10. Dezember: Verflossene Liebschaften
Lily gab Howards Kontaktdaten am nächsten Tag wie versprochen weiter, was allerdings, wie sich herausstellte, gar nicht nötig gewesen wäre, denn ein Kollege hatte nach unzähligen Beschwerden (hauptsächlich von den Malfoys) schon längst einen Bericht geplant und erst vor zwei Stunden Kontakt mit dem Finanzministerium gesucht. Lily zögerte eine Weile, Howard privat zu kontaktieren, gab sich aber schließlich einen Ruck. Es war vielleicht nicht Liebe auf den ersten Blick, aber er schien ein netter Mann zu sein und er hatte ein wirklich schönes Lächeln und es gab wirklich keinen Vergleich zu dem letzten Mann, an dem sie Interesse gehabt hatte.
Howard schien ehrlich überrascht, aber auch erfreut, von ihr zu hören und sie verabredeten sich zum Abendessen. Howard hatte vielleicht nicht das Charisma seines großen Bruders, aber im Laufe des Abends begann er richtig aufzutauen und Lily stellte fest, dass er einen sehr guten Sinn für Humor hatte. Außerdem war er sehr intelligent und ihnen gingen den ganzen Abend nicht die Gesprächsthemen aus. Er interessierte sich sehr für ihre Arbeit und internationale Politik und es stellte sich heraus, dass er schon lange ihre Artikel las. Und seine Arbeit klang viel interessanter, als sie erwartet hatte und wenn sie manche von diesen bescheuerten Reinblutfamilien in den Wahnsinn trieb, dann war das ein netter Nebeneffekt.
Nach ihrer Erfahrung mit Pedro hatte sie kein Interesse daran, sofort mit ihm zu schlafen, aber Howard schien das auch gar nicht zu erwarten. Er bezahlte am Ende des Abends die Rechnung und küsste sie vor dem Restaurant zum Abschied auf die Wange. Er bot ihr nicht einmal an, sie nach Hause zu begleiten, was Lily noch nie hatte ausstehen können. Bei Muggeln war das vielleicht eine nette Geste, aber wenn man ohne Probleme in sein eigenes Wohnzimmer apparieren konnte, dann war es wirklich nicht nötig. In der nächsten Zeit verabredeten sie sich fast jede Woche zum Essen und weil Lily keine Lust hatte, sich sofort mit Howard in der Hexenwoche wiederzufinden, gingen sie immer in Muggelrestaurants. Es waren wirklich schöne Verabredungen, mit gutem Essen, guter Laune und vielen interessanten Gesprächen. Nach einem Monat küsste Howard sie das erste Mal auf den Mund, und obwohl ihre Knie nicht weich wurden, war es dennoch ein sehr schöner Kuss. Nach einem weiteren Monat hatten sie Lilys Meinung nach lange genug gewartet und Lily lud Howard dazu ein, die Nacht bei ihr zu verbringen. Howard willigte nur zögerlich ein, deshalb war Lily umso überraschter, wie gut er im Bett war. Hätte sie am nächsten Tag keine Deadline gehabt, hätte sie ernsthaft in Erwägung gezogen, sich krank zu melden und den ganzen Tag mit ihm im Bett zu verbringen.
Alles in allem war es ein wirklich vielversprechender Anfang einer Beziehung. Lily hatte sich wirklich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt, besonders, weil sie auch beim Tagespropheten regelmäßig gute Stories zugeteilt bekam. Das entging natürlich auch nicht ihrer Familie, auch wenn die Reaktion ihrer Eltern nicht so ausfiel, wie sie erwartet hatte, als sie ihnen beim nächsten Familienessen erzählte, dass sie seit ein paar Monaten mit Howard zusammen war.
„Es tut mir wirklich Leid, James", entschuldigte ihre Mutter sich zum dritten Mal, weil sie ihm vor lauter Überraschung einen Schluck Wein ins Gesicht gespuckt hatte. Ihr Vater konnte währenddessen nicht aufhören zu lachen. Tia sah ratlos zu Al und Lily, die ihm allerdings auch nicht weiterhelfen konnten. So merkwürdig hatten sich ihre Eltern noch nie verhalten.
