DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Vollmond (1/2)
Die Wichtel hinterließen nicht nur ein Chaos in der Großen Halle, sondern auch eine brodelnde Gerüchteküche. Nur in einem Punkt waren sich alle einig: James und Sirius mussten die Wichtel freigelassen haben, um ihren Streich vom letzten Jahr noch zu übertreffen.
Sirius und James, sonst mit die beliebtesten Schüler in ganz Hogwarts, sahen sich plötzlich nicht nur von Seiten der Slytherin, sondern von durchweg allen Häusern Anfeindungen ausgesetzt. In der Großen Halle rückte niemand mehr zur Seite, damit sie am Tisch zusammen sitzen konnten, in den Unterrichtsstunden sprachen die anderen Schüler nur noch das Nötigste mit ihnen, im Gemeinschaftsraum ignorierte man sie und im Quidditch-Team waren sie nur noch der neue Jäger und der neue Treiber.
Noch schlimmer wurde es, als im Tagespropheten ein Artikel erschien, in dem der Sänger von Satan's Beats Dumbledore die Schuld an dem Vorfall gab und ihn einen „verrückten alten Knallknopf" nannte. Danach schienen sogar die Lehrer sie kühler als sonst zu behandeln.
Sirius kümmerte sich nicht weiter darum. Fast sein ganzes Leben hatte er mitbekommen, wie seine Eltern und die anderen Blacks sein mangelhaftes Benehmen verurteilten und über ihn die Nase rümpften, ob er nun absichtlich gegen eine der vielen Regeln verstoßen hatte oder unabsichtlich. James jedoch reagierte mit dem gekränkten Stolz eines Menschen, dem noch nie ein Unrecht widerfahren ist.
Als James sich mit einem Hufflepuff duellieren wollte, weil dieser laut überlegte, wann Sirius und James wohl den Mut haben würden, ihre Schuld einzugestehen, griff Sirius ein – schließlich konnte James kaum die ganze Schule herausfordern. Zum Schluss verhexten sie den Hufflepuff allerdings trotzdem.
„Das kommt davon, wenn man ein Trottel ist", erklärte James dem unglücklichen. Dummerweise erwischte sie jedoch Prof. McGonagall dabei. Sie zog Gryffindor jeweils 30 Punkte ab („Aber, Professor!") und verdonnerte sie zum Nachsitzen.
Das erste Quidditch-Spiel, Gryffindor gegen Hufflepuff, rückte näher. Da die meisten Schüler sauer auf Sirius und James waren, standen sie auf der Seite der Hufflepuffs und so war, wohin man kam, mindestens die Hälfte der Anwesenden schwarzgelb gekleidet. Eine Ausnahme bildeten die Gryffindors, die rotgold trugen, und die Slythrins, die nur auf ihrer eigenen Seite standen.
Am Samstag, als das Quidditch-Spiel stattfand, regnete es das erste Mal seit langen nicht mehr, dafür stürmte es umso mehr. Es würde kein leichtes Match werden, aber die Gryffindor-Mannschaft war fest entschlossen, ihr Bestes zu geben – und zu gewinnen.
Nach einem kargen Frühstück gingen Sirius und James zusammen in den Umkleideraum, während Remus und Peter sich mit der Masse auf den Weg zu den Tribünen machten. James war schweigsamer als gewöhnlich. Sirius wusste, dass ihm dieses Spiel viel bedeutete. Quidditch war seine Leidenschaft, er wollte sich beweisen.
Sirius war ebenfalls entschlossen, sein Bestes zu geben, aber nicht für die Gryffindors und auch nicht, um dem Rest der Schule etwas zu beweisen. Es ging ihm um Regulus. Sein kleiner Bruder liebte Quidditch, er würde zwischen den anderen Slytherins auf der Tribüne sitzen und jeden Spielzug atemlos mitverfolgen. Du bist nicht der einzige Quidditch-Spieler in der Familie, Reg, dachte er. Wir werden gewinnen und dann... Er wusste selbst nicht so genau, was dann sein würde, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihn Regulus dann wieder mehr akzeptieren würde. Ich wollte dich nie im Stich lassen, Reg, und es war nie meine Absicht, mich von unserer Familie abzuwenden.
