9. Dezember: Kennenlernen

Nach dem Gespräch mit Tia bemühte Lily sich, wieder etwas mehr Zeit für ihre Familie zu finden und öfter zumindest zu den Familienessen zu kommen, wenn ihr Zeitplan es zuließ. Trotzdem stand sie immer noch recht weit unten in der Hackordnung des Tagespropheten und konnte schlecht nein sagen, wenn ihr kurzfristig ein Interview aufs Auge gedrückt wurde oder ein Kollege Hilfe bei der Recherche brauchte. Das gehörte dazu und sie liebte ihre Arbeit. Die meisten in ihrer Familie konnten auch ganz schöne Workaholics sein, selbst wenn sie regelmäßigere Arbeitszeiten hatten. Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie oft Tante Hermine zu spät oder gar nicht gekommen war, weil ein Fall sie beschäftigt hatte. Aber zumindest bei den wichtigen Anlässen, wie Hochzeiten oder großen Geburtstagsfeiern, war sie immer dabei. James und Dominique mussten sich nach ihren Trainings- und Spielplänen richtigen, Rose und Ted hatten im Krankenhaus sowieso Schichtdienst und, was sie anfangs sehr überrascht hatte, Hugo, Lucy und Roxanne kamen auch häufig zu spät oder gar nicht, wenn sie gerade an einer besonders komplizierten Erfindung herumtüftelten und glaubten, kurz vor einem Durchbruch zu sein.

So kam es, dass einen Abend im nächsten September, als sich eigentlich Lily, Al, James, Rose und Hugo (etwaige Partner optional) zu einem Abendessen im Tropfenden Kessel verabredet hatten, nur Lily und Rose aufgetaucht waren. James hatte sich im Training bei einem neuen Spielzeug die Schulter gebrochen und hatte von den Heilern einen starken Schlaftrunk bekommen, nachdem die Heilung länger als erwartet gedauert hatte, damit sich der Körper entsprechend regenerieren konnte. Hugo hatte vor zehn Minuten eine kurze Nachricht geschickt, dass sie gerade bei einem neuen Produkt einen neuen Spruch ausprobiert hatten, der sehr vielversprechend war und sie die sprechenden Nudeln jetzt unmöglich allein lassen konnten. Al hatte neue Runen von einer frisch entdeckten Ausgrabungsstelle hereinbekommen, die er so schnell wie möglich bearbeiten musste. Tia wollte eventuell noch vorbeischauen, war aber bisher nicht aufgetaucht. Und Scorpius?

„Der hat Diana diese Woche kaum zu Gesicht bekommen und wollte ihr wenigstens heute eine Geschichte vorlesen, bevor das nächste Woche noch verrückter wird", erklärte Rose bedauernd.

Lily unterdrückte den Impuls, ihren Schreibblock zu zücken. „Geht es um die neuen Reformen, die er letzten Monat eingeführt hat? Wie laufen die denn?"

„Kein Kommentar", erwiderte Rose lachend. „Da musst du dich schon an die Pressestelle vom Ministerium wenden. Oder Scorpius direkt fragen." Sie lachte. „Was?", fragte sie, als sie Lilys finsteren Blick bemerkte. „Schau mich nicht so an, ich weiß überhaupt nichts Näheres. Er meinte nur, dass es bisher ganz gut läuft, aber du weißt doch, wie die alten Schnösel im Ministerium sind. Alles ist wichtiger als die Muggel. Dabei hat Scorpius völlig Recht. Gerade im jetzigen Zeitalter mit all dieser Technik ist es umso essentieller, sich viel differenzierter mit der Muggelwelt auseinanderzusetzen, wenn wir nicht wollen, dass die Zauberwelt auffliegt. Aber er ist stur, das wird schon."

„Ja, das glaube ich auch", stimmte Lily zu. Dann müsste sie sich doch direkt an Scorpius wenden. Direkte Quellen waren doch immer das Beste. Auch wenn Hintergrundinformationen nie zu verachten waren. „Und er hat ja auch einen gewissen Zeitdruck, oder nicht?" Sie schaute auf Roses kugelrunden Bauch, über dem sich ihr Pullover andauernd ausbeulte.

