5. Dezember: Familiäre Liebesgeschichten Teil 2
Aber alle aus der Familie, mit denen Lily sprach, bestätigten ihre Theorie, dass eine Liebesgeschichte etwas ganz Besonderes war, ganz egal für wie langweilig sie die Beteiligten halten mochten.
Onkel Percy und Tante Audrey zum Beispiel. Die beiden hatten in der Familie den Ruf, die langweiligsten Familienmitglieder zu sein, und wenn Onkel Percy einmal mit seinen Kesselbodendicken anfing, dann entsprach das auch definitiv der Wahrheit. Aber das hieß trotzdem nicht, dass sie uninteressant waren. Tante Audrey war eine waschechte Muggel und hatte keinen einzigen magischen Verwandten, über den sie Onkel Percy hätte kennen lernen können. Sie hatte einen langweiligen Job bei der Muggelpost, aber als sie jünger gewesen war, hatte sie Schauspielerin werden wollen. Sie hatte zwar nie wirklich Erfolg gehabt und nur in ein paar Werbespots mitgespielt, aber trotzdem! Schauspielerin! Lily stellte sich das wahnsinnig aufregend vor.
„Mal dir das mal nicht zu spektakulär aus, Lily", sagte Tante Audrey kopfschüttelnd. „Eine richtige Schauspielschule konnte ich mir nicht leisten, deshalb hab ich nur ein paar Abendkurse belegt. Es hat ewig gedauert, einen Agenten zu finden und der hat mir nur manchmal ein Vorsprechen besorgt, zu dem auch noch fünfzig andere gekommen sind, die alle besser ausgesehen haben als ich, und für zwanzig Vorsprechen bekommt man vielleicht einmal den Job. Und London ist schweineteuer und ich hab in einer Wohnung gewohnt, in der ich mir mit drei anderen Mädchen ein Zimmer geteilt habe und mich mit irgendwelchen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten." Sie schüttelte den Kopf. „Irgendwann musste ich der Tatsache ins Auge sehen, dass ich einfach nicht gut genug war und bin wieder in die Nähe von meinen Eltern gezogen und hab einen guten Job bei der Post bekommen und meine Ruhe gehabt. Manchmal spiele ich in der Laiengruppe in unserem Dorf mit und das macht ehrlich gesagt viel mehr Spaß."
„Aber es war doch aufregend, oder?", fragte Lily enttäuscht. Schauspielerin hört sich immer so glamourös an, aber das klang miserabel.
Tante Audrey lächelte. „Manchmal schon, natürlich, aber es war auch eine sehr unsichere und stressige Zeit und ich hab ständig an mir selbst gezweifelt und auf Dauer ist das ganz schön anstrengend. Wer weiß, vielleicht hätte ich Erfolg gehabt, wenn ich nur einen Monat länger drangeblieben wäre, aber vielleicht hätte ich mich auch die nächsten fünf Jahre nur mühevoll über Wasser halten können und das war es mir nicht wert."
„Und wann hast du Onkel Percy kennengelernt?", fragte Lily stirnrunzelnd. Tante Audrey und Onkel Percy wohnten immer noch in dem Dorf, in dem auch seine Schwiegereltern wohnten und Lily bezweifelte, dass Onkel Percy ihr dort jemals zufällig über den Weg gelaufen wäre.
Tante Audrey lachte. „Oh, das ist eine witzige Geschichte. Ich war in London, weil meine ehemalige Mitbewohnerin mich zu einer Modenschau eingeladen hat. Sie wollte Model werden und ist damit auch recht erfolgreich gewesen. Auch wenn sie jetzt vor allem Fotos für Kataloge macht, wenn ich richtig informiert bin. Aber sie hat mir eine völlig konfuse Wegbeschreibung gegeben und mein Handyakku war leer und damals gab es noch funktionierende Telefonzellen, weißt du? Heutzutage sind die ja alle nur noch Dekoration. Jedenfalls bin ich durch die Straßen geirrt, auf der Suche nach einer, um meine Freundin anzurufen, aber in der einen, die ich schließlich gefunden hab, hat das blöde Telefon nicht funktioniert, egal, wie oft ich es versucht habe und als ich wieder draußen stand und den Tränen nahe nach einer neuen suchen wollte, stand Percy plötzlich mitten in der Telefonzelle und hat mich entsetzt angeschaut."