„So, Leute." Marlene McKinnon hatte sich, ganz Mannschaftskapitänin, vor ihnen aufgebaut. „Das ist heute das erste Spiel der Saison. Und ich will verdammt noch mal, dass wir gewinnen. Wir sind das bessere Team! Also fliegt wie im Training und macht die Hufflepuffs platt!"
Sie ging voran und trat hinaus auf das Quidditch-Feld. Prewitt stieß Sirius an.
„Bereit, Black?"
Sirius nickte.
„Wie im Training. Dann haben sie keine Chance."
Gemeinsam traten sie nach draußen. Die Tribünen waren trotz des Sturms bis auf den letzten Platz besetzt. Die Menge wogte hin und her und schien zu rufen und zu schreien, doch der Wind heulte so laut, dass kein einziges Wort bei Sirius ankam. Er suchte die Zuschauerreihen nach Remus, Peter und Regulus ab, aber er konnte keinen von ihnen entdecken. Dann ertönte plötzlich ein gellender Pfiff. Sirius stieß sich vom Boden ab und flog.
Es war, als hätte das Spiel alles ausgelöscht, was davor gewesen war. Die Gryffindors stürmten zu ihrer Mannschaft aufs Quidditchfeld, umarmten die einzelnen Spieler, klopften ihnen auf den Rücken, trugen sie auf den Schultern. James strahlte und stieß die Faust in die Luft. Sie hatten gewonnen. Und er, der neue Jäger, der jüngste in der Mannschaft, der, mit dem sie seit Halloween kaum noch gesprochen hatten, er hatte die meisten Tore geschossen.
Auch Sirius feierte man wie die anderen Spieler, aber er befreite sich aus der Massenumarmung und schob sich zum Rand des Geschehens. Wie er erwartet hatte stand dort Regulus – und neben ihm Narzissa.
„Toll gespielt, Sirius", sagte sie. „Meinen Glückwunsch zu deinem Sieg."
Sirius wusste genau, warum sie von seinem und nicht von ihrem Sieg sprach, aber heute war es ihm egal. Narzissa schenkte ihm ein warmes Lächeln, das Sirius erwiderte, und schwebte davon.
Regulus grinste.
„Cissa hat zwar keine Ahnung von Quidditch, aber du warst wirklich gut, Sirius. Slytherin muss sich dieses Jahr warm anziehen."
Sirius kniff misstrauisch die Augen zusammen, aber in Regulus' Stimme schwang keine Falschheit mit.
„Du hast gespielt, wie es dem Erben der Blacks würdig ist, Bruder", fuhr Regulus laut fort. „Besser als alle anderen."
Er lügt. James hat besser gespielt.
Sirius merkte erst, dass er seine Gedanken laut ausgesprochen hatte, als Regulus auf sie antwortete.
„Ja, Potter hat gut gespielt. Auf seiner Position. Trotzdem, Sirius..."
Den Rest des Satzes hörte Sirius nicht mehr. Nimm dein Erbe an, damit ich dich wieder akzeptieren kann, Bruder. Es war, als könne er Regulus' Gedanken hinter seinen Worten hören. Er ließ ihn stehen und ging davon. James hatte besser gespielt als er. Aber wenn er, Sirius, der beste gewesen wäre, hätte Regulus ihn dann akzeptiert? Er war sauer auf James, weil dieser besser gewesen war, aber weil James nichts dafür konnte, und weil es Sirius war, der nicht gut genug gewesen war, der versagt hatte, der den Ansprüchen wieder nicht genügt hatte...
„Hey, Sirius!" Ausgerechnet James' Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Strahlend lief sein bester Freund auf ihn zu.
„Komm, wir holen Süßigkeiten für alle aus der Küche! Remus und Peter habe ich mit dem Tarnumhang nach Hogsmeade geschickt", fügte er mit verschwörerischer Stimme hinzu. Sirius zwang sich zu lächeln.