„Schon okay, Mum", sagte James, während er sich sein Gesicht mit einer Serviette abtupfte und anschließend sein Hemd wieder sauber zauberte. „Es wäre nur schön zu wissen, warum du mich angespuckt hast."
„Ja, ist es so überraschend, dass ich einen Freund habe?", fragte Lily und bemühte sich, nicht allzu verletzt zu klingen. Sie hatte eigentlich erwartet, dass ihre Familie sich für sie freuen würde, dass sie jemanden gefunden hatte, so wie damals für Al, als er ihnen zum ersten Mal von Tia erzählt hatte.
„Oh, das ist es nicht, mein Schatz", beeilte sich ihr Dad sofort ihr zu versichern. „Es ist nur eine … wie soll ich sagen … überraschende Wahl."
„Warum?", fragte Lily verständnislos. Soweit sie wusste, hatte Howard ihre Eltern noch nie getroffen, sie hatte nicht erwartet, dass sie überhaupt wussten, wer ihr neuer Freund war.
„Heißt sein Vater vielleicht Michael Corner?", fragte Dad breit grinsend.
Lily zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Vielleicht. Warum?" Wenn Howard von seinen Eltern sprach, dann nannte er sie Mum und Dad. Sie konnte sich nicht erinnern, schon einmal ihre Vornamen gehört zu haben.
„Nur so", sagte ihre Mutter schnell. Lily schaute ihre Eltern misstrauisch an, bis James plötzlich so laut auflachte, dass alle anderen am Tisch zusammenzuckten.
„Moment mal, hieß dein Exfreund nicht Michael, Mum?", sagte er lachend.
„Oh", sagte Tia und nickte wissend, während Lily genervt aufstöhnte. Die Zauberwelt war auch wirklich ein Dorf! Da lernte sie endlich einen netten Mann kennen und ihre Mutter war mal mit seinem Vater zusammen gewesen! Super!
„Mach dir nichts draus, Schatz", sagte ihr Vater und tätschelte ihr tröstend die Hand. „Das ist doch kein Weltuntergang. Es ist nur ... amüsant, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt." Ihr Dad musste gerade reden! Schließlich hatte er eine Frau geheiratet, die seiner eigenen Mutter nun wirklich nicht unähnlich sah. Ein Psychologe hätte wahrscheinlich seine wahre Freude an ihrer Familie.
„Wir freuen uns auf jeden Fall, deinen Howard mal kennen zu lernen", erwiderte ihre Mutter und warf ihrem Vater einen finsteren Blick zu.
„Weil du seinen Dad mal wiedersehen möchtest, was?", fragte James grinsend. „Aua!" Er rieb sich sein Schienbein und schaute kopfschüttelnd zu seinem Bruder, der nur unschuldig in die Runde lächelte. Lily verdrehte die Augen. Ihre Mutter schien auch nicht sonderlich begeistert zu sein.
„Ja sicher, nur darauf hab ich gewartet, James, du hast mich erwischt. Ist ja nicht so, als ob ich Michael nicht schon mehrmals in der Winkelgasse über den Weg gelaufen wäre! Werd erwachsen!", sagte ihre Mutter sarkastisch.
James hob abwehrend die Hände. „Ich mein ja nur! Kann ja sein, dass du ihm heimlich noch nachtrauerst."
Al verdrehte die Augen. „Du hast wohl nie zugehört, wenn Lily die beiden wegen ihrer Geschichte gelöchert hat! Der Kerl war doch nur ein Mittel zum Zweck, mit dem sie sich getröstet hat, weil Dad sie nicht wollte."
„Also so würde ich das jetzt nicht formulieren", erwiderte ihre Mutter pikiert. „Als ich mit Michael zusammen war, hatte ich überhaupt keine Idee, dass euer Vater sich jemals so für mich interessieren würde."
