6. Dezember: Familiäre Liebesgeschichten Teil 3

Und obwohl alle Liebesgeschichten wunderschön waren und für Lily schrecklich romantisch klangen, war ihr natürlich die Geschichte ihrer eigenen Eltern die liebste. Als sie ein kleines Mädchen war, hatte sie wie ein Märchen geklungen. Der tapfere Held, der die Prinzessin aus den Fängen eines bösen Zauberers retten und dafür gegen eine riesige Schlange kämpfen musste. Genau wie bei Dornröschen. Dass der tapfere Held dann noch vier Jahre brauchte, bis er sich in die Prinzessin verliebte, die sich zu diesem Zeitpunkt sehr gut selbst retten konnte, hatte sie damals ignoriert.

Aber auch die weniger fantastische Version gefiel ihr, als sie älter war. Dass ihre Mum sich auf den ersten Blick in ihren Dad verliebt hatte und anfangs keinen Ton herausbringen konnte, aber sich im Laufe der Zeit immer wohler in seiner Gegenwart gefühlt hatte, sodass auch er sich in sie verlieben konnte. Aber dass ihre Mutter auch nicht nur herumgesessen und auf ihn gewartet hatte und ohne ihn wahrscheinlich auch zufrieden gewesen wäre, fand Lily nicht schlecht.

„Ach was soll ich dir sagen, Lils", sagte ihr Vater ihr einen Abend, als er sie ins Bett brachte. Er streckte sich neben ihr auf ihrem Bett aus und legte einen Arm um sie. Mit elf war sie eigentlich schon viel zu groß für sowas, aber sie hatte ihn die Woche kaum gesehen, weil er so viel im Ministerium zu tun gehabt hatte und ihre Brüder waren beide schon in Hogwarts und sie musste noch ein halbes Jahr warten, also nahm sie, was sie kriegen konnte. „Bei deiner Mum klingt das alles immer so romantisch. Als ich sie das erste Mal in King's Cross gesehen habe, war sie umgeben von lauter Weasleys und ich war wahnsinnig nervös, weil ich das Gleis nicht finden konnte und die ganze Zeit noch halb davon überzeugt gewesen bin, dass sich irgendjemand einen schlechten Scherz mit mir erlaubt hat. Ich hab sie zwar gesehen, aber für mich war sie damals nur eine von vielen."

Lily kannte ihre Familie gut und wusste, wie leicht man in der Menge untergehen konnte, aber trotzdem war das schwer vorstellbar für sie, wenn sie daran dachte, wie gut ihr Dad immer zu wissen schien, wo ihre Mum war und sie auch im größten Getümmel ganz leicht finden konnte.

„Und dann war sie nur die kleine Schwester meines besten Freundes. Würdest du dich in jemanden verlieben, der immer nur rot wird, wenn er dich sieht, kein Wort sagen kann und meistens so schnell wie möglich aus dem Zimmer stolpert?"

Lily schüttelte den Kopf. Klang nicht so berauschend, wenn sie ehrlich war. „Aber du hast sie trotzdem vor der Schlange gerettet!"

„Natürlich hab ich das! Sie war die Schwester meines besten Freundes! Und ein nettes Mädchen. Aber ich hätte auch jeden anderen gerettet. Voldemort hatte schon Hermine versteinert und ich war derjenige, den er wollte, wäre ich nicht zu ihm gekommen, hätte er mich sobald wie möglich gesucht. Nur Ginny wäre dann schon tot gewesen." Er strich ihr zärtlich über die Haare. „Ich weiß, für dich klingt das alles schrecklich romantisch, aber um ehrlich zu sein haben Ron, Hermine und ich damals immer unsere Nasen in Angelegenheiten gesteckt, von denen viele behauptet haben, dass sie uns nichts angehen. Manchmal hatten sie wahrscheinlich recht und mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, dass du oder deine Brüder etwas ähnliches erleben könntet. Und manchmal hätten wir uns wahrscheinlich wirklich raushalten können. Aber meistens war ich sowieso das Ziel von Voldemorts Machenschaften und so bin ich wenigstens nicht vollkommen hilflos in alles hereingestolpert. Und jemand anders hätte ihn manchmal auch gar nicht aufhalten können, weil nur er und ich durch seine Magie so verbunden waren, wie wir es waren."

