12. Dezember: Verwundbar

Jedenfalls hatte Hugo Recht gehabt und Howard war viel entspannter, als Lily ihn fünf Tage später zu dem Geburtstagsessen mitnahm, das ihre Familie jedes Jahr für sie veranstaltete. Manchmal hatte sie auch eine große Party gefeiert, aber zwischen Weihnachten und Silvester war das nicht immer ideal. Ganz zu schweigen davon, dass Al kaum eine Woche später Geburtstag hatte. Wenigstens waren ihre Eltern so vernünftig gewesen, ihre Geburtstage nie zusammen zu legen, auch wenn Al seinen dann meistens direkt nach seiner Rückkehr nach Hogwarts gefeiert hatte. Aber dass jeder seinen eigenen Tag hatte, war ihnen schon immer sehr wichtig gewesen.

Howard und ihre Eltern kamen gut ins Gespräch und Lilys Mutter musste laut lachen, als sie von der Bemerkung von Onkel George erfuhr. „Hab ich's mir doch gedacht! Ron hat ja immer den Verstand verloren, wenn ich einen neuen Freund hatte." Sie stupste Lilys Vater mit dem Ellbogen an und grinste. „Du kannst von Glück sagen, dass du sein bester Freund bist. Sonst hätte er dich wahrscheinlich umgebracht, als du mit mir Schluss gemacht hast."

„Er war auch so nicht sonderlich begeistert. Bei deinen anderen Trennungen ist er ja eher in die Luft gesprungen vor Freude", gab ihr Vater zu bedenken.

„Ja, weil ich nicht traurig war. Und er war froh, dass ich sie losgeworden bin." Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Wirklich beeindruckend, was Scorpius für starke Nerven hatte. Wenn mein Dad so gewesen wäre … oder du …"

Lilys Vater zuckte mit den Schultern. „Ihr könnt euch schon ganz gut wehren, wenn euch was nicht passt, dazu braucht ihr mich nicht." Trotzdem warf er Howard einen bedeutsamen Blick zu, woraufhin dieser schwer schlucken musste. Aber dann grinste ihr Dad nur, schlug Howard freundschaftlich auf die Schulter und forderte alle auf, mit ins Esszimmer zu kommen, wo auf Lily eine große Geburtstagstorte wartete, auf der eine 23 prangte.

Alles in allem war es ein sehr schönes Essen. Die Torte war fantastisch und die Geschenke genau das, was Lily gewollt hatte. Al und Tina schenkten ihr eine Aktentasche mit unendlich viel Stauraum, sodass sie all ihre Unterlagen übersichtlich ordnen konnte, James ein Paar Ohrringe, das sie vor ein paar Monaten gesehen hatte, ihr aber zu teuer gewesen war und ihre Eltern schenkten ihr mehrere Garnituren Bettwäsche, die Lily schon lange hatte kaufen wollen, weil sie nach ihrem Auszug aus dem Elternhaus sehr billiges Zeug besorgt hatte, aber nie dazu gekommen war, es zu ersetzen. Außerdem bekam sie einen Haufen Bücher, geschrieben von Zauberern und Muggeln, über die sie sich alle schrecklich freute, auch wenn sie keine Ahnung hatte, woher sie die Zeit nehmen sollte, alle zu lesen. Der Rest der Geschenke von der Familie trudelte immer im Laufe der Zeit ein, aber so lief das bei allen. So groß wie ihre Familie war, war es auch schwer, den Überblick zu behalten. Manchmal bekam einer von ihnen noch Monate später ein Geschenk, meistens von Hugo, wenn Tante Hermine oder Lily es versäumt hatten, ihn zeitnah zu erinnern.

Im Laufe des Nachmittags entschuldigte sich Al wortreich dafür, dass er so angetrunken gewesen war, als er Howard kennen gelernt hatte, was Howard fast peinlicher zu sein schien als die erste Begegnung. James versuchte wie Dominique, ihn in ein Gespräch über Quidditch zu verwickeln, hatte aber genauso wenig Erfolg damit. Also diskutierten sie am Ende vor allem über Politik, wovon James überhaupt nicht begeistert war, aber worüber Lily ewig sprechen konnte. Und es war schließlich ihr Geburtstag.

