Tach, Leute! Vielen Dank für die Reviews. :)
Sarah: Freut mich, dass dir meine Geschichte gefällt...und dass du sie anscheinend zu den "guten" zählst. ;)
michele: Weitere Kapitel folgen garantiert. ;) Und ich freu mich natürlich auch, dass dir meine Geschichte gefällt. :)
DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Die Auswahl
Wie ein Jahr zuvor standen sie in der Eingangshalle des Grimmauldplatzes. Aber diesmal warteten zwei Jungen in schwarzen Hogwartsumhängen, zwei Eulen in Käfigen und zwei große Koffer. Sirius hatte außerdem seinen Besen dabei.
Er konnte spüren, wie Regulus förmlich vor Aufregung bebte, auch wenn ihm äußerlich nichts anzusehen war. Seine Gesichtsausdruck war ruhig, gelassen und stolz – genau wie es von ihm erwartet wurde. Ein Black zeigte niemals seine Gefühle – jedenfalls nicht seine wahren. Was sein Gesicht an Emotionen verriet war nur das, was es verraten sollte.
„Bereit?", fragte Orion Black. Er legte seine Hand auf Sirius' Schulter, während Walburga ihre auf Regulus' Arm legte. Dann apparierten sie auf Gleis 9¾.
Auf dem Bahnsteig wimmelte es von Erstklässlern. Walburga Black rümpfte die Nase. Auch dieses Jahr gab es viele Schüler, denen man ihre Muggle-Abstammung deutlich ansah. Zu ihrem Glück tauchten in diesem Moment die Malfoys mit Lucius auf. Das silberne Schulsprecherabzeichen schillerte unübersehbar auf seiner Brust. Orion Black klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und gratulierte ihm zu der Auszeichnung. Walburga Black wirkte ein wenig, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sirius spürte, dass ihr Blick zu ihm wanderte und dass er dem Vergleich mit Lucius nicht stand hielt.
„Und dieses Jahr kommst du also nach Hogwarts, Regulus", stellte Lucius fest. „Slytherin?"
„Natürlich kommt er nach Slytherin", mischte sich Walburga Black harsch ein. „Für jemandem von reinem Blut sollte es da keine Alternative geben."
Sirius spürte, wie sie ihm bei diesen Worten einen finsteren Blick zuwarf.
„Sie sagen es, Mrs. Black", erwiderte Lucius glatt. In diesem Augenblick traf Narzissa mit ihren Eltern ein. Lucius begrüßte sie so theatralisch, dass Sirius ein Grinsen unterdrücken musste.
„Narzissa und ich würden dir gerne einen Platz in unserem Abteil anbieten, Regulus", sagte Lucius, nachdem er sein Begrüßungsritual abgeschlossen hatte. Sirius erinnerte sich daran, wie widerstrebend Malfoy und Narzissa ihn letztes Jahr auf das Bestreben seiner Mutter hin in ihr Abteil mitgenommen hatten. Dieses Jahr wollen sie wohl kein Risiko eingehen.
Regulus nahm das Angebot mit leuchtenden Augen an. Es war eine Auszeichnung, dass sich ein Siebtklässler und dazu noch Schulsprecher mit einem Erstklässler abgab, Black hin oder her.
„Ich nehme nicht an, dass der Erbe uns mit seiner Anwesenheit beehrt?", wandte sich Malfoy um einiges kühler an Sirius. Dieser lächelte charmant zurück.
„Nur in meinen Alpträumen, Malfoy."
Lucius warf ihm einen unergründlichen Blick zu.
„Das ließe sich einrichten, Black."
Bevor Sirius etwas sagen konnte, gellte ein Pfiff über den Bahnsteig. Der Hogwarts-Express würde binnen weniger Minuten abfahren.
„Regulus", wandte sich Orion Black an seinen jüngsten Sohn, „die Verantwortung liegt jetzt auf deinen Schultern."
„Ich werde dich nicht enttäuschen, Vater. Ich werde euch beide stolz machen", versicherte Regulus.
