7. Dezember: Erfolglos

Aber auch sonst hatte Lily in Liebesdingen kein besonders glückliches Händchen gehabt. Sie hatte sich mit mehreren Jungen verabredet und ein oder zwei waren auch gar nicht so schlecht gewesen, aber die große Liebe war leider nicht dabei gewesen. In der siebten Klasse schlief sie schließlich mit Josh Carr, dem Quidditchkapitän von Hufflepuff, der ein sehr netter Junge gewesen war. In ihn wäre sie gerne verliebt gewesen, denn er war alles, was sie sich in einem Jungen gewünscht hatte. Nett, lustig, intelligent, gutaussehend, verständnisvoll, aber so sehr sie es sich auch gewünscht hatte, sie hatte sich nie so gefühlt wie Rose mit Scorpius oder auch Al mit Della, egal, wie das am Ende ausgegangen war. Und die Beziehung hätte sowieso keine Zukunft gehabt, denn Josh ging nach dem Abschluss nach Brasilien, weil ihm ein Quidditchteam dort ein super Angebot gemacht hatte.

Somit hatte sie eins ihrer Ziele aber klar verfehlt. Sie war so überzeugt davon gewesen, dass sie in Hogwarts ihre große Liebe finden würde. Sie wäre ehrlich gesagt nie auf die Idee gekommen, dass sie sie dort nicht finden würde. So viele aus ihrer Familie hatten ihre Ehepartner in der Schule kennen gelernt: Ihre Großeltern, mütterlicher- und väterlicherseits, ihre Eltern, Tante Hermine und Onkel Ron. Ted und Victoire, zumindest mehr oder weniger. Rose und Scorpius hatten kurz nach Lilys Schulabschluss geheiratet und wahrscheinlich nur so lange gewartet, weil Scorpius das letzte Jahr im amerikanischen Ministerium gearbeitet hatte und außer Landes gewesen war.

Gut, ihre Brüder waren beide Single gewesen, als sie ihren Abschluss gemacht hatten, aber James hatte noch nie eine ernsthafte Beziehung gehabt und wollte auch keine und Al war nach der Geschichte mit Della so traumatisiert gewesen, dass er, abgesehen von einem Muggelmädchen bei ihnen aus dem Dorf, mit überhaupt niemandem ausgegangen war. Aber Lily hätte nie gedacht, dass sie ihnen das nachmachen würde.

Doch sie wollte auch niemanden heiraten, nur damit sich ihre Fantasie erfüllte, wie ihre Eltern schon in Hogwarts ihre große Liebe zu finden. So verzweifelt war sie dann auch nicht. Auch wenn es schön gewesen wäre. Aber was sollte man machen?

Also konzentrierte sie sich erstmal auf ihre Karriere. Doch auch was war nicht so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatte. Durch ihre Praktika war sie mit der Redaktion bereits vertraut, aber das hieß nicht, dass man sie nach ihrem Abschluss sofort seitenlange Artikel schreiben ließ. Lange war sie nur für das Checken von Fakten verantwortlich, was zwar unglaublich wichtig war (siehe Rita Kimmkorns Artikel über das Trimagische Turnier und vieles andere), aber nicht das, was sie wollte. Nach einer Weile ließ man sie dann endlich ein paar kurze Berichte schreiben, aber vor allem über irgendwelche gesellschaftlichen Veranstaltungen zu denen niemand anders hinwollte oder wo sie, wie ihre Vorgesetzten annahmen, besonders gute Kontakte hatte. Was absolut lächerlich war. Ihre Familie war vielleicht gut vernetzt und kannte viele Leute aus verschiedenen Bereichen, aber traf das nicht auf viele Familien zu? Und es war so langweilig! Anderen mochte es vielleicht Spaß machen, sich in irgendwelche engen Abendkleider zu quetschen und in schrecklich hohen Schuhen die Runde zu machen und über schlechte Witze zu lachen, aber es war nicht das, weswegen sie schon so lange beim Tagespropheten hatte arbeiten wollte. Aber man musste Geduld haben.