Im Großen und Ganzen war es ein erfolgreicher Tag gewesen und Lily war froh, dass sie Howard ohne Bedenken zu ihrer Familie mitnehmen konnte und es kein böses Blut gab nach der Beziehung ihrer Mum mit Howards Dad. Nur James schien nicht ganz so begeistert von ihrem neuen Freund zu sein, aber der war von niemandem begeistert, der kein Quidditchfan war.

Auf jeden Fall war das die beste Beziehung, die Lily je gehabt hatte. Howard hatte mit seiner Arbeit genug zu tun und es störte ihn nicht, wenn sie manchmal für ein paar Wochen von der Bildfläche verschwand, wenn sie sich tief in eine Story eingegraben hatte, die etwas mehr Recherche brauchte, oder wenn ihre Wochenenden nicht frei waren, weil sie auf eine Konferenz musste. Dafür telefonierten sie oft oder trafen sich zum Mittagessen. Es verging kaum eine Woche, in der sie sich nicht sahen, aber er war auch niemand, der zu sehr klammerte, sodass sie sich nicht eingeengt fühlte. Trotzdem war sie unendlich dankbar gewesen, dass er an einem düsteren Abend Ende Februar bei ihr übernachtet hatte. Sie hatten zusammen chinesisches Essen vor dem Fernseher gegessen, um etwas Zeit zusammen zu verbringen, weil besonders Lily in den vorigen zwei Wochen sehr eingespannt gewesen war und sogar den Valentinstag verpasst hatte. Sie hatte sogar extra sexy Unterwäsche gekauft und angezogen, war aber so müde gewesen, dass sie schon während des Essens eingeschlafen war.

Howard hatte sie ins Bett getragen, auf die Stirn geküsst und Anstalten gemacht, nach Hause zu gehen, aber Lily zog ihn stattdessen zu sich aufs Bett und kuschelte sich an ihn. „Bleib hier", murmelte sie schläfrig. „Dann können wir morgen noch Sex haben, bevor wir zur Arbeit müssen."

Howard strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie zärtlich auf die Wange. „Das ist doch nicht nötig."

Lily schüttelte entschieden den Kopf. „Doch, das ist nötig." Sie schlang die Arme fester um ihn. „Außer du willst nicht hierbleiben."

„Doch, natürlich", beeilte er sich zu sagen und zog die Decke über sie beide.

„Gut", sagte Lily zufrieden und war einen Moment später tief und fest eingeschlafen. Drei Stunden später wurde sie durch ein schrilles lautes Klingeln aus dem Schlaf gerissen. Erschrocken fuhr sie hoch und stieß mit Howard zusammen, der sich genauso abrupt aufgesetzt hatte. Beide rieben sich ihren schmerzenden Kopf, während Lily erst auf dem Nachttisch nach ihrem Zauberstab tastete, schließlich aufgab, als sie ihn nicht finden konnte und ihre Nachttischlampe per Hand einschaltete. Dann griff sie nach ihrem Handy, das neben der Lampe lag und ununterbrochen klingelte.

„Was ist denn?", fragte sie schlaftrunken und gleichzeitig stinksauer. Sie hatte in den letzten Wochen so wenig Schlaf bekommen, endlich konnte sie einmal in Frieden durchschlafen und dann das!

„Lily?", hörte sie die erstickte Stimme ihres besten Freundes.

„Hugo?", fragte sie sofort alarmiert. Hugo hatte sie noch nie angerufen, wenn er wusste, wie überarbeitet sie war. Aber er klang schrecklich. Da stimmte etwas nicht.

„Du musst sofort ins Mungos kommen", sagte er schniefend, während Lily schon aus dem Bett sprang. Howard schaute sie fragend an und stand dann ebenfalls auf.

