6. Kapitel
Javert, Valjean und ihre Flügel befanden sich auf der Erde. „Ich verstehe nicht, warum Sie mich unbedingt begleiten wollten", beschwerte sich Javert. „Sie sind kein Todesengel, Sie müssen nicht hier sein."
„Ich möchte aber gerne hier sein", entgegnete Valjean sanft. „Ich möchte sehen, was Sie tun."
„Das haben Sie gesehen, als Sie starben. Es ist nicht nötig, mir über die Schulter zu sehen."
Während dieses Wortwechsels gingen sie durch den Jardin de Luxembourg. Direkt vor ihnen spielte ein kleiner, vielleicht sechsjähriger Junge mit einem Ball. Plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne und starrte in Valjeans Richtung. Dann lief er auf ihn zu, stellte sich direkt vor ihn hin und legte den Kopf in den Nacken. „Bist du ein Engel?" fragte er.
„Ja, das bin ich", antwortete Valjean mit einem Lächeln.
„Wieso kann er Sie sehen?" Javert wirkte sehr irritiert. „Mich kann er nicht sehen."
„Wie Sie schon mehrfach betonten, bin ich kein Todesengel. Und normale Engel können von Kindern und Tieren gesehen werden." Valjean wandte sich wieder an den Jungen. „Kann ich etwas für dich tun?"
„Meine Großmutter ist vorgestern gestorben", antwortete der Junge traurig. „Ist sie jetzt im Himmel?"
Valjean warf einen fragenden Blick zur Seite.
Javert schien mit sich zu ringen. Normalerweise wollte er nicht in fremde Angelegenheiten verwickelt werden. Vor allem nicht, wenn es seine Pflichten betraf. Trotzdem gab er eine Antwort; bei Valjeans bittendem Blick war es schwer, dies nicht zu tun. „Ich habe die Frau vorgestern zum Himmelstor gebracht."
„Deine Großmutter ist jetzt im Himmel", bestätigte Valjean dem Kind, welches schüchtern zu lächeln begann, und sich dann wieder seinem Ball widmete.
„Sie können es nicht lassen, oder?" fragte Javert nach einer Weile, während sie weitergingen.
„Was kann ich nicht lassen?" fragte Valjean zurück.
„Sich in Sachen einzumischen, die Sie eigentlich nichts angehen, ohne Rücksicht auf die folgen."
„Alte Gewohnheiten sterben langsam, besondern wenn man selbst tot ist."
Javert gab einen undefinierbaren Laut von sich. Die Tatsache, daß er Valjeans Anwesenheit akzeptieren mußte, hieß noch lange nicht, daß es ihm recht war. Plötzlich entdeckte er etwa hundert Meter von ihnen entfernt, eine nur zu bekannte Gestalt bei einer ebenso bekannten Beschäftigung. Thenardier kassierte bei einem Bettler einen Anteil von dessen Einnahmen dafür, daß er den armen Kerl ansonsten in Ruhe ließ.
„Ich hasse diesen Mann", murmelte Valjean, der Thenardier ebenfalls gesehen hatte.
„Daß ich jemals von Ihnen hören würde, daß Sie jemanden hassen…", gab Javert zurück. „Ich würde diesen Kerl zu gerne wieder einmal verhaften.
„Wie war das mit alten Gewohnheiten?" Valjean mußte unwillkürlich lächeln, wurde dann jedoch sofort wieder ernst. „Ich wünschte, ich könnte etwas unternehmen, damit dieser Mann gestoppt wird."
„Wir wissen beide, daß wir das nicht können", meinte Javert, auch wenn er bei sich Valjean aus vollem Herzen zustimmte. „Aber ich fürchte, mehr als ihm ein paar üble Träume zu schicken, ist da nicht möglich."
„Träume?"
„Ja, wie das letzte Mal…" Am liebsten hätte Javert sich auf die Zunge gebissen, als er Valjeans zunächst überraschten und dann, als dieser offenbar eine Erkenntnis hatte, nachdenklichen Blick sah.