„Wieso musstest du eigentlich nie zu solchen Veranstaltungen, als du beim Tagespropheten angefangen hast?", beschwerte Lily sich eines Abends bei ihrer Mutter, als sie bei ihren Eltern zum Abendessen eingeladen war. Eigentlich hatte sie gehofft, dass ihre Brüder auch dabei waren, aber Al war auf einer Ausgrabungsstelle in Ägypten und James hatte am Abend ein Quidditchspiel, also war Lily alleine bei ihren Eltern. Was sie nicht störte, denn sie mochte sie sehr gerne. Und hatte das Gefühl, dass die beiden ein bisschen einsam in dem großen Haus waren, seit auch Lily ausgezogen war. Dabei waren sie schon seit Jahren den größten Teil des Jahres alleine, seit auch Lily nach Hogwarts gekommen war. Aber es war wohl doch noch ein bisschen was anderes, wenn die Kinder endgültig ausgezogen waren.

„Weil ich ganz spezifisch für meine Quidditchexpertise eingestellt worden bin", erwiderte ihre Mum ungerührt. „Außerdem hatte ich schon eine relativ erfolgreiche Karriere hinter mir und man hat sich wahrscheinlich nicht getraut, mir sowas aufs Auge zu drücken, selbst wenn man gewollt hätte."

„Einmal haben sie's versucht, erinnerst du dich noch, Gin?", warf ihr Vater lachend ein. „Was war das noch gleich? Irgendwas vom Ministerium, oder?"

Ihre Mum runzelte nachdenklich die Stirn. „Ja, aber ich weiß nicht mehr, was. Schlimm genug, dass wir zu den Veranstaltungen müssen, wenn es um deine Abteilung geht. Wahrscheinlich war es irgendwas von Percy, der lässt doch immer so stinklangweilige Partys organisieren."

Lilys Vater zuckte mit den Schultern. „Gut möglich. Ihr Kinder wart immer so eine wunderbare Ausrede, als ihr noch klein wart, Lils. Seit Hogwarts ist das viel schlimmer geworden. Und jeder will natürlich Harry Potter dabeihaben, um mehr Eindruck zu schinden." Er verdrehte die Augen und ihre Mum seufzte gequält. „Man möchte meinen, dass ich mittlerweile unspektakulär genug bin. Und ich bin auch nicht die beste Unterhaltung, aber sie lernen es einfach nicht. Hermine hat's gut, die kann sich mit ihren Verhandlungen rausreden. Seit ich der Leiter der Abteilung bin, erwarten die immer alle, dass ich die Sachen, mit denen ich mich früher immer rausreden konnte, jetzt delegiere. Und dann hab ich ja Zeit genug. Als ob!"

„Also hast du so sehr gemeckert, dass die Redaktion dich nicht mehr dazu zwingen konnte, auf diese Partys zu gehen?", kam Lily auf das ursprüngliche Thema zurück. Nicht, dass sie nicht mittlerweile auch genug über diese Sachen meckern konnte, aber das hatte sie nicht wissen wollen.

„Nein, ich hab den Artikel nur so schlecht geschrieben, dass man ihn unmöglich drucken konnte. Da sind sie sehr schnell dahintergekommen, dass sie mich besser beim Quidditch lassen sollten, dafür haben sie mich schließlich eingestellt."

„Das kann ich leider nicht machen", sagte Lily enttäuscht. Der Tagesprophet hatte schon längst gewusst, was er an ihrer Mutter gehabt hatte, während Lily sie erst von ihrem Können überzeugen musste. Was schwierig war, solange sie nur über diese belanglosen Dinge schreiben musste, die so schrecklich uninteressant waren.

Es dauerte zwar eine Weile, aber im Laufe der Zeit durfte sie endlich über Politik schreiben, zuerst nur ein- oder zweimal im Monat, aber als ihre Vorgesetzten merkten, dass sie dort viel besser aufgehoben war als im Gesellschaftsteil, durfte sie endlich über das schreiben, was ihr wirklich wichtig war.