Er seufzte. „Aber ich schweife ab. Tatsache war, dass ich deine Mum nicht wirklich kannte und keinen Grund hatte, mich in sie zu verlieben. Als sie sich schließlich an mich gewöhnt hat und wir Freunde wurden, hat sich das ganz schnell geändert, das kannst du mir glauben. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber meine Gefühle für sie waren das Normalste, was ich damals in meinem Leben hatte und es war schön, eine Pause zu haben von dem Kleinkrieg, den Ron und Hermine in der sechsten veranstaltet haben und dem immer größer werdenden Druck, der Einzige zu sein, der Voldemort endgültig vernichten kann. Auch wenn ich es damals gehasst habe, rückblickend war es ganz schön, zwischendrin einfach nur eifersüchtig darauf zu sein, dass sie mit jemand anderem zusammen war."

„Das ist ja ganz was neues", sagte Lilys Mum, die grinsend in der Tür stand und sie mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute. „Damals hast du nicht gerade glücklich ausgesehen, wenn ich mit Dean zusammen war."

„Damals wusste ich ja auch noch nicht, wie unsere Geschichte ausgeht", erwiderte Dad augenverdrehend. Lily rückte etwas näher an ihn heran, damit ihre Mum sich auf der freien Seite neben sie legen konnte. Gut, dass sie so ein breites Bett hatte. „Hinterher ist man immer schlauer. Frag nur Ron und Hermine."

Mum lachte. „Ja, da hast du wohl recht. Hat Lily dich auch mit Fragen zu unserer Liebesgeschichte gelöchert? Sie macht schon die ganze Familie unsicher."

Lily zuckte unschuldig mit den Schultern. „Was denn? Ich finde das interessant." Es war doch schön, zu erfahren, wie ihre Onkel und Tanten dorthin gekommen sind, wo sie heute waren.

„Mhm. Und wo seid ihr jetzt? Hast du ihr schon davon erzählt, wie ich meine Hoffnungen auf dich begraben habe, weil du eine andere wolltest und stattdessen mit anderen Jungs ausgegangen bin?"

„Nein, den Teil habe ich geflissentlich übersprungen und bin gleich dazu übergangen, wie ich unglücklich in dich verliebt war und dabei zugeschaut habe, wie du einen anderen küsst."

Ihre Mum verdrehte die Augen. „Idiot. Wenn du auch nur einmal den Mund aufgemacht hättest, dann hätte ich Dean wahrscheinlich sofort den Laufpass gegeben. Aber nein, du hast mich ja nur finster angestarrt, was hätte ich denn damit anfangen sollen?"

„Na hör mal!", verteidigte ihr Dad sich. „Als Ron und ich dich und Dean damals in dem Geheimgang erwischt haben, sah das nicht so aus, als hättest du an jemand anderem Interesse haben können, so wild, wie ihr damals geknutscht habt!"

Ihre Mum verschränkte die Arme vor der Brust. „Also wirklich! Ich war ewige Zeiten in dich verliebt, ich habe Jahre gebraucht, bis ich überhaupt was sagen konnte, wenn du dabei warst, und da glaubst du, ich hätte mich nicht sofort in deine Arme gestürzt?! Männer!"

„Sechzehnjährige Jungs sind Idioten", nickte Lily pflichtbewusst. Onkel Rons Weisheit hatte sich bisher wirklich jedes Mal bewahrheitet.

„Ganz genau!", bestätigte ihre Mutter erzürnt. „Vollidioten! Riesige Vollidioten!"

„Also jetzt macht aber mal einen Punkt! Nur weil du als Elfjährige für mich geschwärmt hast, heißt das noch lange nicht, dass du diese Gefühle als Fünfzehnjährige immer noch hattest. Entschuldige, dass ich darauf Rücksicht nehmen wollte!"