„Was ist passiert? Ist jemand verletzt? Mum und Dad? Oder Onkel Ron und Tante Hermine?" Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr Dad oder Onkel Ron sich bei einem Einsatz verletzten und es gab genug gefährliche Menschen, die einen Groll gegen Tante Hermine hegten, weil die sie nach Askaban gebracht hatte.

„Nein, es ist Grandpa", erwiderte Hugo schluchzend. „Er hatte einen Herzinfarkt und man hat ihn nicht gleich gefunden und jetzt wissen sie nicht, ob er es schaffen wird. Rose sagt, es ist ziemlich ernst. Kannst du kommen? Bitte?"

„Ich bin gleich da", sagte Lily und suchte hektisch nach ein paar Schuhen und einem Pullover, den sie über ihren Schlafanzug ziehen konnte. Es kam ihr sehr surreal vor, dass sie immer noch die sexy Unterwäsche trug, die sie extra für Howard angezogen hatte, aber das war jetzt nicht mehr zu ändern.

„Was ist los, Lily?", fragte er besorgt und stand ebenfalls auf.

„Grandpa hatte einen Herzinfarkt und sie wissen nicht … Ich muss ins Mungos." Lily eilte ins Wohnzimmer und sah endlich ihren Zauberstab, den sie vor dem Essen dort liegengelassen hatte. Sie zuckte zusammen, als sie Howards Hand auf ihrer Schulter spürte.

„Soll ich dich hinbringen?", schlug er vor. „Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt nicht selbst apparierst."

Lily nickte nur und stopfte ihren Zauberstab in die Hosentasche. Vielleicht war es wirklich besser, wenn sie nicht selbst apparierte. In der Schule war es nicht ihre Stärke gewesen, auch wenn sie es mittlerweile im Schlaf konnte, aber in Stresssituationen war ihre Magie immer ein bisschen unberechenbar. Und das Wichtigste war, jetzt so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu kommen. Alles andere kam später.

Howard zog sich schnell seine Schuhe und Jacke an und umklammerte dann fest Lilys Arm. Einen Moment später standen sie in der Eingangshalle des Mungos und eilten zur gelangweilten Empfangshexe, die in einer Hexenwoche blätterte. Sie warf einen Blick auf Lily und Howard. „Weasley?", fragte sie. Lily nickte nur und die Frau nannte ihnen in dem gleichen gelangweilten Ton das Stockwerk und die Station. Manchmal war es doch von Vorteil, dass die ganze Zauberwelt wusste, wer man war.

Howard nahm Lilys Hand und zog sie zum Aufzug. Er drückte den Knopf für das richtige Stockwerk und führte sie dann durch eine Reihe von Gängen. Lily folgte ihm blind und war nur dankbar, dass sie nicht selbst den Weg finden musste. Und dann bogen sie um eine Ecke und standen vor einem Wartezimmer, das voll war mit Weasleys.

Hugo sah sie als erstes und fiel ihr sofort um den Hals. „Merlin sei Dank bist du da!", sagte er mit Tränen in den Augen.

„Lily!" Ihre Mutter tauchte hinter Hugo auf und Lily löste sich schnell von Hugo und warf sich sofort in ihre Arme.

„Mum! Wie geht's ihm? Was ist los? Was …?"

„Wir wissen auch nichts Genaues, mein Schatz", sagte ihre Mutter mit zitternder Stimme und strich ihr über die Haare. Ihr Vater hatte sich mittlerweile hinter ihre Mutter gestellt und sie lehnte sich dankbar an ihn. Zögerlich ließ sie Lily wieder los. „Mum hat ihn vor einer halben Stunde im Bad gefunden und sofort Hilfe gerufen und die Heiler tun, was sie können, aber … sie wissen nicht genau, wie lange er schon ohnmächtig war und tun, was sie können, aber …"

Lily wischte sich über die Augen und suchte ihre Cousine in der Menge. „Kann Rose nicht …"

„Rosie tut, was sie kann", sagte ihr Vater mit seiner beruhigenden Stimme und nahm ihre Hand. „Aber das ist nicht ihre Abteilung und sie kennt die Kollegen nicht." Rose war auf Fluchschäden spezialisiert, was das hier eindeutig nicht war. „Und am wichtigsten ist doch, dass die Heiler ihre Arbeit tun können und wir ihnen nicht in die Queere kommen."

