DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Der Erbe der Blacks (1/2)
Nach den aufregenden Ereignissen im November verging der Dezember recht schnell. Es wurde etwas wärmer, aber dafür schneite es jeden Tag in dicken Flocken, sodass Hagrid die Wege zum Gewächshaus frei schaufeln musste, weil außer ihm niemand mehr durch den Schnee kam. In der zweiten Dezemberwoche kam Prof. McGonagall mit der Liste, auf die all jene ihren Namen schrieben, die über die Weihnachtsferien in Hogwarts bleiben wollten. Es trugen sich jedoch nur wenige ein. Auch Remus fuhr dieses Jahr über die Weihnachtsferien nach Hause; die Vollmondnacht lag kurz vor Ferienbeginn.
Sirius sah den Weihnachtsferien mit gemischten Gefühlen entgegen. Er wusste noch genau, wie er sich letztes Jahr gefühlt hatte: ratlos und durcheinander. Das war dieses Jahr anders, aber genau wie letztes Jahr verdrängte er die Gedanken daran, was zu Hause auf ihn wartete. Du wirst die Konsequenzen zu spüren bekommen für jeden weiteren Regelverstoß, von dem wir erfahren.
„Freu dich doch auf Andromeda", sagte James eines Tages, der merkte, dass Sirius ihre Weihnachtsstimmung nicht teilte. Er meinte es gut, aber er hätte in diesem Augenblick nichts Falscheres sagen können.
„Andromeda kommt nicht."
James sah ihn verwirrt an.
„Wieso nicht?"
Konnte es sein, dass die Potters noch nichts von Andromedas Heirat gehört hatten? Oder hatten James' Eltern ihm einfach nichts erzählt? Über Andromedas Fehltritt war offiziell natürlich nie ein Wort verloren worden, aber Sirius war sich sicher, dass sie das Gesprächsthema Nummer eins bei allen reinblütigen Familien gewesen war.
„Andromeda hat Ted Tonks geheiratet", erklärte Sirius.
„Ja und?"
So intelligent und scharfsinnig James normalerweise war, so naiv konnte er in manchen Situationen sein. Meine Welt ist eine andere, dachte Sirius bitter, aber er ließ sich nichts anmerken.
„Tonks ist mugglestämmig. Nachdem mein Onkel von dieser Heirat erfahren hat, hat er Andromeda verstoßen. Meine Mutter hat sie aus dem Familienstammbaum gelöscht."
Und mich zuschauen lassen, damit ich sehe, wie es denen ergeht, die der Familie den Rücken kehren.
„Nur wegen einer Heirat?" James konnte es nicht glauben. „Das ist doch verrückt!"
Sirius zuckte mit den Schultern.
„Sie hätte ein Reinblut heiraten müssen. Am besten eins aus einer der alten, mächtigen Familien zum Beispiel Rabastan Lestrange."
James machte ein würgendes Geräusch.
„Sie wusste was passieren würde. Sie hat sich vor den Ferien von mir verabschiedet."
„Deshalb habt ihr euch nie geschrieben", stellte Remus neutral fest. Sirius nickte.
„Genau."
James war weniger rücksichtsvoll.
„Kein Wunder, dass deine Familie so bekloppt ist. Alle, die auch nur einen Funken Verstand haben, werden aussortiert."
Es war komisch, aber irgendwie musste Sirius grinsen.
„Danke, James, jetzt geht's mir besser."
Der Gryffindor klopfte ihm auf den Rücken.
„Gern geschehen, Kumpel."
Ehe sie es sich versahen, kamen die Weihnachtsferien und sie saßen im Hogwarts-Express auf dem Weg nach London. Stunden vergingen, während sie Zauberschnippschnapp spielten, Süßigkeiten aßen und neue Zaubersprüche ausprobierten. Als es schon dunkel war, fuhr der Zug dampfend und zischend in Kings Cross ein und die Schüler strömten auf den Bahnsteig.
„Peter-Schatz!", rief eine kleine runde Frau mit gutmütigem Gesicht und schloss ihren Sohn in die Arme. Peter, knallrot im Gesicht, erwiderte die Umarmung halbherzig.
„Hallo, Mrs. Pettigrew", sagten James und Remus höflich. Ich wusste gar nicht, dass James sich benehmen kann, wenn er will.
