8. Dezember: Unsichtbare Thestrale

Lily versuchte, sich James' Worte ein bisschen zu Herzen zu nehmen und ein bisschen offener an die ganze Sache ranzugehen. Bei der nächsten Konferenz in Italien kam sie mit einem netten Journalisten aus Spanien ins Gespräch. Der Mann, Pedro da Silva, sah fantastisch aus, hatten einen guten Sinn für Humor und durch den Sprachzauberspruch, mit dem alle Teilnehmer zu Beginn der Konferenz belegt worden waren, konnten sie sich auch ohne Probleme verstehen.

Lily hielt eigentlich nicht viel von One Night Stands. Sex war in einer Beziehung nie das Wichtigste für sie gewesen, eher ein Weg, einem Partner noch näher zu sein und einen intimen Moment mit ihm zu teilen. Vielleicht waren ihre Partner bisher auch nicht so talentiert gewesen, denn von dem Sex an sich war sie bisher nicht sonderlich begeistert gewesen. Sie wusste, dass es auch anders sein konnte, denn sie bezweifelte sehr, dass James sich so viel Mühe geben würde, Frauen ins Bett zu bekommen, wenn der Sex nicht fantastisch war. (Sie hatte in Hogwarts mehr als einem Mädchen zuhören müssen, das von James geschwärmt hatte, also vermutete sie, dass er seine Sache gut machte.)

Aber Pedro wohnte in Spanien und Lily hatte kein Interesse an einer Fernbeziehung, deshalb entschloss sie sich nach zwei Feuerwhiskey, ihre Bedenken aus dem Fenster zu werfen und ihm auf sein Hotelzimmer zu folgen, als er sie mit einem charmanten Lächeln dazu einlud, sich mit ihm noch einen Drink aus der Minibar zu genehmigen.

„Ich weiß, dass dieses Zeug immer schrecklich überteuert ist, aber meine Zeitung zahlt alles, also können wir uns ruhig bedienen", zwinkerte er ihr im Aufzug zu. Doch dazu kam es gar nicht, denn sobald die Zimmertür hinter ihnen zugefallen war, zog Pedro sie an sich und küsste sie so leidenschaftlich, dass ihre Knie weich wurden. Der Alkohol vernebelte ihr gerade soweit die Sinne, dass die Nervosität nicht da war, die sie sonst mit einem neuen Partner spürte und sie knöpfte sein Hemd mit sicheren Fingern auf, während er nicht so vorsichtig war und ihre weiße Bluse so schwungvoll aufriss, dass die Knöpfe in alle Richtungen flogen. Da sie nicht davon ausgegangen war, dass irgendjemand außer ihr selbst ihn zu Gesicht bekommen würde, trug sie nur einen schlichten BH, aber Pedro schien das nicht zu stören, als er sie bestimmt zum Bett schob, ohne den Kuss zu unterbrechen.

Als sie schließlich nur noch in ihrer Unterwäsche bekleidet auf dem Bett lagen und Lily gerade versuchte, sich daran zu erinnern, wo ihr Zauberstab gelandet war, damit sie den Verhütungsspruch nicht vergaß, wurden sie von einem schrillen Klingeln unterbrochen.

„Ignorier das einfach", raunte Pedro ihr zu und küsste ihren Hals, während er sich an dem Verschluss ihres BHs zu schaffen machte. Lily versuchte es, aber sobald das Klingeln endlich aufgehört hatte, fing es sofort wieder von vorne an.

„Schalt dein Handy wenigstens aus", sagte sie schließlich und schob ihn von sich weg. „Diese Klingelei ist nicht auszuhalten." Sie hatte ihr Handy vorsorglich auf stumm geschaltet, als sie mit ihm ins Gespräch gekommen war. Ihre Familie hatte die Angewohnheit, zu den unmöglichsten Zeiten anzurufen.

