch er beschloß, hierauf nicht weiter einzugehen. „Was habe ich jetzt zu tun?"
„Also hier ist die Liste mit den Neuzugängen und dahinten der Ausgang." Grantaire überreichte mit einer Hand das Papier, welches er hervorgekramt hatte, und deutete mit der anderen Hand zur hinteren Seite des Zimmers auf eine Tür. „Ich würde an Ihrer Stelle wirklich lieber die Flügel anlegen. Es erleichtert das Betreten der Erde ungemein."
„Unsinn", Javert war nicht der Meinung, daß er sich derart lächerlich machen wollte, indem er diese albernen Federn auf seinen Rücken schnallte, „was können Sie schon wissen? Wieviel länger sind Sie denn schon tot als ich? Dreizehn Stunden?" Mit entschlossenen Schritten ging Javert auf die Tür zu, ließ den Bügel mit den Flügeln einfach fallen und überschritt die Schwelle, um festzustellen, daß sich dahinter nur Luft befand, und von festem Boden keine Spur zu entdecken war.
„Vielleicht hätte ich ihm sagen sollen, daß er die zwei Monate auf seinen ersten Einsatz gewartet hat, die ich schon hier arbeite?" fragte Grantaire sich selbst und füge hinzu, als er sah, daß die Flügel ein Eigenleben entwickelt hatte und hinter Javert her flatterten: „Och, nö."
XXX
Javert fiel – schon wieder. In dem Augenblick, in dem er den Schritt durch die Tür gemacht hatte, waren ihm zwei Erkenntnisse gekommen. Erstens war der Ratschlag mit den Flügeln vielleicht doch nicht so albern gewesen, und zweitens würde sein Fall diesmal wohl nicht gestoppt werden, denn sonst wären die Flügel kaum vonnöten gewesen.
Javert bereitete sich innerlich auf den Aufschlag vor; auch wenn er bereits tot war, würde es sicherlich nicht angenehm sein, ungebremst auf der Erde aufzuprallen.
Plötzlich hörte er ein leises fragendes „Tschirp?" neben sich. Direkt auf Höhe seines Oberarmes flatterten die Flügel und schienen zu fragen, ob sie irgendwie behilflich sein könnten.
Resigniert griff Javert danach, drückte sie gegen seinen Rücken und bemerkte, wie sein Sturz sich verlangsamte, je mehr die Flügel sich bewegten. Ganz langsam schwebte er zu Boden.
Er blickte sich um. Er war in Paris, es war ein später Nachmittag im Sommer, und er befand sich offenbar auf der Ile de Cité.
Er zog die Liste hervor, stellte fest, daß die erste Person am anderen Ende der Stadt wohnen sollte und wollte sich gerade zu Fuß auf den Weg machen, als er versuchsweise an sein Ziel dachte. Ohne zu zögern und mit einem fröhlichen „Tschirp", erhoben sich die Flügel mit ihm in die Lüfte, um ihn zu seinem Ziel zu bringen.
AN: Ich habe es geschafft, endlich! Grantaire in einer meiner Stories!!!