„Nein!", sagte Lily mit großen Augen. Sie wusste, dass man über eine Telefonzelle ins Ministerium kommen konnte, aber sie war immer davon ausgegangen, dass sie mit irgendwelchen Zaubern gesichert war, dass Zauberer und Muggel nicht einfach so zusammenkrachten. „Ist die nicht gesichert?"
Tante Audrey zuckte mit den Schultern. „Ja, eigentlich schon. Sie ist in einer Seitengasse, in der man sich wirklich nicht gerne länger als nötig aufhält, und die ganze Ecke ist mit einem Zauber belegt, durch den wir Muggel eigentlich schnell das Bedürfnis haben, das Weite zu suchen, aber ich hab mich damals wirklich verzweifelt gefühlt und da kann der Zauber dann auch nicht so viel machen. Zwei Minuten später wäre ich wahrscheinlich wieder weg gewesen, aber ich hab gerade frustriert auf den Stadtplan geschaut und versucht, das Gekritzel meiner Mitbewohnerin zu entziffern und dann stand da plötzlich ein Mann in der Telefonzelle, in der ich gerade noch gewesen war und deren Eingang ich blockierte, also konnte er unmöglich an mir vorbeigegangen sein."
„Und was ist dann passiert?", fragte Lily gespannt.
„Dann hab ich Percy erstmal den Zettel meiner Mitbewohnerin unter die Nase gehalten und ihn gefragt, ob er meint, dass das Birmington Road heißt und ob er weiß, ob die hier in der Nähe ist, oder er ein Handy hat, das er mir leihen kann, damit ich Miranda nach der Adresse fragen kann. Und dein Onkel hat mich einfach nur mit großen Augen angestarrt, weil er vor der Telefonzelle noch nie einem Muggel begegnet ist. Und schon gar nicht jemand, der ihn sofort mit Fragen löchert."
„Das kann ich mir vorstellen", nickte Lily. Onkel Percy kam ihr vor wie jemand, der gerne alles plante und nicht gerade sehr spontan war.
„Ich hab schon zwei Minuten auf ihn eingeredet und war schrecklich frustriert, dass er noch nichts gesagt hat und mir nicht helfen wollte, bis mir richtig aufgefallen ist, dass er eigentlich gar nicht hier sein sollte. Und dann hab ich angefangen, ihn mit diesen Fragen zu löchern und ich glaube, am Ende war er so überfordert, dass er mir einfach gesagt hat, dass ich den Eingang zum Zaubereiministerium blockiere und dass in fünf Minuten die nigerianische Delegation aus der Telefonzelle kommen wird, die nach einem Treffen mit dem Zaubereiminister noch unbedingt zu McDonald's wollte und ob ich vielleicht wüsste, wo ich den nächsten finden kann."
„Der ist doch eine Straße weiter!", sagte Lily lachend. Sie besuchte manchmal ihren Dad im Ministerium und wenn er Zeit hatte, gingen sie dann immer zu McDonald's essen, weil der so nah am Ministerium war.
Tante Audrey nickte. „Hab ich ihm auch gesagt! Aber er sah so verzweifelt aus, wie ich mich gefühlt habe, also hab ich ihm angeboten, seine nigerianische Delegation zu McDonald's zu führen, wenn er mir hilft, meine Modenschau zu finden. So haben wir das dann gemacht und bei McDonald's hat dann glücklicherweise jemand gewusst, wo ich hinmuss, also habe ich Percy zum Dank zu der Modenschau eingeladen und er ist wirklich mitgegangen."
„Onkel Percy?", fragte Lily ungläubig. Von all ihren Onkeln war Percy der letzte, den sie auf einer Modenshow erwartet hatte.
„Oh ja. Ich glaube, ich hab sogar noch ein Bild davon." Tante Audrey stand auf und holte ein dickes Fotoalbum aus einem Regal im Wohnzimmer und blätterte darin herum. „Hier!", sagte sie triumphierend und zeigte Lily ein Bild, auf dem sie und Onkel Percy mindestens fünfzehn Jahre jünger waren. Er trug einen schlechtsitzenden Anzug und sie sah verschwitzt aus und ihre Haare standen zu Berge, aber sie trug ein umwerfendes schwarzes Kleid. Beide hielten Champagnergläser in der Hand und strahlten in die Kamera. Sie waren umgeben von lauter leicht bekleideten langbeinigen Schönheiten, die ebenfalls in die Kamera grinsten. Lily schaute sich in dem spießig eingerichteten Wohnzimmer der beiden um und konnte diese beiden Versionen kaum miteinander vereinbaren. Aber stille Wasser waren eben tief und man wusste längst nicht alles über andere Menschen, selbst wenn es die eigenen Familienmitglieder waren.