„Hallo", murmelte Sirius. Er hatte das Gefühl, dass er Mrs. Pettigrew nervös machte, und das war ihm irgendwie unangenehm.
Mr. Pettigrew tauchte ein paar Sekunden später hinter seiner Frau auf. Er war ein dürrer kleiner Zauberer und blickte immer etwas missmutig drein.
„Guten Tag", sagte Mr. Pettigrew über ihre Köpfe hinweg. „Hast du alles Peter? Können wir los?"
„Ja, Dad." Er winkte ihnen zu. „Tschüss, schöne Ferien!"
„Mach's gut, Peter, ess nicht zu viele Kekse!", rief James ihm hinterher.
Als nächstes tauchten Remus' Eltern auf. Sirius sah sie zum ersten Mal; sonst hatte er immer kaum Zeit gehabt hatte, sich zu verabschieden. Remus' Vater war ein Zauber mit kleinem Bauch und tiefen Sorgenfalten im Gesicht, die ihn zehn Jahre älter machten. Seine Mutter dagegen war klein und rund und sprühte vor Energie. Ihre Haare waren kurz geschnitten und lila gefärbt – Sirius starrte sie mit offenem Mund an.
„Hallo, James", begrüßte sie sie, während Mr. Lupin sich um Remus' Koffer kümmerte. „Und du bist Sirius, nicht wahr?"
Sirius klappte den Mund wieder zu und nickte.
„Hallo, Mrs. Lupin."
„Nenn mich einfach Anny, das tun alle."
Remus grinste.
„Darf ich vorstellen, Sirius, meine Mutter."
„Hallo, Jamie!", rief einen Frauenstimme und Mrs. Potter schloss ihren widerstrebenden Sohn in die Arme.
„Mum, das ist peinlich!", wehrte James sie verlegen ab. Remus und Sirius sahen sich an und brachen in Gelächter aus. Doch falls Sirius gedacht hatte, er würde so einfach davonkommen, hatte er sich geirrt.
„Hallo, Sirius", sagte James' Mutter und fuhr ihm mit der Hand durch die Haare. „Schön, dich mal wiederzusehen."
„Sirius!"
Er erstarrte. Es war die Stimme seines Vaters, die ihn rief. Und einen Moment später tauchte Orion Black auch schon neben ihm auf, groß, breitschultrig, gut aussehend, einschüchternd.
„Guten Tag, Mrs. Potter", begrüßte er James' Mutter. „Wie ich sehe, haben Sie meinen Sohn vor mir gefunden."
Mrs. Potter nickte steif.
„Sirius, verabschiede dich. Wir wollen los, deine Mutter wartet." An Mrs. Potter gewandt fuhr er fort: „Sie sollten sich Ihre Entscheidung noch mal überlegen. Es würde nicht zu Ihrem Nachteil sein."
„Danke, aber ich habe meine Entscheidung getroffen und dabei bleibe ich", gab James' Mutter kühl zurück.
James warf Sirius einen verwirrten Blick zu. Dieser zuckte mit den Schultern. Er wusste auch nicht, worum es ging.
Orion Black legte eine Hand auf Sirius' Schulter.
„Bist du fertig?"
„Ciao, Leute... Bis nach den Ferien", verabschiedete er sich schnell und versuchte, seine Stimme unbekümmert klingen zu lassen.
Mr. Black nickte James' Mutter förmlich zu.
„Guten Tag."
Der Druck seiner Hand verstärkte sich und er schob Sirius vor sich her.
„Auf Wiedersehen, Mrs. Potter!", rief Sirius noch schnell und weil er wusste, dass es seinen Eltern besonders ärgern würde: „Tschüss, Anny!"
Seine Freunde winkten ihm zu.
„Schöne Ferien, Sirius!", rief Remus.
„Wir schreiben uns!", fügte James hinzu.
Ein paar Schritte weiter erwarteten sie Walburga Black und Regulus. Sirius musste nur einen Blick in das Gesicht seiner Mutter werfen um zu sehen, dass sie wütend war. Sehr wütend.