„War aber auch nicht die große Liebe zwischen euch beiden", beharrte James.
„Die erste Beziehung ist selten die große Liebe, wenn du mich fragst", antwortete ihre Mum schulterzuckend. „Er war ein netter Junge, wir hatten eine schöne Zeit zusammen. Dank ihm habe ich viel mehr Selbstvertrauen bekommen und konnte mich ein bisschen besser kennen lernen abseits von meinen Geschwistern und Harry und Hermine."
„Hast du ihm das Herz gebrochen?", bohrte James taktlos nach. „Was?", sagte er verständnislos, als er die Blicke seiner Familie bemerkte. „Ist doch wichtig zu wissen. Am Ende ist er immer noch sauer und wird Lilys Beziehung mit Howard sabotieren."
„Wohl kaum, James. Irgendwann hat sich das einfach im Sand verlaufen. Wir sind erwachsener geworden und haben nicht mehr so gut zusammengepasst wie am Anfang. Das soll schließlich vorkommen. Wenn man gegen Todesser kämpft und ein guter Freund stirbt, verändert das einen." Lily schluckte. Sie wusste, dass am Ende von dem Schuljahr, von dem ihre Mutter sprach, der Pate ihres Dads ermordet worden war, nachdem sie ins Ministerium eingebrochen waren. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, wie man sich nach sowas fühlen musste, aber dass eine nicht sonderlich wichtige Beziehung jegliche Bedeutung verlor, das konnte sie gut verstehen.
„Außerdem würde ich mir keine Sorgen machen, James, Michael hat sich damals sehr schnell eine neue Freundin gesucht. Die Exfreundin von eurem Vater."
James und Al lachten laut los und selbst Tia konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Lily wunderte sich nur, dass sie davon noch nie gehört hatte, und dabei hatte sie ihre Eltern oft genug über ihre Geschichte ausgefragt. Aber die anderen Beteiligten waren nie so wichtig gewesen. Hätte sie mal besser nachgefragt.
„Nun mach aber mal halblang, Gin", protestierte ihr Vater. „Ich würde Cho jetzt wirklich nicht als meine Exfreundin bezeichnen. Wir haben uns einmal geküsst und hatten eine miserable Verabredung am Valentinstag, ich glaube kaum, dass das für eine anständige Beziehung reicht. Und der Kuss war jetzt auch nicht sonderlich romantisch."
„Du hast sie nicht von den Füßen gefegt, Dad?", fragte James immer noch breit grinsend. Die Geschichte vom ersten Kuss ihrer Eltern war legendär. Wie sie sich in seine Arme geworfen hatte, nachdem sie zum ersten Mal seit Jahren die Hausmeisterschaft gewonnen hatten, und ihr Dad sie vor aller Augen stürmisch geküsst hatte.
„Sie war in Tränen aufgelöst, weil wir gerade noch über ihren Exfreund Cedric Diggory geredet haben. Derjenige, der auch am Trimagischen Turnier teilgenommen und dann von Voldemort umgebracht wurde, weil er im Weg war. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, einen Moment hat sie geweint, weil er tot war, und im nächsten Moment hat sie mich geküsst." Er schüttelte den Kopf. „Und dann ist in der Nacht Arthur von Voldemorts Schlange fast umgebracht worden und ich hab's miterleben müssen, das war wirklich eine verrückte Zeit. Und wirklich nicht die besten Voraussetzungen für Cho und mich, wenn wir ehrlich sind."
Lily schaute zu ihren Brüdern, denen beiden das Grinsen vergangen war. Sie wussten zwar alle, dass ihre Eltern keine leichte Schulzeit gehabt hatten, aber wenn sie dann manchmal so im Detail davon erzählten, war das noch mal etwas ganz anderes.
„Da klingt ja selbst deine große Tragödie mit Della Chang unbeeindruckend dagegen", sagte James schließlich zu Al, um die Stimmung aufzulockern. Dieses Mal war er geistesgegenwärtig genug, Als Schienbeintritt auszuweichen.