„Als die Modenshow schließlich zu Ende war und wir alle leicht angetrunken waren, ist mir erst richtig bewusst geworden, dass Percy von einem Zaubereiminister und -ministerium gesprochen hat. Im ersten Moment hab ich gedacht, dass ich vielleicht über irgendeinen Nebeneingang von unserem Ministerium gestolpert bin, dabei war ich nicht mal in der Nähe von der Downing Street. Und Percy war betrunken genug, dass er mir alles erzählt hat, oder zumindest versucht hat, mir alles zu erzählen, ich war nämlich zu betrunken, um aus seinen Erklärungen richtig schlau zu werden. Er hat mich dann in seine Wohnung eingeladen, damit er mir am nächsten Morgen alles erklären konnte und ich bin mitgegangen, weil das die bessere Alternative zu meiner ehemaligen überfüllten WG war, wo ich eigentlich hatte übernachten wollen."
„Und du bist einfach mitgegangen? Hattest du keine Angst?" Ihre Eltern warnten sie immer davor, mit fremden Menschen mitzugehen.
Tante Audrey lachte. „Vor Percy? Nach allem, was wir an dem Tag schon erlebt hatten? Außerdem kann doch keiner erwarten, dass man hört, dass Magie existiert und dann nicht weiter nachfragen. Er durfte ohne bestimmte Genehmigung in meiner Gegenwart nicht zaubern, aber ihr Zauberer unterschätzt immer, wie magisch eure ganze Wohnung ist." Sie deutete auf den Kamin, der mit dem Flohnetzwerk verbunden war und die ganzen bewegten Bilder an der Wand, die magischen Bücher, die im Regal standen und die Eule, die in ihrem Käfig schlief. Das Haus von Percy und Audrey war zwar viel weniger magisch als die anderen der Familie, da Tante Audrey als Muggel natürlich nicht zaubern konnte und so viel mehr elektronische Hilfsmittel brauchte, besonders in der Küche, aber trotzdem war es ohne Zweifel ein magisches Haus. Wenn sie Besuch von Muggeln bekamen, die nicht Bescheid wussten, gab es einen Zauber, den Onkel Percy aussprechen konnte, der alles Magische tarnte. (Für Tante Audrey hatte Onkel George einen langen Stab entwickelt, mit dem sie in einer bestimmten Abfolge auf den Boden klopfen musste, der den gleichen Effekt hatte. Überraschenderweise war das ein Renner in seinem Laden gewesen, denn mittlerweile wohnten viele Zauberer in einer Muggelgegend und wollten ihr Haus tarnen, wenn sie Besuch von den Nachbarn bekamen.)
„Und dann ist eigentlich alles ganz schnell gegangen. Er war mir sofort sympathisch und wir haben uns sehr oft verabredet, er konnte ja in ein paar Sekunden zu mir apparieren oder er hat mich im Flohnetzwerk nach London gebracht, das dürfen Muggel ja glücklicherweise auch benutzen und das ist viel praktischer, als mit dem Zug zu fahren, auch wenn die viele Asche wirklich nervig ist. Wir waren beide an einem Punkt, wo wir eine feste Beziehung wollten und als er mir ein paar Monate später einen Antrag gemacht hat, musste ich überhaupt nicht überlegen. Nicht, dass es manchmal nicht schon schwierig ist. Ihr kommt aus einer völlig anderen Welt und auch wenn ihr mir immer alles erklärt und mich in alles einbildet, kann ich ohne Zauberei trotzdem nicht wirklich ein Teil davon sein."
„Das klingt ja richtig scheiße", sagte Lily überrascht. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Sie wusste zwar, dass Tante Audrey eine Muggel war, aber was das im Detail bedeutete, war ihr nie so ganz klar gewesen. Magie war so ein essentieller Teil ihres Lebens, dass sie es sich ohne gar nicht vorstellen konnte.
