5. Kapitel
„Javert, Sie sind es wirklich." Valjean betrat strahlend das graue Zimmer. „Ich habe mich noch nie so gefreut, Sie zu sehen."
Javert fuhr von seinem Sessel hoch, bemühte sich, seine Fassung wieder zu gewinnen, und verlor. „Sie haben sich überhaupt noch nie gefreut, mich zu sehen", erwiderte er lahm. Er war darauf vorbereitet gewesen, Valjean am Himmelstor zum letzten Mal gesehen zu haben, und jetzt stand er wieder vor ihm.
„Stimmt." Valjean lächelte. „Aber ich hätte mich rückblickend gefreut, wenn ich Sie nach dem 6. Juni noch gesehen hätte."
„Was tun Sie hier? Ich meine, Sie haben gerade wieder bewiesen, ein Heiliger zu sein mit dem, was Sie gesagt haben."
„Sie sollten der Letzte sein, der sich wundert, daß ich hier bin." Valjean fühlte sich schuldig, daß er Javert praktisch anlog. Um sein Schuldbewußtsein zu überspielen, blickte er sich in dem grauen Raum um. „Ich stehe nicht gerade in dem Ruf, einen Hang zu Luxus zu haben, aber ein bißchen trist ist es schon. Wir müssen uns doch die Zeit ein wenig vertreiben können."
„Wir?" Javert kam schwer darüber hinweg, daß Valjean offenbar ebenfalls zwischen Himmel und Hölle festhing. „Heißt das, Sie bleiben hier?"
„Wohin sollte ich sonst gehen?" Valjean betrachtete die Stirnseite des Zimmers. „Eine gut gefüllte Bücherwand dort wäre schön." Er hatte kaum ausgesprochen, da stand bereits eine riesige, wohlgefüllte Bücherwand an der Seite. Dies schien Valjean nicht besonders zu überraschen, denn er sprach unbeeindruckt weiter. „Und da drüben wären ein paar Kletterrosen nach meinem Geschmack." Prompt erschienen an der gegenüber liegenden Wand ein Holzgitter und sich ein paar daran empor rankende rote Rosen.
„Wie machen Sie das?" brachte Javert hervor, als es ihm gelungen war, den Mund, den er vor Staunen geöffnet hatte, wieder zu schließen.
„Ich wünsche es mir einfach", antwortete Valjean. „Das können wir doch. Oder wollen Sie mir erzählen, daß Sie es in den letzten Monaten nicht getan haben?"
„N-nein." Wenn es so einfach war, wieso hatte Javert dann monatelang auf graue Wände, Böden, Decken und Möbel gestarrt?
„Na, los, dann versuchen Sie es doch. Wünschen Sie sich etwas, Javert."
„Was soll ich mir denn wünschen?"
„Egal. Irgendwas, das Sie gerne hätten."
„Wenn wir jetzt zu zweit sind…", begann Javert zögernd. „Ich hätte gerne ein Schachspiel."
Aus dem Boden schob sich ein prächtiger Schachtisch empor, auf dem die weißen Figuren Heiligen und Engeln und die schwarzen berühmten Verbrechern und Teufeln nachgebildet waren.
„Sehr geschmackvoll", kommentierte Valjean die Figuren, nachdem er sie in Augenschein genommen hatte.
„In der Tat." Javert schnaubte. „Was ist Ihre Aufgabe? Hat man Sie auch zum Todesengel gemacht?"
Valjean zögerte eine Sekunde zu lange, um nicht Javerts Aufmerksamkeit zu erregen, mit seiner Antwort.
„Moment, Sie sind gar nicht hier, weil Sie auf Bewährung sind", stieß Javert hervor. „Sie sind… meinetwegen hier."
Valjean stieß einen langgezogenen Seufzer aus. Wer war er, daß er meinte, einen so erfahrenen Polizisten wie Javert täuschen zu können? „Ja, das ist richtig." Er ließ den Kopf hängen.
„Ich hätte es mir denken können, es gab auf meinen Listen niemals Zweifelsfälle", sagte Javert mehr zu sich selbst. „Warum haben Sie das getan?"
„Fragen Sie mich das wirklich? Denken Sie, ich könnte mit ansehen, wie Sie möglicherweise zur Hölle fahren?"
„Wer hat Ihnen gesagt, daß das passieren könnte?"
„Diese Advokatin des Teufels."
Javert begann zu lachen, doch es war kein fröhliches oder humorvolles Lachen, sondern voller bitterer Ironie. „Das ist doch wirklich großartig, Jean Valjean im Bunde mit der Hölle! Damit beweisen Sie mir nicht nur, daß ich all die Jahre richtig lag mit der Einschätzung, daß Sie sich nicht geändert haben, Sie… Sie verspielen auch noch Ihr eigenes Seelenheil."