„Ausgerechnet Sie werfen mir vor, auf meinem Gang durchs Himmelstor verzichtet zu haben?" fragte Valjean leise. Das plötzliche Wissen um das, was Javert getan hatte, ließ fast seine Stimme versagen.
Das Wort, was Javert erwiderte, hätte mit viel Phantasie ein „Ja" sein können, hätte er sich nicht beinahe daran verschluckt.
Valjean entgegnete nichts. Er dachte angestrengt nach, während sie ihren täglichen Pflichten nachgingen, und er tat dies immer noch, als sie zurück in ihr Quartier kehrten. Javert ließ sich in einen Sessel fallen und ignorierte Valjean. Diesem war das ganz recht, denn betont unbeteiligt verließ er das nicht mehr ganz so graue Zimmer und machte sich mit seinen Flügeln, die eigentlich lieber bei Javerts Flügels geblieben wären, auf den Weg in die Tiefe. Er verharrte nicht auf der Erde, sondern schwebte weiter nach unten, bis er vor einem blutroten Tor mit gefährlichen Zacken und Spitzen stand.
Unschlüssig stand Valjean jetzt vor dem Tor und überlegte, wie sein nächster Schritt wohl aussehen sollte. Konnte er einfach durch das Tor zur Hölle treten, um nach der Advokatin zu suchen?
Während er noch nachdachte, erschien hinter dem Tor ein riesiger Hund mit drei Köpfen. Die beiden äußeren Köpfe starrten Valjean grimmig an, während der mittlere die Augen geschlossen hatte und laut und vernehmlich schnarchte. „Was willst du?" verlangte der linke Kopf zu wissen. „Engel haben hier keinen Zutritt, wenn sie nicht gefallen sind."
„Ich, äh, möchte mit der Advokatin des Teufels sprechen", antwortete Valjean und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, daß ihn dieses merkwürdige Tier ausgesprochen nervös machte. „Könnten Sie ihr vielleicht ausrichten, daß ich hier bin, M., äh…?"
„Zerberus", sagte der rechte Kopf. „Hast du gehört, er will die Advokatin sprechen…"
„Das wollen ja so viele." Der linke Kopf grinste bösartig.
Der mittlere Kopf stieß ein besonders lautes Schnarchen aus.
„Dreh dich auf die andere Seite, du störst", beklagte sich der rechte Kopf. „Oh, ich wünschte, er würde nur ein einziges Mal Ruhe geben."
„Wachs", bemerkte Valjean.
„Was?" fragte der rechte Kopf verständnislos.
„Haben Sie es mal mit Wachs in den Ohren versucht, M. Zerberus? Wissen Sie, ich habe ein wenig Erfahrung mit Kerzenleuchtern, und was sie so produzieren."
„Das könnte tatsächlich funktionieren", überlegte der linke Kopf laut, und der rechte meinte zeitgleich: „Wenn das wirklich funktioniert, dann ist es das wert, daß wir der Advokatin Bescheid geben." Der Zerberus wandte dem Tor den Rücken zu, trottete zu einer Art Trichter und bellte ein paar unverständliche Worte hinein.
„Macht doch nicht so einen infernalischen Lärm", maulte der mittlere Kopf, gähnte vernehmlich und begann, aufs Neue zu schnarchen.
Es dauerte zehn Minuten, bis die Advokatin erschien, diesmal nicht in dem gewohnten Kostüm, sondern in einer roten Abendrobe. „M. Valjean, was führt Sie denn hierher?" fragte sie erstaunt, während sie durch den Spalt, den das Tor sich geöffnet hatte, hindurch schlüpfte.
„Ich muß mit Ihnen über Javert reden", begannen die Worte aus Valjean geradezu herauszuströmen. „Wir müssen etwas tun, damit er nicht doch noch dort landet, wo Sie gerade herkommen."
„Darüber waren wir uns bereits einig", erinnerte die Advokatin trocken.
