3. Dezember: Berufswunsch
Lily war manchmal aber auch sehr neidisch auf James und Rose und Hugo und Lucy und Dominique, weil die schon genau gewusst hatten, was sie werden wollten, bevor sie überhaupt mit Hogwarts angefangen hatten und zielstrebig auf dieses Ziel hinarbeiten konnten. Scorpius war genauso, der hatte von Anfang an gewusst, dass er später in irgendeiner Form mit Muggeln arbeiten wollte und es sich schon bald zum Ziel gesetzt, im Ministerium die Muggelabteilung umzustrukturieren und zu revolutionieren, weil das seiner Meinung nach viel zu lange schleifen gelassen worden war. (Es hatte zwar sehr viel Arbeit und Anstrengung und Überzeugung gebraucht, aber Scorpius hatte es später wirklich geschafft, die Muggelabteilung im Ministerium grundlegend zum Besseren zu verändern.)
Wenigstens Al hatte anfangs genauso wenig wie sie gewusst, was er nach der Schule einmal anfangen sollte. Vielleicht wäre er auch gut genug als Quidditchprofi gewesen, aber dann hätte er sich nicht nur mit seinem Bruder, sondern auch mit seiner Mutter messen müssen und es war wirklich anstrengend, ständig mit anderen Leuten verglichen zu werden. Aber nach der Berufsberatung in der fünften hatte er sich sehr auf sein Lieblingsfach Alte Runen konzentriert und nach der Schule begeistert bei Gringotts angefangen, die ihn sofort auf die verschiedensten Ausgrabungsstellen in aller Welt geschickt hatten. Im Gegensatz zu Onkel Bill war er kein Fluchbrecher, so viel Action brauchte er nicht, aber ohne seine Arbeit, die vorhandenen Runen zu entziffern und analysieren, wären die Fluchbrecher völlig aufgeschmissen gewesen, denn sie hätten sich den Grabstätten blind nähern müssen und dabei wären nicht wenige zu Tode gekommen. Und der beste Nebeneffekt von Als Job war, dass er nicht in England bleiben musste und sich die Kollegen aus aller Welt, mit denen er auf den Ausgrabungsstätten zusammenarbeitete, meistens herzlich wenig für Harry Potter interessierten. Meistens kam nur ein „Harry Potter? Cool" und dabei blieb es. Al liebte es über alles, dass er praktisch völlig anonym war.
Lily hatte sich damals sehr für ihren großen Bruder gefreut, als er endlich ein konkretes Ziel gefunden hatte, auf das er hinarbeiten konnte, war aber auch ein wenig enttäuscht, dass sie jetzt nicht mehr im gleichen Boot saßen. Gut, sie war erst in der dritten Klasse gewesen, als Al plötzlich seinen späteren Berufswunsch verkündet hatte, und keiner hatte von ihr erwartet, schon zu wissen, was sie einmal tun wollte, aber wenn man von so vielen Leuten umgeben war, die genau wussten, was sie wollten, war es manchmal etwas schwierig.
Das änderte sich schlagartig in der vierten Klasse, als sie ein halbes Jahr kein Geschichte der Zauberei bei Professor Binns hatten, sondern sehr intensiv aufarbeiteten, wie es zum letzten Krieg gekommen war und wie die Zauberwelt reagiert hatte.
„Es ist wichtig, dass man aus Geschichte lernt und nicht nur irgendwelche Fakten und Jahreszahlen aus vorigen Jahrhunderten herunterbeten kann", hatte Tante Hermine angefangen, die jedes Jahr eine Woche lang diesen Unterricht übernahm. In dieser Zeit hatten sie viele Gastdozenten, die einen Aspekt dieser Zeit genau beleuchteten. Professor McGonagall und Neville diskutierten, wie die Schule und die Schüler instrumentalisiert worden waren, angefangen bei der Großinquisitorin und deren Änderungen, die meist eine Reaktion auf den Widerstand innerhalb der Schule gewesen waren, bis hin zu den Todessern, die zwei Jahre später den Unterricht übernommen hatten. Neville beschrieb, wie sich die Ereignisse aus Schülersicht angefühlt und was sie unternommen hatten, um sich zur Wehr zu setzen.