„So schlimm ist es jetzt auch nicht, Lily", sagte Tante Audrey beruhigend. „Es ist ein bisschen so, wie bei Bill und Fleur. Als ob man aus einer anderen Kultur kommt, die zwar ähnlich ist, aber wo es eben auch viele Unterschiede gibt. Man gewöhnt sich dran, man weiß Bescheid, aber manches wird einem einfach immer merkwürdig vorkommen. Aber ich habe Percy, und ich habe euch alle, und das ist es mir wert."
Lily schluckte. Das klang wunderbar.
Doch auch Onkel George und Tante Angelina hatten eine schöne Geschichte. „Weißt du, in der Schule hab ich mich nicht sonderlich für Mädchen interessiert", erzählte Onkel George ihr achselzuckend. „Ich hatte Quidditch und dann haben Fred und ich uns immer neue Streiche ausgedacht und dann auch bald ständig an neuen Scherzartikeln gesessen und dann kam in der siebten noch Umbridge und Dumbledores Armee und das hat mir gereicht. Fred war da ein bisschen anders als ich und er war eine Weile mit Angelina zusammen, nachdem sie zusammen auf dem Trimagischen Ball waren."
„Dein Bruder war mit Tante Angelina zusammen?", fragte Lily ungläubig. Onkel George war mit der Exfreundin seines Bruders verheiratet?
Onkel George zuckte mit den Schultern. „Sie war ein klasse Mädchen. Wir haben zusammen Quidditch gespielt und sie hat immer Spaß verstanden, warum also nicht? Mittlerweile ist es mir peinlich, aber ich war sogar ein bisschen eifersüchtig, damals."
„Weil du mit Tante Angelina zusammen sein wolltest?"
Onkel George schüttelte lachend den Kopf. „Um Himmels Willen, nein! Ich hab dir doch gesagt, Mädchen haben mich damals nicht wirklich interessiert. Mich hat gestört, dass Fred nicht mehr so viel Zeit für mich hatte wie früher, weil er viel davon mit ihr verbracht hat. Und das war zu einem Zeitpunkt, wo wir wirklich ernsthaft an unserem Scherzartikelladen gearbeitet haben und ich hatte das Gefühl, dass ihm das nicht mehr wichtig genug war. Weißt du, ich liebe alle meine Geschwister, aber Fred … Fred war mein Zwilling. Es war, als wäre er ein Teil meiner selbst, als wären wir zwei Hälften eines Ganzen. Wir wussten immer, was der andere dachte, wir haben uns nie gestritten. Wir sind nicht mal auf die Idee gekommen, nach der Schule getrennte Wege zu gehen, so wie Dominique und Louis." Die beiden waren auch Zwillinge, aber sie hatten nie so sehr zusammengeklebt wie Fred und George. Vielleicht war das auch einfach etwas anderes, wenn man ein Junge und ein Mädchen war.
„Und als er mit Angelina zusammen war, war das das erste Mal, dass wir nicht alles zusammen gemacht haben und das war wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Ich war damals nicht besonders nett zu ihr, was sie sehr überrascht hat. Und Fred auch. Es sah mir auch überhaupt nicht ähnlich, aber manchmal kann man seine Gefühle auch einfach nicht beeinflussen oder ignorieren."
Lily nickte. „Sechzehnjährige Jungs sind Idioten", wiederholte sie Onkel Rons Weisheit.
Onkel George lachte. „Ganz genau! Das stimmt eigentlich immer. Zum Glück haben mir die beiden das nicht übelgenommen und es war auch nichts wirklich Ernstes zwischen ihnen. Und als wir Hogwarts geschmissen haben und der Krieg richtig Fahrt aufgenommen hat, haben die beiden sich aus den Augen verloren." Er verstummte und schluckte schwer. „Und dann ist Fred gestorben und dann war sowieso alles egal."