„Nicht so sehr, wie du vielleicht denkst", erwiderte Rose. „Mittlerweile hat er ein sehr gutes Team zusammengestellt. Alle aus dem Muggelclub." In Hogwarts hatte Scorpius den Muggelclub ins Leben gerufen, wo alle, die Interesse hatten, sich regelmäßig im Raum der Wünsche trafen, um beliebte Filme und Serien zusammen zu schauen. Die Idee hatte viel Anklang gefunden und die halbe Schule hatte sich am Ende beteiligt, auch wenn nicht jeder jede Woche gekommen war. Laut Neville funktionierte der Club auch nach Scorpius' Weggang noch wunderbar und Scorpius hatte durch den Club schon einige sehr kompetente Mitarbeiter dazugewonnen, sodass ihm kaum noch der bekloppte Perkins aufs Auge gedrückt wurde, der im Ministerium immer von einer Abteilung zur nächsten geschoben wurde. Lily hatte einmal versucht, Perkins zu interviewen, aber mit keiner seiner Antworten etwas anfangen können. Selbst ihre Flotte-Schreibe-Feder war völlig ratlos gewesen.

„Außerdem", fuhr Rose fort und nickte Hannah dankbar zu, als die schwungvoll eine herrlich duftende Pastete vor ihr abstellte. Lily bekam einen Thunfischsalat und war fast ein wenig neidisch, dass sie nicht auch die Pastete genommen hatte, die das Tagesangebot war. Aber sie musste am nächsten Abend wieder zu einer Veranstaltung, wo sie sich immer mit Häppchen vollstopfte, damit sie von dem ganzen Alkohol nicht allzu betrunken sein würde. Da war es recht weise, im Vorfeld nicht zu viele Kalorien zu konsumieren. Rose war schwanger, das war immer eine wunderbare Ausrede. „Außerdem", wiederholte Rose, nachdem sie sich den ersten Bissen in den Mund gesteckt hatte und genießerisch die Augen schloss, „muss er dieses Mal gar nicht komplett mit der Arbeit aufhören." Bei ihrem ersten Baby war Scorpius nach den ersten Monaten bei Diana geblieben, damit Rose ihre Ausbildung als Heilerin beenden konnte. „Dieses Mal bleibe ich etwas länger bei dem Baby, schließlich muss ich mich nicht mehr nach dem akademischen Kalender richten, und Scorpius fährt seine Stunden zurück, während ich sie dann langsam wieder erhöhe. Dann werden wir beide Zuhause nicht verrückt, aber haben trotzdem genug Zeit mit den Kindern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das unser letztes sein wird und die Zeit bekommt man nicht zurück."

„Ihr wollt nicht mehr Kinder?", fragte Lily enttäuscht. Diana war so ein niedliches Kind und das neue würde bestimmt auch super werden. Und Scorpius hatte es gehasst, ein Einzelkind zu sein, deshalb hatte Lily angenommen, dass er immer eine besonders große Familie haben wollte.

Rose schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Wir wollten beide nicht, dass Di ein Einzelkind ist, aber zwei reichen völlig. So eine Schwangerschaft kann wirklich scheiße sein und ein Baby ist wirklich nicht einfach. Zwei kriegen wir noch unter einen Hut mit unserer Arbeit, aber drei … das können wir dann auch unseren Babysittern nicht zumuten, auch wenn Dad und Astoria immer sagen, dass es ihnen nichts ausmacht, auf eine ganze Rasselbande aufzupassen. Und Andromeda ist auch nicht die Jüngste und ich glaube, ich hätte ein schlechtes Gewissen, ihr noch mehr aufs Auge zu drücken. Außerdem hat sie ja schon Dora und Remus."

„Aber Dora ist doch schon groß", wandte Lily ein.

„Dora behauptet nur, sie sei groß", widersprach Rose. „Fünfeinhalb ist nicht groß, auch wenn sie die Älteste ist. Ich bin ja froh, dass Andromeda sich noch nicht über die ganzen Kinder beschwert. Auch wenn sie Hilfe von Narcissa hat."