In dieser Zeit war sie so auf ihre Karriere fokussiert gewesen, dass sie ihr Liebesleben sehr hatte schleifen lassen. Rose und Scorpius hatten mittlerweile bereits ein Baby. Eine bezaubernde Kleine namens Diana. Die ganze Familie war von der Schwangerschaft geschockt gewesen, aber seit Diana auf der Welt war, hatten sie alle sehr ins Herz geschlossen. Und nicht nur das, sogar Al war mittlerweile verlobt! Al! Der sich andauernd darüber beklagt hatte, dass er wahrscheinlich nie jemanden finden würde! (Er konnte manchmal sehr dramatisch sein.) In Ägypten war er in einer Bar einer sehr netten Frau namens Tia begegnet, die zwar in Ägypten aufgewachsen war, aber deren Eltern Engländer waren und die deshalb die Sprache gut beherrschte, aber von Harry Potter noch nie gehört hatte. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, auch wenn die beiden es erstmal etwas langsamer hatten angehen wollen. Al war nach dem Ende der Ausgrabungen wieder zurück nach England gekommen und Tia hatte schon im Jahr zuvor geplant, eine Stelle im englischen Ministerium anzunehmen, also war es nicht mal eine Frage, wer irgendwann zu wem kommen würde. Aber wenigstens ließen sie sich etwas Zeit, um sich besser kennen zu lernen und zogen nicht gleich zusammen.

Al machte Tia schließlich bei der großen Weihnachtsfeier im Fuchsbau, die jedes Jahr stattfand, einen Heiratsantrag. Er war schlau genug gewesen, es nicht vor der ganzen Familie zu tun, sondern unter vier Augen im verschneiten Garten, umgeben von lauter Feenlichtern. Tia schwärmte noch Jahre später davon, wie romantisch das gewesen war und wie schön es war, die Verlobung direkt danach mit der Familie zu feiern.

Lily freute sich für ihren großen Bruder. Das tat sie wirklich. Als gebrochenes Herz war schrecklich gewesen und es war schön, dass er jetzt jemanden hatte, den er wirklich liebte und der ihn liebte und glücklich machte. Sie wusste, dass ihr Bruder sich das gewünscht hatte und es war fantastisch, dass sein Wunsch jetzt in Erfüllung ging.

Aber Lily wünschte sich das auch und sie war noch niemandem über den Weg gelaufen bei dem sie sich so fühlte wie Al bei Tia. Sie war mit dem einen oder anderen Mann ausgegangen, den sie auf der Arbeit kennen gelernt hatte, aber es war wahrscheinlich keine so gute Idee, etwas mit jemandem anzufangen, den sie im schlimmsten Fall jeden Tag würde sehen müssen, wenn es schief ging, also hatte sie sich nie wirklich auf die Männer einlassen können und es war bei einigen wenigen unspektakulären Verabredungen geblieben.

James hatte sie einmal mit einem Ersatzjäger aus seiner Mannschaft verkuppelt, Andrew Key, der war auch ganz nett gewesen und sie war sogar ein paar Monate mit ihm zusammen gewesen. Aber sie hatten kaum Zeit gehabt, sich zu sehen, weil er so viel trainieren musste und Lily, die mittlerweile über internationale Beziehungen schrieb, häufiger zu Konferenzen ins Ausland musste, um darüber zu berichten. Schließlich waren sie beide übereingekommen, dass ihre Beziehung wahrscheinlich keinen Sinn haben würde, wenn einer von ihnen nicht etwas ändern würde, und dazu war keiner von ihnen bereit gewesen.

Also war Lily schweren Herzens alleine bei der Hochzeit ihres Bruders aufgetaucht. Sie war bei weitem nicht die einzige Weasley, die solo war, das nicht. Lucy lehnte Beziehungen kategorisch ab, Roxanne war gerade erst mit Hogwarts fertig geworden und hatte sich kopfüber in die Arbeit bei Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gestürzt. Und Hugo, der dritte im Bunde im Scherzartikel-Team, hatte und soweit Lily wusste, wollte auch niemanden. (Er hatte mit der Barkeeperin aus dem Stripclub geschlafen, in den James alle Weasley-Männer zu Als Junggesellenabschied geschleppt hatte, aber das war nur Sex gewesen. Wenigstens war James entsetzt gewesen, dass die Frau sich für Hugo und nicht für ihn interessiert hatte. Das war immer ganz nett, wenn das riesige Ego ihres großen Bruders einen kleinen Dämpfer bekam.) Und für Dominique gab es nur Quidditch, da war kein Platz für Männer. Aber die wollten alle solo sein, während Lily schon gerne jemanden an ihrer Seite gehabt hätte.