„Sirius", sprach ihn sein Vater mit strenger Stimme an, „dass du in Gryffindor bist, ist nicht zu ändern. Aber ich erwarte von dir, dass du diese kindische Rebellion aufgibst und dich wie mein Erbe verhältst. Hast du das verstanden?"
„Ja, Vater."
In Gedanken war Sirius schon längst im Hogwarts-Express bei James, Remus und Peter.
„In den Weihnachtsferien erwarte ich euch beide zu Hause. Sieh zu, dass du bis dahin dein Temperament im Griff hast, Sirius!"
Dann erlaubte er ihnen endlich zu gehen. Gemeinsam stiegen die beiden Brüder ein. Dann standen sie plötzlich auf dem Gang und mussten sich trennen. Regulus hatte seinen Platz im vorderen Teil des Zuges, wo die Slytherins saßen, während die Gryffindors Sirius hinten im Zug einen Platz frei hielten.
„Willst du nicht mitkommen, Sirius?", fragte Regulus.
„Nein danke", erwiderte Sirius kühl.
„Was hast du nur gegen Narzissa und Malfoy?", wollte Regulus wissen. „Sie haben dir überhaupt nichts getan!"
„Ich gebe mich nicht mit Slytherinpack ab!"
Regulus' Augen wurden schmal.
„Dann willst du tatsächlich lieber mit dreckigen Schlammblütern und Blutsverrätern in einem Abteil sitzen."
„Pass auf, was du sagst, Regulus!"
Sirius griff nach seinem Zauberstab und vielleicht hätte er seinen Bruder sogar verhext, wenn nicht gerade in diesem Augenblick James Potter aufgetaucht wäre und gerufen hätte: „Hey, Sirius! Wo bleibst du denn so lange? Wir haben schon gedacht, der Zug ist ohne dich abgefahren. Komm, wir haben weiter hinten ein Abteil nur für uns..." Sein Blick blieb an Regulus hängen. „Macht er Ärger?", wollte er wissen und hatte im nächsten Moment seinen Zauberstab in der Hand.
„Nein", sagte Sirius schnell. „Wir sehen uns in Hogwarts, Reg."
Regulus nickte ihm zu und ging den Gang hinunter zu den Slytherin-Abteilen.
„Ich hab ihn gefunden!", verkündete James, als er die Abteiltür aufschob. Remus und Peter spielten gerade Zauberschnippschnapp. Als Sirius hereinkam, unterbrachen sie ihr Spiel jedoch und begrüßten ihn begeistert. In den Sommerferien waren die vier Gryffindors enger zusammengerückt. Remus und Peter waren auch in Godric's Hollow gewesen, als Sirius James besucht hatte; sie waren jedoch nicht ganz so lange geblieben, da die drei sich in den Wochen zuvor schon immer wieder einige Tage gesehen hatten.
Jetzt hatten sie viel zu besprechen. Remus hatte sich in den Ferien weiter in die Geschichte Hogwarts vertieft und einige gute Anhaltspunkte für Geheimgänge gefunden. James hatte versucht, von seinem Vater mehr über Lord Voldemort und seine Todesser zu erfahren, doch Mr. Potter hatte seinen Prinzipien folgend eisern geschwiegen und da er seinen Sohn kannte, sein Arbeitszimmer abgeschlossen. So hatte James nur Bruchstücke von Unterhaltungen mitbekommen, aus denen sich allerhöchstens schließen ließ, dass die Eltern einiger Slytherins verdächtigt wurden, Todesser zu sein, was sie ja schon vorher gewusst oder zumindest geahnt hatten. Peter hatte auch nicht mehr herausbekommen. Bei den Pettigrews hatte niemand Lust verspürt, sich mit ihm über das Thema zu unterhalten, und schließlich hatten ihm seine Eltern zu verstehen gegeben, dass dies eine Sache war, die die Pettigrews nichts anging. Sie seien reinblütig genug, um nicht in das das Fadenkreuz der Reinblutfanatiker zu geraten, dabei jedoch zu arm und machtlos, um ernsthaft eine der beiden Seiten zu gefährden. Außerdem handele es sich bei Du-weißt-schon-wem und diesen Todessern sicher wieder nur um ein paar Verrückte, die bald wieder verschwunden sein würden. Bei diesen letzten Worten funkelten James' Augen empört.