Ihre Mutter verdrehte erneut die Augen. „Ja sicher, das wird's gewesen sein und nicht, dass du nicht den Mut hattest, mich offen darauf anzusprechen."

„Ist doch süß", wandte Lily ein, bevor das Ganze noch zu einem richtigen Streit werden konnte. Ihre Eltern waren zwar längst nicht so schlimm wie Onkel Ron und Tante Hermine, aber streiten konnten sie auch ganz gut. „Da kämpft Dad ohne Probleme gegen jede Menge böse Zauberer, traut sich aber nicht, einfach mit dir zu sprechen."

„Also so würde ich das jetzt auch nicht beschreiben", wandte Dad jetzt ein und ignorierte völlig die Hilfe, die Lily ihm gerade hatte zukommen lassen wollen. Typisch. „So schlimm wie Ron war ich jetzt auch nicht. Der hat immerhin Jahre gebraucht, bis er das mit Hermine auf die Reihe gekriegt hat. Sobald du wieder Single warst-"

„Wochen später!", warf ihre Mum ein.

„-habe ich nur auf den richtigen Moment gewartet", fuhr ihr Dad unbeirrt fort, „und dann habe ich dich geküsst und dann war die Sache geklärt." Zufrieden nickte er.

Ihre Mum seufzte. „Ja, ein paar Wochen vielleicht. Dann hast du dich auch schon wieder von mir getrennt."

Dad blickte finster drein und Lily schaute überrascht von einem zum anderen. Davon hatte sie noch nie gehört. Sie hatte gedacht, dass ihre Eltern seit Hogwarts zusammen glücklich waren.

„Du weißt ganz genau, warum ich das gemacht haben und du hast es damals auch verstanden."

„Was hätte ich denn sagen sollen, Harry? Ist mir egal, dass du nobel bist und dich selbst opfern und mich vor Voldemort und seinen Todessern schützen willst, während du dein Leben riskierst? Alle hatten gewusst, dass wir zusammen waren, in Hogwarts hätten es die Todesser im nächsten Schuljahr so oder so auf mich abgesehen gehabt, denen war es egal, dass du dich mittlerweile von mir getrennt hattest. Wir hätten genauso gut zusammenbleiben können, das hat überhaupt keinen Unterschied gemacht."

„Das wusste ich damals doch noch nicht! Ich hätte nie gedacht, dass sie Todesser in Hogwarts unterrichten lassen, zumindest nicht bewusst! Um mich zu beschützen sind schon so viele gestorben, ich wollte nicht, dass du auch noch dazu gehörst! Es tut mir wirklich leid, dass ich dein Herz gebrochen habe, und meins gleich mit, das weißt du ganz genau. Aus heutiger Sicht hätte ich einiges anders gemacht, aber hinterher ist man immer schlauer."

„Also seid ihr wieder zusammengekommen, als Voldemort tot war?", fragte Lily stirnrunzelnd. Es war gar nicht so einfach, dem Streit ihrer Eltern zu folgen. Aber Lily wusste ja, dass sie jetzt zusammen glücklich waren, also war alles wohl nicht so schlimm gewesen.

„Ja, als sich alles wieder beruhigt hat und wir sicher waren, gab es keinen Grund mehr, nicht zusammen zu sein."

Ihre Mum schniefte und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Lily schaute sie entsetzt an. „Ja, nach Kriegsende und dem Tod von Fred und Teds Eltern … ohne deinen Dad hätte ich das nie geschafft. Es war so schon schwer genug, aber ohne meine Familie …"

Dad nahm ihre Hand und drückte sie und Lily kuschelte sich eng an ihre Mutter.

„Ja, ohne unsere Familie hätte ich das alles nicht geschafft", stimmte Dad zu. Er küsste Mum auf die Wange und dann hielten sie sich alle einfach eine Weile schweigend in den Armen, bis Lily schließlich eingeschlafen war. (Und ihre Eltern gleich mit.)