Es fiel ihr einfach schwer, nicht an die große Liebe zu glauben, wenn sie sah, wie überglücklich Al war, seine Traumfrau heiraten zu können. Oder Rose und Scorpius, die fröhlich über die Tanzfläche schwebten und sich dabei so verliebt anschauten wie damals in Hogwarts. Molly tanzte nicht, dafür war ihr runder Bauch schon zu sehr im Weg, aber ihr Mann Justin las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Louis und seine Frau Annie waren ebenfalls eng umschlungen auf der Tanzfläche, während Victoire schließlich bedauernd aufgab, Ted zum Tanzen zu überreden und schließlich mit James eine flotte Sohle hinlegte. (Ted war ein ausgesprochener Tanzmuffel und so hatte sich schon auf Mollys Hochzeit – der ersten Hochzeit ihrer Generation - die Tradition entwickelt, dass James mindestens zehn Minuten mit Victoire tanzte, da er das ausgesprochen gerne tat und nicht viele mit ihm mithalten konnten. Und dann waren da noch Fred und Ellen. Ellen war Roxannes beste Freundin und auch gerade erst mit Hogwarts fertig geworden, aber sie war schon lange mit Fred zusammen (da war sie wieder, die Liebesgeschichte ihrer Eltern!) und alle hatten schon Wetten abgeschlossen, wie lange es bei den beiden wohl dauern würde, bis sie heiraten würden. Immerhin waren sie schon dabei zusammenzuziehen.

Von den Kindern ganz zu schweigen! Die Einzige, die schon alt genug war, eine Weile auf der Hochzeit zu sein, war die Tochter von Victoire und Ted, die kleine Dora, die immerhin schon viereinhalb war und fröhlich lachend durch das Festzelt im Garten des Fuchsbaus rannte. Die anderen Kinder, Roses und Scorpius' anderthalb Jahre alte Tochter Diana, Mollys dreijähriger Sohn Jeremy und ihre fast ein Jahr alte Tochter Michelle und Victoires und Teds ein Jahr alter Sohn Remus, schliefen alle tief und fest im Fuchsbau, wo alle zehn Minuten ein anderer von den Großeltern nach dem Rechten schaute, damit die Eltern das Fest unbeschwert genießen konnten.

Nicht, dass Lily schon Kinder wollte. Dazu waren die Horrorgeschichten von ihren Cousinen über schlaflose Nächte, volle Windeln und laufende Nasen noch viel zu abschreckend. Und sie wusste, dass nicht alles so perfekt war, wie es vielleicht ausschaute. Rose und Scorpius hatten nach der Geburt eine große Krise gehabt, weil es ihnen so schwergefallen war, eine gute Balance mit dem Baby zu finden. Molly und Justin, die bald drei Kinder unter vier hatten, hatten praktisch keine Zeit für sich und ihre Arbeitszeit beide zurückgefahren. Nur Victoire und Ted schienen es ganz gut hinzukriegen, was wohl daran lag, dass Ted schon seit Jahren durch seinen Schichtdienst in der Zaubertränkeabteilung des Mungos an Schlafentzug gewöhnt war und Victoire schon lange damit gerechnet hatte, sehr wenig zu arbeiten, solange ihre Kinder noch klein waren. Keiner von ihnen behauptete, dass es einfach war, Kinder zu haben, aber das hatte sie alle nicht davon abgehalten, noch mehr zu bekommen. Und irgendwie gehörte es auch zu einer Ehe dazu. Es musste schon etwas ganz Besonderes sein, so ein kleines Baby im Arm zu halten und zu wissen, dass es diesen neuen Menschen ohne dich und deinen Partner nie gegeben hätte.

Manchmal musste sie an ihre Großmutter denken, Lily Potter die Erste, die genauso alt gewesen war wie Lily jetzt, als sie gestorben war. Erst einundzwanzig, mit einem Baby, das kaum ein Jahr alt gewesen war, und für das sie ohne zu zögern ihr Leben geopfert hatte. Ohne ihre Großmutter würde es sie jetzt nicht geben. Ohne das Opfer ihrer Großmutter hätte Voldemort ihren Vater als Baby umgebracht und seine Schreckensherrschaft ungestört fortgesetzt. Und keiner hätte ihn aufhalten können, weil keiner die Macht hatte, die ihr Vater durch das Opfer ihrer Großmutter bekommen hatte. Natürlich hätte ihr Vater sein Schicksal auch ignorieren können, aber dennoch war ihre Großmutter maßgeblich daran beteiligt gewesen, dass alle heute so glücklich und zufrieden die Hochzeit ihres Enkels feiern konnten. Es war nur schade, dass Lilys Großmutter sie alle nie kennen lernen konnte, obwohl sie ihr so viel zu verdanken hatten.