Sirius stand im Großen Salon an einem der Fenster und sah demonstrativ gelangweilt nach draußen. Auf diese Weise hoffte er, von niemandem angesprochen zu werden. Es war Heilig Abend und die gesamte Familie war versammelt: seine Eltern und sein Bruder, Onkel Cygnus und Tante Druella mit Narzissa, Onkel Alphard, Großvater Pollux und Großmutter Irma, Großtante Cassiopeia sowie Großvater Arcturus und Großmutter Melania. Nur Andromeda fehlte, aber Sirius vermutete, dass er der einzige war, der sie vermisste. Wenigstens wurde er auch von seiner ältesten Cousine verschont: Bellatrix verbrachte das Fest bei der Familie ihres Mannes. Sie war keine Black mehr, offiziell gehörte sie nun zu den Lestranges.
„Sirius. Hier bist du also."
Noch bevor Sirius den Blick vom Fenster abgewandt hatte, wusste er, wer hinter ihm stand. Er drehte sich um.
„Großvater Pollux."
Wie alle Blacks war sein Großvater trotz seines Alters ein sehr gut aussehender Mann, aber sein stechender Blick verlieh seinem Gesicht etwas Raubtierhaftes.
„Kann ich dir helfen?", fragte Sirius. Er schuldete Regulus einen Gefallen und hatte ihm versprochen, sich zurückzuhalten.
Seine Worten waren richtig gewählt, aber selbst in seinen eigenen Ohren hörten sie sich falsch an.
„Gewöhn dir einen anderen Ton an, Junge", reagierte sein Großvater prompt. „Es wundert mich, dass du überhaupt noch wagst, hier aufzutauchen, nach allem, was du getan hast."
„Die Wahl lag nicht bei mir", gab Sirius neutral zurück.
„Wenn du mein Sohn wärst, würdest du so lange den Cruciatus-Fluch spüren, bis du Vernunft annimmst."
Glücklicherweise bin ich nicht dein Sohn.
„Du kommst aus der reinblütigsten Familie Großbritanniens und nur weil so ein lumpiger Hut dich in das falsche Haus steckt, vergisst du deinen Stolz und deine Herkunft und gibst dich mit Schlammblütern und Blutsverrätern ab! Dreck! Abschaum! Deine Vorfahren haben diese Familie stets rein gehalten – toujours pur! – und du nimmst ihr Geld, ihr magisches Erbe, ihre Überlegenheit und verrätst die Familie!"
Sein Großvater hatte sich in Rage geredet. Jetzt weiß ich, von wem Mutter ihr Temperament hat.
„Von Kindesbeinen an hat man dich gelehrt, die Reinblütigkeit zu achten. Ich selbst habe dir die Lektionen erteilt. Und wofür? Damit du dich mit Blutsverrätern verbrüderst?"
„Es scheint, als wäre dein Unterricht nicht besonders überzeugend gewesen."
Verdammt! Sirius biss sich auf die Lippe. Die Worte waren ihm herausgerutscht, ehe er es realisiert hatte.
„Walburga", rief Pollux, „komm doch mal her!"
Walburga entschuldigte sich und trat zu ihnen.
„Ich habe gerade ein interessantes Gespräch mit deinem Ältesten geführt", sagte Großvater Pollux. „Hat er eigentlich nie Respekt gelernt?"
Walburgas Lippen wurden schmal und ihre Nasenflügel zuckten.
„Ist er frech geworden?"
„Ich frage mich, was ihr bei diesem Jungen falsch gemacht habt", fuhr Pollux fort, ohne auf die Frage seiner Tochter einzugehen. „Regulus ist schließlich auch in Slytherin gelandet und hat den richtigen Reinblutstolz."
„Sirius hat die gleiche Erziehung genossen wie Regulus", stieß Walburga zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Aber offensichtlich hat sie nichts gefruchtet. Schau dir den Jungen doch mal an! Aufsässig, rebellisch, kein Stolz..."
Sein Großvater redete und redete und Sirius wusste, dass er für jedes seiner Worte bezahlen würde.
Sein Onkel Alphard rettete ihn.
„Walburga, Pollux", begrüßte er sie. „Und Sirius. Was soll er denn diesmal angestellt haben?"
„Das fragst du noch?", gab Pollux erregt zurück. „Der Junge..."
„Nun seid doch nicht so streng mit ihm", unterbrach Onkel Alphard den Älteren – ein schwerer Regelverstoß. Sirius musste sich beherrschen, um nicht zu grinsen.