Wenn der Minister Kingsley Shacklebold Zeit hatte, dann kam er, um die Veränderungen und Manipulationen des Ministeriums zu erläutern, ansonsten kam häufig Onkel Percy oder jemand anders aus seiner Abteilung, um diesen Teil zu diskutieren. Jemand aus der Muggelabteilung erklärte, wie die Muggelwelt den Krieg wahrgenommen hatte.
Lily hatte das alles zwar schon gewusst, aber das Ganze so nüchtern und mit Unterrichtsmaterialien untermalt zu hören war schon sehr merkwürdig gewesen. Ihre ganze Familie war in den Krieg involviert gewesen und bis heute traumatisiert von den Ereignissen. Das warf ein ganz anderes Licht auf die schrecklich langweilige Geschichte, die Binns immer herunterbetete. Da vergaß man häufig, dass es sich um echte Menschenleben (oder Kobolde oder was auch immer) handelte, die davon beeinflusst wurden, oft über Jahrhunderte hinweg.
Aber am meisten hatte sie der Unterricht von Tante Hermine beeindruckt, die sich damit beschäftigt hatte, wie die Medien mit dem Krieg umgegangen waren. Angefangen dabei, wie der Ausbruch von Sirius Black aus Askaban thematisiert worden war in Muggel-und Zauberermedien, dann die ganzen Artikel über Lilys Vater zum Trimagischen Turnier, die immer negativer geworden waren (aber sowieso nie akkurat gewesen waren), und die Verleumdungen im Jahr danach, als das Ministerium hartnäckig die Rückkehr von Voldemort geleugnet hatten. Es war faszinierend gewesen, zu lesen, wie abrupt sich der Ton geändert hatte, als Leugnung nicht mehr möglich gewesen war und wie sich das ebenfalls wieder um hundertachtzig Grad gedreht hatte, als Voldemort die Kontrolle über das Ministerium und die Medien übernommen hatte.
Tante Hermine hatte sogar ganze Sendungen von PotterWatch, der Untergrundradiosendung von Lee Jordan. Sie hatten als Hausaufgabe zwar nur eine Sendung hören müssen, aber Lily hatte alle gehört, die sie kriegen konnte. Zum einen war es wahnsinnig interessant, wie sehr sich die offizielle Berichterstattung von der korrekteren unterschied, und zum anderen war es einfach merkwürdig, wie jung manche Leute klangen. Neville und ihre Mum waren während der Ferien zu Gast gewesen und erst da war Lily wirklich bewusst geworden, dass die beiden kaum älter gewesen waren als sie selbst es jetzt war. Sie konnte sich nicht vorstellen, in der sechsten Klasse gegen Todesser zu kämpfen und gefoltert zu werden und sie war heilfroh, dass sie das auch nie würde tun müssen. (Hoffentlich.) Es versetzte ihr jedes Mal einen Stich, wenn sie Onkel George und seinen Bruder Fred hörte. Die Erwachsenen hatten zwar immer gesagt, dass man die Zwillinge kaum hatte unterscheiden können, aber erst, als sie hörte, wie gleich ihre Stimmen geklungen hatten und wie häufig sie ihre Sätze gegenseitig beendet hatten, verstand Lily, warum Onkel George manchmal einfach mitten im Satz aufhörte zu reden und sich dann suchend umsah. Fast genauso schlimm war es, Teds Dad Remus Lupin zu hören. Sie fand es schrecklich, dass sie ihn niemals kennen lernen würde und fragte sich, ob Ted sich gefreut hatte, die Stimme seines Vaters zu hören.
Lily war beeindruckt, wie viel Macht die Medien hatten, das Geschehen zu beeinflussen. Hätten damals mehr Leute auf ihren Vater gehört, als er von Voldemorts Wiederauferstehung gesprochen hatte, wenn Kimmkorns Artikel nicht Zweifel an seinem Geisteszustand gestreut und Fudge alles darangesetzt hätte, ihn als Lügner und Regelbrecher zu titulieren? Und dann hatte sich alles wieder gedreht, alle hatten ihren Vater als tapferen Helden gepriesen und die Zeitungen waren damit davongekommen, dass sie ein Jahr lang praktisch nur Lügen gedruckt hatten. Als Voldemort die Macht übernommen hatte, waren die meisten Hexen und Zauberer wahrscheinlich nicht mehr auf die neue Berichterstattung hereingefallen, aber woher sollte man das schon so genau wissen? Man sah immer, was man wollte, und womit man am besten leben konnte. Und wenn sich die Berichterstattung jedes Jahr widersprochen hatte, woher sollte man als normaler Mensch noch wissen, woran man war?