Aber auch wenn die Geschichte ihrer Eltern vielleicht nicht ganz so spektakulär war, wie Lily ursprünglich gedacht hatte, fand sie sich trotzdem schrecklich romantisch. Sie konnte sich noch gut erinnern, als sie Scorpius das erste Mal sah, als er Al bei ihnen zuhause besuchte und er sie nervös anlächelte. Da hatte sie sich gedacht, sollte die Geschichte zwischen ihm und ihr so laufen wie zwischen ihren Eltern, wäre das nicht schlecht. Und so unüblich war es schließlich nicht, dass sich die besten Freunde in irgendwelche Geschwister verliebten. Louis zum Beispiel hatte sich auch in Dominiques beste Freundin verliebt.

Und Scorpius war immer wahnsinnig nett zu ihr, wenn er sie sah. (Er war auch zu allen anderen aus der Familie sehr nett und alle mochten ihn, bis auf Onkel Ron vielleicht, aber diese Tatsache passte nicht in ihre romantische Vorstellung, also ignorierte sie sie geflissentlich.) Aber Lily hatte auch aus der Geschichte ihrer Eltern gelernt und vermied es deshalb, in seiner Gegenwart rot zu werden oder nicht zu sprechen, sodass Scorpius gleich erkennen konnte, was er an ihr hatte. Aber leider sah er in ihr nie mehr als die kleine Schwester seines besten Freundes. Eine ganze Weile klammerte Lily sich an die Hoffnung, dass er nur ein paar Jahre Zeit brauchte, so wie ihr Dad damals, und solange sie noch nicht in Hogwarts war, war es für ihn sicher nicht einfach, sich in sie zu verlieben. Als sie schließlich in Hogwarts war, war es leider immer noch nicht einfacher für ihn, aber sie waren auch in verschiedenen Häusern und er war zwei Klassen über ihr, da musste man dem ganzen schließlich noch ein bisschen mehr Zeit geben.

Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass nicht nur sechzehnjährige Jungen Idioten waren, sondern auch dreizehn-, vierzehn- und fünfzehnjährige, aber spätestens in der dritten Klasse verabschiedete sie sich von der Vorstellung, dass sich die Geschichte ihrer Eltern wiederholen könnte, als Scorpius erst unglücklich in Enid Belby verknallt war und Al und jedem anderen in Hörweite die Ohren damit vollheulte, und dann mit Carolina Matthews zusammen war und man öfter mal über die beiden stolperte, wenn sie herumknutschten, auch wenn man das gar nicht beabsichtigt hatte. Da hatte Lily ja James weniger erwischt, und der knutschte jede Woche mit einer anderen.

Und dann kamen Scorpius und Rose zusammen und Lily begrub ihre Hoffnungen endgültig. Nicht, dass sie jemals so sehr in ihr verknallt gewesen wäre wie ihre Mutter in ihren Vater, aber schön wäre es schon gewesen. Und manchmal, in ihren schwächeren Momenten, war sie richtig neidisch auf Rose und Scorpius, weil die beiden so sehr ineinander verliebt waren und sie sich das auch wünschte. Es musste so schön sein, jemanden zu haben, der einen so liebte wie Scorpius Rose.

Aber da hatte sie leider nicht so viel Glück. Schon als sie sich noch insgeheim Hoffnungen auf Scorpius machte, hatte Lily auch für andere Jungen in Hogwarts geschwärmt. Es gab aber auch so viele! Nur leider hatte sie sich anfangs selten realistische Typen ausgesucht. Der erste war Phillip MacMillan gewesen. Der war super gewesen. Groß, gutaussehend, ehrgeizig, selbstsicher, ein super Lächeln, und er war Schulsprecher. Leider war er vier Jahre älter gewesen als sie und seine Freundin Maddie Dupre war ebenfalls Schulsprecherin. Phillip hatte wirklich nur gewusst, dass sie existierte, weil sie die Tochter von Harry Potter war. Das war also nichts gewesen. (Sie war einmal mit ihm ausgegangen, als sie sich ein paar Monate nach ihrem Abschluss über den Weg gelaufen waren und er war so langweilig gewesen, dass es bei einer Verabredung geblieben war. Manchmal war es wirklich besser, wenn es bei Schwärmereien blieb. Die Realität konnte schon sehr enttäuschend sein.)