Lily wurde in zwei Monaten zweiundzwanzig und ihre Großmutter war in diesem Alter schon tot gewesen. Und wenn Lily sich mit ihr verglich, fühlte sie sich so viel jünger als sie. Sicher, ihre Karriere kam gut voran, aber sonst? Was hatte sie sonst schon geschafft? Doch sie wusste, weil alle ihre Onkeln und Tanten und Eltern das häufig wiederholten, durch den Krieg wurden alle so viel schneller erwachsen als notwendig. Und dafür hatten sie schließlich auch gekämpft, dass die nächste Generation nicht so jung vor die Wahl zwischen Leben und Tod gestellt werden musste. Dass sie nicht ihre Liebsten viel zu jung begraben mussten. Dass sie Zeit hatten, in Ruhe herauszufinden, wer sie waren.

„Schwesterchen, du siehst viel zu ernst aus. Das ist die Hochzeit unseres Bruders! Wir können froh sein, dass er endlich keinen Grund mehr hat zu jammern, dass sich immer alle nur für Mum und Dad interessieren und er nie jemanden finden wird, der ihn nur um seiner selbst willen liebt. Wenn das kein Grund zu feiern ist!" James ergriff Lilys Hand und zog sie schwungvoll auf die Füße. Ihr Champagnerglas, das sie noch in der anderen Hand gehalten hatte, stellte er in einer fließenden Bewegung auf den Tisch und zog sie dann kompromisslos auf die Tanzfläche. Lily folgte ihm lachend und ließ sich ohne zu protestieren über das Parkett wirbeln.

„Ich weiß, dass du gerne deine eigene Hochzeit haben möchtest", sagte James schließlich, als das nächste Lied anfing und er sich immer noch weigerte, sie loszulassen. „Und die wirst du auch irgendwann haben, ganz sicher."

„Ach ja?", fragte Lily skeptisch. So fühlte es sich im Moment nicht an.

„Ach komm, Lils, du bist noch nicht mal zweiundzwanzig. Nur weil die halbe Familie über ihre bessere Hälfte in Hogwarts gestolpert ist, heißt das doch noch lange nicht, dass das Leben vorbei ist, wenn man nicht praktisch verlobt seinen Abschluss macht. Onkel Bill war doch auch schon um einiges älter, als er Tante Fleur kennen gelernt hat, oder nicht? Es gibt einen Haufen Männer da draußen, die sich glücklich schätzen können, dich irgendwann zu bekommen."

Lily hob zweifelnd eine Augenbraue und quietschte einen Moment später überrascht, als James sie eine Pirouette drehen ließ. „Ich weiß nicht", sagte sie missmutig, als sie wieder sicher auf den Füßen stand und sich an seinen Schultern festklammerte. „Manchmal fühlt es sich so an, als ob ich schon alle Typen durchhätte, und es den Richtigen einfach nicht für mich gibt."

„Meine Güte, Lily, mit wie vielen Typen warst du schon zusammen? Vier? Fünf? Sechs? So klein ist die Zauberwelt nun wirklich nicht. Weißt du, wie viele Frauen ich schon hatte? Und es sind immer noch genug da, die ich noch nicht einmal kennen gelernt habe." Ja, das war eines der größten Mysterien für Lily, wo James diese ganzen Frauen, die ohne wenn und aber dazu bereit waren, mit ihm zu schlafen, immer hernahm. Gut, wahrscheinlich waren das gar nicht so viele, wie sie immer annahm, da er wirklich sehr viel Zeit damit verbrachte, zu trainieren. Durch Andrew hatte sie erst begriffen, wie viel man als professioneller Spieler trainieren musste, und Andrew war nur ein Ersatzjäger gewesen. Da blieb gar nicht so viel Zeit für Frauengeschichten übrig, wie sie immer gedacht hatte. Aber trotzdem schien James immer eine finden zu können, wenn er wollte.