Murrend löste Pedro sich von ihr, beugte sich nach unten und suchte in seiner ausgezogenen Hose nach dem klingelnden Handy, aber er musste den falschen Knopf erwischt haben, denn anstatt den Anruf abzulehnen hatte er den Lautsprecher erwischt. Eine genervte Frauenstimme fing sofort an zu reden und dank des Sprachzaubers verstand Lily jedes Wort.

„Warum gehst du erst jetzt ran, ich versuche schon ewig, dich zu erreichen!? Deine Mutter will wissen, ob du für morgen einen zeitigen Portschlüssel bekommen hast und zum Abendessen kommen kannst und ich will dir geraten haben, dass du das geschafft hast, denn du kannst Gift drauf nehmen, dass ich nicht alleine zu meinen Schwiegereltern gehen werde! Die werden mich nur wieder mit Fragen löchern, warum ich immer noch nicht schwanger bin, obwohl wir schon zwei Jahre verheiratet sind und das muss ich wirklich nicht alleine ertragen, also -"

Die Stimme brach abrupt ab, als Pedro den richtigen Button gefunden hatte, um den Lautsprecher wieder auszuschalten. Hektisch hielt er sich das Handy ans Ohr und zischte: „Ich bin gerade in einer Besprechung mit ein paar Kollegen, ich ruf dich später zurück. Ja wirklich. Ja, ich liebe dich auch." Er legte auf und wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln wieder Lily zu, aber die hatte längst genug gehört. Sie war mittlerweile wieder in ihren Rock gestiegen und hatte sich die kaputte Bluse übergestreift. Ihr Zauberstab war in ihrer Handtasche gewesen und sie rief die Knöpfe herbei, die sie in ihrer Handtasche verschwinden ließ.

„Lily, komm schon, du musst nicht gehen. Wir können immer noch eine tolle Nacht haben und -"

Lily schüttelte entschieden den Kopf. Es war, als hätte jemand einen Eimer Wasser über ihrem Kopf ausgeschüttet. Jegliche Vorfreude war verflogen. Sie warf einen Blick auf seine Hände, um sich zu vergewissern, dass sie wenigstens keinen Ehering übersehen hatte und sich nichts vorwerfen konnte. Gut, sie hatte ihn nicht direkt gefragt, ob er eine Freundin oder Frau hatte, aber man konnte doch wohl erwarten, dass so ein Mistkerl wenigstens ehrlich war, oder? Wahrscheinlich nicht.

„Tut mir Leid, aber an solchen Besprechungen habe ich kein Interesse", sagte sie entschieden. „Dafür kannst du dir eine andere suchen, wenn du deine Frau schon unbedingt betrügen musst." Sie hängte sich ihre Handtasche um, nahm ihre Schuhe in die Hand und knallte die Zimmertür hinter sich zu. Ihr Zimmer lag am anderen Ende des Ganges, also musste sie sich wenigstens nicht die Mühe machen, in diesem Zustand ihre Bluse wieder heilzuzaubern. Kaum hatte sie auch ihre eigene Zimmertür hinter sich zugeknallt und mit drei verschiedenen Sprüchen verschlossen, falls der Mistkerl auf die Idee kommen sollte, ihr zu folgen, ging sie schnurstracks zu ihrer eigenen Minibar und kippte ein kleines Fläschchen Feuerwhiskey auf ex herunter. Jetzt wusste sie wieder, warum sie kein Interesse an One Night Stands hatte. Abgesehen davon, dass der Sex so unpersönlich war. Man wusste nie, an was für einen Typen man da geriet. Und das Beschissenste war, dass es eine schöne Nacht hätte werden können.

Nachdem sie noch einen weiteren Feuerwhiskey getrunken hatte, stellte sie sich für zehn Minuten unter die heiße Dusche, in der Hoffnung, dass sie sich dann besser fühlte, aber als das auch nichts brachte, holte sie schließlich ihr eigenes Handy heraus. Sie hatte eine Nachricht von ihrem Redakteur, der ihr mitteilte, dass ihr Artikel bereits in Druck war und in der morgigen Ausgabe erscheinen würde und eine Nachricht von ihrer Mutter, die sie daran erinnerte, dass ihre Großmutter nächste Woche Geburtstag hatte und ob sie es würde einrichten können, zum Essen zu kommen.

