4. Dezember: Familiäre Liebesgeschichten Teil 1

Aber auch so hatte Lily genug zu tun, mit der Schule, ihren Freundinnen und ihrer Familie, die sich gerne überall einmischte. Besonders Al spielte gerne den beschützenden großen Bruder, was extrem nervig wurde, als Jungen anfingen, sie um eine Verabredung zu bitten. Sie war wirklich sehr froh, dass Al nicht im gleichen Haus wie sie war und sie so zumindest vor seinen missbilligenden Blicken im Gemeinschaftsraum sicher war, wenn jemand mehr oder weniger unbeholfen versuchte, mit ihr zu flirten. James bekam das zwar häufig mit, aber der sah immer nur amüsiert zu und fragte am Ende eher den Jungen, ob er ein paar Tipps zum Thema Flirten brauchte als Lily, ob er sich vielleicht um ihn kümmern sollte. (Nicht, dass sie irgendjemandes Hilfe brauchte, ihre Mutter hatte ihr schon in der zweiten Klasse den Flederwichtfluch beigebracht und der wirkte wirklich Wunder, wenn jemand ein Nein nicht akzeptieren wollte.)

Schon als kleines Mädchen war Lily begeistert gewesen von der Liebe. Sie liebte Liebesgeschichten, ob das jetzt Märchen, Filme oder ihre eigene Familie war. Bei Familientreffen bettelte sie ihre Onkel und Tanten und Großeltern an, ihr zu erzählen, wie sie sich kennen gelernt und verliebt hatten. Zwar behaupteten immer alle, dass das nichts Besonderes war, aber war nicht jede Liebesgeschichte etwas Besonderes?

Sicher, ihre Großeltern hatten sich in Hogwarts kennengelernt und waren recht unspektakulär zusammengekommen, na und? Das Leuchten in den Augen ihrer Großmutter sagte etwas anderes, als sie davon erzählte.

„Weißt du, Arthur war mir schon lange aufgefallen", erinnerte sich ihre Großmutter mit verträumtem Gesichtsausdruck. „Alle meine Freundinnen interessierten sich für die älteren Jungs, die Quidditchspieler oder anderen Draufgänger." Sie schüttelte den Kopf. „Meine großen Brüder waren bei meinen Freundinnen sehr beliebt, ob du's glaubst oder nicht. Aber Arthur hat keiner gesehen, was ich nie verstanden habe. Dabei sah er so gut aus und war so ein gutmütiger Mensch. Und wenn er sich für etwas begeistert hat, dann konnte er stundenlang davon erzählen und es wurde nie langweilig. Ich hab ihm so viele Hinweise gegeben, dass ich mit ihm nach Hogsmeade will, aber er hat sich nie getraut, mich zu fragen, also hab ich das schließlich selbst in die Hand genommen. Meine Brüder waren nicht sonderlich von ihm begeistert gewesen, weiß der Teufel, warum, aber Arthur hat ihnen die Meinung gegeigt und dann haben sie sich zurückgehalten. Als ob ich mich nicht selbst hätte verteidigen können!" Sie seufzte wehmütig.

Lily musste schlucken. Sie wusste, dass die Brüder ihrer Großmutter im ersten Krieg gestorben waren und auch wenn das jetzt schon Ewigkeiten her war, tat es ihr wohl immer noch weh. Lily wollte sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn James und Al einfach so sterben würden. Die beiden waren schon immer dagewesen und die Vorstellung, dass Lily auf einmal ganz allein wäre, war schrecklich.

Aber darum ging es jetzt nicht. „Warum wollten Grandmas Brüder nicht, dass du mit ihr zusammen bist?", fragte Lily ihren Großvater bei der nächsten Gelegenheit neugierig. Grandpa war doch klasse, warum konnte man etwas gegen ihn haben?"