Nachdem Peter berichtet hatte, sahen alle Sirius an. Sollte er ihnen tatsächlich sagen, dass, seit er denken konnte, noch nie ein Reinblutfanatiker von den alten Familien so ernst genommen worden war wie Lord Voldemort? Dass selbst seine eigenen Anhänger es nicht mehr wagten, seinen Namen auszusprechen? Dass seine eigene Cousine Voldemorts rechte Hand war?
Denk immer daran, dass du ein Black bist. Wir werden es jedenfalls nicht vergessen – genauso wenig wie die andere Seite. Er hatte es ihnen schon nach den Osterferien nicht gesagt, er würde es auch diesmal nicht tun.
„Ich habe eine Woche im Haus eines Blutsverräters verbracht. Ihr glaubt nicht ernsthaft, dass sie mich mit Informationen gefüttert haben, oder?"
„Vermutlich nicht", meinte Remus trocken.
„Was ist mit Remus' pelzigem kleinen Problem?", fragte Sirius, um schnell das Thema zu wechseln. „Hat da jemand was rausgefunden?"
„Nicht wirklich", gab James zu. Auch Peter schüttelte den Kopf.
„Ich habe euch doch schon gesagt, dass es keine Heilung gibt", erklärte Remus geduldig. „Ihr verschwendet nur eure Zeit."
Auf dem Gang klapperte und klirrte es und dann wurde die Abteiltür aufgeschoben.
„Eine Kleinigkeit vom Wagen gefällig, ihr Süßen?", fragte eine runde Hexe.
Kurze Zeit später befand sich in ihrer Mitte ein Berg aus Bertie Botts Bohnen jeder Geschmackrichtung, Schokofröschen, Kesselkuchen, Kürbispasteten, Bubbles Besten Blaskaugummi, Lakritzzauberstäben und vielem mehr. Sie holten die Karten für Zauberschnippschnapp wieder hervor und spielten um ihre Lieblingssüßigkeiten. Als der Hogwarts-Express Stunden später in Hogsmeade hielt, hatte Remus sämtliche Schokofrösche gewonnen und Sirius war froh, dass er wenigstens die Lakritzzauberstäbe hatte ergattern können – Zauberschnippschnapp war eindeutig nicht sein Lieblingsspiel.
Dieses Jahr fuhren sie nicht mit den Booten über den See, sondern wurden von pferdelosen Kutschen zum Schloss gebracht. Wie üblich war die Große Halle am ersten Schultag prächtig geschmückt. Unter dem Schein zahlreichen Kerzen, die unter der Decke schwebten und sich in den goldenen Tellern und Platten widerspiegelten, suchten sich Sirius, James, Remus und Peter einen Platz am Gryffindor-Tisch.
Alle Augen waren gespannt auf die Tür der Großen Halle gerichtet, durch die die Erstklässler jeden Augenblick hereinkommen mussten. Als es endlich so weit war, suchten Sirius' Augen sofort nach Regulus. Er stand etwas abseits der anderen Schüler und blickte sich mit überlegener Miene in der Großen Halle um. Als sein Blick den Gryffindor-Tisch streifte, tat er, als hätte er Sirius nicht gesehen.
Prof. McGonagall stellte den Stuhl auf und legte den Sprechenden Hut darauf, der kurze Zeit später zu singen begann. Sirius hörte ihm nicht zu. Er fühlte sich ein wenig, als käme er das zweite Mal zum ersten Mal in die Große Halle und würde darauf warten, ausgewählt zu werden.
Endlich verkündete Prof. McGonagall: „Wenn ich euch aufrufe, dann nehmt ihr auf dem Stuhl Platz und setzt den Hut auf, damit euer Haus bestimmt werden kann." Sie räusperte sich und entrollte das Pergament. „Black, Regulus."
