3. Kapitel
Javert hatte in jeder Position, die er jemals inne gehabt hatte, immer seine Pflicht getan. Genau dies tat er nun auch als Todesengel. Grundsätzlich war die Tätigkeit nicht besonders anspruchsvoll oder zeitaufwendig. Er erhielt seine Liste, arbeitete sie ab und hatte dann den Rest des Tages zur Verfügung; er wußte nur nicht, was er damit anfangen sollte.
In den ersten Tagen hatte er vor allem alte Menschen, die ihr Leben hinter sich hatten, zum jeweiligen Tor geleitet. Es war leicht, sie aufzufordern, ihn zu begleiten, auch wenn Grantaire schon mehrfach sarkastisch bemerkt hatte, daß Javerts Aufforderung eine frappierende Ähnlichkeit mit einer Verhaftung aufwies.
Schwieriger waren da schon die Menschen, die sich wehrten, die tobten und schrieen, weil sie nicht sterben wollten. Javert fühlte sich dann tatsächlich daran erinnert, wie er jemanden verhaftet hatte, der Widerstand leistete.
Am schwierigsten waren allerdings die Kinder. Sie folgten ihm so voller Vertrauen, ohne zu wissen, wohin sie geführt wurden. Javert hatte nichts für Kinder übrig, doch irgendwie machte ihm dieser Teil seiner Aufgabe zu schaffen, wenn er wieder einmal ein Kind, das durch Krankheit oder Elend viel zu reif und erwachsen wirkte, holen mußte. Ein Tag, an dem kein Kind auf der Liste stand, versprach meist ein guter Tag zu werden.
Zur Überbrückung der Wartezeiten bis zum nächsten Auftrag hatte Javert es sich angewöhnt, durch Paris zu streifen. Das war immer noch besser, als in seiner grauen Zelle herumzusitzen oder sich mit dem ebenso scharfzüngigen wie ständig alkoholisierten Grantaire zu streiten.
Gelegentlich riskierte er dabei einen Blick auf die Brücke oder sogar von der Brücke, von der er gesprungen war. Er war noch immer der Meinung, daß es grundsätzlich die richtige Entscheidung gewesen war, auch wenn in seiner Vorstellung vom Jenseits keine Advokatinnen, betrunkene tote Studenten und tschirpende Flügel vorgekommen waren.
Es war einer dieser faulen Tage, als er wieder einmal an der Brüstung stand und in die Tiefe blickte.
„Wissen Sie, jedes Mal, wenn ich diese Brücke überquere, fühle ich mich schuldig", murmelte plötzlich eine nur zu bekannte Stimme direkt neben Javert.
Dieser fuhr zusammen und starrte den Besitzer der Stimme entgeistert an. Er war nicht sicher, was ihn am meisten durcheinander brachte: daß Valjean neben ihm stand, daß er offenbar mit ihm sprach und ihn damit wohl sah, oder daß dies gerade auf dieser Brücke geschah.
„Ich bin ein alberner alter Mann", fuhr Valjean fort, „rede hier mit mir selbst und gebe vor, Sie könnten mich hören."
Javert atmete hörbar aus, obwohl er gar nicht atmen mußte. Valjean nahm ihn gar nicht wahr, er führte Selbstgespräche, und es war Javert unangenehm, daß er diese auch noch mitanhören mußte und offenbar erschreckenderweise deren Thema war. Er betrachtete Valjean genauer. Dieser war seit dem Abend, an dessen Ende Javert gestorben war, in wenigen Monaten gealtert und sah jetzt fast so alt aus, wie er war.
„Ich werde mir nie verzeihen, daß ich Ihnen nicht nachgegangen bin"; erklärte Valjean der Seine.
„Ach, Valjean", Javert seufzte leise. Er war sich nie bewußt gewesen, was sein Selbstmord in jemandem mit so ausgeprägten Schuldgefühlen wie Valjean auslösen mußte.
Valjean wandte sich ab und setzte seinen Weg fort.
Javert sah ihm nach. Die Art, wie Valjean sich bewegte, hatte nicht mehr allzuviel Ähnlichkeit mit dem Schritt, nach dem Javert jahrelang Ausschau gehalten hatte. Der Rücken wirkte gebeugter, und das leichte Nachziehen des Beines war jetzt deutlicher zu sehen. Es waren Zeichen, die Javert nicht wirklich gefielen.
XXX
War Javert bisher ziellos durch Paris geflogen zwischen seinen Aufträgen, so hatte er nunmehr ein Ziel, auch wenn er dies nicht zugegeben hätte. Es war leichter vorzugeben, daß seine tschirpenden Flügel ihn mehr zufällig in unregelmäßigen Abständen in die Nähe der Rue de l'Homme-Armé führten.