„Alles klar." Er ist dein bester Freund. Nun mach schon. „James? Großartiges Spiel. Du warst der beste."
„Ich wollte schon immer als Jäger spielen. Schon als ich ganz klein war. Dad sagt, ich habe auf dem Besen gesessen, bevor ich laufen konnte." Die Arroganz, die sonst immer in James' Stimme mitschwang, fehlte und er klang erwachsener. „Es war ein tolles Spiel. Aber wenn du mir nicht mit Prewitt den Rücken freigehalten hättest, dann hätte ich wahrscheinlich gerade mal die Hälfte der Tore schießen können. Wir haben als Team gewonnen, Sirius."
Sirius konnte nicht sagen, was genau in James' Worten den Unterschied ausmachte, aber plötzlich fühlte er sich besser. Leichter. Seine gute Laune kehrte zurück. Immerhin hatten sie gewonnen!
Nach dem Quidditch-Spiel wurde es eiskalt. Der große See fror zu und Eisblumen erschienen an Hogwarts' Fenstern. Ein paar wagemutige Schüler wagten sich hinaus auf den See, der Rest bevorzugten die Wärme der Kaminfeuer im Gemeinschaftsraum. James und Sirius waren weder bei denen einen noch bei den anderen zu finden; sie hielten ihr Wort. Während Remus und Peter zusammen Hausaufgaben machten, durchsuchten sie die Bibliothek nach Informationen über Werwölfe. Letztes Jahr hatten sie sich vor allem auf Bücher konzentriert, in denen möglicherweise einen Hinweis darauf stand, wie die Lykanthropie zu heilen war, jetzt suchten sie vor allem nach Büchern über Werwölfe. Die Ausbeute war jedoch ziemlich enttäuschend.
„Mann, langsam verstehe ich, warum die Leute solche Angst vor Werwölfen haben", sagte James und legte Grausige Wesen der Nacht auf einen Stapel zu Dunkle Kreaturen – was Sie im Angesicht des beinahe sicheren Todes tun können und Tipps zum Umgang mit Werwölfen herausgegeben von der Tierwesenbehörde (Werwolf-Register und Werwolf-Fangkommando).
„Wenn ich das hier vorher gelesen hätte, hätte ich vermutlich auch Angst gehabt", meinte Sirius und schleuderte frustiert Wenn Alpträume wahr werden – Kreaturen der Nacht zur Seite.
„Es gibt aber auch noch ganz andere Spinner", erwiderte James und schlug ein dünnes Buch auf. „Hier, hör dir das mal an." Er deklamierte: „Das Sonnenlicht erlischt/die Nacht erwacht/die Sterne funkeln/und der volle runde Mond, es scheint, er lacht./Der Wolf, er hört den Ruf/folgt ihm mit schnellem Fuß./Der Mensch, er weicht/wehe ihm, wenn der Wolf ihn greift./Doch ich fürchte mich nicht sehr/bin kein schwaches Menschlein mehr... Das ganze Buch geht so. Wie bekloppt muss man sein, um ein hundertseitiges Gedicht über einen Werwolf und den Mond zu schreiben? Und noch dazu ein schlechtes."
„Man muss ziemlich bekloppt sein", sagte Remus und setzte sich zu ihnen. „Ihr habt also immer noch nicht aufgegeben?"
„Nein", erwiderten Sirius und James wie aus einem Munde.
„Sagt Bescheid, wenn ihr so weit seid. Wonach sucht ihr überhaupt genau? Ich habe euch doch bestimmt schon 100 Mal gesagt, dass es keine Heilung gibt."
Sirius und James zuckten die Schultern. Sie wussten es selbst nicht so genau. Irgendetwas, das die Verwandlung für Remus erträglicher machte. Weniger grausam. Die Lykanthropie war ein Fluch, den kein Mensch alleine tragen sollte, schon gar nicht ein zwölfjähriger Junge. Und doch war die Einsamkeit ein Teil dieses Fluches.