Seufzend suchte sie nach Hugos Nummer und sagte sofort, kaum dass er abgenommen hatte: „Männer sind scheiße." Sie ließ sich im flauschigen Hotelbademantel aufs Bett fallen und fing an, eine Packung Erdnüsse zu essen.

„Ja, das sind wir", sagte Hugo sofort. Lily musste unwillkürlich lächeln. Hugo war doch der Beste. „Warum?"

„Weil gerade ein Typ mit mir schlafen wollte und ein Anruf seiner Frau uns unterbrochen hat."

„Oha, ja, das ist natürlich scheiße", stimmte Hugo ihr zu. „Und?"

„Und was?", fragte Lily verständnislos und überlegte, ob sie noch ein Fläschchen Feuerwhiskey aufmachen sollte. Leider zahlte der Tagesprophet nur für das Zimmer, aber nicht für die Minibar. Sie hätte Pedros Minibar leerräumen sollen, so hätte sie wenigstens nicht draufgezahlt.

„Hast du mit ihm geschlafen?", hakte Hugo nach.

Lily setzte sich wütend auf. „Natürlich nicht! Wofür hältst du mich! So eine bin ich nicht!" Sie wollte schließlich auch nicht betrogen werden, wenn sie in einer Beziehung war, da würde sie den Teufel tun und die andere Frau sein, ganz egal, wie süß die Grübchen von diesem Arschloch waren.

„Ich mein ja nur. Manche Leute haben eine offene Ehe, so selten ist das gar nicht", sagte Hugo entschuldigend.

Lily verzog das Gesicht. „Ja, aber dann hätte er seiner Frau bestimmt nicht erzählt, dass er gerade in einer Besprechung ist, als er mir meinen BH ausziehen wollte. Und absichtlich keinen Ehering getragen!" Sie verdrehte die Augen. Wahrscheinlich wäre der Sex sowieso scheiße gewesen. Sie hatte also nichts verpasst. Ganz sicher! Ach was für ein Mist! Sie wusste doch, warum sie auf diesen Konferenzen normalerweise nur arbeitete. Scheiß James, der sie dazu überredet hatte, die ganze Sache etwas lockerer anzugehen. Wenn man einmal auf seinen Bruder hörte!

„Das ist natürlich ein Argument", lenkte Hugo ein. „Es tut mir leid, Lils. Nicht alle Männer sind scheiße."

„Ja, aber ich hab das Talent, genau die zu finden", beschwerte Lily sich und ließ sich zurück in die Kissen fallen.

„Das stimmt aber auch nicht", sagte Hugo so verdammt rational. Normalerweise war Rose die rationalere von den beiden, Hugo ließ sie einfach jammern und stimmte ihr nur verständnisvoll zu, aber anscheinend war er heute nicht bereit, sie in Selbstmitleid versinken zu lassen. Dabei war Lily gerade genau in dieser Stimmung. „Gut, McLaggen war ein Arschloch, aber Andrew war doch ein netter Mann."

Lily seufzte erneut. „Ja, aber das war doch nichts Ernstes. Nicht wirklich. Sonst wäre doch einer von uns bereit gewesen, ein Opfer zu bringen, oder nicht?"

„Du bist viel zu dramatisch. Du bist noch nicht mal zweiundzwanzig, du bist doch keine alte Jungfer, die keinen mehr abkriegt. Gut, dann hast du eben ein paar Frösche geküsst, aber der Prinz wird schon noch auftauchen! Und wenn du zu hohe Ansprüche hast, dann wird der auch ganz schnell weiterreiten und dann hast du ihn verpasst."

