4. Kapitel
„Nein", sagte Javert und starrte auf die Liste in seiner Hand. „Das kann ich unmöglich tun." Er hatte in seinem ganzen Leben noch niemals einen Befehl verweigert, aber jetzt mußte er es tun. „Das muß jemand anders machen."
„So leid es mir tut", erwiderte Grantaire und sah dabei nicht sonderlich bedauernd aus, „ich mache die Listen nicht, ich händige sie nur aus."
„Ich werde die Advokatin bitten, mir diesen Auftrag zu erlassen." Javert hatte noch nicht einmal die Augen von der Liste genommen, auf der nur ein einziger Name stand.
„Selbst wenn sie wollte, könnte sie es nicht ändern. Der Tod stellt die Listen auf, und der Tod ist unbestechlich." Grantaire zuckte die Achseln. „Versuchen Sie es doch so zu betrachten: es ist sicherlich angenehmer, wenn man statt von einem Fremden von einem Freund abgeholt wird."
Für einen Moment lang fassungslos löste Javert seinen Blick von dem Namen auf der Liste und funkelte Grantaire an. „Wie kommen Sie darauf, daß Jean Valjean ein Freund wäre?"
„Wenn er kein Freund ist, verbringen Sie aber ziemlich viel Zeit in seiner Gegenwart", bemerkte Grantaire. „Und Sie haben dafür gesorgt, daß dieser Thenardier diesen liebeskranken Welpen zu erpressen versucht, damit Marius die Wahrheit über seinen Schwiegervater erfährt. Soetwas tun nur Freunde füreinander."
Javert wurde bleich.
XXX
Valjean lag auf seinem Bett. Er war überglücklich, daß Cosette zu ihm zurückgekehrt war, und daß Marius die Wahrheit kannte, wie auch immer er sie herausgefunden haben mochte. Gleichzeitig wußte Valjean, daß er keine Zeit mehr hatte; sein Atem rasselte bei jedem Zug, jede Bewegung kostete ihn unendlich viel Kraft.
Plötzlich hatte er das Gefühl, als würde die Luft zittern und flirren. War das jetzt das Ende? Geschah so etwas, wenn man starb?
Auf einmal hörte das Flirren auf, und dort, wo es gewesen war, stand nun eine hohe, dunkelgekleidete Gestalt mit breiten Schultern und ziemlich albernen Flügeln darauf. „Sie?" brachte Valjean hervor, ohne zu wissen, daß er es nicht laut aussprach.
Javert hörte ihn trotzdem. „Ich habe die Order erhalten, Sie abzuholen", sagte er.
„Ausgerechnet Sie?"
„Glauben Sie mir, meine Idee war das mit Sicherheit nicht", murmelte Javert und streckte seine Hand aus. „Kommen Sie."
Valjean starrte die ausgestreckte Hand an. Es war unmöglich, nicht an jenen Tag zu denken, damals in Montreuil-sur-mer, an dem er selbst Javert die Hand entgegengestreckt hatte, welcher sie nicht hatte nehmen wollen. „Nun stehen Sie also doch da, nach all den Jahren und nehmen mich mit…"
„Um Sie dorthin zu bringen, wohin Sie gehören." Javerts Lächeln war nur eine Sekunde kurz, dafür jedoch ausgesprochen grimmig.
Valjean nickte und ergriff die ausgestreckte Hand. Er spürte, wie er seinen Körper verließ, wie das Alter augenblicklich von ihm abfiel. Hinter sich hörte er Cosette laut aufschluchzen, und Marius tröstende Worte flüstern, doch es gab kein Zurück mehr.
Valjean fühlte sich empor gehoben, als würde er aufsteigen, höher und höher, bis er auf einmal auf festem Grund stand. Vor sich befand sich ein riesiges, goldenes Tor. „Ist das… der Himmel?" fragte er fast unhörbar.
„Ja", antwortete Javert, ohne dem Tor einen einzigen Blick zu gönnen. „Hier trennen sich unsere Wege. Leben Sie wohl, Valjean."
„Sie begleiten mich nicht hinein?"
„Dort ist nicht mein Platz." Javert warf Valjean noch einen kurzen Blick zu und verschwand einfach durch den Fußboden nach unten.
Valjean starrte ihm fassungslos nach und war auf einmal sehr alleine. Er hatte gewußt, daß die Stunde seines Todes gekommen war, bevor er Javert gesehen hatte, und fand es tröstlich, daß er den Weg vom Leben in den Himmel nicht hatte allein antreten müssen. Doch jetzt fühlte er sich irgendwie verlassen.
Vorsichtig machte er zwei Schritte auf das Tor zu. Ob es sich für ihn öffnen würde? Es gab so vieles, was auf seinem Gewissen lastete, und seine Aufnahme in den Himmel verhindern konnte, ja, eigentlich müßte.
Hinter ihm räusperte sich jemand.
Erschreckt fuhr Valjean herum und sah eine junge Frau in schwarz-roter Kleidung, die ihn anlächelte.
„Verzeihung, aber hätten Sie vielleicht ein paar Minuten für mich Zeit, bevor Sie dort hindurchgehen, M. Valjean?" fragte sie. „Aus verschiedenen Gründen kann ich Ihnen nicht dort hinein folgen, daher würde ich gerne hier draußen etwas mit Ihnen besprechen."