„Es tut mir wirklich leid", hörte sie Roses Stimme aus einer Ecke. „Aber ich würde wirklich nur stören und ich kann auch nichts …" Sie brach ab und Lily konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Scorpius sie fest umarmte und sie sich an ihn klammerte.

„Schon in Ordnung, Rosie, wir verstehen das", sagte Onkel Ron in einem Tonfall, der allen Umstehenden klar machte, dass er etwas anderes nicht dulden würde. „Im Krankenhaus muss man immer warten. Jetzt ist es auch nicht schlimmer als damals."

„Damals?", fragte Lily verwirrt.

„Im Krieg", erklärte ihre Mutter und Lily konnte spüren, wie sie erschauderte. Ihr Vater legte einen Arm um ihre Schultern und rieb ihren Arm. „Da wurde er von Voldemorts Schlange gebissen, als er was für den Orden erledigt hat und damit der nicht auffliegt, musste damals alles um drei Ecken geregelt werden und sie haben ihn gerade noch rechtzeitig gefunden und wenn Harry nicht diese Verbindung mit Voldemort gehabt hätte, dann wäre Dad wahrscheinlich schon damals gestorben."

Ihr Dad seufzte. „Ja, das war es wert. Auch wenn durch diese Verbindung vieles … aber das war es wert", sagte er leise und schluckte. Tante Hermine, die Lily erst jetzt bemerkte, drückte tröstend seinen Arm und die beiden tauschten einen vielsagenden Blick.

„Damals mussten wir auch lange warten, und wir durften eigentlich gar nichts davon wissen, weil niemand wissen durfte, dass Harry diesen Draht zu ihm gehabt hatte und das waren auch schreckliche Stunden gewesen. Als Fred damals … als er … wenigstens wussten wir da sofort …" Ihre Mutter schüttelte den Kopf, wischte sich entschieden ein paar Tränen aus den Augen und straffte dann die Schultern. „Das wird schon", sagte sie dann mit festerer Stimme. „Die Heiler tun, was sie können. Und sie sind gut und wir sind keine Muggel. Wozu haben wir schließlich Magie, wenn nicht für sowas?"

„Soll ich euch was bringen?", erkundigte sich Howard zögerlich. „Kaffee, oder Wasser, oder was zu Essen …?"

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und lächelte ihn schwach an. „Das ist lieb von dir, Howard, aber da hinten ist ein Tisch mit Trinken und Snacks, das füllt sich alles von selbst auf, da kann man sich bedienen. Aber danke, dass du da bist."

Howard nickte betreten. Lily nahm seine Hand und drückte sie fest. Es war wirklich gut, dass er da war. Ohne ihn wäre sie niemals so schnell hier gewesen. Und auch jetzt war es beruhigend, dass er bei ihr war und ihr Halt gab.

In den nächsten Minuten tauchten Al und Tia auf, ebenfalls in Schlafanzügen, und ihre Eltern informierten auch sie. Noch einmal zwanzig Minuten später kam James schwer atmend angerannt, dicht gefolgt von Dominique. Seine Haare standen in alle Richtungen ab und er schaute seine Eltern ängstlich an.

„Es tut mir so leid, dass wir so spät sind, aber wir waren oben in Schottland und bis man diese Distanz appariert ist …" Je länger die Entfernung war, desto öfter musste man apparieren und gerade in diesem aufgebrachten Zustand war das nicht einfach. „Eigentlich sollten wir morgen – oder heute-", erklärte James nach einem Blick auf seine Uhr, „gegeneinander spielen, aber das fällt dann wohl weg." Seit Dominique und James beide professionell Quidditch spielten, war es immer ein besonderes Ereignis, wenn ihre beiden Teams aufeinandertrafen und zog besonders viele Zuschauer an.