„Ich muss damit alleine fertig werden", sagte Remus. „Sogar meine Eltern mussten das akzeptieren. Ihr solltet euch lieber um eure Hausaufgaben kümmern. Peter und ich sind schon fast fertig und ihr habt noch nicht mal angefangen."
„Musst du nicht", sagte James trotzig. „Wann ist der nächste Vollmond?"
„In neun Tagen." Remus musterte James misstrauisch. „Warum willst du das wissen?"
James lächelte geheimnisvoll.
„Du wirst schon sehen."
Aber diese Reaktion trug nicht gerade dazu bei, Remus zu beruhigen.
„Was hast du vor?", wollte er wissen. „Hör mal, James, das ist kein Spiel. Das Ganze ist todernst." Er sah sich vorsichtig um, ob jemand in der Nähe war, und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort: „Wenn ich mich verwandle, dann bin ich ein Monster. Ich würde euch umbringen, James, oder noch schlimmer, zu dem machen, was ich bin. Wenn ihr mir unbedingt einen Gefallen tun wollt, dann bringt euch nicht in Gefahr."
„Keine Bange, Remus", sagte James und klopfte ihm auf die Schulter. „Wir werden uns nicht in Gefahr begeben. Aber wir werden dich auch nicht im Stich lassen."
Remus sah nicht gerade überzeugt als, aber da James sich weigerte, seine geheimnisvollen Andeutungen zu erklären, gab er schließlich auf.
„Ich hoffe nur, ihr wisst, was ihr da tut."
Aber Remus' Lykanthropie war nicht das einzige Problem, das sie beschäftigte. James und Sirius vermuteten immer noch, dass es Snape gewesen war, der die Wichtel freigelassen hatte, um sich für den Streich an den Slytherins zu rächen. Also lauerten sie ihm vor der Bibliothek auf, in der er sich oft mit Lily Evans traf. Doch Snape war nicht der erste Slytherin, der ihnen über den Weg lief, sondern Regulus.
„Ich habe dich überall gesucht, ich muss mit dir reden", begrüßte er Sirius, ohne James zu beachten. Sirius musterte seinen kleinen Bruder kühl von oben herab. Er verachtet mich. Ich werde nie so sein, wie er es von mir erwartet. Spätestens nach dem Quidditch-Spiel hatte er das begriffen. Was also will er von mir?
„Sag, was du willst, und verschwinde", sagte Sirius barscher als er eigentlich vorgehabt hatte.
„Ich wollte dich warnen. Lucius hat gesagt..."
„Still, da kommt Schniefelus!", zischte James.
„Verdammt, verschwinde, Regulus, bevor er dich sieht!"
„Aber..."
„Nun mach schon!"
Regulus warf ihm einen verletzten Blick zu und stolzierte davon. Warum habe ich immer noch Mitleid mit ihm? Er sollte mir egal sein.
„Hallo, Schniefelus!", sagte James laut und trat in die Mitte des Ganges, während Sirius ihr Opfer mit dem Lähmfluch am Weglaufen hinderte. Snape stieß eine Flut an Verwünschungen aus, die James mit einer Bewegung seines Zauberstabes zur Seite wischte.
„Halt's Maul, Schniefelus. Wir wollen nur ein paar Informationen. Wenn du uns sagst, was wir wissen wollen, lassen wir dich ausnahmsweise in Ruhe."
„Hast du die Wichtel freigelassen?", fragte Sirius. Er hatte damit gerechnet, dass Snape alles abstreiten oder aber umgekehrt, sie mit seinem gelungenen Streich verspotten würde, aber der Slytherin reagierte ganz anders. Erst schien er erstaunt, dann nahm sein Gesicht einen verschlagenen Ausdruck an.
„Ihr glaubt, dass ich die Wichtel freigelassen habe?"
„Wir glauben es nicht nur, wir wissen es!", bluffte James.
„Oh, ihr wisst es sogar", spottete Snape. „Warum sollte ich das denn tun?"