„Das ist es mir wert", erwiderte Valjean ganz ruhig und gefaßt.
„Sicher, natürlich, ansonsten quälte Sie ja weiter dieses irrationale Gefühl der Schuld, mir nicht nachgegangen zu sein." Javert sah Valjeans verblüfften Blick. „Ich habe Sie gehört, als Sie auf der Brücke waren. Ich stand direkt neben Ihnen."
„Nicht einmal in Ruhe Selbstgespräche kann man führen", beschwerte sich Valjean leise. „Mir hätte klar sein müssen, daß Sie, nur weil Sie tot sind, nicht aufhören würden, mich zu verfolgen."
„Nein, das konnte ich nicht", gab Javert zu. „Und deswegen kann ich jetzt nicht zulassen, daß Sie meinetwegen Ihren Platz unter den Heiligen verlieren."
„Ich habe die Entscheidung bereits getroffen, so wie ich in Montreuil entschieden habe, nach Arras zu reisen, oder auf der Barrikade, Sie nicht diesen revoltierenden Kindern zu überlassen. Und wie damals bin ich bereit, die Folgen zu tragen." Valjean stand jetzt sehr aufrecht.
„Ich kann das nicht annehmen, nachdem Sie mich auf der Barrikade haben gehen lassen." Im Gegensatz zu Valjean schien Javert in sich zusammengesunken zu sein.
„Hören Sie damit auf, Javert." Valjeans Stimme klang bittend. „Wenn wir jetzt anfangen, wer von uns wann etwas für den anderen getan oder ihm etwas zugefügt hat, wird die Ewigkeit nicht reichen dafür. Seien wir realistisch. Sie kommen hier nicht weg im Moment, ich jetzt auch nicht, also machen wir das Beste daraus und sehen, daß wir miteinander auskommen."
Javert nickte langsam. Er wußte, daß Valjean recht hatte, auch wenn er den Gedanken, daß Valjean tatsächlich für ihn den Himmel aufgegeben hatte, nicht ertragen konnte.
XXX
„Sie erinnern sich vielleicht an Grantaire?" Javerts klang immer noch gereizt, als er Valjean ins Nachbarzimmer führte. „Er gehörte zu den Herrschaften, die mich gerne exekutiert hätten."
„Das wäre nicht nötig gewesen, wenn wir gewußt hätten, daß Sie sowieso ein paar Stunden später von einer Brücke springen wollten", erwiderte Grantaire sarkastisch und erkannte erst jetzt Valjean. „Was tun Sie denn hier? Sie sollten da oben auf einer Wolke sitzen und zu Harfenklang ‚Hallelujah' singen."
„Ich, äh, habe meine Pläne geändert", entgegnete Valjean etwas unsicher.
„Ich halte das ja für einen Fehler." Grantaires Stimme nahm einen Plauderton an, während er gleichzeitig so tat, als würde er Javert komplett ignorieren. „Hier gibt es so einen toten Polizisten, der ist absolut unausstehlich. Aber vielleicht haben Sie ja einen guten Einfluß auf ihn."
Javert sah aus, als habe er den dringenden Wunsch, Grantaire durch die Tür am Ende des Raumes zu werfen – ohne Flügel.
Grantaire fuhr fort, ihn weiterhin zu ignorieren. „Wir müssen für Sie ein paar Flügel aussuchen, wenn Sie hierbleiben. Größe 5, denke ich." Grantaire nahm ein paar weiße Flügel von einem der Bügel. Die Flügel ließen ein fröhliches „Tschirp" hören und flogen einige Runden um Valjeans Kopf herum.
„Wieso sind seine weiß?" wollte Javert wissen, während Valjean fasziniert den Flügeln zusah.
„Er ist kein Todesengel", erklärte Grantaire gelangweilt. „Nur Todesengel haben schwarze Flügel."
Dies schienen die schwarzen Flügel, die Javert nach seiner Rückkehr nicht abgelegt hatte, als Stichwort zu betrachten, denn sie lösten sich von seinem Rücken und flatterten aufgeregt auf die weißen Flügel zu. Beide Flügel tschirpten um die Wette, als handelte es sich bei ihnen um alte Freunde, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Gemeinsam begannen sie, Flugbahnen durch den Raum zu ziehen, einander zu umschwirren und sich gelegentlich mit einer Flügelspitze zu berühren.
„Wie zwei verliebte Vögelchen", bemerkte Grantaire voller Faszination, ohne seine Augen von den Flügeln zu wenden.
So entging ihm, daß Javert und Valjean für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick tauschten, und beide erröteten; Javert vor Ärger, Valjean vor Verlegenheit.