Lily schüttelte den Kopf. „Das ist immer noch das Verrückteste, was du mir je erzählt hast. Dass Andromeda und Narcissa schon seit Kriegsende zusammen Tee trinken und Narcissa heimlich zu ihrer Schwester geht, damit sie ein bisschen Zeit mit ihrer Urenkelin verbringen kann." Lily war aus allen Wolken gefallen, als sie die Geschichte gehört hatte und war sich auch jetzt nicht ganz sicher, ob sie sie wirklich glauben sollte. Narcissa Malfoy und Andromeda Tonks, jahrelang zerstrittene Schwestern, sollten sich ganz gut verstehen? Genauso wahrscheinlich war, dass James eine Freundin fand, wenn man Lily fragte.

„Narcissa kann eben nicht aus ihrer Haut und will den Schein waren, dass sie es nicht gutheißt, dass der Name Malfoy von einem Halbblut fortgeführt wird. Sie war ohne zu meckern bei unserer Hochzeit und Andromeda passt schon auf, dass Narcissa Diana nicht irgendwelchen Reinblüterscheiß eintrichtert. Ich mach mir da keine Sorgen", erwiderte Rose schulterzuckend.

Lily fand es trotzdem absurd, aber sie konnte sich auch immer noch nicht richtig vorstellen, dass Andromeda Tonks und Narcissa Malfoy Schwestern waren. Die beiden waren wie Tag und Nacht und die eine Begegnung, die Lily mit Narcissa bei Roses Hochzeit gehabt hatte, hatte ihr völlig gereicht. Es war wirklich ein Wunder, dass Scorpius so ein normaler netter Mensch geworden war, bei der Verwandtschaft.

„Und du?", fragte Lily und schaute vielsagend auf Roses großen Bauch. „Alles in Ordnung?"

Rose verdrehte die Augen. „Es ist alles wunderbar, ihr müsst mich das nicht alle andauernd fragen. Ich hab dieses Mal alles sehr viel besser im Griff, wirklich. Meine Heilerin hat gesagt, dass sich alles genauso entwickelt, wie es soll. Wenn ich nicht allzu sehr übertreibe, sollte alles viel entspannter laufen." Roses erste Schwangerschaft war nicht geplant gewesen, deshalb hatte sie ein paar Wochen vor dem Geburtstermin ihre letzte Prüfung ablegen müssen. Hätte sie die nicht geschafft, dann hätte sie das Jahr wiederholen müssen. Das hätte sie sich absolut nicht leisten können, weil sie bereits das nächste Jahr pausieren würde, um sich um das Baby zu kümmern und sie auf keinen Fall zwei Jahre aufholen wollte. Deshalb hatte Rose in den Wochen vor der Prüfung Tag und Nacht gelernt und war prompt nach dem Ende umgekippt und hatte strenge Bettruhe verordnet bekommen, um eine Frühgeburt zu vermeiden. Aber mittlerweile war sie eine fertige Heilerin, da griffen ganz andere Regelungen, um werdende Mütter zu schützen und Rose hatte ein besseres Verständnis davon, was sie sich zumuten konnte. Und es half enorm, dass sie diese Schwangerschaft geplant hatte.

„Entschuldigung, dass wir uns Sorgen um dich machen! Du hättest Onkel Ron mal sehen sollen, als du damals umgekippt bist. Bis zur Geburt war er wie ein kopfloses Huhn, das Scorpius die ganze Zeit entweder verflucht hat, weil er dich geschwängert hat. Oder er hat ihn beschimpft, weil er nicht gut genug auf dich aufgepasst hat."

Rose verdrehte die Augen. „Dad hat ihm schon immer gerne die Schuld in die Schuhe geschoben, damit er keinen anderen Schuldigen finden muss. Als ob nur Scorpius für die Schwangerschaft verantwortlich war und ich meinen Teil nicht dazu beigetragen hätte! Aber seit er Scorpius mag, ist das für ihn viel schlimmer geworden. Jetzt weiß er überhaupt nicht mehr, wem er Verwürfe machen soll."