„Weil du dich für den Streich rächen willst, den wir den Slytherins gespielt haben", antwortete James hitzig, bevor Sirius ihn daran hindern konnte.
„Ach, ihr ward es also tatsächlich?
„Selbst wenn es so wäre, Schniefelus, wäre dein Wort gegen unsers kein Beweis", stellte Sirius mit kalter Stimme klar, bevor James sich um Kopf und Kragen reden konnte. „Aber du hättest Gründe, die Wichtel freizulassen. Jeder weiß doch, dass du Gryffindor hasst", er senkte die Stimme, „und dass du neidisch auf James bist, weil er so gut fliegen kann. Wie oft bist du damals in den Flugstunden vom Besen gefallen, Schniefelus? Fünfmal? Sechsmal?"
Snape hasste es, wenn man ihn auf seine Schwächen ansprach. Und dass er in der ersten Klasse beim Fliegen total versagt hatte, schien ihn besonders zu ärgern. Sein Gesicht wurde fleckig rot vor Wut.
„Sei still!", verlangte er mit sich überschlagender Stimme zu wissen. „Sei still! Halt den Mund!"
Sirius bemerkte einen Augenblick zu spät, dass der Lähmfluch nachließ. Snape sprang auf die Beine.
„FLAGELLO!"
Im nächsten Augenblick hatte Sirius das Gefühl, als würde ihn etwas Heißes, Dünnes im Gesicht treffen, und er wurde zur Seite geschleudert. Während er um sein Gleichgewicht kämpfte, hörte er James etwas brüllen und als er wieder hinsah, lag Snape erstarrt am Boden mit zornroten Furunkeln im Gesicht. James stand schwer atmend über ihm, das Gesicht vor Zorn verzerrt.
„Ich glaub's einfach nicht!", rief er. „Der Bastard hatte dunkle Magie angewandt! In der zweiten Klasse! In Hogwarts!"
Entweder hat er den Peitschfluch zu Hause oder von Lestrange gelernt.
„Schon gut, James. Es ist ja nichts weiter passiert."
„Nichts weiter passiert?", fragte eine Stimme wütend. „Was habt ihr mit Sev gemacht?"
Lily Evans war aus der Bibliothek gekommen.
„Ihm das gegeben, was er verdient hat, Evans!", knurrte James. „Der Bastard hat versucht, Sirius zu verhexen!"
Lily warf Sirius einen prüfenden Blick. Seine Lippe blutete und sein Gesicht brannte, wo ihn der Fluch getroffen hatte, aber ansonsten war ihm nichts passiert. Mehr Stolz verletzt als alles andere. Dafür wirst du trotzdem bezahlen, Schniefelus! Er war ein Black. Man überraschte ihn nicht einfach während eines Kampfes.
„Er ist aber offensichtlich noch ganz munter im Gegensatz zu Severus!", schnappte Lily, wenn auch leichte Unsicherheit in ihrer Stimme mitschwang. „Und er wird auch seinen Teil dazu beigetragen haben!" Sie hob den Zauberstab und wollte den Ganzkörperklammerfluch von Snape nehmen. „Fi..."
„Steck den Zauberstab weg!", brüllte James. „Er hat es verdient! Er hat dunkle Magie angewandt! Gegen Sirius!"
Irgendwann wird sich der hehre Potter erinnern, dass du ein Black bist. Und dann wird er dich fallen lassen.
„Sev würde niemals schwarze Magie anwenden!", fauchte Lily zurück. „Und jetzt lass mich in Ruhe, Potter, oder ich verhexe dich!"
„Lass sie doch, James", mischte sich Sirius ein, „Schniefelus soll eh noch unsere Frage beantworten."
„Nenn ihn nicht so!"
„Ach ja, stimmt."
Die Ablenkung von dem leidigen Thema schwarze Magie schien James etwas zu entspannen. Lässig schwang er den Zauberstab.
„Finite."
Snape regte sich. Sofort richtete James seinen Zauberstab auf ihn.