Grandpa wurde rot. „Ach weißt du, die beiden waren so begabte Zauberer und deiner Großmutter konnte keiner das Wasser reichen und ich war längst nicht so gut wie sie und habe mich so viel für Muggel interessiert und sie haben sich Sorgen gemacht, dass ich nicht gut genug bin für sie. Und ich konnte es ihnen nicht verübeln, ich kam mir damals selbst nicht gut genug für Molly vor. Deshalb hab ich sie auch nie gefragt, ob sie mit mir ausgeht. Sie behauptet zwar immer, dass sie mir dauernd irgendwelche Hinweise gegeben hat, aber ich habe nichts bemerkt. Sie war die Molly Prewett, weißt du, was wollte so ein fantastisches Mädchen schon von mir?"

„Grandpa! Sag sowas nicht! Grandma hat erzählt, wie toll sie dich die ganze Zeit gefunden hat." Grandpa wurde noch röter und Lily musste grinsen. „Ich weiß. Glaub mir, nachdem sie mich so geradeheraus um eine Verabredung gebeten hat, wusste ich das auch. Deine Großmutter wusste schon immer ganz genau, was sie wollte, und wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann hat sie auch niemand davon abbringen können. Das hab ich ihren Brüdern auch gesagt, als sie mir gesagt haben, dass sie mich nicht für eine gute Wahl halten. Nicht, dass ich ihnen da nicht ein bisschen zugestimmt habe. Aber ich fand es unmöglich, dass sie so wenig Respekt vor dem Urteilsvermögen ihrer Schwester hatten und ihr nicht zugetraut haben, dass sie ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Das hat ihnen wohl irgendwie imponiert und danach haben sie uns in Ruhe gelassen. Sie waren nicht begeistert, dass wir direkt nach der Schule geheiratet haben, aber sie haben es akzeptiert. Molly ist meine Seelenverwandte, warum hätten wir warten sollen?"

Er schluckte. „Nicht, dass es immer einfach war. Sie hat ihre Ausbildung im Mungos aufgegeben, weil wir Bill und Charlie bekommen haben und wir haben im Krieg unsere ganze Familie verloren … und dann habe ich immer so wenig Geld verdient, weil ich meiner Leidenschaft nachgehen wollte und nicht auf eine imposante Karriere aus war … ich habe mir häufig gedacht, dass sie etwas Besseres verdient hat, als einen armen Muggelliebhaber, aber sie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass sie irgendwo anders sein wollte als bei mir und wer bin ich schon, dass ich Molly Prewett Weasley sage, was sie will?"

Lily schaute zu ihrer Großmutter, die in einem Schaukelstuhl im Garten saß und die kleine Roxy auf dem Schoß hatte, während sie sich lachend mit Bill und Fleur unterhielt und war sich ziemlich sicher, dass sie ihre Entscheidung nicht bereute.

Bill und Fleur waren auch so ein interessantes Paar. So ganz anders als viele andere in ihrer Familie. Auch wenn sie sich wie die meisten anderen auch in Hogwarts kennen gelernt hatten.

„Ich war so genervt von diesen vielen kleinen Jungs in 'ogwarts, das kannst du dir gar nischt vorstellen", erzählte ihr Tante Fleur, als die Familie einmal zum Abendessen im Shell Cottage eingeladen war. „Manschmal ist es so anstrengend, ein Teil Veela zu sein."

„Ach ja?", fragte Lily skeptisch. Sie wusste, dass sie selbst recht hübsch war, aber ihrer Tante und deren Kindern konnte sie unmöglich das Wasser reichen.

„Oh ja. Alle Welt sieht nur, wie gut man aussieht, aber dass man auch noch was im Kopf 'at, glaubt keiner. So viele waren überrascht, dass ich damals der Trimagische Champion für Beauxbatons wurde, dabei war isch die Klassenbeste! Alle se'en nur das Äußerlische und be'andeln disch wie einen Preis, den sie gewonnen 'aben, aber machen sisch kaum die Mühe, disch rischtisch kennen su lernen." Sie verdrehte die Augen. „In 'ogwarts war das auch nischt anders. Dann kam noch der ganse Druck vom Turnier dasu und isch war wirklisch froh, dass bald alles vorbei war. Und dann 'aben deine Großmutter und Beel 'arry zum Trimagischen Turnier besucht und isch kann dir sagen …" Sie wedelte sich theatralisch Luft zu und lachte.