„Chang?", wiederholte ihre Mutter grinsend und schaute vielsagend zu Lilys Dad. „So viel zum Thema, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, was?"
Lily stöhnte. „Was ist denn jetzt schon wieder?" Dieses Essen war wirklich völlig anders gelaufen, als sie es sich vorgestellt hatte. Ganz besonders, weil ihre Eltern andauernd in Rätseln sprachen und ihnen allen der Kontext fehlte. Die arme Tia sah noch viel verlorener aus als Lily und ihre Brüder.
„Ich glaube, Dads ‚Exfreundin'" – bei „Exfreundin" machte James dramatisch ein paar Gänsefüßchen in die Luft, „ist die Mutter von deiner ersten großen Liebe, Brüderchen."
Al stöhnte gequält auf, während Tia ihm amüsiert den Rücken tätschelte. „Das habt ihr erst heute rausgekriegt?"
Ihre Eltern tauschten einen fragenden Blick und zuckten mit den Schultern. „Ich glaube nicht, dass Al jemals ihren Nachnamen erwähnt hat, oder, Harry? Sonst wären wir da doch viel früher draufgekommen. Sie war immer nur Della."
„Ja, glaube ich auch. Und soweit ich weiß, ist Cho vor Ewigkeiten in die Schweiz gezogen. Ich wusste gar nicht, dass sie eine Tochter hat, die nach Hogwarts gegangen ist", erwiderte ihr Vater stirnrunzelnd.
„Della ist nicht zufällig die Tochter von Michael Corner, oder?", goss James noch genüsslich Öl ins Feuer, aber Lily schüttelte entschieden den Kopf.
„Nein, Howard hat nur einen Bruder und das ist Joseph."
„Della hat gesagt, ihr Vater war ein Schweizer Geschäftsmann. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob er ein Muggel oder ein Squib war, aber soviel ich weiß hatte er mit Magie nichts zu tun und ihre Eltern haben sich schon vor ihrer Geburt wieder scheiden lassen, deshalb hat sie den Mädchennamen ihrer Mutter bekommen. Dass ihre Mutter mal mit Dad zusammen gewesen war, hat sie nie erwähnt, ich glaube, davon hat sie gar nichts gewusst", erinnerte sich Al.
„Seht ihr", sagte Dad zufrieden. „Cho hat das genauso wenig als Beziehung angesehen wie ich." Für Al wäre es wahrscheinlich besser gewesen, wenn diese Cho das getan hatte, denn ein nicht unbeträchtlicher Grund für das Scheitern seiner Beziehung mit Della war gewesen, dass sie viel mehr Interesse an seinem berühmten Vater gehabt hatte als an Al selbst. Lily hatte Della nie gemocht, aber im Gegensatz zu ihrem Bruder war sie vernünftig genug gewesen, sich nicht in seine Beziehung einzumischen.
„Die Zauberwelt ist wirklich zu klein", murmelte Lily kopfschüttelnd.
„Jedenfalls würden wir uns freuen, deinen Howard mal kennen zu lernen, wenn ihr soweit seid", kam ihre Mutter endlich wieder auf das ursprüngliche Thema zurück. Lily zuckte nur erschöpft mit den Schultern. Nach allem, was sie hier heute gehört hatte, würde sie sich das noch ganz genau überlegen müssen. Ihre Familie war wirklich nichts für schwache Nerven.
Schließlich entschloss Lily sich dazu, Howard zur Weihnachtsfeier im Fuchsbau mitzunehmen. Vielleicht war es nicht die beste Wahl, ihn gleich ihrer ganzen Familie zum Fraß vorzuwerfen, aber der Vorteil war, dass auf der Feier immer so viele Leute waren, Weasleys und zahlreiche Freunde und Bekannte, dass Howard nicht auf dem Präsentierteller war und nicht länger als fünf Minuten mit jemandem sprechen musste.