Dann hatte sie für ihren Sitznachbar in Zaubertränke geschwärmt, Michael Parker (der Professor hatte die Sitzordnung alphabetisch angeordnet, was sie eigentlich hasste, weil sie dann nicht bei Hugo sitzen konnte, aber durch Michael hatte es sie weniger gestört). Daraus war leider auch nichts geworden, da Michael lieber seinen Sitznachbarn angestarrt hatte. Ihre erste richtige Verabredung war in der vierten Klasse gewesen, als Alex Horne, ein Hufflepuff, der im Jahrgang über ihr gewesen war, sie schüchtern gefragt hatte, ob sie nicht mit ihm zu Madam Puddifoot gehen wollte. Die Verabredung hätte vielleicht ganz nett werden können, jedoch würde sie das nie erfahren, denn ihre großen Brüder hatten es plötzlich als ihre Aufgabe angesehen, sie zu beschützen. Während der Verabredung von Alex und ihr hatten sie sich unauffällig an den Nebentisch gesetzt, um sie im Auge zu behalten. (Sprich: sie hatten sie andauernd angestarrt und wütend etwas zugeflüstert, während Alex zu viel Angst hatte, auch nur einmal ihre Hand zu berühren.)

Danach hatte sie die Schnauze endgültig voll gehabt und zu dem ersten Jungen ja gesagt, der sie als nächstes entschlossen nach einer Verabredung gefragt hatte. Es war ihr sogar egal gewesen, dass es Leonard McLaggen gewesen war, der in Als Jahrgang war, allerdings in Gryffindor. Er war ihr vorher noch nie aufgefallen und wenn sie nicht so wild entschlossen gewesen wäre, einen Freund zu finden, dann hätte sie wahrscheinlich nicht zugestimmt. Das lag nicht nur an ihren nervigen großen Brüdern, sondern auch daran, dass zu diesem Zeitpunkt alle ihre Freundinnen eine Beziehung hatten. Callie und Cookie hatten mit Zwillingen aus der fünften etwas angefangen und Rose und Scorpius waren zusammen. Nicht, dass von Rose und Scorpius jemand etwas wusste, die beiden hatten ihre Beziehung die ersten Monate geheim gehalten. Das war bei ihren komplizierten Familienverhältnissen kein Wunder, aber Lilys Meinung nach war es total offensichtlich. Hugo war der gleichen Ansicht, aber alle anderen waren völlig geschockt, als sie schließlich aufgeflogen waren.

Glücklicherweise war ihr bester Freund Hugo wenigstens noch Single, aber der hatte seinen besten Freund Tommy und die beiden waren mittlerweile in der Quidditchmannschaft und die schluckte viel Zeit. Also war es gar nicht mal so schlecht, sich mit Leonard etwas abzulenken. Der wusste wenigstens, was er wollte. Und er sah ganz gut aus, auch wenn er manchmal ziemlich arrogant rüberkam. Aber er war auch nicht ihre große Liebe, und für den Anfang reichte es. Wahrscheinlich hätte sie vor Weihnachten schon wieder mit ihm Schluss gemacht, wenn ihre großen Brüder nicht wieder der Meinung gewesen wären, sich einmischen zu müssen.

Die hatten vielleicht Nerven! Nur weil sie die jüngste und ein Mädchen war, dachten sie, dass sie das Recht hatten, bei ihrer Beziehung mitzureden! Also wirklich! Als ob Lily jemals etwas zu James gesagt hatte, wenn der sich an jedes Mädchen ranmachte, das nicht bei drei auf den Bäumen war. Sicher, sie zog ihn damit auf, so wie der Rest der Familie, aber sie wäre nie auf die Idee gekommen, ernsthaft zu versuchen, ihm das zu verbieten. Oder Al, als der unsterblich in Della Chang verliebt gewesen war, eine dämliche Zicke, die eigentlich nur Interesse an dem berühmten Namen Potter gehabt hatte und unerträglich gewesen war. Aber wenn man nur ganz vorsichtig angesprochen hatte, dass sie es mit Al vielleicht nicht ganz so ernst meinte wie er mit ihr, dann hatte er sofort abgeblockt und nur patzig erwidert, dass er Della wohl besser kennen würde als sie. (Natürlich hatte sie recht gehabt, aber Al war so am Boden zerstört gewesen, dass sie taktvoll die Klappe gehalten hatte. Ein Talent, was ihre Brüder sich ruhig mal hätten abschauen können.)