Lily lachte. Der Hass von Onkel Ron auf alles, was den Namen Malfoy trug, war legendär. Er war schon misstrauisch gegenüber Scorpius gewesen, bevor Al sich mit ihm angefreundet hatte. Und als sie dann Freunde waren und Scorpius oft Zeit bei den Potters verbracht hatte, hatte sich seine Paranoia nur gesteigert, besonders wenn Al Scorpius manchmal auf große Familienfeiern mitgebracht hatte, wie die Weihnachtsfeier im Fuchsbau. Dass Scorpius mit Rose zusammengekommen war, war die Krönung gewesen. Wie Rose es geschafft hatte, ihren Vater zu überreden, sie zum Altar zu führen, war Lily immer noch ein Rätsel. Ganz egal, wie toll Onkel Ron war, er war ein sturer Bock. Aber seit Diana auf der Welt war, hatte sich seine Einstellung langsam aber sicher geändert, da er es Scorpius hoch anrechnete, dass der seine Karriere hintenanstellte und sich um das Baby kümmerte, damit Rose ihren Traum weiterverfolgen konnte. Und mittlerweile verstanden die beiden sich richtig gut und gingen sogar zusammen mit Hugo manchmal zu Spielen von den Chudley Cannons, weil es sonst keinen in der Familie gab, der den Verein mochte. (Nicht mal James, und der hatte seine erste Saison sogar für sie gespielt.)

„Solange du nicht wieder viel zu früh im Krankenhaus landest, muss er niemandem Vorwürfe machen", erwiderte Lily und beäugte erneut Roses Bauch. „Bist du sicher, dass das normal ist?", fragte sie dann besorgt und deutete auf Roses Pullover, der sich immer an anderer Stelle ausbeulte.

Rose lachte, nahm Lilys Hand und legte sie auf den Bauch. Lily zuckte zusammen und zog ihre Hand instinktiv wieder zurück. „Wow, was war das denn?"

„Das war mein Sohn. Der tritt ständig so fest. Du solltest mal fühlen, wie der sich aufführt, wenn ich schlafen will. Wenn er älter ist, werde ich ihn bestimmt zum Fußball schicken, bei so einem Tritt, den der draufhat."

„Und wie schläfst du dann?", fragte Lily besorgt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es sonderlich angenehm war, wenn einen ständig jemand in die Eingeweide trat."

„Manchmal schüttel ich meinen Bauch eine Weile, dann gibt er meistens Ruhe. Und wenn Scorpius seine Hand drauflegt, dann auch, warum auch immer. Seit ich keine Nachtdienste mehr machen darf und wir eigentlich immer zusammen einschlafen, funktioniert das ganz gut."

Lily lächelte. Wie romantisch!

„Rose?", wurden die beiden dann plötzlich unterbrochen. Lily und Rose schauten überrascht zu den beiden Männern, die plötzlich an ihrem Tisch aufgetaucht waren. Beide waren großgewachsen und sahen sich so ähnlich, dass sie Zwillinge hätten sein können, wenn Lily es nicht besser gewusst hätte. Einer grinste sie strahlend an, während der andere nur ein wenig schüchtern lächelte.

„Joseph, hi!", sagte Rose erfreut und machte Anstalten, aufzustehen, aber Joseph Corner winkte ab und bedeutete ihr, sitzen zu bleiben.

„Mach dir keine Umstände, in deinem Zustand", sagte er, lehnte sich zu ihr hinunter und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. Ihr Augenrollen ignorierte er gekonnt, aber da Rose und er in der fünften Klasse zusammen gewesen waren, hatte er darin auch genug Übung.

„Ich bin nur schwanger, ich bin nicht krank, und dieses Mal kann ich auch wirklich gut auf mich selbst aufpassen, vielen Dank!", protestierte Rose beleidigt.

Joseph lachte. „Oh, da hab ich wohl einen wunden Punkt getroffen, aber beim fünften Kind musst du ja mittlerweile auch Übung haben."

„Was?", fragte Rose verständnislos. „Wie kommst du darauf?"