Ihre Eltern informierten auch sie und dann suchte Dominique nach ihren eigenen Eltern und Geschwistern, die sich in einer anderen Ecke des Wartezimmers versammelt hatten. Grandma saß neben Onkel Bill, hielt eine Tasse Kaffee fest umklammert und starrte nur mit leerem Blick auf die Wand. Die ganze Familie hatte sich in kleine Untergruppen aufgelöst. Lily und Howard standen bei ihren Eltern, Al, Tia und James. Gleich daneben war Hugo, der manchmal abwesend nach Lilys Hand griff, während er mit der anderen Roses Schulter tätschelte, das Einzige, was er erreichen konnte, weil Scorpius sie fest im Arm hielt. Onkel Ron lehnte an Tante Hermine, Tante Audrey und Onkel George versuchten Onkel Percy zu beruhigen, der die ganze Zeit auf und abging, während Molly, ihr Mann Justin, und Lucy sich leise unterhielten. Roxanne liefen die ganze Zeit stumme Tränen über die Wangen und sie wurde von Tante Angelina, Fred und seiner Freundin Ellen fest umarmt. Ted hatte anscheinend seine Arbeit unterbrochen, denn er saß neben Victoire und Dominique in seinem Arbeitsumhang und redete beruhigend auf sie ein.

„Wo sind eigentlich die Kinder?", fragte Lily schließlich, als ihr auffiel, dass keiner von der jüngsten Generation da war.

„Andromeda hat sich bereit erklärt, ein paar Stunden auf sie aufzupassen. Hoffentlich wird ihr das nicht zu viel", erklärte ihre Mutter besorgt.

„Dora hat versprochen, ihr zu helfen, die macht das schon", sagte Scorpius zuversichtlich. Teds Großmutter war eine gern gesehene Babysitterin, besonders von ihren eigenen Urenkeln und den Kindern von Rose und Scorpius, die schließlich die Urenkel ihrer Schwester und somit ihre Urgroßnichte und -neffe waren. Aber auch Mollys Kinder hatten sie sehr gerne, schließlich war Andromeda auf Familienfeiern ein beliebter Gast und für die meisten so etwas wie eine zusätzliche Großmutter, so wie für Lily auch.

„Na hoffentlich. Aber ich habe ihr versprochen, ihr zu helfen, sobald ich etwas Neues weiß, was ich ihr sagen kann", erwiderte Lilys Vater. „Ich hoffe nur, dass ich ihr dann etwas Gutes sagen kann."

„Dad wird nicht so jung an einem Herzinfarkt sterben", sagte ihre Mum entschlossen. „Er hat zwei Kriege erlebt, da wird er jetzt nicht an einem Herzinfarkt sterben. Dafür ist er noch viel zu jung. Er ist ja noch nicht mal neunzig! Weasleys werden fast immer mindestens hundert, er hat also noch viel Zeit." Ihre Geschwister nickten bestätigend, während Lilys Vater ihr leicht amüsiert die Schulter tätschelte.

In der nächsten Stunde ließ das Adrenalin langsam nach, das sie alle durchschossen hatte und die ganze Familie saß in Grüppchen zusammen und starrte hoffnungsvoll und angespannt auf den Eingang zum Wartezimmer. Ted wurde um halb sechs von einem Kollegen weggeholt, um sich um einen schwierigen Zaubertrank zu kümmern. Schweren Herzens küsste er Victoire auf die Stirn und wies sie an, ihm sofort Bescheid zu sagen, sobald es etwas Neues über den Zustand ihres Großvaters gab.

Um halb acht bot Howard an, bei Lilys Arbeit Bescheid zu geben, dass sie heute wohl nicht kommen würde. „Würdest du?", fragte Lily dankbar. Sie hätte ihren Redakteur selbst angerufen, aber es gab nur in der Eingangshalle Handyempfang und sie hatte Angst, dass sie den Weg nicht zurückfinden würde. Oder hier irgendetwas verpasste, auch wenn sich seit ihrer Ankunft vor mehreren Stunden kein Heiler hier hatte blicken lassen.