„Es war so schön, einen rischtigen Mann zu sehen, der schon Erfahrung mit Frauen 'atte und nischt gleisch angefangen 'at su sabbern, als er misch das erste Mal gese'en 'at. Und er sah so gut aus! Mit seinem Giftzahnohrring und seinen langen 'aaren und diesen wunderschönen Augen …" Sie schaute sehnsüchtig zu Onkel Bill. Lily kannte Bilder von ihm, bevor er von Greyback angefallen worden war, und er hatte wirklich gut ausgesehen, auch wenn davon nicht viel übriggeblieben war. Sie wusste, dass die Narben in seinem Gesicht auf viele Leute furchteinflößend wirkten, aber sie hatte nie Angst gehabt. Schließlich war er Onkel Bill! Er hatte tolle Geschichten aus Ägypten, er hatte sie immer in die Luft geworfen, wenn ihre Eltern nicht hingesehen hatten und er hatte ihr immer geduldig zugehört, wenn sie ihm eine ausgedachte Geschichte erzählt hatte. Wie man Onkel Bill nicht lieben konnte, war ihr schleierhaft.

„Deine Großmutter war nischt sehr begeistert gewesen, als er misch 'eiraten wollte", fuhr Tante Fleur fort. „Isch war su jung und su verwöhnt und su fransösisch und su oberfläschlisch und was dir sonst noch alles einfällt." Tante Fleur verdrehte die Augen. „Beel 'at misch swar immer verteidigt, aber wer kommt schon gegen Molly Weasley an? Nun ja, sie 'at es endlisch akseptiert, als Beel angegriffen worden ist und isch nisch die oberfläschlische dumme Pute war, für die sie misch ge'alten 'at. Beel ist so viel mehr als nur sein gutes Aussehen. So wie isch auch. Das wäre eine schöne Beziehung geworden, wenn wir nur wegen des Ausse'ens susammen gewesen wären. Isch wünschte swar, dass Beel nie angefallen worden wäre, aber wenigstens 'at es uns alle näher susammengebracht."

„Jaah, deine Großmutter kann schrecklich stur sein", sagte Onkel Bill später am Abend, als sie ihn darauf ansprach. „Sie hat genaue Vorstellungen, was für uns das Beste ist und weigert sich einzusehen, dass wir unseren eigenen Kopf haben und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Und ihre erste Schwiegertochter hat sie sich nicht sieben Jahre jünger und französisch und als ein Teil Veela vorgestellt." Er lachte. „Und Fleur hatte die Schnauze voll von ihren Seitenhieben und hat sie gezielt provoziert, was Mum natürlich nur noch mehr auf die Palme gebracht hat. Aber ich wusste, dass das alles nur eine Frage der Zeit war, am Ende hat sie immer eingelenkt. Sie wollte, dass Fred und George im Ministerium arbeiten, dem letzten Ort, an dem sie sich wohlgefühlt hätten und das hat auch wirklich jeder außer ihr gesehen. Aber sie hat sich letzten Endes beruhigt, genau wie bei Fleur. Das hätte sie auch, selbst wenn Greyback mich nicht angefallen hätte."

„Wirklich?", fragte Lily skeptisch. Sie liebte ihre Grandma, aber dass sie ein Sturkopf war, war ziemlich untertrieben.

„Oh ja. Fleur ist eine wunderbare Frau und Mutter und sie macht mich glücklich und mehr kann man sich doch nicht wünschen für sein Kind, oder? Außerdem hat es ihr nie gefallen, dass ich im Ausland gearbeitet habe und wegen Fleur bin ich in England geblieben. Auch wegen dem Krieg, aber um ehrlich zu sein hauptsächlich wegen Fleur. Wahrscheinlich hat sie sich auch Sorgen gemacht, dass mich Fleur nach Frankreich entführen würde, aber die Sorge war ja unbegründet."

„Magst du Frankreich nicht?" Sie war von Frankreich ganz begeistert gewesen, als Tante Fleur einmal die ganze Familie auf das riesige Anwesen ihrer Eltern eingeladen hatte.