Sofort erhob sich Gezischel und Gewisper an den Haustischen. Alle Augen waren auf den schlanken Jungen mit den grauen Augen und den schwarzen Haaren gerichtet, der Sirius so ähnlich sah. Als er sich auf den Stuhl setzte, wurde es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen lassen können. Sirius beugte sich vor Spannung atemlos auf, den Blick starr auf seinen jüngeren Bruder und den Sprechenden Hut gerichtet.
Eine endlose Sekunde verging – dann: „SLYTHERIN!"
Der Slytherin-Tisch brach in frenetischen Applaus aus. Regulus Black zog den Sprechenden Hut vom Kopf, warf seinem Bruder ein triumphierendes Lächeln zu und stolzierte zu Malfoy und Narzissa, die einen Platz für ihn freigehalten hatten.
„Catchglove, Greta!"
Sirius fühlte sich ein wenig benebelt. Du wusstest doch, dass es so kommen würde, sagte er sich. Warum also wunderst du dich jetzt darüber?
Lily beugte sich zu ihm über den Tisch.
„Dieser Erstklässler eben, Regulus Black, bist du verwandt mit ihm?", fragte sie.
„Er ist mein Bruder", gab Sirius knapp zurück.
„Oh." Lily schien überrascht. „Ich wusste gar nicht, dass du einen Bruder hast. Du freust dich sicher, dass er nach Hogwarts gekommen ist."
„Ich kann mich gar nicht halten vor Freude", erwiderte Sirius sarkastisch.
„Sie ist aus einer Muggle-Familie", meinte James. „Sie versteht das nicht."
„Verstehst du es denn, Potter?"
Sirius war nicht in der Stimmung, freundlich zu sein.
„Was verstehe ich nicht, weil ich aus einer Muggle-Familie komme?", wollte Lily mit schneidender Stimme wissen. In ihren grünen Augen blitzte es ärgerlich.
„Vergiss es, Evans, das kapierst du nicht", wehrte James ab.
„Was kapiere ich nicht?", fragte sie mit scharfer Stimme nach. „Dass Sirius in Gryffindor und Regulus in Slytherin ist? Sie sind in zwei unterschiedlichen Häusern, na und?"
„Genau das kapierst du nicht", erklärte Sirius unwirsch und verschränkte die Arme vor der Brust. Er hatte genug von dem Thema. Lily schien die Geste zu verstehen und fragte nicht weiter, aber sie sah sehr ärgerlich aus.
Die Auswahl endete wie üblich mit den Ermahnungen und Ankündigungen Dumbledores.
„...den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste wird dieses Jahr Prof. Aridus übernehmen. Und zum Schluss..."
Sirius beugte sich über den Tisch.
„Wo ist Prof. Garth? Warum unterrichtet er nicht weiter?"
Letztes Jahr war Verteidigung gegen die dunklen Künste Sirius' Lieblingsfach gewesen. Prof. Garth hatte ihn zwar einige Male ordentlich angefahren, aber der Unterricht des Ex-Auroren war interessant und praxisnahe gewesen.
„Oh, ich hab vergessen, es euch zu erzählen", flüsterte James zurück. „Garth arbeitet wieder als Auror. Dad hat es mir gesagt."
Bevor Sirius etwas erwidern konnte, wurden die Stühle zurückgeschoben und Unterhaltungen wurden laut; Dumbledore hatte das Fest beendet und die Häuser machten sich auf den Weg in ihre Schlafsäle.
„Gryffindors mir nach!", rief einen ihnen wohl bekannte Stimme und winkte den Erstklässlern zu.
„Oh nein, ich glaub's nicht!", rief James. „Longbottom ist Vertrauensschüler geworden! Und ich dachte immer, er wär okay..."
„Vertrauensschüler zu sein ist nichts Schlechtes", wandte Remus ein. „Eigentlich ist es sogar eine Ehre."
„Pah, Malfoy war auch Vertrauensschüler! Auf so eine Ehre pfeif ich!"
„Und jetzt ist er Schulsprecher."
Sirius tat, als müsse er sich übergeben.
„Marlene wird ihn schon in Schach halten."
„McKinnon?", fragte James. „Wieso? Sie ist doch Mannschaftskapitänin."