„Und solltest du hier keinen finden, gibt es immer noch das Ausland. Du bist doch oft genug auf irgendwelchen Konferenzen, vielleicht fällt dir dort mal jemand ins Auge." Da hatte er nicht Unrecht, aber wenn Lily dort war, dann arbeitete sie auch, und behandelte diese Konferenzen nicht als Partnerbörsen. Die Zeitpläne waren meistens so eng und die Abgabefristen ihrer Redaktion so knapp bemessen, dass sie nun wirklich keine Zeit hatte, sich noch anderweitig umzuschauen. „Und wenn das auch nicht klappt, dann hast du immer noch die ganze Muggelwelt. Da wird es doch irgendwo einen Typen geben, der dich verdient."

„Ich hoffe, du hast Recht", seufzte Lily und zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht. Sie wusste, dass James es nur gutmeinte und sie aufmuntern wollte. Und ein bisschen funktionierte es sogar. In James' Gegenwart konnte man eigentlich nie lange schlechte Laune haben. Das war ein Naturgesetz.

„Natürlich hab ich Recht", sagte James überzeugt und strahlte sie an. „Wann hatte ich schon jemals Unrecht?" Sie verdrehte die Augen. „Außerdem hatte ich Wahrsagen, wie du weißt, und meine Teeblätter haben mir das ganz eindeutig gesagt."

„Deine Teeblätter haben dir gesagt, dass ich mal heiraten werde?", fragte Lily grinsend. James nickte. Sie hatte Wahrsagen nie belegt, dazu klangen ihr die Worte von Rose und Tante Hermine, die von dem Fach nicht das Geringste hielten, viel zu sehr in den Ohren. Auch wenn Trelawney tatsächlich die Prophezeiung gemacht hatte, die alles verändert hatte. Aber wie Tante Hermine immer sagte: „Auch wenn Trelawney eine echte Seherin ist und richtige Prophezeiungen machen kann, dann hat das absolut nichts mit dem Schwachsinn zu tun, den sie versucht hat, uns in Hogwarts beizubringen. Da hat sie ganz genauso geraten wie wir alle. Und die echten Prophezeiungen hätte sie niemals lernen können. Glaub mir, Lily, dieses Fach ist absolute Zeitverschwendung." James hatte das nie gestört, denn er war ein großer Fan von Zeitverschwendung, schien aber genauso viel Talent im Teeblätterlesen gehabt zu haben wie Trelawney selbst. Und Lily bezweifelte sehr, dass ihm ausgerechnet seine Teeblätter etwas über das Liebesleben seiner kleinen Schwester verraten hatten.

„Oh ja. Ganz genau. Du wirst spätestens mit dreißig verheiratet sein und mindestens zwei Kinder haben und dein Mann wird den Boden anbeten, auf dem du gehst."

„Ach ja?", fragte Lily und hatte nun wirklich Mühe, sich das Lachen zu verkneifen.

„Ja. Zumindest will ich ihm das geraten haben", nickte James. „Wenn er weiß, was gut für ihn ist."

Jetzt war das Lächeln auf Lilys Gesicht wirklich echt, als sie sich am Ende des Liedes vorbeugte und ihn zum Dank auf die Wange küsste. James schaute sie zufrieden und stolz an, dass er sie erfolgreich aufgeheitert hatte. „Ich glaube nicht, dass es notwendig ist, dass du noch einem Typen die Hand brichst."

„Sag niemals nie, Lily. Diese Option sollte man sich immer offenhalten. Wozu hat man denn große Brüder?"

„Na zum Beispiel dazu, dass sie ihrer kleinen Schwester noch ein Stück Hochzeitstorte holen", schlug Lily vor. James' Augen leuchteten auf und er nickte. Zuvorkommend führte er Lily wieder zurück zu ihrem Platz, wo sie stöhnend ihre schmerzenden Füße ausstreckte und ihre hohen Schuhe auszog, während James mit zwei großen Stücken von dem wirklich köstlichen Kuchen zurückkam. Manchmal waren große Brüder wirklich nicht schlecht, das stimmte schon.

TBC …