„Was hab ich denn für hohe Ansprüche? Ist es denn zu viel verlangt, dass ich einen will, der nicht verheiratet ist, in meiner Nähe wohnt und manchmal Zeit für mich hat und mich nicht betrügt? Ist das wirklich zu viel verlangt? Um Himmels Willen, ich wollte doch nur einen One Night Stand versuchen und nicht mal das hat geklappt! Ich wusste doch, dass das eine Schnapsidee war!"

„Ach, so schlecht sind die manchmal gar nicht", erwiderte Hugo. Lily konnte direkt vor sich sehen, wie er mit den Schultern zuckte. „Wenn man nicht viel erwartet und jemanden trifft, der auf einer Wellenlänge ist …" Lily wusste, dass Hugo One Night Stands nicht abgeneigt war, wenn er in der richtigen Stimmung war, aber er hatte im Gegensatz auch nichts gegen eine feste Beziehung. Er hatte bisher nur eine gehabt, die irgendwann einfach im Sand verlaufen war, aber er war auch nicht wie James, der Beziehungen aus irgendeinem Grund kategorisch ablehnte.

„Ja, ich dachte auch, dass ich heute so jemanden getroffen hätte. Aber als seine Frau angerufen hat, um ihn zu fragen, ob er morgen mit ihr zum Abendessen bei seinen Eltern kommt, wo seine Mutter sich dann beschweren würde, dass sie nach zwei Jahren Ehe immer noch nicht schwanger ist … das hat irgendwie die Stimmung kaputt gemacht." Sie schnaubte. „Ganz zu schweigen davon, dass ich keine Lust habe, an Ehebruch beteiligt zu sein. Du etwa?"

„Nicht besonders, nein", stimmte Hugo zu. „Vielleicht, wenn das wirklich eine offene Ehe ist …"

Lily verdrehte die Augen. „Wie viele offene Ehen kennst du denn?" Auch wenn James häufig predigte, dass der Mensch eigentlich nicht für Monogamie geschaffen war, konnte sie sich nicht vorstellen, dass es viele Beziehungen gab, wo so etwas wirklich funktionierte. Zumindest nicht langfristig.

„Bisher noch keine", gab Hugo zu. Sie konnte sein Grinsen richtiggehend hören. „Aber nur weil mir noch keine begegnet ist, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Ich hab ja auch noch keinen Thestral gesehen und weiß trotzdem, dass sie da sind."

„Mhm." Der Vergleich kam ihr nicht sonderlich logisch vor, aber sie hatte mittlerweile auch schon so viele Feuerwhiskey intus, dass das Hotelzimmer langsam anfing, sich zu drehen. Was, soweit sie wusste, keine Eigenschaft war, mit der das magische Hotel in Rom seine Zimmer angepriesen hatte.

„Lily, wie viel hast du schon getrunken?", fragte Hugo schließlich, als sie über eine Minute nichts gesagt hatte.

Lily schaute zu den leeren Fläschchen auf dem Nachttisch und zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Auf jeden Fall nicht genug, um diesen Scheißkerl zu vergessen."

„Klingt trotzdem, als ob du mehr als genug hattest. Trink lieber ein Glas Wasser und nimm den Trank gegen Kater, den ich dir geschenkt habe." Hugo hatte ihr zu ihrem letzten Geburtstag zum Spaß eine riesige Menge Reisefläschchen voller Tränke gegen Kater geschenkt. Lily war eigentlich nicht der Typ, so viel zu trinken, dass sie überhaupt am nächsten Morgen einen Kater bekam, aber Hugo hatte nur schulterzuckend gemeint, jetzt, wo sie zu so vielen Konferenzen im Ausland fahren musste, wo bestimmt nach Feierabend einiges gebechert wurde, schadete es nicht, vorbereitet zu sein. Also hatte Lily pflichtbewusst ein paar davon in ihren Koffer gesteckt und rief jetzt einen davon herbei. Das Zeug schmeckte scheußlich, aber es wirkte. Und es war immer noch besser, als am nächsten Morgen rasende Kopfschmerzen zu haben und sich die Seele aus dem Leid zu kotzen. Außerdem gab es noch eine Podiumsdiskussion und zwei Abschlussreden, über die sie berichten musste und dazu brauchte sie einen klaren Kopf. Das würde ihr eine Lehre sein, mit irgendjemandem auf der Arbeit irgendetwas anzufangen. Sowas machte wirklich nur Ärger.