„Oh doch, für einen Urlaub. Aber ich bin nicht sehr begabt im Sprachenlernen und im Ausland kommt man nur eine gewisse Zeit mit den Übersetzungssprüchen durch. Als Fluchbrecher hatte ich immer viel mit anderen internationalen Hexen und Zauberern zu tun und die konnten Merlin sei Dank alle Englisch. Und ich bin gern in der Nähe meiner Familie. Es ist beruhigend zu wissen, dass sie nur einen Kamin weit entfernt sind, wenn ich sie brauche und ich bin froh, dass unsere Kinder mit euch allen aufwachsen konnten. Und ich hatte unglaubliches Glück, dass Fleur sich hier wohl fühlt, in diesem Land, mit mir und euch allen. Hätte Mum so weitergemacht wie am Anfang, dann wären wir jetzt wahrscheinlich nicht mehr hier."

„Ja, so ist deine Großmutter", bestätigte Onkel Ron, als er, Tante Hermine, Rose und Hugo einmal zum Abendessen da waren. „Manchmal ist sie wirklich unmöglich. Einmal hat sie Hermine nur ein ganz kleines Osterei zu Ostern geschickt, als sie in der Hexenwoche gelesen hat, dass Hermine deinem Dad das Herz gebrochen hat."

„Dad und Tante Hermine waren zusammen?!", fragte Lily schockiert. Sie schaute zu ihren Eltern und Tante Hermine, die lachend am Esstisch saßen.

Onkel Ron schüttelte entschieden den Kopf. „Merlin, nein! Diese Spekulationen zu Harry und Hermine gibt es seit Jahrzehnten und da ist wirklich nichts dran, das kannst du mir glauben. Die beiden sind wie Geschwister!"

Lily atmete erleichtert durch. Merlin sei Dank! „Dann war also nie was zwischen den beiden?"

„Keine Sorge. Ich weiß, dass man leicht auf die Idee kommen kann, schließlich sind die beiden seit der ersten Klasse befreundet und ohne Hermine wäre dein Dad heute ganz bestimmt nicht mehr hier, aber die beiden haben sich nie so gesehen und ich werde in solchen Momenten immer sehr gerne von allen Journalisten vergessen." Er verdrehte die Augen und grinste sie gutmütig an, aber es war eindeutig, dass ihn das störte.

„Warst du schon immer in Tante Hermine verliebt?"

Onkel Ron lachte. „Nein, so kann man das nicht sagen. Am Anfang war ich nur von ihr genervt. Sie war so besserwisserisch und hat sich immer in alles eingemischt und ständig allen eine Geschichte von Hogwarts um die Ohren gehauen. Aber als wir dann befreundet waren, waren diese ganzen Sachen nicht mehr nervig, sondern haben einfach zu ihr gehört. Wenn man sie gebraucht hat, war sie immer da und wenn es wichtig war, hat sie jede Regel gebrochen, die es gab, um die Welt zu retten. Sie ist so mutig und klug und ohne sie wären wir alle längst nicht mehr da, da bin ich mir sicher."

Lily lächelte. So kannte sie Onkel Ron. Immer stolz auf seine Frau. „Und wann seid ihr dann zusammengekommen? Noch in der Schule?"

Er zuckte mit den Schultern. „Naja, so mehr oder weniger. Ich wusste seit der fünften, dass ich in sie verliebt war, aber wahrscheinlich stand ich schon in der vierten auf sie, weil ich schrecklich eifersüchtig war, dass sie mit Viktor Krum auf einen Ball gegangen ist."

Lily runzelte die Stirn. „Viktor Krum? Der Quidditchspieler?" Sie wusste nicht viel über internationales Quidditch, aber dass Krum einer der besten Sucher der Welt war, das hatte selbst sie gehört. Aber sie hätte nie gedacht, dass er Tante Hermines Typ gewesen war. Besonders nicht, wenn man ihn mit Onkel Ron verglich.