„Hab ich erst vorgestern in der Hexenwoche gelesen. Auch wenn sich die Berichte nicht einig sind, ob es Zwillinge oder Drillinge werden. Stimmt das etwa nicht?" Er schaffte es gerade so, Roses Faust auszuweichen.

„Ich weiß wirklich nicht, wie die immer auf solche Sachen kommen", sagte Rose pikiert und legte ihre Hände schützend auf ihren Bauch. „Ich hab kaum zugenommen und das ist nur ein Baby. Bei mehreren würde ich mich wahrscheinlich aufhängen."

„Sag sowas nicht, Rose", sagte er und hob abwehrend die Hände. „Ich weiß doch, dass ich nichts von dem, was ich über dich lese, wirklich ernst nehmen kann. Ich weiß noch damals, als du was mit Malfoy angefangen hast. In der einen Ausgabe hast du mich jahrelang mit ihm betrogen und in der nächsten betrügst du ihn mit mir."

Rose schnaubte. „Ich hab noch nie im Leben jemanden betrogen."

„Das weiß ich doch! Ich hätte es ja wohl bemerkt, wenn du in der sechsten noch mit mir herumgeknutscht hättest. Aber da hattest du ja nur noch Augen für Malfoy", sagte er mit einem leicht melancholischen Unterton.

„Aber du hast dich doch bis dahin auch woanders umgeschaut", erwiderte Rose schulterzuckend.

Josephs Grinsen wurde breiter. „Ach ja, Stuart", seufzte er sehnsüchtig. „Der war schon toll. Leider wollte er nach Hogwarts unbedingt nach Peking, um chinesische Heilmethoden zu lernen und ich hab ihn nie wieder gesehen."

Lily und Rose seufzten beide fast genauso sehnsüchtig, denn Stuart Zabini war einer der bestaussehendsten Jungen der ganzen Schule gewesen. Es hatte kaum jemanden gegeben, der nicht für ihn geschwärmt hatte. Und da er, genau wie Joseph, bisexuell war, hatten sich auch fast alle Chancen bei ihm ausgemalt, selbst wenn die wenigsten Erfolg gehabt hatten. Joseph war einer der wenigen glücklichen gewesen und die halbe Schule hatte ihn beneidet, Lily miteingeschlossen. Und Rose hatte wenigstens kein schlechtes Gewissen haben müssen, dass sie Joseph das Herz gebrochen hatte, da sie mehr oder weniger wegen ihrer Gefühle für Scorpius mit Joseph Schluss gemacht hatte.

„Ich will euer Wiedersehen ja nicht unterbrechen, aber …", fing der andere Mann an, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, bevor er laut aufstöhnte. „Und jetzt ist der letzte Tisch weg."

„Scheiße", murmelte Joseph und schaute sich im Tropfenden Kessel um. Auch Lily ließ ihren Blick über die Tische streifen. Als sie vor einer Stunde hier angekommen waren, war nur die Hälfte der Tische besetzt gewesen, aber seitdem war es hier doch sehr voll geworden.

Rose und Lily tauschten einen Blick und lächelten die beiden an. „Wenn ihr wollt, könnt ihr euch auch zu uns setzen. Wir haben genug Platz." Sie hatten sich einen größeren Tisch gesucht, weil sie nicht sicher gewesen waren, ob Hugo oder Al es nicht doch noch zum Essen schaffen würden. Besonders Hugo konnte sehr unberechenbar sein.

Joseph schaute zu dem Mann, der zögerlich nickte. Begeistert klatschte er in die Hände und setzte sich sofort auf den nächsten Stuhl. „Wunderbar, vielen Dank, Mädels. Kennt ihr eigentlich schon meinen Bruder Howard?"

Howard hob zögernd die Hand und lächelte sie an, bevor er sich auf den Stuhl neben Lily niederließ. Rose schaute ihn mit gerunzelter Stirn an. „Ich glaube nicht, aber er ist auch ein paar Jahre jünger als du, oder?"