„Sirius ist er zwölf, es ist ganz normal, dass Jungen in dem Alter nicht alles tun, was man ihnen sagt."
„Ich wusste in diesem Alter, was ich zu tun hatte. Und sein jüngerer Bruder weiß es auch", konterte Großvater Pollux.
Onkel Alphard lächelte.
„Im Gegensatz zu Sirius musstest du aber auch nie Verantwortung übernehmen. Nicht du bist vor Orion das Oberhaupt der Blacks gewesen, sondern Arcturus." Onkel Alphards Lächeln wurde breiter. „Du hast das gleiche unbeschwerte Leben wie ich geführt: jung, reich und ungemein gut aussehend."
„Wie kannst du es wagen, uns beide zu vergleichen! Ich hatte für eine Familie zu sorgen, für Frau und Kinder. Ich habe dich groß gezogen, Alphard, du lebst von meinem Geld und es ist mir immer noch unbegreiflich, wie Irma und ich einen solchen Taugenichts wie dich zeugen konnten!"
Pollux' Stimme war so laut geworden, dass sich mehrere Familienmitglieder nach ihm umgedreht hatten.
„Vater, bitte", versuchte Walburga Black ihn zu beruhigen.
„Ich habe die Linie der Blacks fortgeführt! Als ich in deinem Alter war, war ich bereits 15 Jahre verheiratet!"
„Nun offensichtlich nicht besonders erfolgreich. Keinen männlichen Erstgeborenen, sondern nur eine Tochter – Verzeihung, Walburga – und dann auch noch – ich benutze deine Worte, Pollux – einen Taugenichts. Wirklich peinlich."
Auf Pollux' Stirn pochte eine Ader.
„Ich werde dich Respekt lehren, Alphard..."
Onkel Alphard lachte nur laut.
„Das würde ich dir nicht raten, Vater."
Einen Augenblick lang dachte Sirius, Pollux würde Alphard angreifen, aber dann wandte sich sein Großvater ab.
„Ich will etwas zu trinken, Walburga!", schnauzte er seine Tochter an. „Sofort!"
„Natürlich, Vater."
Walburga warf ihrem jüngeren Bruder einen vernichtenden Blick zu und führte Großvater Pollux zum Tisch.
„Ach ja, meine liebe Schwester", sagte Onkel Alphard, „sie hatte schon immer Feuer im Kessel."
Sirius schnitt eine Grimasse.
„Das hat sie immer noch."
Onkel Alphard grinste zurück.
„Ich bin beeindruckt, Sirius, du hältst dich länger als ich erwartet habe. Anderthalb Jahre in Gryffindor und immer noch nicht eingeknickt. Ich nehme an, deine Eltern sind nach wie vor nicht allzu begeistert."
„Sie machen mir das Leben nicht unbedingt leichter", gab Sirius zu.
„Tja, du hast Pech", sagte Onkel Alphard. „du bist der Erbe. Wärst du der Zweitgeborene wie ich, dann würden sie irgendwann aufgeben und dich in Ruhe lassen. Naja, wenigstens wirst du das erste Familienoberhaupt sein, das zumindest Ansätze von Vernunft zeigt."
Der letzte Satz klang in Sirius' Ohren nicht gerade ermutigend.
Onkel Alphard griff in seinen Umhang.
„Ich habe übrigens noch ein Geschenk für dich, Sirius."
Er reichte ihm ein Paket, das verdächtig nach einem eingepacktem Buch aussah. Sirius, der spektakulärere Geschenke von seinem Onkel gewohnt war, war etwas enttäuscht. Als er es entgegen nahm, bemerkte er, dass Alphard ihm noch ein zweites, kleineres Päckchen zuschob.
„Das große Paket ist dein offizielles Weihnachtsgeschenk", sagte er mit gedämpfter Stimme. „Aber das kleine schenke ich dir zum Geburtstag. Mach es auf, wenn du alleine bist."
Er zwinkerte Sirius zu und schlenderte davon.
Wenig später lud Walburga alle Anwesenden ein, sich an die Tafel zu setzen. Das Essen verlief ruhig und nachdem Pollux und Irma gegangen waren, war Sirius sich sicher, dass er das Schlimmste überstanden hatte. Dann tauchte Bellatrix auf.