„Und Schulsprecherin", erklang eine strenge Stimme von hinten. „Und wenn du immer noch in die Mannschaft willst, Potter, dann benimm dich lieber!"
„Herzlichen Glückwunsch, Marlene", sagte Remus.
„Danke", gab sie knapp zurück, dann ging sie nach vorne zu Frank Longbottom.
„Eine Schulsprecherin als Mannschaftskapitänin, echt gruselig", meinte James, als sie weg war.
„Wieso, traust du dich jetzt nicht mehr anzutreten?", konnte Remus es sich nicht verkneifen zu fragen.
„Quatsch!" James warf ihm einen empörten Blick zu. „Gleich morgen geh ich zum Madam Hooch."
Lachend und streitend folgten sie den Erstklässlern zum Gryffindor-Turm und stiegen die Treppe zu ihrem Schlafsaal hinauf.
Sirius erinnerte sich noch gut an seinen ersten Tag in Hogwarts. Er hatte den Tag begonnen, indem er Remus, der ihm als einziger unvoreingenommen begegnet war, angeschnauzt hatte. Danach hatte er dann zum Frühstück einen Heuler von seiner Mutter bekommen – zu seinem Ärger und zum allgemeinen Amüsement der Schule.
Dieses Jahr ging Sirius gemeinsam mit James, Remus und Peter zum Frühstück. Wie letztes Jahr stürzte der Familienkauz der Blacks von Decke der Großen Halle zu den Haustischen hinab. Aber er nahm nicht Kurs auf den Gryffindor-Tisch, sondern landete bei den Slytherins, wo Regulus saß. Sirius versuchte so zu tun, als ob er nichts bemerkte, aber aus den Augenwinkeln beobachtete er genau, wie Regulus den Brief öffnete, ihn las und ihm einen kurzen Blick zuwarf – genau wie jenen triumphierenden Blick am Abend zuvor. Sirius wandte die Augen ab.
Nach dem Mittagessen hatten sie Verteidigung gegen die dunklen Künste. Die Gryffindors erinnerten sich noch gut an den aufregenden Unterricht letztes Jahr; alle Schüler saßen schon auf ihren Plätzen, als Prof. Aridus hineinkam, in der Hoffnung, sein Unterricht möge sich als genauso spannend herausstellen.
Der neue Lehrer war ein alter, spindeldürrer Zauberer mit einem Schnurrbart, der aussah, als hätte er ihn mit dem Lineal gezogen. Mit gleichgültiger Stimme ging er die Namensliste und erklärte ihnen, das zweite Schuljahr sei wie das erste überwiegend dem Studium schwarzer Kreaturen gewidmet. Dann teilte er ihnen einen Test aus, um das Leistungsniveau der Klasse zu überprüfen.
„Selbstverständlich benotet", fügte er hinzu, „damit Sie sich auch anstrengen."
Also brüteten sie eine Stunde lang über Fragen zu Bowtruckles, Doxys, Billywigs, Grindelohs, Horklumps, Imps, Jarveys und einigen anderen Wesen, von denen Sirius noch nie etwas gehört hatte. Die zweite Stunde wurde nicht besser. Prof. Aridus ließ sie Notizen zu Kappas, japanischen Wasserdämonen, abschreiben und wies sie am Ende an, das entsprechende Kapitel in ihrem Buch bis zur nächsten Stunde zu lesen und eine Zusammenfassung zu schreiben.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich Verteidigung gegen die dunklen Künste mal so langweilig wie Geschichte der Zauberei finden würde", brummte Sirius mürrisch, als sie zu viert einen Korridor hinuntergingen.
„Das war ja nur die erste Stunde", beschwichtigte Remus. „Wenn er erst mal weiß, was wir alles können, wird es vielleicht interessanter."
