DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.
Bonuskapitel: Regulus Black
Als Regulus Black den Krankenflügel betrat, fühlte er sich hin- und hergerissen. Einerseits war er stolz darauf, dass Slytherin Gryffindor geschlagen hatte. Aber es war nicht nur der Sieg seines Hauses, der ihn in gehobene Stimmung versetzte, es war auch die Tatsache, dass sein ach so überlegener älterer Bruder, der sich ach so viel auf seine Zugehörigkeit zu den Gryffindors einbildete, und seine Blutsverräterfreunde eine herbe Niederlage hatten einstecken müssen. Auch wenn Regulus ein etwas schlechtes Gewissen hatte, so gönnte er Sirius die Niederlage doch von Herzen. Es war ein Beweis dafür, dass Slytherins List dem lächerlichen „Edelmut" der Gryffindors überlegen war. Und dass sich Sirius im Unrecht befand.
Andererseits war er besorgt. Wilkes hatte Sirius mit aller Kraft mit Macnairs Treiberschläger auf den Hinterkopf geschlagen. Wie ein Stein war er metertief gefallen und kurz vor dem Aufschlag ausgerechnet von Potter aufgefangen worden. Regulus wusste, dass Madam Pomfrey gebrochene Knochen in Sekunden heilen konnte, und er war sich ziemlich sicher, dass dies auch für gebrochene Schädel galt. Aber er wusste ebenso, dass er keine Ruhe finden würde, bis er sich nicht mit eigenen Augen von Sirius' Wohlbefinden überzeugt hatte.
„Was willst du hier?", wurde er mit barscher Stimme von Sirius begrüßt, kaum dass er an sein Bett getreten war. Wie bin ich eigentlich auf die Idee gekommen, es könnte ihm schlecht gehen? Oder dass es ihm etwas bedeuten würde, dass sein eigener Bruder ihn besucht? Sirius war eindeutig bei bester Gesundheit.
„Ah, dir geht's wieder gut", stellte Regulus sarkastisch fest. „Vermutlich wird es Vater und Mutter interessieren, dass ihr Erbe keine bleibenden Schäden davonträgt – zumindest keine, die nicht schon vorher bestanden."
Wie immer funktionierte es. In Regulus' Augen war Sirius so berechenbar, dass es einem fast leid tun konnte.
„Was willst du damit sagen?", explodierte der Gryffindor prompt. Regulus musste sich ein ironisches Lächeln verkneifen.
„Beruhige dich, Sirius, das war ein Scherz. Ich dachte, damit kennst du dich aus", sagte er stattdessen.
„Seit wann machst du Scherze?"
Regulus zuckte mit den Schultern. Es stimmte, er machte keine Scherze. Er hatte Sirius an einem wunden Punkt treffen wollen und es hatte funktioniert Warum er das hatte tun wollen, wusste er selber nicht so genau. Vielleicht weil Sirius' Reaktion zeigt, dass Mutter und Vater im Recht. Und er weiß das auch.
„Wilkes hätte das nicht tun dürfen", wechselte Regulus das Thema. „Du bist immer noch ein Black. Malfoy war nicht gerade begeistert und Cissa ist stinksauer."
„Und du?"
Die Frage erstaunte Regulus. Doch nicht ganz so gleichgültig gegenüber deiner Reinblutfamilie wie du immer tust, was, Bruder?
„Du bist mein Bruder", antwortete er wahrheitsgemäß. „Natürlich bin ich ärgerlich darüber, was Wilkes getan."
Sogar verdammt ärgerlich. Wilkes würde dafür büßen, wenn er aus dem Krankenflügel kam. Er hätte jeden anderen Spieler zu Brei schlagen können, er hätte das Wohlwollen eines jeden Slytherin gehabt; aber nie – niemals! – hätte er Hand an den Erben der Blacks legen dürfen.
Sirius schwieg einen Augenblick, so, als hätte er mit der Antwort nicht gerechnet. Dann fragte er: „Was ist mit den anderen Quidditch-Spielern?"
„Bitte?", fragte Regulus. Was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Was interessierten ihn die anderen Spieler?
„Die anderen Gyffindors", erklärte Sirius überflüssigerweise. „Deine Slytherin-Freunde haben Prewitt in der Luft zusammengeschlagen..."
Und du hast das Gleiche mit Macnair getan.
„...und wenn James nicht ein besserer Flieger als jeder Slytherin wäre, hätten sie das Gleiche mit ihm getan."
Regulus spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. Potter. Immer Potter. Jedes Gespräch endete mit Potter. Der hehre Potter, Freund aller Schlammblüter und Blutsverräter. Er war es, der Sirius seinen ganzen Stolz vergessen ließ. Er war der Grund, weshalb Mutter Sirius anschrie und verfluchte und Vater ihn mit dem Cruciatusfluch bestrafte. Er war der Grund dafür, dass Sirius sich wie ein blutsverräterischer Gryffindor benahm und ihn, den Slytherin, seinen eigenen Bruder, verachtete. Und Regulus konnte beim besten Willen nicht verstehen weshalb.
Spätestens nach Bellatrix' Hochzeit hatte er diesen Potter unbedingt kennen lernen wollen. Er hatte wissen wollen, wer dieser Junge war, der Sirius dazu brachte, freiwillig den Cruciatusfluch für ihn zu erdulden, und ihn alles vergessen und verachten ließ, was er jemals wertschätzen gelernt hatte. In seiner Vorstellung war James Potter eine überdimensionale Gestalt ohne Gesicht gewesen, überwältigend, übermächtig und trotz seiner Blutsverrätertendenzen irgendwie bewundernswert – denn wie sonst hätte er Sirius so beeindrucken können?
Aber James Potter hatte absolut nichts mit dieser Vorstellung gemein. Er war ein magerer Junge, nicht größer als Sirius, er trug eine Brille und er schien sich noch nie im Leben die Haare gekämmt zu haben. Und er war so grenzenlos arrogant und von sich und seiner Meinung überzeugt, dass Regulus sich am liebsten übergeben hätte. Ein typischer Gryffindor eben. Regulus konnte beim besten Willen nicht begreifen, wie Sirius Potter mögen, ja, sogar bewundern konnte. Und warum er ihn und seine Familie, ihre Werte und Traditionen für diesen Blutsverräter im Stich ließ.
Sirius allerdings musste nicht wissen, welche Gedanken er sich über ihn und seinen Freund gemacht hatte. Scheinbar gleichgültig zuckte Regulus mit den Schultern.
„Prewitt und Potter sind Blutsverräter. Außerdem warst du mit unserem Treiber auch nicht gerade zimperlich."
„James ist mein bester Freund..."
Leider.
„...und er hat mir auf dem Feld das Leben gerettet!"
„Er ist ein Blutsverräter", wiederholte Regulus ungerührt. Da gab es keinen Diskussion. Aber das würde Sirius vermutlich nie begreifen, so lange er sich mit diesem Gryffindor-Abschaum abgab.
„Verschwinde, Regulus. Hau ab oder ich vergesse, dass du mein Bruder bist."
Regulus warf Sirius einen kühlen Blick.
„Hast du das nicht schon längst?", frage er. Dann drehte er sich um und marschierte aus dem Krankenflügel. Er hasste James Potter.