Lily traten unwillkürlich Tränen in die Augen und sie nahm aufmunternd seine Hand und drückte sie fest. Onkel George lächelte sie schwach an. „Ich hab Jahre gebraucht, bis ich mich wieder halbwegs normal gefühlt habe. Ich hatte ein oder zwei unbedeutende Beziehungen, aber das war alles nichts Wichtiges. Viel wichtiger war es, unseren Laden weiterzuführen. Das war ich Fred schuldig. Und ohne Ron hätte ich es wahrscheinlich nie geschafft." Onkel Ron hatte George nach dem Krieg eine Weile im Laden geholfen, bevor er Auror geworden war, damit George nicht alleine war. „Aber sehr lange war ich nicht ich selbst. Und um ehrlich zu sein, werde ich mich wahrscheinlich nie wieder so fühlen wie damals mit Fred. Es hat ewig gedauert, bis ich wieder lachen konnte. Und davor hab ich jeden Tag gelacht." Lily blinzelte ein paar Tränen aus den Augen. Onkel George war immer der lustigste von ihren Onkeln, hatte immer einen guten Spruch auf den Lippen, hatte immer gute Laune. Sie hätte nie gedacht, dass es so schlimm war. Aber ihr wurde ja schon bei der Vorstellung schlecht, dass James oder Al irgendetwas passieren könnte. Einen Zwilling zu verlieren, das musste unvorstellbar sein.
„Auf der Hochzeit von Ron und Hermine bin ich dann Angelina wiederbegegnet. Da war ich dann wenigstens wieder bereit, halbwegs am Leben teilzunehmen. Bill und Fleur hatten schon Vicky, das Leben ging weiter, ich wollte nicht alles verpassen, aber ohne Fred war das so schwierig … naja, jedenfalls sind wir ins Gespräch gekommen, haben uns an unsere alten Quidditchspiele erinnert, sie hat lachend von ein paar von unseren Streichen gesprochen und es war gut, sich wieder mal so positiv an Fred zu erinnern, mit jemandem, der nicht ganz so betroffen war wie unsere Familie." Er lächelte. „Und sie konnte gut tanzen. Es war … in ihrer Gegenwart hab ich mich so normal gefühlt wie schon lange nicht mehr. Ob ich damals schon in sie verliebt war? Ich glaube nicht. Sie war die Exfreundin meines Bruders. Aber wir haben uns immer öfter gesehen, erst freundschaftlich, dann etwas weniger freundschaftlich, wenn du verstehst, was ich meine", er wackelte übertrieben mit seinen Augenbrauen und Lily wischte sich lachend ein paar Tränen aus den Augen.
„Aber so richtig zusammengekommen sind wir nach der Hochzeit deiner Eltern. Ich kann gar nicht beschreiben, was sich geändert hat, wahrscheinlich hab ich einfach aufgehört, ein schlechtes Gewissen zu haben. Fred würde wollen, dass ich glücklich bin. Er hätte es gehasst, dass ich nach seinem Tod so depressiv war. Ich weiß, dass ich das an seiner Stelle getan hätte. Und Angelina hat mich glücklich gemacht und tut es noch und ich bin wirklich froh, dass ich sie und den kleinen Fred und Roxy habe. So hatte ich mir mein Leben zwar nie vorgestellt, aber ich hätte auch nie gedacht, dass Fred einmal nicht mehr an meiner Seite sein würde." Er seufzte. „Es ist anders, aber es ist gut, und ich hoffe, dass Fred damit auch zufrieden wäre."
„Bestimmt", nickte Lily. Wie könnte er nicht?
Onkel George lächelte wehmütig. „Es ist so schade, dass ihr ihn nie kennen lernen konntet. Wir hätten alle so viel Spaß zusammen gehabt."
„Merlin ja", nickte Tante Angelina bei einem anderen Familientreffen. „Fred und George waren immer unschlagbar. Du hättest die beiden mal als Treiber sehen sollen. Alle anderen haben sich immer zugerufen, wenn sie sich koordinieren mussten, aber Fred und George hatten nie auch nur ein Wort wechseln müssen und hatten immer genau gewusst, was sie machen wollten. Meiner Meinung nach hätten sich alle professionellen Teams die Finger nach ihnen lecken sollen, wenn man die zwei zusammen als Treiber eingesetzt hätte, niemand wäre vor ihnen sicher gewesen. Aber das war nie, was sie gewollt haben. Sie wollten Leute zum Lachen bringen und sie hatten sowohl die Ideen als auch das Talent, sie umzusetzen. In der Schule waren sie nie die besten, für Prüfungen zu lernen war ihnen zuwider, aber sie waren mitunter die schlausten Schüler, die Hogwarts hatte. Was sie alles in der sechsten und siebten Klasse erfunden hatten und in der Lage waren, wirklich herzustellen, das hätten weitaus ältere und erfahrenere Zauberer nie geschafft. Umbridge hat sich immer für die Beste gehalten und ich glaube, es ist ihr nicht gelungen, auch nur einen ihrer Zauber wieder rückgängig zu machen. Blöde Ziege!" Tante Angelina verdrehte die Augen und schnaubte.