„Ja, aber ich habe gerade etwas erfahren, was helfen könnte, was einfach helfen muß. Er hat einem Verbrecher Träume geschickt, die diesen auf die Idee gebracht haben, meinen Schwiegersohn zu erpressen, was dazu führte, daß dieser die Wahrheit über mich erfuhr, und meine Tochter bei mir sein konnte, als ich starb."
„Aha", die Advokatin war eine Frau von rascher Auffassungsgabe, aber manchmal ging auch ihr etwas zu schnell.
„Er hätte das nicht tun müssen."
„Nein, das hätte er nicht." Die Advokatin begann zu verstehen. In ihrem Kopf begann es zu arbeiten.
„Das können wir doch für seine Verhandlung benutzen, oder?" Valjean klang überaus begierig und hoffnungsvoll.
„Ich denke, es wird gar keine Verhandlung geben." Die Advokatin lächelte, auch wenn die Teilnahme an der Orgie, für die sie sich umgezogen hatte, in weite Ferne rückte. „Wir werden dem Himmel ein Angebot machen, was er nicht ablehnen kann."
XXX
„Warum sind wir schon wieder hier?" fragte der Erzengel Michael und legte sein Flammenschwert auf den Tisch, an dem er vor fast einem Jahr bereits mit der Advokatin verhandelt hatte.
Die Advokatin brachte ihre Unterlagen in Sicherheit, damit sie nicht in Brand gerieten. „Ich möchte Euch ein Geschäft vorschlagen", sagte sie.
„Der Himmel macht keine Geschäfte mit der Hölle", erwiderte der Erzengel empört.
„Vertraut mit, dieses werdet Ihr machen." Die Advokatin strich sich die Haare zurück. „Ich will, daß Ihr Javert aufnehmt."
„Meine Liebe, das weiß ich seit einem Jahr. Wir haben aber nicht vor, das zu tun. Ich weiß auch nicht, wobei da das Geschäft sein soll."
„Javert hat dafür gesorgt, daß Valjean in den Armen seiner Tochter sterben konnte. Das ist nicht nur eine sentimentale, sondern auch unerträglich noble Geste", erklärte die Advokatin.
„Und das soll mich überzeugen? Er ist immer noch ein Selbstmörder. Ich sehe immer noch nicht, wo hier das Geschäft sein soll."
„Ihr würdet Valjean dazu bekommen…"
„Den haben wir doch schon", unterbrach der Erzengel.
„Wir sparen uns eine für alle Seiten aufwendige Verhandlung über Javert, müssen nicht auflisten, was er im vergangenen Jahr an Gutem getan hat, und wir nehmen Euch eine große Last ab", fuhr die Advokatin fort, als sei sie nie unterbrochen worden. „Ihr habt einen jungen Mann aufgenommen, am Tag, bevor Javert starb, blond, schön, so ein richtiger Anführer. Ihr wolltet ihn haben, auch wenn ich nicht verstehe, warum eigentlich. Jetzt, so erzählt man sich, wird er ein wenig… lästig. Er ruft die Cherubine zur Revolution gegen die sie unterdrückenden Engel auf und soll sogar versucht haben, aus Wolken eine Barrikade zu bauen."
„Woher wißt Ihr davon?" Michael fühlte sich äußerst unbehaglich.
„Wir haben so unsere Quellen… Der Vorschlag ist folgender: Ihr nehmt Valjean und Javert, wir nehmen Euch Enjolras ab."
„Und Ihr glaubt, er macht Euch keinen Ärger?"
„Widerspenstige Revolutionäre sind nicht gerade selten bei uns, wir wissen mit ihnen zu verfahren."
Der Erzengel überlegte. Die Vorstellung, wie die Hölle sich mit Enjolras herumschlagen würde, hatte etwas für sich. Dafür konnte man vielleicht schon über den Selbstmord eines verzweifelten Mannes hinwegsehen. „Wenn es Euch gelingt, daß Enjolras freiwillig mit Euch kommt, haben wir eine Vereinbarung."
Die Advokatin lächelte. „Das wird das geringste Problem von allen werden."