Jedenfalls war sie stinksauer, als Al versuchte, sich einzumischen, und sogar Hugo (Hugo!) sich verpflichtet gefühlt hatte, etwas dazu zu sagen. Sie hatte James angesehen, dass er etwas hatte sagen wollen und nur ihr Streit mit Al ihn davon abgehalten hatte, also war er auch nicht besser gewesen. Nur Rose war vernünftig genug gewesen, sich da rauszuhalten, was vielleicht auch mit ihrer heimlichen Beziehung zu Scorpius zu tun hatte. Rose hatte in den ersten Monaten damals sehr wenig von ihrem Umfeld mitbekommen. Aber es war Scorpius und sie hatte das verdient.

Und so schlecht, wie Leonard von allen gemacht worden war, war er eigentlich gar nicht gewesen. Ein guter Küsser und relativ guter Zuhörer, der keine Angst vor ihrer Familie gehabt hatte, aber auch nicht zu viel Interesse an ihr, so wie Della. Nach den Weihnachtsferien nahm die Beziehung aber eine Wendung, als er immer deutlichere Andeutungen machte, dass er gerne mit ihr schlafen wollte. Das lehnte sie kategorisch ab, denn sie war erst vierzehn und so sehr mochte sie ihn dann auch wieder nicht, dass sie dazu schon bereit gewesen wäre. Er war auch sehr verständnisvoll gewesen, als sie ihm das gesagt hatte. Aber kaum eine Woche später hatte Rose ihn bei einem Rundgang als Vertrauensschülerin in einem Geheimgang mit einer anderen erwischt. Und auch, wenn Lily nicht wirklich in ihn verliebt gewesen war, hatte es doch überraschend wehgetan, dass sie sich so in ihm getäuscht hatte. Sie hatte ihm eigentlich keine Träne nachweinen wollen, aber so einfach war es dann doch nicht gewesen.

Rose hatte sie verständnisvoll getröstet und davon erzählt, dass sie vor Weihnachten kurz geglaubt hatte, dass Scorpius sie mit seiner Exfreundin betrog, weil Rose gesehen hatte, wie die beiden sich geküsst hatten. Lily war schockiert gewesen, denn das hätte sie Scorpius niemals zugetraut. Aber er hatte sehr schnell richtiggestellt, dass seine Exfreundin ihn geküsst hatte, weil sie ihn wieder zurückhaben wollte, und er hatte sich sofort wieder von ihr gelöst, als er seinen Schock überwunden hatte. Das hatte Lily wieder beruhigt. Scorpius war so in Rose verliebt, dass er sie nebenbei mit seiner Ex betrog, war unvorstellbar gewesen.

Callie und Cookie hatten Leonard wüst beschimpft, das war auch sehr heilsam gewesen, und Hugo hatte sie zum Lachen gebracht und das konnte er besser als jeder andere.

Aber am besten waren ihre großen Brüder gewesen. Als Lily ihre Tränen nicht hatte zurückhalten können, war Al dagewesen und hatte sie umarmt und ihr nicht gesagt, dass er es ihr ja gesagt hatte. Und James hatte Leonard die Hand gebrochen, als er gehört hatte, wie Leonard negativ über Lily gesprochen hatte, also hatte sie den beiden wieder verziehen. Aber ihnen auch das Versprechen abgenommen, sie ihn Beziehungsfragen ihre eigenen Entscheidungen treffen zu lassen. Hätte sie den beiden nichts beweisen wollen, wäre es wahrscheinlich niemals so weit gekommen, aber das hatte sie ihren Brüdern natürlich nie gesagt. Sie mussten schließlich nicht alles wissen.

TBC …