Gut, es war schon schwieriger, einen unverfänglichen Grund dafür zu finden, wieso er nach einer Weile begann, Valjean auf dessen Wegen zu begleiten. Javert redete sich ein, es handele sich um reines Interesse zu erfahren, was wohl aus seinem alten Kontrahenten werden mochte. Lieber hätte er sich noch ein paar Dutzend Male von der Brücke gestürzt als zuzugeben, daß er sich Sorgen machte.
Es erschreckte ihn, daß Valjean auf eine Weise immer mehr verfiel, der man praktisch zusehen konnte. Niemals hatte er Valjean anders als stark und ungebrochen erlebt, und jetzt schienen von Tag zu Tag weniger dieser Eigenschaften vorhanden zu sein.
Diese Entwicklung ließ Javert ratlos zurück, und in seiner Ratlosigkeit ging er einen mehr als ungewohnten Weg. Er begann, während er Valjean begleitete, zu reden. Er sprach über Dinge, die er noch niemals jemandem erzählt hatte. Es nahm dem Ganzen natürlich ein bißchen die Wirkung, daß ihn Valjean nicht hören konnte.
Grantaire kommentierte diese Entwicklung mit einem beißenden Kommentar über alte Männer, die durch eine Stadt liefen und sinnloses Zeug brabbelten, was Javert mit einer garstigen Bemerkung über ständig volltrunkene Studenten konterte, die sogar ihren angebeteten Anführer in der Schlacht im Stich ließen, woraufhin Grantaire in Tränen ausbrach und sich aufs Neue betrank.
Nein, Javerts Leben nach dem Tode war nicht leicht, wie er am nächsten Tag Valjean erklärte, ungeachtet der Tatsache, daß dieser ihn nicht wahrnahm. „Wissen Sie, Valjean, ich verstehe langsam, wie Ihnen zumute gewesen sein muß", sagte Javert, während er unsichtbar neben dem alten Mann herging. „Bewährung ist großer Mist, das habe ich ja schon immer gewußt, aber aus den falschen Gründen. Man ist frei und gleichzeitig unfrei. Ich meine, vermutlich habe ich allein dadurch, daß ich diesem verteufelten Säufer gesagt habe, was er ist, wieder ein paar Minuspunkte auf meinem Konto angesammelt. Also werde ich vermutlich zur Hölle fahren. Nicht, daß ich das nicht erwartet hätte, ich bin schließlich ein Selbstmörder und außer in Ihrem außergewöhnlichen Fall glaube ich nicht daran, daß sich Menschen ändern können, aber gerade deswegen ist es eigentlich übertriebene Quälerei, wenn man ständig aufpassen muß, was man sagt oder tut." Sie gingen durch die Straßen, wo noch einige Leute damit beschäftigt waren, die letzten Reste der mardi gras-Feierlichkeiten zu beseitigen. „Ich kann da fast verstehen, warum Sie damals davongelaufen sind. Apropos davonlaufen… Wohin gehen wir eigentlich?"
Erwartungsgemäß antwortete Valjean nicht, da er gar nicht wußte, daß ihn jemand begleitete. Allerdings war eine Antwort auch nicht notwendig, denn sie standen vor dem Haus in der Rue des Filles-du-Calvaire.
Javert stöhnte leise. Eine familiäre Szene mit Valjean und seinem Töchterchen war nicht nach seinem Geschmack. Er wollte sich gerade in die Lüfte erheben, da verweigerten die Flügel ihm mit einem energischen „Tschirp!" den Dienst.
„Was ist?" fragte Javert ärgerlich und versuchte, den Kopf soweit zu drehen, daß er die rebellierenden Flügel auf seinem Rücken sehen konnte.
Statt einer Antwort schoben ihn die Flügel geradezu hinter Valjean ins Haus. Großartig, dachte Javert. Jetzt ließ er sich schon von ein paar Flügeln herumkommandieren…
Resignierend folgte er Valjean und wünschte schon Sekunden später, er hätte dies nicht getan. Was ihm zu seinem Ärger noch fehlte, war Zeuge dabei zu werden, wie Valjean diesem dummen kleinen Baron, der jetzt mit Cosette verheiratet war, gestand, wer er war. Javert war versucht, „Laß das sein, du Schwachkopf!" zu rufen, unterließ es jedoch aufgrund der offenkundigen Sinnlosigkeit.
Er versuchte, sich so unauffällig wie möglich aus dem Zimmer zu entfernen; unauffällig nicht gegenüber Valjean und Marius, weil unauffälliger als unsichtbar und unhörbar war kaum möglich, sondern gegenüber den Flügeln, die dies allerdings merkten. Eine Ansammlung von zornigem Getschirpe und Sich-gegen-das-Verlassen-des-Zimmers-Sperren überzeugte Javert, noch etwas abzuwarten, da die Flügel über erstaunlich große Kräfte verfügten.