„Schön wär's", meinte James. Er sollte Recht behalten. Den nächsten Tag vermieste Prof. Aridus ihnen gleich in der ersten Stunde, indem er ihnen den Test zurückgab mit den Worten, er entspreche nicht annähernd dem Niveau, das er von einer zweiten Klasse erwarte. Dann ließ er sie eine weitere Stunde lang Notizen von der Tafel abschreiben und er hätte seinen Unterricht auf diese Weise noch eine zweite Stunde lang fortgesetzt, wenn James und Sirius nicht vor lauter Langeweile die Tafel verhext hätten. Prof. Aridus ließ sie daraufhin das entsprechende Kapitel im Buch abschreiben und James und Sirius nach der Stunde zu sich kommen.
„Wir lassen nach", erklärte Sirius, als sie verspätet aus dem Klassenraum kamen, wo Remus und Peter auf sie warteten. „Letztes Jahr hatten wir schon am ersten Tag Strafarbeiten, weißt du noch, James?"
Bevor der Angesprochene antworten konnte, kam plötzlich eine schlanke Gestalt hinter einer Rüstung hervor.
„Regulus!", entfuhr es Sirius überrascht. „Was machst du denn hier?"
„Sirius. Schon wieder in Schwierigkeiten?", wollte Regulus wissen, ohne auf die Frage seines Bruder einzugehen.
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht", mischte sich James ein.
„Potter, hm?", stellte Regulus fest. „Und deine anderen...Freunde." Hochmütig ließ er seinen Blick über die Gryffindors schweifen. „Ich verstehe dich wirklich nicht, Sirius. Dafür gibst du alles auf?"
„Verpiss dich, Reg!", knurrte Sirius.
„Ja, Reggie, hau ab, sonst kommt der liebe Junge noch zu spät zum Unterricht", warf James ein und machte drohend einen Schritt nach vorne. Regulus ignorierte ihn.
„Bis bald, Sirius."
Hoch erhobenen Hauptes stolzierte er davon.
„Wie hältst du es mit dem zu Hause bloß aus?", wollte James wissen. Sirius zuckte mit den Schultern.
„Er ist nicht immer so."
„Etwa noch schlimmer?"
„Wir sollten auch losgehen, sonst kommen wir zu spät zu Verwandlung", mischte sich Remus ein.
„Jaaa und das wäre ja wirklich schlimm...", gab James sarkastisch zurück, aber er setzte sich in Bewegung. Remus verdrehte die Augen.
Prof. McGonagall war alles andere als begeistert, als sie hörte, dass James und Sirius schon am zweiten Tag Strafarbeiten bekommen hatten.
„Ich denke, Sie wollen unbedingt ins Quidditch-Team, Potter!", fauchte sie James an. „Dann sehen sie zu, dass Sie sich zumindest bis nächste Woche zusammenreißen!"
Vermutlich war dies die einzige Drohung, die bei James ansatzweise Wirkung zeigte. Er riss sich tatsächlich zusammen – zumindest spielte er keine größeren Streiche und ließ sich bei seinen kleinen Hexereien gegen die Slytherins nicht erwischen.
Sirius wollte genauso wie James ins Quidditch-Team, aber seine Gedanken kreisten um ganz andere Dinge. Jeden Morgen sah er Regulus beim Frühstück in der Großen Halle. Jeden Morgen ignorierten sie aneinander und trotzdem war Sirius sicher, dass sein Bruder ihn genau im Auge behielt – so wie er ihn. Die Slytherins verhielten sich merkwürdig ruhig. Bis auf ein paar Kabbeleien in Zaubertränke und ein paar Duellen mit Snape, die James angefangen hatte, war noch nichts vorgefallen. Letztes Jahr hatte er kaum von einem Klassenraum zum andern gehen können, ohne nicht in mindestens drei Duelle verwickelt zu werden.
Sirius überlegte, ob er das Regulus zu verdanken hatte. Aber Regulus, obgleich ein Black, war auch nur ein Erstklässler. Er bezweifelte, dass ältere Schüler wie Malfoy oder Lestrange auf ihren hören würden. Wahrscheinlich warteten sie auf eine Reaktion seinerseits. Aber da können sie lange warten. Regulus hat seine Entscheidung getroffen und ich meine. Ich werde ihm nicht hinterher laufen.