Lily legte den Kopf schräg. „Du warst eine Klasse unter mir, oder? Hast du nicht sogar in einem Jahr an der Koboldstein-WM teilgenommen?" Sie konnte sich vage an Joseph Corners jüngeren Bruder erinnern. Joseph war damals einer der attraktivsten Jungen in der Schule gewesen, nur übertroffen von James und Stuart Zabini (weshalb die meisten Mädchen beinahe in Ohnmacht gefallen wären, als Joseph und Stuart zusammengekommen waren), und dann kam auch noch Scorpius für eine Weile dazu, nachdem er Treiber geworden war und seine Arme wirklich beeindruckend ausgesehen hatten durch das viele Training. Howard sah fast so gut aus wie Joseph, hatte aber nie seinen Charme gehabt. Die Teilnahme an der WM war das aufsehenerregendste, war er in Hogwarts gemacht hatte, solange Lily in der Schule gewesen war, und das war im Grunde mehr eine Kuriosität gewesen, schließlich waren es nur Koboldsteine und nicht etwa Quidditch. Aber trotzdem.

Howard lief leicht rosa an, lächelte aber geschmeichelt. „Ja, als ich in der sechsten war. Aber ich bin im Achtelfinale rausgeflogen."

„Ja, aber immerhin hast du gegen den Weltmeister verloren. Wenn man schon verliert, dann wenigstens gegen den besten, oder?", verteidigte Joseph die Ehre seines Bruders.

„Und bist du noch mal zu einer WM gefahren?", fragte Lily neugierig. „Du musst ja schon sehr gut gewesen sein, um daran teilzunehmen."

„Eigentlich war das nur ein Scherz. Joseph hat mich in den Ferien für die Nationalen Wettkämpfe angemeldet und die ersten zwei dürfen automatisch zur WM. Ich hätte nie gedacht, dass ich das wirklich schaffe. Aber auf internationalem Niveau sind die Teilnehmer wirklich fantastisch und ich hab nicht den Sinn darin gesehen, das noch einmal zu versuchen, wenn ich nicht mithalten kann. Aber einmal war ich dort und das war schon was Besonderes", erklärte Howard schulterzuckend. Hannah kam vorbei und nahm die Bestellung der Brüder auf, die beide ein Butterbier und ein Steak wollten, und eilte dann gleich weiter zum nächsten Tisch. Der Tropfende Kessel war aber auch wirklich voll geworden. Und das an einem Dienstag.

„Und was machst du jetzt?", erkundigte sich Lily. Sie fand es immer interessant, zu erfahren, was die Leute nach Hogwarts anstellten.

„Oh, ich bin in der Finanzabteilung im Ministerium. Ich mochte schon immer Zahlen, aber damit kann man in Hogwarts ja nicht so viel anfangen. Da hab ich im Moment ziemlich viel zu tun, seit das Ministerium letztes Frühjahr neue Bestimmungen rausgegeben hat. Jetzt muss ich mich dauernd in den alten Verließen von den reinblütigen Familien rumtreiben, um alles neu zu katalogisieren. Was die da alles einlagern …" Er erschauderte.

„Jaah, ich glaube, Scorpius' Großeltern haben sich darüber beschwert, dass sie nach Jahrzehnten plötzlich anders Steuern zahlen und irgendwelche Wildfremden in ihre heiligen Verließe lassen müssen", erinnerte sich Rose amüsiert.

Howard nickte. „Ja, das bin ich. Erst letzten Monat kam Lucius Malfoy extra vorbei, um mir ‚über die Schulter zu schauen' und hat sich eine geschlagene Stunde darüber aufgeregt, dass dein Vater und deine Eltern, Rose, mal da eingebrochen sind und ihn eigentlich keiner dazu zwingen kann, noch einmal irgendjemanden reinzulassen, nachdem sich die Sicherheitsvorkehrungen als so lax erwiesen haben."