„Impedimenta!"
„Hör auf, ihn zu verhexen, Potter!", schrie Evans.
„Die Frage", erinnerte Sirius.
„Schniefelus, du verdammter schleimiger, schwarzmagischer Bastard, hast du die Wichtel freigelassen?"
Trotz der Furunkel wirkte Snapes Gesichtsausdruck irgendwie triumphierend.
„Nein."
„Sag die Wahrheit oder ich verhexe dich, sodass..."
„Du hast ihn doch gehört!", fuhr Lily wütend dazwischen. „Er hat die Wichtel nicht freigelassen!"
„Er lügt!"
„Nur weil er nicht sagt, was du hören willst, heißt das nicht, dass er lügt, Potter! Komm, Sev, wir gehen zu Madam Pomfrey."
Sie fasste Snape am Arm und zog ihn mit sich, nachdem sie den Lähmfluch von ihm genommen hatte.
„Das nächste Mal kommst du nicht so leicht davon, Schniefelus!", rief James ihnen hinterher. „Verlass dich drauf!"
„Und du bist dir immer noch sicher, dass er gelogen hat?", fragte Sirius. Sie hockten unter dem Tarnumhang in der Nähe der Peitschende Weide und es war klirrend kalt.
„Ja", knurrte James gereizt. Er war müde und fror erbärmlich. Außerdem führten sie dieses Gespräch nicht zum ersten Mal.
Sirius war auch müde und fror genauso und deshalb versuchte er, sich abzulenken. Er war nämlich anderer Meinung.
„Und wenn er nicht gelogen hat?"
„Er hat aber gelogen! Wer sonst hätte einen Grund, diese verdammten Wichtel freizulassen? Wenn doch bloß Evans nicht aufgetaucht wäre, dann hätten wir die Wahrheit aus ihm rausbekommen!"
„Es ist so weit", sagte Peter. Seine Zähne klapperten so sehr, dass man ihn kaum verstehen konnte.
„Der Mond ist untergegangen."
„Dann los!"
Mit einem Stock, den sie von Hagrids Hütte mitgenommen hatten, brachten sie die Peitschende Weide zur Ruhe und schlüpften in den Geheimgang. Die Zauberstäbe gezückt und alle Sinne angespannt liefen sie zwischen den lehmigen Wänden entlang. Der Mond war zwar untergegangen, aber wer konnte schon sagen, wie lange sein Einfluss auf Remus anhielt?
„Hörst du etwas?", fragte James, als sie das Loch im Boden der Hütte erreichten. Sirius lauschte und schüttelte den Kopf. Nacheinander kletterten sie durch das Loch in die Hütte. Der Raum sah genauso aus, wie beim letzten Mal, nur dass es jetzt neue helle Blutflecken gab und noch mehr alte dunkle und die Möbel noch wüster zertrümmert und die Tapete noch übler zerfetzt war. Sirius hörte Peter neben sich schlucken.
„U...und ihr sei...seid sicher, dass er nicht me...mehr gefährlich ist?", stammelte er. In seiner Stimme lag deutliche Panik. Im Gegensatz zu Sirius und James war er vorher noch nie in der Heulenden Hütte gewesen.
„Nein, ich glaube nicht", sagte James. „Der Mond ist schon untergegangen und wir wären sicher schon tot, wenn Remus noch verwandelt wäre."
Peter wimmerte.
Zusammen traten sie in den dunklen Flur und stiegen die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo das Himmelbett stand, in dem Remus lag. Er sah fast noch übler aus als beim letzten Mal, als sie ihn gesehen hatten. Er war mit Schrammen und Blutergüssen bedeckt und über sein Gesicht gingen fünf Risse, als hätte ihn ein Prankenhieb getroffen.
„Ihr seid's nur", murmelte er, als er die drei sah. „Ich hatte schon Angst..."
„Wir sind unter dem Tarnumhang hergekommen", erklärte James und setzte sich zu Remus ans Bett. „Alles klar?", fragte er leise. Remus lächelte matt.