Sie selbst wurde Howards Familie im Dezember vorgestellt, was eine sehr unkomplizierte Sache war. Joseph und seine Freundin waren da, eine nette Frau die in Hogwarts eine Klasse über Lily gewesen war und an die sie sich wage aus dem Muggelclub erinnern konnte. Seine Familie las oft begeistert ihre Artikel, also hatten sie sofort sehr viel Gesprächsbedarf. Als sie nach einer Stunde ansprach, dass Howards Vater in Hogwarts mit ihrer Mutter zusammen gewesen war, lachte der nur amüsiert.
„Ja, wie könnte ich Ginny Weasley vergessen? Sie mochte ich sehr gerne, aber ihre Brüder … ich hatte sehr viel Glück, dass wir erst in der Sechsten ungesagte Zaubersprüche gelernt haben, sonst hätte ich wirklich Angst gehabt, dass Ron mich zu verfluchen versucht hatte, so wie der mich immer angeschaut hat. Und Fred und George … die waren zwar immer sehr nett und gut gelaunt, aber ich kann mich noch erinnern, dass sie damals ständig irgendwelche Scherzartikel für ihren Laden getestet haben und ich hatte Angst, dass sie mir irgendwas davon unterschieben würden." Er erschauderte und grinste dann in die Runde.
„Und dann hat sie sich wegen Harry Potter von dir getrennt?", fragte Joseph interessiert nach. „Für Harry Potter abserviert werden, das können nicht viele von sich behaupten!"
Michael verdrehte die Augen. „Ach was! Das hat noch ein ganzes Jahr gedauert, bis sie zusammengekommen sind, wenn ich mich richtig erinnere. Nein, irgendwann war es einfach nicht mehr, was wir beide wollten. Wir haben uns nur noch gestritten und irgendwann hat es keinen Sinn mehr gehabt, noch zusammen zu sein, also haben wir uns getrennt. Sie hat sich dann sehr schnell jemand anderen gesucht und ich-"
„- hab mit der Exfreundin meines Dads was angefangen?", fragte Lily mit hochgezogenen Augenbrauen. Joseph pfiff beeindruckt, während Howard Lily überrascht anschaute, dass sie das Thema tatsächlich zur Sprache brachte.
Michael lief tatsächlich ein bisschen rot an und wiegte unschlüssig den Kopf. „Ich glaube nicht, dass sie jemals richtig zusammenwaren, zumindest hat sie das immer behauptet, aber eine zeitlang gab es eine gewisse Zuneigung zwischen den beiden, ja."
„Das ist ja sehr diplomatisch ausgedrückt, Dad", sagte Joseph amüsiert. „Man merkt, dass du in der Rechtsabteilung bist."
Michael verdrehte die Augen und gab seinem Sohn einen spielerischen Klaps auf den Hinterkopf. „Klugscheißer!" Dann wandte er sich an Lily. „Es war letzten Endes wirklich keine allzu große Sache. Es ist nicht so, als ob deine Mutter meine große Liebe gewesen wäre. Dafür habe ich Susan." Er lächelte Howards Mutter zärtlich an, während Joseph ein Würgegeräusch von sich gab. „Und ich glaube, Ginny würde das bestätigen."
„Dass Mum deine große Liebe ist?", fragte Joseph grinsend.
„Ja, das auch", lachte Michael. „Und dass unsere Beziehung letzten Endes nichts Besonderes war. Zumindest unterbewusst muss ich immer gespürt haben, dass Ginnys Herz jemand anderem gehört und deshalb habe ich nie tiefere Gefühle für sie gehabt. Außerdem sind die Weasleys wirklich nicht ohne, ohne dir jetzt zu nahe treten zu wollen, Lily."
„Nein, nein", sagte Lily sofort. „Da haben Sie völlig Recht. Wenn man selbst keine große Familie hat, dann können wir in großen Mengen schon etwas gewöhnungsbedürftig sein. Aber bisher hat sich noch niemand richtig beschwert. Du kennst uns ja auch schon, Joseph, du warst schließlich mit Rose zusammen."