Onkel Ron seufzte. „Ja, genau der. Er war der Trimagische Champion von Durmstrang. Hat sich viel in der Bibliothek rumgetrieben und Hermine ständig angestarrt. Ich hab damals zwar gesagt, dass ich ihn nur nicht mochte, weil er ein Konkurrent von Harry war, aber seien wir doch ehrlich. Harry selbst hat das viel weniger gestört als mich. War keine gute Ausrede. Aber ich war auch selbst Schuld. Hermine war schließlich die ganze Zeit da und ich hätte sie jederzeit fragen können. Er hat viel früher erkannt, was für eine wunderbare Frau sie ist."

„Und dann seid ihr in der fünften zusammengekommen?", hakte Lily nach, denn darauf hatte sie immer noch keine Antwort bekommen.

Onkel Ron schüttelte den Kopf. „Schön wär's. Ich war viel zu feige und zu eifersüchtig. Sie hätte einen internationalen Quidditchspieler haben können, was sollte sie da mit mir? Ich hätte nie gedacht, dass sie Interesse an mir haben könnte. In der sechsten hätten wir es fast geschafft, da war ich mir dann schon ziemlich sicher, dass sie mich auch auf diese Weise mag, aber dann wurde ich wieder an Krum erinnert und dann hab ich stattdessen was mit einer anderen aus ihrem Schlafsaal angefangen."

„Hast du nicht!", rief Lily entsetzt. Wieso nahm er eine andere, wenn er doch in Tante Hermine verliebt war? Und wenn er damals schon so sehr in sie verliebt war wie heute, dann hatte sie doch wirklich keine Konkurrenz.

„Lily, mein Schatz, unterschätze nie die Dummheit von einem sechzehnjährigen Jungen. Das solltest du dir wirklich merken, wenn du in das Alter kommst. Heutzutage weiß ich auch nicht mehr, was mich da geritten hat, aber damals kam mir das wie das einzig richtige vor. Glaub mir, heutzutage würde ich mir dafür in den Hintern treten. Aber es hat leider sehr lange gedauert, bis ich mich gut genug für sie gefühlt habe und sicher war, dass sie wirklich mich wollte. Kann ich heute manchmal noch nicht fassen."

„Dein Onkel ist ein Idiot", sagte Tante Hermine ohne Umschweife, als Lily sie später darauf ansprach. „Hat ewig gebraucht, bis er gemerkt hat, dass er auf mich steht und hat seine Zeit dann lieber damit verschwendet, auf andere eifersüchtig zu sein und hirnrissige Entscheidungen zu treffen, anstatt einmal Klartext mit mir zu reden. Wir hätten uns Jahre von Streitereien und Tränen und verletzten Gefühlen erspart", erklärte sie nüchtern. „Aber vielleicht war es ganz gut, dass er ein bisschen erwachsener geworden ist, bevor wir zusammengekommen sind. Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass wir uns das erste Mal nicht mitten in der letzten Schlacht geküsst hätten, kurz bevor Fred gestorben ist und wir alle verzweifelt um unser Leben gekämpft haben."

„Mitten in der Schlacht?", wiederholte Lily ungläubig. Das klang nicht sehr romantisch.

Tante Hermine nickte. „Ja, ich weiß, das klingt etwas makaber, aber die Monate, in denen wir versucht haben, Voldemort zu vernichten, waren wirklich schwer gewesen und wir hatten uns schrecklich gestritten und haben erst wieder eine Weile gebraucht, bis wir uns wieder angenähert haben. Und dann ging alles so schnell, wir wurden von Todessern geschnappt und ich wäre fast gestorben und dann hat es etwas gedauert, bis ich mich wieder erholt habe und dann hat sich alles überschlagen und als in Hogwarts um uns herum alles zusammengebrochen ist, war da ein Moment, in dem ich mich gefragt habe, was wenn gleich alles vorbei ist? Ich will nicht sterben, ohne wenigstens einmal den Mann geküsst zu haben, den ich liebe. Man möchte meinen, dass wir die ganze Schulzeit dazu Zeit gehabt haben, schließlich sind wir fast jedes Jahr irgendwie dem Tod entkommen, aber manchmal ist man einfach nicht mutig genug, zu seinen Gefühlen zu stehen. Jemandem zu sagen, dass man ihn wirklich mag und dann vielleicht zurückgewiesen zu werden kann schwieriger sein, als sich einem bösen Zauberer entgegenzustellen. Aber in diesem einen Moment mitten im Krieg war mir das dann alles endlich egal. Ich liebte ihn und ich wusste, dass er mich liebt und dass wir endlich beide an einem Punkt angekommen waren, dass wir das auch beide ohne wenn und aber wollten. Und ich bin wirklich froh, dass wir das gemacht haben. Dass wir wussten, wo wir stehen und dass, egal, was sonst noch passieren würde, wir wenigstens uns hatten. Ich habe das nie bereut."