Nach diesem Erlebnis hatte Lily eine ganze Weile die Schnauze voll von Männern. Die große Liebe konnte warten. Also stürzte sie sich in die Arbeit und konzentrierte sich auf ihre Familie. Da war schließlich immer etwas los. Ihre Großmutter feierte ihren achtzigsten Geburtstag, zu dessen Anlass sie einen Festsaal in London mit Catering gemietet hatten, damit ihre Großmutter den Tag genießen und nicht die ganze Zeit mit Kochen verbringen musste. Es kamen so viele Familienmitglieder wie möglich, sogar Charlie, der deshalb leider die Hochzeit von Al und Tia verpasst hatte, da er sich nicht so kurz hintereinander genug freinehmen konnte. Ihre Großmutter war begeistert, wieder alle um sich zu haben, besonders, weil die Aufmerksamkeit ausnahmsweise wirklich nur ihr galt und sie fiel andauernd jemand anderem um den Hals.

Kurz vor den Feiertagen bekam Molly ihr drittes Baby, einen süßen kleinen Knirps namens Frank und kurz darauf zwang sie ihren Mann, sich sterilisieren zu lassen, denn drei kleine Kinder waren ihr wahrlich genug. Weihnachten selbst war schön, aber zugleich auch etwas melancholisch, weil es Lily schwerfiel, Al und Tia so glücklich zu sehen. Sie hatte gedacht, dass sie ihre Gefühle gut versteckt hatte, aber zumindest Tia war aufmerksamer, als sie erwartet hatte, dafür, dass sie Lily noch gar nicht so lange kannte.

„Kann ich dir eine vielleicht etwas unpassende Frage stellen?", fragte Tia am 25. Dezember zögerlich, als Lily im Schneidersitz vor dem Kamin in ihrem Elternhaus saß und in die tanzenden Flammen starrte. Der Rest ihrer Familie schaute sich im Nebenzimmer ein großes Quidditchspiel zwischen Indien und Pakistan an, das im Fernsehen übertragen wurde, aber Lily war nicht sonderlich nach Quidditch gewesen und ihre Familie konnte sehr laut werden, wenn es um Quidditch ging. Wenn sie nach dem vielen Schreien und Stöhnen ging, das sie durch die geschlossene Tür hörte, war es ein überaus spannendes Spiel.

„Ja sicher", sagte Lily unsicher und klopfte neben sich auf den flauschigen Teppich. Tia setzte sich neben sie und schaute sie nervös an. „Also, was wolltest du fragen?", erkundigte sie sich schließlich, als Tia nur auf ihrer Unterlippe herumkaute, aber nichts sagte. Das klang gar nicht gut. Hatte sie etwas angestellt?

Ihre Schwägerin atmete tief durch. „Hast du etwas gegen mich?", fragte Tia schließlich kaum hörbar.

„Was?", fragte Lily überrascht und drehte sich ganz zu Tia um. Sie musste sich verhört haben. Wie kam Tia nur auf so eine absurde Idee?

„Hast du etwas gegen mich?", wiederholte Tia mit etwas festerer Stimme. Jetzt, wo die Frage heraus war, schien sie etwas mutiger geworden zu sein.

„Wie kommst du darauf?", fragte Lily völlig perplex. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wie ihre Schwägerin darauf gekommen war. „Hab ich irgendwas gesagt?" Sie durchforstete ihr Gedächtnis, aber ihr fiel nichts ein, womit sie Tia vor den Kopf gestoßen haben könnte.