Als Kind hatte sie Geschichten und Erzählungen geliebt und war gerne in ihrer eigenen Welt verschwunden, hatte aber recht wenig Interesse am Geschehen in der Zauberwelt gehabt. Ihre Mutter arbeitete für den Tagespropheten, da war das vielleicht ein wenig merkwürdig, aber für Lily war ihre Mutter immer die Sportlerin gewesen und keine Journalistin, da sie schließlich exklusiv über Quidditch berichtete und das war einfach etwas anderes. Manchmal hatte sie als pflichtbewusste Tochter die Artikel ihrer Mutter gelesen, aber da sie Quidditch zwar zwischendurch gerne mit der Familie spielte, aber kein allzu großes Interesse an der Liga hatte, waren diese Artikel für sie sterbenslangweilig gewesen. Von der Klatschpresse wollte sie gar nicht erst anfangen. Erst in Hogwarts war ihr aufgefallen, wie oft über ihre Familie in der Hexenwoche berichtet wurde und selten auch nur ein Funke Wahrheit dabei war. Sie war froh, dass ihre Eltern das Magazin von ihr ferngehalten hatten, als sie noch kleiner gewesen war, sonst hätte sie sich ständig Sorgen darüber gemacht, ob einer von ihnen eine Affäre hatte oder todkrank war oder ob ihr Vater gar nicht ihr Vater war. (Das war überraschend häufig das Thema, hatten die Leute keine Augen im Kopf, James und Al waren ihrem Dad wie aus dem Gesicht geschnitten und Lily war eindeutig eine Mischung aus ihrer Mum und ihrer Großmutter!)
Doch richtiger seriöser Journalismus war so wichtig! Kritisch über die Regierung berichten, Entscheidungen hinterfragen, Trends herausarbeiten und Leute wirklich informieren, was passierte und warum das für sie und ihr Leben wichtig war. Die Zauberwelt hatte hart daran gearbeitet, dass der Tagesprophet nach dem Krieg wirklich ein unabhängiges Instrument war, dem man vertrauen konnte und das nicht nur nachplapperte, was der Minister wollte. Und solche Leute wie Rita Kimmkorn, die mindestens die Hälfte ihrer Artikel zusammenfantasierten, gab es hoffentlich auch nicht mehr.
Lily begann damit, den Tagespropheten zu abonnieren und mit dem kritischen Blick zu lesen, den Tante Hermine ihnen im Unterricht beigebracht hatte und dann war ihr klar, dass sie später einmal Journalistin werden wollte.
Ihre Familie war vor allem erleichtert, dass Lily etwas gefunden hatte, was sie später machen wollte, und genauso leidenschaftlich wurde wie James mit seinem Quidditch und Rose mit dem Mungos. Sie bekam eine Stelle als Praktikantin beim Tagespropheten in den Sommerferien und wurde sich so immer sicherer, dass sie das später auf jeden Fall beruflich machen wollte. Und das Gute daran war, dass es so kein Weltuntergang war, dass sie in Zaubertränke eine ziemliche Niete war und das trotz Roses und Teds Nachhilfe.
Eine Zeitlang versuchte sie sogar, in Hogwarts eine Schülerzeitung auf die Beine zu stellen, aber wenn sie nicht vor allem über Klatsch und Tratsch berichten wollte, gab es nicht viel, über das sie schreiben konnte, also verwarf sie diese Idee wieder recht schnell. Neville bot ihr zwar an, dass sie den Kommentar bei den Quidditchspielen übernehmen konnte, aber das war nicht das richtige für sie. Abgesehen davon, dass sie das Spielgeschehen unmöglich spannend und interessant kommentieren konnte, war ihre halbe Familie aktiv an den Spielen beteiligt und dass sie auch noch diejenige war, die den persönlichen Kampf ihrer großen Brüder kommentierte war nun wirklich zu viel des Guten.
TBC…