„Naja, den Umständen entsprechend..."
„Wir haben doch gesagt, wir lassen dich nicht alleine", sagte James. Wieder lächelte Remus, aber dann wurde er ernst.
„Ihr hättet trotzdem nicht kommen sollen. Wenn ich noch gefährlich gewesen wäre..."
„Wir haben nach dem Mond geguckt, er war schon untergegangen."
„Wenn euch jemand gesehen hat..."
„Uns hat niemand gesehen."
„Wenn Madam Pomfrey euch sieht..."
„Wir verstecken uns unter dem Umhang."
Remus lächelte.
„Ich habe keine Chance, was?"
„Nicht wirklich."
Sie schwiegen einen Augenblick, dann runzelte Remus die Stirn.
„Wenn ihr euch mit Madam Pomfrey und mir rausschleicht, dann kommt ihr zu spät zum Unterricht."
„Ja, wir schwänzen Verteidigung gegen die dunklen Künste", erklärte James gleichgültig. „Der Unterricht bei Aridus ist doch eh ein Witz."
„Trotzdem, das Fach ist wichtig", protestierte Remus.
„Du spinnst, Remus", sagte Sirius. „Du bist halbtot, aber du denkst an Unterricht."
Remus warf Sirius sein Kissen an den Kopf.
„Ich bin noch sehr lebendig, Black."
Sirius lachte und die anderen drei stimmten ein. Dann fragte Peter plötzlich schüchtern: „Remus, woher...woher kommt all das Blut...und deine Verletzungen?"
Mit der Frage verflog die heitere Stimmung. Remus' Miene wurde düster, so als erinnere er sich an etwas sehr Schmerzhaftes.
„Wenn ich ein Wolf bin", versuchte er zu erklären, „dann hat sich nicht nur mein Körper verwandelt, sondern auch mein Geist. Er will jagen, er will frisches Fleisch, er will Blut, er will töten, zerfetzen..." Remus schüttelte den Kopf, als wären ihm diese Gedanken zuwider. „Aber ich bin allein in dieser Hütte. Ich kann nicht raus. Manchmal wittert der Wolf etwas, aber er kann nicht jagen. Dann wird er wütend. Er springt gegen die Wände, zertrümmert die Möbel, zerfetzt die Tapete...und er verletzt sich selbst. Nur um Blut zu sehen, zu schmecken, den metallischen Gestank zu riechen..."
Wieder schüttelte es ihn.
„Ist es besser, wenn du frei bist...?", wagte James vorsichtig zu fragen. Remus zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Seit ich gebissen wurde, war ich jeden Vollmond eingeschlossen. Aber hier ist es wenigstens besser als zu Hause. Die Hütte ist größer und der Wolf kann unmöglich entkommen. Zu Hause...zu Hause habe ich immer Angst, dass ich jemanden verletze. Der Wolf ist mit mir gewachsen und stärker geworden. Was ist, wenn er sich irgendwann aus dem Keller befreien kann? Meine Eltern schlafen nur zwei Stockwerke über mir."
Darauf wusste niemand etwas zu sagen. Schließlich traute sich Sirius eine andere Frage zu stellen: „Kannst du dich erinnern?"
Remus schüttelte den Kopf.
„Nicht wirklich. Ein paar Bilder, Eindrücke. Gerüche, Geräusche, Gefühle... Meistens Wut", setzte er mit einem schiefen Grinsen hinzu. Wieder schwiegen sie eine Weile. Dann fragte Remus plötzlich: „Weiß einer von euch wie spät es ist? Irgendwie hab ich das Gefühl, das Madam Pomfrey heute spät dran ist."
Peter schaute auf seine Uhr.
„Sie muss zu spät sein", erklärte er. „Es ist schon halb acht."
„Halb acht schon!", entfuhr es Remus. „Das ist viel zu spät. War irgendwas Besonderes im Schloss, als ihr losgegangen seid?"
James schüttelte den Kopf.
„Nein, alle haben geschlafen."
„Was machen wir jetzt?"