„Und du warst wirklich mit Onkel Fred zusammen?", hakte Lily nach.
„Naja, zusammen ist übertrieben. Wir sind zusammen zum Ball gegangen und hatten Spaß und haben uns ein paar weitere Male verabredet, aber es war nie was Ernstes. Er war viel zu fokussiert auf seine Scherzartikel und ich wurde dann ein Jahr später Quidditchkapitänin, das war wirklich harte Arbeit, mit Harrys ständigem Nachsitzen und Umbrdiges dauernden Einmischungen und Rons fehlendem Selbstvertrauen. Und dann hab ich mitten im Jahr ein paar meiner besten Spieler verloren, weil die sich ja unbedingt nach dem Spiel prügeln mussten und musste in der schlechtesten Jahreszeit ein neues Team zusammenstellen! Stell dir das mal vor! Und dann war da noch Voldemorts Wiederauferstehung und Dumbledores Armee und da war es für Fred und mich einfach nicht wichtig genug, eine Beziehung weiterzuführen. Außerdem hat mich George immer so böse angeschaut, wenn wir Zeit miteinander verbracht haben und dann hat er ausgesehen wie ein getretener Hund, wenn er dachte, dass es niemand bemerkt, also glaube ich, dass Fred nicht lange weitergemacht hätte, selbst wenn ich gewollt hätte. Die beiden waren Seelenverwandte. Die waren so eng miteinander, ich bin mir nicht sicher, ob eine Frau wirklich in ihre Lebensplanung hineingepasst hätte. Aber wir werden es nie erfahren, weil die beiden nie genug Zeit hatten, zusammen erwachsen zu werden."
Sie schluckte. „Merlin, es war schrecklich, als ich gehört habe, dass er gestorben ist! George sah nach der Schlacht aus wie ein Geist. Hat durch alle nur hindurch gestarrt. Es war … auch wenn man weiß, dass Tod zum Krieg dazugehört und wir zu dem Zeitpunkt schon einige Leute verloren haben … dass einer von den Zwillingen sterben könnte, mit sowas hat niemand gerechnet. Ich bin froh, dass es George wieder besser ging, als wir uns auf der Hochzeit von Ron und Hermine wieder gesehen haben, er war nicht mehr wie früher, aber er war George. Und es war schön, an die guten Zeiten erinnert zu werden und mit ihm lachen zu können."
„Warst du damals schon in ihn verliebt?", fragte Lily neugierig.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube nicht. Aber das ist alles schon so lange her. Am Anfang haben wir nur unsere Freundschaft wieder aufleben lassen und dann hat sich das einfach alles so entwickelt, bis ich eines Tages neben ihm aufgewacht bin und wusste, dass ich mich in ihn verliebt hatte."
„War das nicht komisch, nach Onkel Fred?" Lily hatte keine Schwester, aber sie stellte es sich merkwürdig vor, wenn sie zum Beispiel nach Rose mit dem gleichen Typen zusammen wäre.
„Nein, wieso? Mit Fred und mir ist das kaum jemals über Freundschaft hinausgegangen und George und ich waren zu diesem Zeitpunkt völlig andere Menschen. Er hätte gewollt, dass wir glücklich sind. Und was nützen einem diese was-wäre-wenn-Spiele? Sicher, wenn Fred noch am Leben wäre, dann wäre bestimmt alles anders gekommen und George und ich hätten nicht das Leben und die Familie, die wir jetzt haben, aber er ist nicht mehr da und wir haben uns zusammen ein Leben aufgebaut, mit dem wir zufrieden sind. Dafür muss man sich nicht schämen. Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Familie habe. Und dass ich die Gelegenheit hatte, diesen neuen George kennen und lieben zu lernen."
Lily nickte. Das klang wunderbar. Auch wenn der Anfang sehr traurig gewesen war, war es doch schön zu wissen, dass es nicht immer so bleiben musste und dass man auch wieder glücklich sein konnte.
TBC…