Tia, Mollys Mann Justin und Louis' Frau Annie schlossen sich ihnen an. Da Louis und Victoire in der gleichen Abteilung arbeiteten, reichte eine Nachricht. Außerdem war es das Zaubereiministerium, solche Neuigkeiten verbreiteten sich innerhalb von einer Stunde. Dominique und James hatten geistesgegenwärtig in der Nacht noch eine Eule an ihre jeweiligen Teams geschickt. Und Lilys Eltern, Onkel und Tanten waren so hohe Tiere an ihren jeweiligen Arbeitsstätten, dass sie durchaus mal einen Morgen fehlen konnten.

„Vielen Dank", sagte Lily, als Howard und die anderen wieder zurückkehrten. Er setzte sich wieder neben sie und reichte ihr ihr Handy und einen Schokofrosch. Tia und Justin trugen gleich einen ganzen Berg von den Dingern und verteilten sie an alle Wartenden.

„Schokolade hat noch nie geschadet", erklärte Justin schulterzuckend und biss einem Frosch den Kopf ab. Ein oder zwei entwischten ihnen, aber James und Dominique, mit ihren täglich trainierten Reflexen, fingen sie schnell wieder ein. Nachdem alle aufgegessen waren, schauten sie sich die Sammelkarten an. Onkel Ron war überaus erfreut, dass es von ihm gleich drei Stück gab, während Tante Hermine und Lilys Vater nur jeweils einmal vertreten waren.

„Dumbledore gibt's gleich fünf Mal, also bild dir bloß nicht zu viel ein, Ron", erwiderte Onkel George augenverdrehend.

„Wen hast du denn?", fragte Lily James, während sie müde ihren Kopf an Howards Schulter lehnte, der ihr sanft durch die Haare strich. Seit James die Frösche eingefangen hatte, hatte er nichts mehr gesagt, was ihm ganz und gar nicht ähnlich sah. Er starrte nur abwesend auf Al und Tia, die Händchen hielten und zusammen ein Kreuzworträtsel in einer drei Monate alten Ausgabe der Hexenwoche lösten.

„Was?", fragte er stirnrunzelnd. Lily deutete auf die Schokofroschkarte, die er in der Hand hielt und hin- und herdrehte. „Ach so." Er hielt sie hoch. „Neville."

Lily schaute auf das schüchterne Lächeln ihres Lieblingslehrers und musste lächeln. Neville hatte im Unterricht immer so selbstsicher gewirkt und jede Klasse gut im Griff gehabt. Auch das Chaos, was in Gryffindor häufig herrschte, hatte ihm als Hauslehrer kaum jemals etwas ausgemacht. Es war anfangs ein wenig merkwürdig, ihn als richtige Autoritätsperson wahrzunehmen, schließlich kannte sie ihn schon, so lange sie denken konnte, aber man gewöhnte sich an alles. Und er war ein wirklich guter Lehrer gewesen, Kräuterkunde war nicht umsonst von vielen das Lieblingsfach. Und er hatte eine ähnlich beruhigende Wirkung auf Lily wie ihre Eltern und Onkel Ron und Tante Hermine. Solange er da war, würde alles gut werden. Sie nahm es als ein gutes Omen, dass er ihr auch jetzt begegnete, wenn auch nicht persönlich.

„Alles okay?", fragte sie James besorgt. James schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Du weißt schon, wie ich das meine." Natürlich war niemand von ihnen okay, aber die meisten hielten sich ganz gut. Sogar Grandma, die vor einer halben Stunde ihr Strickzeug hervorgeholt hatte. Der dunkelblaue Pullover, den sie gerade in Arbeit hatte, schien für Tante Fleur zu sein, so oft, wie Grandma ihn an Tante Fleurs Körper hochhielt, um ihn anzupassen. (Nicht, dass das nötig gewesen wäre, bisher hatte es noch keinen Pullover von ihr gegeben, der nicht wie angegossen gepasst hatte. Selbst bei ihren Urenkeln, und die wuchsen wie Unkraut.)