Die Auswahlspiele fanden in der zweiten Septemberwoche statt. Es wurde eine Position als Jäger und eine als Treiber frei. Außer James und Sirius bewarben sich noch Davey Gudgeon und einige ältere Gryffindors. Aus der zweiten Klasse schien außer ihnen keiner besondere Ambitionen als Quidditch-Spieler zu haben.
Marlene McKinnon ließ sie zunächst einmal um das Quidditch-Feld fliegen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Dann schickte sie alle, die sich nicht als Jäger bewarben, vom Platz. Sirius schlenderte mit Davey Gudgeon und zwei anderen zur Tribüne, von wo sie die Auswahlspiele weiter beobachteten.
Es war vom ersten Augenblick an offensichtlich, dass James hervorragend flog. Nur ein anderer Bewerber machte ihm Konkurrenz und den stellte er mit einem gewagten Ausweichmanöver in den Schatten. Sirius klatschte laut und James grinste und reckte den Daumen in die Höhe.
„Immerhin kann er fliegen", stellte eine Stimme neben ihm arrogant fest. Ärgerlich sah sich Sirius um und entdeckte Regulus.
„Was machst du denn hier?", wollte er wissen. „Das hier sind die Gryffindor-Auswahlspiele."
„Ich weiß", gab Regulus ungerührt zurück. „Die Slytherin-Auswahlspiele waren gestern."
„Und was willst du dann hier?", fuhr Davey Gudgeon ihn an. „Seh doch deinen verdammten Slytherin-Freunden beim Training zu!"
Regulus ignorierte ihn.
„Ich wollte nur mal sehen, was die Gryffindors dieses Jahr für ein Team auf die Beine stellen", erklärte er an Sirius gewandt. „Letztes Jahr muss es ja ziemlich schwach gewesen sein, wie ich gehört habe."
Die Mienen der Gryffindors verfinsterten sich.
„Was hast du schon für 'ne Ahnung!", mischte sich einer unwirsch ein. „Du bist doch allenfalls ein Erstklässler!"
„Und obendrein ein Slytherin", stimmte der andere ein. „Verpiss dich, du hast hier nichts zu suchen!"
Dieser Meinung war Sirius auch, aber es wäre seine Sache gewesen, dies Regulus zu sagen, nicht die der anderen Gryffindors, die offensichtlich überhaupt keine Ahnung hatten, mit wem sie da sprachen.
„Das ist mein Bruder!", zischte er.
„Na und?" Die drei anderen waren wenig beeindruckt. „Ein Slytherin ist er trotzdem. Und ein Black", musste natürlich einer hinzufügen. Sirius spürte, wie Wut in ihm aufstieg.
„Ich bin auch ein Black", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Der andere hob spöttisch eine Augenbraue. „Höchstwahrscheinlich, wenn er dein Bruder ist. Aber ich dachte, du bist ein Gryffindor."
Bevor Sirius etwas erwidern konnte, mischte sich Marlene ein, die schon mehrmals missbilligend zu ihnen hinüber geguckt hatte.
„Was ist da los?", wollte sie wissen. „Was macht der Erstklässler da?"
„Ein Familientreffen der Blacks", rief einer der älteren Gryffindors. Marlene warf Sirius einen unheilvollen Blick zu. Dann wandte sie sich an Regulus: „Ich dulde keine Slytherin-Spione. Am besten du gehst jetzt, bevor ich dir Punkte abziehe."
Regulus zog seinen Umhang zurecht.
„Das Feld ist momentan für Gryffindor reserviert, nicht die Tribüne. Ich kann bleiben so lange ich will. Zufälligerweise habe ich aber schon genug gesehen." Er stand auf. „Ich schreibe Mutter und Vater, dass du Treiber geworden bist, Sirius – nur für das falsche Haus. Wir sehen uns."
Er stolzierte davon.
„Das werden wir ja noch sehen", hörte Sirius einen der anderen Drei murmeln. „Wär ja noch schöner, wenn ausgerechnet ein Black jetzt auch noch Treiber im Gryffindor-Team wird."
Sirius biss die Zähne zusammen. Euch werd ich's zeigen.