„Tja, selbst Schuld", sagte Lily ungerührt. „Hätte er nicht irgendwelches Zeug von Voldemort zwischengelagert, dann hätten sie auch nicht bei ihm einbrechen müssen." Sie würde nie vergessen, dass Lucius Malfoy derjenige gewesen war, der ihrer Mutter Voldemorts Tagebuch untergeschoben und ohne Probleme ihren Tod in Kauf genommen hatte. Aber was konnte man auch von einem Todesser anderes erwarten? Wenn Lily daran dachte, war sie froh, dass Scorpius für sie nur eine Schwärmerei gewesen war, aus der sich nie mehr entwickelt hatte. Sie hätte es im Gegensatz zu Rose wahrscheinlich nie fertiggebracht, Lucius beim Abendessen gegenüber zu sitzen.

„Ich nehme an, dass er seine schwarzmagischen Gegenstände schon längst woandershin geschafft hat", erwiderte Howard ungerührt. „Uns geht es sowieso vor allem um das Barvermögen und davon haben die mehr als genug."

Joseph stöhnte dramatisch auf. „Können wir über was anderes reden? Du redest schon seit Monaten über dieses Zeug, irgendwann werden selbst Berge von Galleonen langweilig."

„Was hast du denn nach der Schule gemacht?", erkundigte sich Lily grinsend.

„Ich arbeite in der Mysteriumsabteilung", erwiderte Joseph stolz.

„Was bedeutet, dass du überhaupt nichts von deiner Arbeit erzählst", sagte Howard und verschränkte die Arme vor der Brust. „Irgendwer muss doch die Stille füllen, wenn danach gefragt wird."

„Hey, so kann man das nicht sagen! Ich spreche auch über meine Arbeit!", protestierte Joseph.

„Du sprichst davon, wie du dich dauernd mit Steven Davies streitest, aber sagst nie, worüber. Langsam glaube ich eher, dass du scharf auf ihn bist, so wie du immer von ihm erzählst."

„Diese Unterstellung weise ich in aller Entschiedenheit zurück", protestierte Joseph. Howard schaute ihn nur bedeutungsvoll an. „Hey, ich sag ja nicht, dass ich nicht ja sagen würde, wenn er mich fragen würde, aber er hat eine unmögliche Freundin und selbst wenn er scharf ist, legt er die Akten trotzdem immer falsch ab und ich hab ihm schon hundertmal gesagt, dass keine Sau seine Schrift lesen kann und nur, weil er mit Raum sieben besser zurecht kommt als jeder andere, heißt das noch lange nicht, dass er sich nicht an die Regeln zu halten braucht und – vielen Dank", unterbrach er sich, als ein Kellner das bestellte Steak vor ihm abstellte.

Lily seufzte. „Ich hasse die Mysteriumsabteilung."

„Wegen dem, was eure Eltern dort erlebt haben?", fragte Howard mitfühlend und nickte dem Kellner dankend zu, als der einen Teller vor ihm abstellte.

Lily schnaubte. „Ach was. Aber immer, wenn ich die Mitarbeiter für ein Interview oder einen Kommentar angefragt habe, kommt entweder gar nichts oder nur ‚kein Kommentar'. Ich find das problematisch, wenn es Abteilungen gibt, die sich völlig aus der Berichterstattung zurückziehen."

„Aber dafür gibt es die Abteilung doch", widersprach Joseph. „Damit nicht alle über alles informiert sind. Und glaub mir, ihr wollt nicht über alles informiert sein. Manchmal ist Nichtwissen wirklich besser."

„Aber wie sollen wir das denn beurteilen, wenn wir nicht wissen, was da drin alles vor sich geht?", konterte Lily. Dieses Gespräch hatten sie vom Tagespropheten alle schon in so vielen Varianten mit Mitarbeitern von der Mysteriumsabteilung geführt. Joseph war sie noch nie begegnet, aber seit ihr Schwerpunkt internationale Beziehungen war, war sie in diesen Bereich nicht mehr sehr involviert. Was nicht hieß, dass sie nicht trotzdem eine Meinung dazu hatte.

„Aber das gibt es doch in so vielen Ländern, dass es Bereiche gibt, die mit so sensiblen Informationen zu tun haben, dass die Öffentlichkeit nicht daran teilhaben darf. Denk nur an James Bond."