„Worum geht es?" fragte Valjean höflich. „Brauchen Sie vielleicht Hilfe?"
Die Frau verdrehte höchst angewidert die Augen. „Das hat das letzte Mal jemand vor vierhundert Jahren zu mir gesagt. Und der nahm kein schönes Ende."
„Was kann ich dann für Sie tun?" Valjean fühlte sich verwirrt; zum ersten Mal in seinem Leben – oder Nicht-mehr-Leben – hatte er eine Frau getroffen, die tatsächlich nicht den Eindruck erweckte, gerettet werden zu müssen.
„Ich möchte mich zunächst einmal vorstellen." Die Frau lächelte. „Ich bin die Advokatin des Teufels."
Valjean machte einen Schritt zurück und bekreuzigte sich gleichzeitig.
„Oh, bitte", sagte die Advokatin, „könnten Sie das lassen?"
„Was wollen Sie von mir?" Valjean biß sich auf die Lippen. „Wollen Sie mir sagen, daß ich nicht durch dieses Tor gehen, sondern mit Ihnen zur Höllen fahren soll?"
„Mit Sicherheit nicht." Das Gesicht der Advokatin verzog sich, als habe sie auf etwas Saures gebissen. „Allein die Vorstellung, daß Sie versuchen würden, jeden Hölleninsassen mit ein paar Kerzenleuchtern auszustatten, läßt mir Schauer über den Rücken laufen. Himmel und Hölle sind sich noch nie so einig gewesen, daß Sie ohne jede Verzögerung in den Himmel auffahren. Der Grund, warum ich hier bin, ist etwas delikater Natur. Ich nehme an, Sie haben mitbekommen, wer Sie hierher begleitet hat."
„Javert," bestätigte Valjean.
„Er ist ein Problem."
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß Javert ein Problem ist. Es sei denn natürlich, man wäre vor ihm auf der Flucht."
Die Advokatin mußte leise auflachen. Valjean war der erste Heilige, dem sie etwas abgewinnen konnte. „Er ist tatsächlich ein Problem. Der Himmel will ihn nicht wegen seiner Angewohnheit, von Brücken zu springen, und wir wollen ihn nicht, weil schon die Idee, daß er die Teufel überzeugen könnte, sich an Gesetze zu halten, einen unangenehmen, juckenden Ausschlag auf dem linken Horn meines Chefs verursacht. Also ist er erst einmal ein Todesengel. Bis zu einer endgültigen Entscheidung hat er Bewährung."
„Javert hat Bewährung?" Beinahe hätte Valjean einen Lachanfall bekommen, der einem Heiligen schlecht angestanden hätte. „Das dürfte ihm nicht gefallen."
„Er haßt es", erwiderte die Advokatin trocken. „Ganz offen gesprochen brauche ich vielleicht doch Ihre Hilfe. Javert kann unmöglich in die Hölle. Ich brauche jemanden, der an seiner Seite ist und ihm hilft, etwas Gutes zu tun, was den Ausschlag für den Himmel geben könnte. Er hat aber niemanden. Und daher bitte ich Sie, M. Valjean, Ihren Eintritt durch dieses Tor noch etwas aufzuschieben und Javerts Bewährungshelfer zu werden."
Valjean starrte sie an. „Das wird er nie akzeptieren", sagte er und war nicht bereit, sich einzugestehen, wie faszinierend er diesen Gedanken doch fand. „Hilfe anzunehmen, ist mit Sicherheit nicht Javerts starke Seite. Und schon gar nicht von mir."
„Es gibt keinen Grund, es ihm zu erzählen. Wir können den Eindruck erwecken, daß auch Sie auf Bewährung sind."
„Ich habe keinen Zweifel daran, daß er das zu gerne glauben wird." Valjean hatte sich noch immer nicht ganz von dem Ansinnen der Advokatin erholt. „Aber wieso ich?"
Die Advokatin machte eine leicht ungeduldige Handbewegung. „Weil Sie ein guter Mensch sind", würgte sie heraus. „Weil Sie sich um Menschen kümmern, die Sie kaum kennen. Wieso dann also nicht um jemanden, der Sie Ihr halbes Leben lang verfolgt hat? Verzeihen Sie die billige Doppeldeutigkeit."
Ganz langsam kehrte Valjeans Fähigkeit, logisch zu denken, zurück. „Das Böse versucht, Gutes zu tun. Tue ich etwas Böses, wenn ich dem Bösen helfe, Gutes zu tun?"
„In Ihnen steckt ja ein Philosoph", meinte die Advokatin sarkastisch. „Aber Sie irren sich. Wir wollen nichts Gutes tun. Die Hölle handelt vollkommen eigennützig, wenn sie versucht, sich Javert vom Hals zu halten."
Valjean warf einen Blick zum Himmelstor hinüber. Er wußte, daß er dieses jetzt nicht durchschreiten konnte. Natürlich würde er dieser Frau helfen, Javerts Seele zu retten. Es war unvorstellbar, Javert der Hölle zu überlassen, wo ein so gesetzestreuer, ehrlicher Mann nichts zu suchen hatte. „Sie haben mich überzeugt", sagte Valjean schließlich. „Der Himmel muß noch etwas warten."