„Ja ja", seufzte James. „Wie sagt man so? Den Umständen entsprechend. Es ist nur … ich hab noch nie darüber nachgedacht, wie es ist, wenn Grandpa irgendwann nicht mehr da ist. Oder Grandma. Oder sonst jemand. Er war doch immer da. Wer würde Scorpius und Tante Audrey denn sonst mit seinen ganzen Muggelfragen nerven?" Abrupt wandte er den Kopf an und wischte sich über die Augen.

Lily nahm seine Hand und versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen, weil er sie so fest umklammerte. Sie konnte sich nicht erinnern, ihren großen Bruder schon jemals so aufgelöst gesehen zu haben. James war sonst nie aus der Ruhe zu bringen.

„Immerhin ist er noch nicht tot", versuchte sie das Ganze positiv zu sehen. „Keine Nachrichten sind doch bestimmt gute Nachrichten, oder?" Sie schaute zu Rose, die an Scorpius' Schulter ein Nickerchen gemacht hatte. Lily konnte nicht verstehen, wie Rose in so einer Situation schlafen konnte. Aber Lily hatte auch kein neues Baby und Rose war es als Heilerin wahrscheinlich gewohnt, in so ziemlich jeder Situation ein Nickerchen machen zu können.

Aber anscheinend hatte sie Lily trotzdem gehört, denn sie öffnete sofort die Augen. „Eigentlich schon, ja. Aber so genau kann man das nie sagen. Menschen sind unberechenbar, trotz allem Wissen, aller Magie und aller Tränke."

„Das wird schon", meldete sich plötzlich ihre Großmutter zu Wort, die bisher noch gar keinen Ton gesagt hatte. „Das wird schon. Wir haben schon so viel durchgemacht, hätten bei so vielen Gelegenheiten sterben können, heute wird das nicht passieren. Er wird doch nicht die ersten Schritte von David und Aiden verpassen. Und dir hat er versprochen, auf deiner Hochzeit mit dir zu tanzen, Lily, das Versprechen wird er nicht brechen. Das würde ihm nicht ähnlichsehen."

Lily biss sich auf die Lippe und zwang sich, ihre Tränen zu unterdrücken. Sie hatte schon genug geweint.

Eine halbe Stunde später schließlich stand Scorpius auf und verkündete, dass er bei Andromeda vorbeischauen würde, um ihr mit den Kindern zu helfen. Er küsste Rose auf die Stirn. „Sag mir Bescheid, wenn ihr was wisst." Rose schaute ihn unsicher an. „Ich kann sie nicht so lange mit einer so großen Rasselbande allein lassen. Außerdem ist Aiden noch so klein …"

Rose nickte. „Ich weiß. Es ist nur …" Sie hielt immer noch seine Hand und verstärkte ihren Griff noch, als er einen Schritt von ihr wegmachte. Scorpius beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie zärtlich auf den Mund. Er strich ihr über ihre immer buschiger werdenden Haare.

„Ich weiß, mein Schatz. Wenn was ist, sag mir Bescheid, ich komme so schnell ich kann zurück, aber ich kann Andromeda nicht so lange mit so vielen Kindern allein lassen."

„Ted kommt nach dem Ende seiner Schicht auch zu ihr", sagte Victoire. „Eigentlich hätte er schon um acht Schluss, aber er muss länger machen, weil er hier war, also eher gegen zehn."

„Vielleicht weiß er dann schon mehr", sagte Scorpius zuversichtlich. Er drückte ihre Hand, küsste Tante Hermine zum Abschied auf die Wange und winkte dem Rest der Weasleys zu, bevor er ging. Rose schaute ihm seufzend hinterher und ließ sich dann ohne Protest von ihrem Vater in den Arm nehmen.

„Hoffentlich macht Aiden nicht zu viel Theater. Über Nacht haben wir ihn bisher nur einmal weggegeben", murmelte Rose, während sie Scorpius hinterherschaute.