Die anderen drei brachen in so lautes Lachen aus, dass alle anderen Gäste sich nach ihnen umdrehten. Howard verdrehte die Augen. „Du vergleichst dich jetzt nicht ernsthaft mit James Bond, oder?"

„Außerdem ist James Bond ja wohl der am wenigsten unauffällige Spion, den es gibt. Hat er nicht mal in einem Film einen halben Flughafen lahmgelegt?", erwiderte Lily. Die James Bond Filme waren im Muggelclub immer sehr beliebt gewesen, auch wenn sie Lilys Geschmack nicht sehr getroffen hatten. Schon allein das dauernde Gegröle der Jungs bei den Szenen mit den Bondgirls hatte sie genervt. Ganz zu schweigen davon, dass sie schrecklich unrealistisch gewesen waren. „Wenn ihr in der Mysteriumsabteilung sowas veranstaltet, dann hat die Öffentlichkeit jedes Recht, davon zu erfahren."

Joseph hob abwehrend die Hände. „Ist ja schon gut, das war nur ein Beispiel. Und so oder so, ich hab die Regeln nicht gemacht, Lily. Und selbst wenn ich anderer Meinung wäre, du weißt ganz genau, dass wir alle einen Vertrag mit einer magisch bindenden Schweigeklausel unterschrieben haben, den wir nicht einfach so brechen können, ohne schwerwiegende Konsequenzen. Aber Howard ist bestimmt für ein Interview bereit, erst letzte Woche hat er sich darüber beschwert, dass der Tagesprophet viel zu wenig über die Reformen berichtet hat."

Lily schaute amüsiert zu Howard, der wieder rosa angelaufen war und seinem Bruder einen wütenden Blick zuwarf.

„Danke für die Kritik", sagte Lily lächelnd. „Wenn du mir deine Kontaktdaten gibst, dann werde ich sie gerne an die Finanzabteilung weiterleiten." Howard stöhnte gequält auf. „Aber Spaß beiseite, ich kann gerne fragen, ob wir etwas darüber bringen können, wenn du meinst, dass das wichtig ist. Ich bin zwar bei weitem nicht diejenige, die das zu entscheiden hat, aber ich kann's zumindest weiterleiten."

„Wirklich?", fragte Howard ehrlich erfreut und lächelte sie an. Er hatte ein wirklich schönes Lächeln. „Das würdest du machen?"

„Warum denn nicht? Schlimmstenfalls wird der Vorschlag abgelehnt."

„Und zumindest hast du dann Howards Nummer", warf Joseph ein, nachdem er ein großes Stück von seinem Steak heruntergeschluckt hatte. „Er hat bestimmt nichts dagegen, wenn du die auch mal zu anderen Zwecken nutzen willst." Er wackelte vielsagend mit seinen Augenbrauen, während Howard jetzt wirklich knallrot angelaufen war.

„Joe!", zischte er wütend. „Sowas kannst du doch nicht einfach so-"

„Warum denn nicht?", erwiderte Joseph verständnislos. „Du bist Single, sie ist Single, wenn man der letzten Ausgabe der Hexenwoche trauen kann …", Lily verdrehte die Augen, auch wenn die Hexenwoche da ausnahmsweise einmal recht gehabt hatte, „… wenn ihr euch sympathisch seid, warum sollte das nicht so funktionieren. Rose hab ich damals auch so direkt angesprochen und das hat funktioniert, bis sie mir schließlich das Herz gebrochen hat."

„Joseph-", fing Rose mit belegter Stimme an, aber der winkte ab.

„Schon in Ordnung, Rose, ich mach nur Witze." Aber alle am Tisch hörten genau, dass er keinen Witz gemacht hatte. „Jedenfalls, warum sollte es nicht so einfach sein? So hab ich meine jetzige Freundin auch kennen gelernt."

Lily biss sich auf die Lippe und schaute vorsichtig zu Howard, der stur auf sein Steak starrte. Aber nach ein paar Sekunden sah er auf und ihre Blicke trafen sich. Warum eigentlich nicht?

TBC …


A/N:

Nymphi: Vielen Dank für dein Review! Ich hoffe, der Kalender macht dir auch dieses Jahr wiieder Freude.