Er kam auf diese Weise nicht umhin, die gesamte Unterhaltung mit anzuhören. Hätte er die Fähigkeit besessen, Valjeans Redefluß zu stoppen, er hätte es getan. Warum mußte dieser Mann unbedingt ein Geständnis ablegen? Jetzt, wo alles in Ordnung war, wo er zum ersten Mal in seinem Leben sicher war? Er selbst hatte sich umgebracht, und nun lief Valjean herum und erzählte plötzlich diesem Welpen alles? Unglaublich!
Hilflos hörte Javert der Reaktion Marius' zu und wünschte einen kurzen Moment, er hätte ihn einfach in die Seine gekippt, anstatt ihn in seinen Wagen zu heben.
Die Flügel besaßen nicht sein Maß an Selbstbeherrschung. Sie lösten sich von Javerts Rücken und flatterten ärgerlich und sehr laut tschirpend um Marius herum, der noch Tage später ein merkwürdiges Klingeln in den Ohren hatte, dessen Herkunft er sich nicht erklären konnte.
Endlich hatten die Flügel ein Einsehen und erlaubten Javert, das Haus zu verlassen. Ohne einen weiteren Aufenthalt einzulegen, kehrte Javert in seine graue Wohnstatt zurück. „Ich verstehe einfach nicht, weswegen er sich nicht verteidigt hat", sagte er zu niemandem Speziellen, als er Grantaires Büro durchquerte. „Er hätte ihm doch wenigstens sagen können, daß er Madeleine war."
Da niemand außer Grantaire anwesend war, gab dieser eine Antwort, auch wenn Javert nicht wirklich eine erwartet hatte. „Sie sprechen von dem Mann, der Sie auf der Barrikade nicht erschossen hat, obwohl er Sie schon lange vorher kannte und allein deswegen mit Sicherheit einen Grund gehabt hätte, abzudrücken."
Javert warf Grantaire einen wütenden Blick zu und wäre türenknallend in seinem Zimmer verschwunden, wenn sein Zimmer denn eine Tür gehabt hätte, die man hätte knallen können.
XXX
Javert versuchte, so weiterzumachen, wie er es bisher getan hatte, doch es fiel ihm schwer. Er konnte dem Verfall Valjeans geradezu zusehen, wie dieser von Tag zu Tag körperlich schwächer wurde und auch geistig abzubauen begann. Es war, als würde das Leben förmlich aus Valjean herausgesogen, als habe die Trennung von seiner Tochter jeden Willen zu leben, erlöschen lassen.
Javert kannte diese Zeichen, doch er wußte nicht, was er tun sollte. Er konnte mit keiner der beteiligten Personen Kontakt aufnehmen. Doch irgendwie mußte er doch Marius mitteilen, daß Valjean Madeleines Vermögen nicht gestohlen, sondern selbst erwirtschaftet hatte, und daß Valjean Marius' Leben gerettet hatte. Die Vorstellung, daß Valjean ohne die tröstende Anwesenheit seiner Tochter starb, war nicht richtig.
Javert hatte bei nochmaliger Lektüre des „Leitfadens für Todesengel" festgestellt, daß es für ihn möglich war, Menschen Träume zu schicken. Es war die einzige Möglichkeit, mit einem Menschen vor dessen Tod Kontakt aufnehmen zu können. Für einige Stunden erwog Javert den Gedanken, Marius oder Cosette einen Traum zu schicken, der die Wahrheit enthüllen würde. Nur würde das zu nichts führen, denn wer hielt schon einen Traum für die Wahrheit? Nein, er mußte einen anderen Weg finden.
An einem der ersten warmen Tage des Jahres 1833 streifte Javert erneut durch Paris. Er hatte Valjean ein Stück des Weges, den dieser zurückgelegt hatte, begleitet, doch es war nur ein kurzes Treffen gewesen, denn die Wege, die Valjean nunmehr ging, wurden von Tag zu Tag kürzer.
Mitten in einer größeren Menschengruppe entdeckte Javert auf einmal ein bekanntes Gesicht. Er hatte diesen Mann mehrfach verhaftet, zuletzt im Haus Gorbeau, und in jener schicksalhaften Nacht hatte er vergeblich auf ein Erscheinen dieses Mannes an der Pont d'Iena gewartet: Theardier!
Das verächtliche Schnaufen, das Javert eigentlich schon aus Gewohnheit ausstoßen wollte, wich auf einmal einer Idee. Was wäre, wenn er im Gehirn dieser verkommenden Kreatur durch Träume die Idee wecken würde, Marius erpressen zu wollen, und ihm dabei die Wahrheit über die Kanalisation und M. Madeleine enthüllte?
Der Gedanke war gleichzeitig verrückt, genial und verzweifelt, und je länger Javert darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß er ihn in die Tat umsetzen würde.