„Und das war eine sehr ereignisreiche Nacht", bestätigte Onkel Ron, der einen erschöpften Blick mit Tante Hermine tauschte. Anscheinend hatten sie ihren Enkel für die eine Nacht genommen.

„Ich hoffe nur, dass wir bald was wissen. Eigentlich müsste ich ihn spätestens in einer Stunde stillen, sonst muss ich abpumpen, und ich hab meine Milchpumpe vergessen", seufzte Rose. Die meisten Männer verzogen das Gesicht, aber das gehörte eben auch zu Babys dazu.

„Du kannst dir doch bestimmt hier irgendwo eine leihen, Rosie", erwiderte Onkel Ron. „Immerhin sind wir hier im Krankenhaus."

Rose verzog das Gesicht. „Ja, schon, aber das ist dann alles viel komplizierter, als es sein müsste …"

Glücklicherweise löste sich dieses Problem, als zwanzig Minuten später ein sehr müde wirkender Heiler auftauchte und sie alle darüber informierte, dass ihr Großvater endlich stabilisiert worden war und es so ausschaute, dass er es schaffen würde. Es würde noch ein paar Tage dauern, bis er aufwachen würde, da er starke Betäubungstränke bekam, um jeglichen Stress zu vermeiden. Nur ihre Großmutter durfte zu ihm und auch nur sehr kurz. Nach zehn Minuten kam sie wieder zu ihnen, mit roten Augen und tränennassen Wangen, aber einem Lächeln.

Alle fielen sich erleichtert in die Arme. Rose, Victoire, Annie und Louis, und Molly und Justin machten sich kurz darauf auf den Weg zu Andromeda, um ihre Kinder einzusammeln und nach Hause zu bringen, und der Rest der Familie entschloss sich, das nächste Restaurant mit Frühstück ausfindig zu machen, um gemeinsam zu essen. Danach gingen die meisten nach Hause, um den verpassten Schlaf nachzuholen.

Es dauerte zwar einige Monate, aber ihr Großvater wurde wieder vollständig gesund. Er musste zwar ein paar Tränke nehmen, um einen weiteren Infarkt zu vermeiden, aber solange er das tat, bestand eigentlich kaum eine Gefahr. Die ganze Familie atmete erleichtert auf. Es war merkwürdig. Wenn Lily an ihre Großeltern dachte, dann stand immer ihre Großmutter im Vordergrund. Sie hatte so eine starke Präsenz und war immer diejenige, die die Entscheidungen traf und ihre Kinder und Enkelkinder zurechtwies, wenn sie der Meinung war, dass etwas aus dem Ruder lief. Ihr Großvater hatte sich immer im Hintergrund gehalten. Er war immer gut gelaunt, stimmte immer ihrer Großmutter zu, wenn die nach seiner Meinung fragte, und behauptete die absurdesten Dinge über Muggel. Erst jetzt wurde ihr klar, wie wichtig er für die Familie war, was für einen Rückhalt und eine Sicherheit er ihnen allen gab. Sie wusste, irgendwann würde er sterben, so wie sie alle irgendwann sterben mussten, sofern sie keine Horkruxe hatten, aber Lily war sehr dankbar, dass es noch eine Weile dauern würde. Besonders, weil Hexen und Zauberer in der Regel sehr alt werden konnten, viel älter als Muggel, sofern sie nicht an unnatürlichen Sachen starben, so wie dem Avada Kedavra.

Und Lily war auch sehr dankbar dafür, dass Howard in diesen Momenten für sie dagewesen war. Wenn sie alleine gewesen wäre, als Hugo sie angerufen hatte, sie wusste nicht, ob sie in einem Stück im Krankenhaus angekommen wäre oder ihre Familie gefunden hätte. Und es war wirklich hilfreich gewesen, dass jemand an ihrer Seite gewesen war, der nicht so emotional involviert gewesen war wie alle anderen, der einen klaren Kopf behalten konnte und der sie getröstet hatte, ohne selbst getröstet werden zu müssen. Sie hätte wirklich nicht gewusst, was sie ohne ihn getan hätte.

TBC …