„Warum auch? Onkel Ron ist toll." Wenn er auf sie aufpasste, las er ihr immer so viele Geschichten vor, wie sie wollte, und blieb bei ihr, wenn sie Angst vor Monstern hatte. Einmal hatte er für sie sogar eine Spinne getötet, eine richtig große und eklige, vor der sie schreckliche Angst gehabt hatte, und das, obwohl er selbst Spinnen nicht mochte.

„Ja, ich weiß das. Aber er hatte es auch wirklich nicht leicht. Der jüngste von sechs Brüdern, der beste Freund von dem berühmten Harry Potter. Er wurde immer von den anderen überstrahlt, dabei ist er so ein besonderer Mensch. Loyal und mutig. Er hat nie viel gehabt, aber alles mit Harry und mir geteilt, immer bereit, seine Ängste zu überwinden, wenn wir ihn gebraucht haben und er hat mich immer auf die Erde zurückgeholt, wenn ich mich zu sehr in meinem Kopf verkrochen habe. Ich weiß gar nicht, was ich ohne ihn tun würde."

„Du übertreibst", sagte Onkel Ron, der in diesem Moment ins Wohnzimmer gekommen war und Tante Hermine ohne Umschweife auf die Stirn küsste. Sie lächelte ihn zärtlich an. Lily war froh, dass Hugo nicht da war, denn er gab seit neuestem immer gerne Würgegeräusche von sich, wenn seine Eltern sich küssten.

„Vielleicht ein bisschen. Nimm einfach das Kompliment an, okay?"

„Wenn du das sagst. Es läge mir fern, dir zu widersprechen", erwiderte er grinsend und setzte sich neben sie.

„Daran werde ich dich erinnern, wenn du das nächste Mal glaubst, im Recht zu sein."

„Als ob ich jemals Unrecht haben würde!"

Tante Hermine verdrehte die Augen. „Und ich hab Lily gerade noch davon erzählt, was für ein toller Mann du bist. Obwohl du damals Lavender geküsst hast anstatt mich."

Onkel Ron seufzte. „Da macht man einmal etwas Dummes und muss für den Rest seines Lebens dafür bezahlen!"

„Du hast nicht nur einmal im Leben etwas Dummes gemacht, Ron Weasley!"

Er hob abwehrend die Hände. „Das hab ich ja auch Lily erzählt! Nicht wahr? Lily, sag deiner Tante, dass ich dir erzählt habe, wie oft ich ein Idiot war!"

Lily nickte brav und verkniff sich ein Grinsen. Sie liebte es, wenn die beiden sich kabbelten. Das war immer so unterhaltsam. Solange sie es nicht ernst meinten. Dann flogen die Fetzen. Aber so waren die beiden eben, das wusste jeder. „Ja, unzählige Male."

„Siehst du?", sagte Onkel Ron zufrieden und zwinkerte Lily zu.

Tante Hermine lachte. „Dass du darauf auch noch stolz bist!"

„Hey, ich dachte, das ist eine der vielen Qualitäten, die du an mir liebst!"

Sie zuckte mit den Schultern. „Das ist eher eine der Qualitäten, die ich akzeptieren muss, weil ich dich liebe."

Onkel Ron schnappte theatralisch nach Luft und Lily zog es vor, sich zu Hugo in sein Zimmer zu verziehen. Sie liebte ihren Onkel und ihre Tante und eine Weile war es immer ganz lustig, ihnen zuzuhören, aber wenn die beiden richtig loslegten, dann konnte das ewig so weitergehen und dann spielte sie lieber mit Hugo Zauberschnippschnapp.

TBC…