Tia schüttelte seufzend den Kopf. „Nein, das nicht. Du warst immer sehr nett. Es ist nur … du schaust immer so finster drein, wenn du mich siehst und deine Eltern haben sich gewundert, dass du so selten zum Abendessen vorbeikommst und auf unserer Hochzeit vor drei Monaten warst du auch irgendwie so … distanziert. Al meint zwar, dass ich mir das nur einbilde, aber … meine Eltern sind in Ägypten und unsere Familie ist nicht groß und eure Familie ist so herzlich und wunderbar und ihr seid Al wirklich wichtig und ich frage mich, ob ich irgendetwas gesagt oder getan habe, weswegen du mich nicht magst."

Lily schüttelte entschieden den Kopf. „Nein! Nein, auf keinen Fall. Du bist toll und ich mag dich gerne und ich freue mich wirklich, dass Al dich gefunden hat! Wirklich!" Ihr Bruder war so verliebt und man konnte ihm sein Glück förmlich ansehen und Lily freute sich ehrlich für ihn, dass er nach seinem gebrochenen Herzen jetzt jemanden hatte, der ihn so liebte wie er sie. Das hatte er verdient.

Sie seufzte. „Es ist nur … ich trau mich gar nicht richtig, das laut zu sagen, aber ich schätze, ich bin einfach etwas … eifersüchtig."

„Oh?", fragte Tia und zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Worauf denn?"

Lily wandte den Blick ab und schluckte. Sie hatte gehofft, dass sie das nie laut würde aussprechen müssen. Aber sie wollte auch nicht, dass Tia die falsche Idee hatte und dachte, dass Lily sie nicht mochte. Wenn man sowas nicht ansprach, würde das nur immer weiter ausarten und am Ende würde sie Al und Tia überhaupt nicht mehr sehen.

„Es ist lächerlich, aber … ich freue mich wirklich, dass ihr euch gefunden habt und so glücklich zusammen seid … es ist nur … ich hätte das auch gern." Sie atmete tief durch. So, jetzt war es raus. Das war ein befreienderes Gefühl, als sie gedacht hätte. „Und manchmal, wenn ich euch so zusammen sehe, dann tut das einfach ein bisschen weh. Aber das ist nicht eure Schuld! Ich hab doch gesagt, es ist lächerlich."

„Das ist doch nicht lächerlich!", widersprach Tia sofort. Sie sah so erleichtert aus, wie Lily sich fühlte. Sie musste sich wirklich große Sorgen gemacht haben, dass Lily etwas gegen sie persönlich gehabt hatte. „Ich weiß noch, wie ich mich gefühlt habe, als meine beste Freundin in der Schule damals mit ihrem ersten Freund zusammengekommen ist. Ständig war ich das dritte Rad am Wagen."

„So schlimm ist es gar nicht", erwiderte Lily rasch. Das war ja noch nachvollziehbar. Aber sie … es kam ihr so lächerlich vor. „Es ist ja nicht so, dass ich das Gefühl hätte, dass du mir Al wegnimmst oder so. Es fällt mir nur schwer, euch zusammen zu sehen und nicht neidisch darauf zu sein. Das geht mir auch ein bisschen mit Rose und Scorpius so, nur sind die beiden schon so lange zusammen, dass ich es gar nicht mehr anders gewohnt bin." Manchmal, wenn sie sah, wie Rose und Scorpius sich anschauten, dann spürte sie einen kleinen Stich im Herzen. Das war wirklich die ganz große Liebe. Nur bei Victoire und Ted hatte sie nicht dieses Gefühl, aber die beiden waren wirklich schon eine Ewigkeit zusammen. Da war Lily neun gewesen und sie konnte sich kaum erinnern, wie es gewesen war, als die beiden noch nicht zusammen gewesen waren. „Aber mit dir persönlich hat das wirklich nichts zu tun, versprochen", fügte sie hinzu, um sicherzugehen, dass Tia das auch ja nicht in Frage stellen würde.