„Also zusammen ist jetzt schon sehr hochgegriffen", erwiderte Joseph. „Herumgeknutscht wäre der bessere Begriff. Und am Ende wurde ich für ihre große Liebe abserviert, also kann ich nicht sagen, dass ich viel mit euch zu tun gehabt hätte. Gut, Molly und Lucy waren in unserem Haus, aber wir waren alle in unterschiedlichen Klassen, daher kannten wir die nur vom Sehen, oder, Howie?"
„Ich würde sagen, du kanntest sie sehr viel besser als ich. Molly war doch nur noch ein Jahr da, als ich eingeschult wurde", erwiderte Howard schulterzuckend.
„Ja, aber sie war die Schulsprecherin."
„Und ich war ein braver kleiner Erstklässler, also hatte ich wohl kaum Grund, mit ihr zu sprechen. Und Lucy war immer …" Er machte eine vage Handbewegung, aber Lily wusste sofort, was er meinte.
„Ja, Lucy kann manchmal auch ganz schön viel sein, das stimmt", nickte Lily. Lucy war ein Sturkopf und hielt mit ihren Meinungen nicht hinter dem Berg, weshalb sie gerne mal einen Streit vom Zaun brach. Das konnte manchmal schon ganz schön ungemütlich werden, besonders, wenn es Onkel Percy war, mit dem sie sich stritt.
„Dann sei mal lieber froh, dass du Dominique Weasley und Steven Davies verpasst hast. Die haben sich so oft so laut in der großen Halle gestritten, dass wir manchmal alle in Deckung gegangen sind, weil wir Angst hatten, dass sie sich gleich verfluchen", erinnerte Joseph sich grinsend.
„Ja, das hat mich nie gestört, dass ich das verpasst habe", erwiderte Howard ungerührt.
Lily nickte. Steven und Dominique waren schon mit Hogwarts fertig gewesen, als Lily eingeschult worden war, aber James erzählte immer noch gerne davon, wie oft sich Dominique und Steven, die Sucher für Gryffindor und Ravenclaw und im Laufe ihrer Quidditchkarriere auch Kapitäne ihrer Mannschaften, über Quidditch gestritten hatten.
„Aber du arbeitest doch jetzt mit Steven zusammen", erinnerte sich Lily an das Gespräch aus dem Tropfenden Kessel. „Da kommst du doch ständig in den Genuss seiner Gegenwart."
„Ja, aber ohne Dominique ist er um einiges umgänglicher. Auch wenn er die Akten wirklich besser-"
„Und wie läuft's in Flourish&Blotts, Anna?", würgte Howard seinen Bruder grinsend ab, bevor der zu sehr in Fahrt geraten konnte, und wandte sich an Josephs Freundin, die das Geschehen bisher amüsiert beobachtet hatte.
„Oh, arbeitest du dort?", fragte Lily sofort begeistert. Sie hatte die Buchhandlung als Kind schon geliebt und stöberte auch jetzt noch gerne in dem Laden, selbst wenn sie mittlerweile sehr wenig zum Lesen kam. Manchmal beneidete sie die Muggel darum, dass sie lange Strecken mit dem Flugzeug, Auto oder Zug zurücklegten, während sie fast immer einen Portschlüssel nahm. So hatten die Muggel doch viel mehr Zeit zum Lesen!
Anna nickte und sofort löcherte Lily sie mit Fragen, auf die sie schon immer eine Antwort hatte haben wollen, und Anna war lieb genug, alles geduldig zu beantworten.
Alles in allem mochte Lily Howards Familie sehr gerne und war froh, dass sein Vater und ihre Mutter sich einig darüber waren, wie ihre Beziehung gelaufen und zu Ende gegangen war.
TBC …
A/N:
Pretty Lily Potter: Danke für das Lob. Rückblickend stört mich schon, dass ich für die nächste Generation nur Hetero-Beziehungen erfunden habe, aber das ist jetzt nicht mehr zu ändern, deshalb gibt es wenigstens ein paar Nebencharaktere, die queer sind. Bei den Kindern der nächsten Generation ist das wenigstens ein bisschen bunter geworden.