Tia lächelte. „Ist schon gut, Lily, ich glaube dir. Und es tut mir leid, dass du dich so fühlst. Aber du bist doch erst einundzwanzig, oder? Du hast doch noch ewig Zeit."

Lily seufzte. „Ich weiß, ich weiß. Das sagen alle. Es ist nur, so viele andere aus der Familie hatten ihre große Liebe da schon gefunden und mir sind bisher nur Idioten begegnet." Sie wusste selbst, dass sie sich zu viel Druck machte, das wollte sie gar nicht. Aber sie konnte ihre Gefühle auch nicht einfach so ändern. Und wenn Rose und Scorpius sechzehn gewesen waren, als sie zusammenkamen und ihre Eltern auch nicht viel älter gewesen waren, und Al Tia mit einundzwanzig kennen gelernt hatte, dann fiel es ihr schwer, deswegen nicht eifersüchtig zu sein.

„Weißt du, bevor ich Al begegnet bin, hatte ich auch kein glückliches Händchen mit den Männern. Nicht, dass sie unmöglich gewesen sind, aber sie waren einfach nicht Al. Ich hätte nie erwartet, zu diesem Zeitpunkt jemandem wie ihm über den Weg zu laufen. Das wird schon noch."

„Hoffentlich. Der letzte, den ich sympathisch fand, war verheiratet. Und hat's mir nicht erzählt." Nicht, dass sie sich eine Zukunft mit Pedro ausgemalt hatte. Aber es störte sie immer noch, wenn sie daran dachte.

„Oh je", sagte Tia bedauernd. Das ist Scheiße."

„Wem sagst du das?", seufzte Lily.

„Warst du denn richtig in ihn verliebt?"

Lily schüttelte heftig den Kopf. „Merlin, nein! Er war ein spanischer Journalist und wir haben uns nach der letzten Konferenz an der Bar verquatscht. Mehr als einen One Night Stand hatte ich gar nicht erwartet, aber ich find's trotzdem beschissen."

„Ja, das ist Mist. Seine arme Frau."

Lily zuckte mit den Schultern. „Vielleicht weiß sie, wie er ist und es ist ihr egal. Sowas gibt's ja auch."

Tia starrte nachdenklich in die Flammen. „Ich weiß nicht. Wenn Al mich betrügen würde … das kann ich mir gar nicht vorstellen."

„Ich will meinem Bruder auch geraten haben, dass er auf so eine Idee nie kommt", sagte Lily mit finsterem Blick. „Aber ich glaube nicht, dass du dir da Sorgen machen musst. Für sowas ist er nicht der Typ. Ganz abgesehen davon, dass er nur Augen für dich hat."

„Ja?", fragte Tia mit strahlendem Lächeln.

Lily unterdrückte die Versuchung, die Augen zu verdrehen. Diese Verliebtheit war der Grund gewesen, warum sie einen Bogen um ihren Bruder und seine Frau gemacht hatte, aber dafür konnte Tia ja nichts, also nickte Lily nur. „Ja, ganz bestimmt. Bei James wäre ich mir da nicht so sicher, aber Al …"

„Wer weiß", erwiderte Tia schulterzuckend. „James", fügte sie hinzu, als Lily fragend die Augenbrauen hochzog. „Wer weiß, wie der mal sein wird, wenn er eine richtige Beziehung hat. Vielleicht wird er euch alle überraschen."

Lily schüttelte entschieden den Kopf. „Die einzige feste Beziehung, zu der James fähig ist, ist Quidditch. Und das wird er mit niemandem betrügen. Frauen haben immer nur sehr kurze Gastauftritte in seinem Leben."

„Sei dir da mal nicht so sicher. Das muss ja nicht immer so bleiben."

„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe", sagte Lily überzeugt. James und eine richtige Freundin, da war es wahrscheinlicher, dass sie irgendwann Thestrale sehen würde.

TBC …