13. Dezember: Der Richtige?

Nach diesem Ereignis verbrachten Lily und Howard viel mehr Zeit zusammen als vorher. Mindestens einmal in der Woche schlief sie bei ihm oder er bei ihr und zusätzlich gingen sie mindestens einmal die Woche essen oder ins Kino oder ins Museum. Einmal waren sie sogar zusammen in den Zoo gegangen, den Lily schon als Kind gemocht hatte.

Im Sommer, als die meisten Politiker Pause machten und es keine Konferenzen gab, über die sie berichten musste, und Howard endlich seine Arbeit in den Malfoy-Verließen abgeschlossen hatte (und es ehrlich gesagt für sicherer hielt, für eine Weile außer Landes zu sein), fuhren sie sogar für zwei Wochen zusammen nach Italien in den Urlaub. Die meiste Zeit verbrachten sie damit, am Strand zu liegen und zu lesen. Es war herrlich erholsam und Lily konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal so entspannt gewesen war.

Das war nach ihrer Rückkehr dann allerdings sehr schnell wieder vorbei. Das britische und französische Ministerium gerieten in einen Riesenstreit über die Kesselbodendicke und es dauerte Monate, mehrere offizielle Staatsbesuche, Banketts, Krisensitzungen, und unzählige Berichte im Tagespropheten, bis sich die Wogen endlich geglättet hatten. Lily wusste zum Schluss besser über die Kesselbodendickebestimmungen jedes Landes in Europa Bescheid als Onkel Percy. Am Ende ergaben die Worte, die sie darüberschrieb, überhaupt keinen Sinn mehr und es war mehr als einmal vorgekommen, dass sie einen unkontrollierbaren Lachanfall bekam, wenn sie Zitate niederschrieb, die ernstzunehmende Politiker von sich gaben. Und sie hatte gedacht, die Muggelpolitik in der Welt war bescheuert!

Auch Howard war nach dem Urlaub sehr eingespannt, als die Politiker Zeit fanden, neben ihren Streitigkeiten über die Kesselbodendicke weitere Steuerreformen zu verabschieden, die ihn nicht beliebter machten bei den alten reichen Zauberfamilien. Was zur Folge hatte, dass Lily und Howard sich manchmal wochenlang nicht sahen. Sie telefonierten zwar häufig, aber meistens waren sie so erschöpft, dass sie mit dem Handy am Ohr einschliefen. Wenigstens schafften sie es, einmal im Monat ein Wochenende freizuschaufeln, das sie zusammen verbringen konnten. Sie nahm ihn manchmal mit zu ihren Familientreffen, er nahm sie mit zu seinen. Joseph hatte irgendwann mit Anna Schluss gemacht, auch wenn Lily nicht genau sagen konnte, wann, und brachte seinen neuen Freund mit, den Sucher von den Chudley Cannons. Onkel Ron fiel beinahe in Ohnmacht, als sie nebenbei erwähnte, dass sie ihn kennen gelernt hatte. Was lächerlich war, schließlich hatte er durch ihre Mutter, James und Dominique genug Kontakte in die Quidditchszene, die er hätte ausnutzen können. Aber manchmal vergaß er, dass er auch berühmt war, Schokofroschkarte hin oder her.

Als Lily Howard zur nächsten Weihnachtsfeier im Fuchsbau mitnahm, war er bereits ein alter Hase und nichts, was ihre Familie veranstaltete, konnte ihn noch beeindrucken oder schockieren. Auch wenn die Stimmung dieses Jahr ein wenig anders war und alle sich mehr als sonst um ihren Großvater scharrten. Sogar Onkel Charlie hatte sich mehrere Wochen frei genommen, um etwas Zeit mit der Familie zu verbringen.

Lily und Howard feierten ihren Geburtstag dieses Mal alleine, mit Essen in einem schicken Restaurant, einem Theaterbesuch und einer anschließenden Übernachtung in einem sauteuren Muggelhotel. Selten hatte Lily sich so erwachsen gefühlt, auch wenn die Theateraufführung ihrer Meinung nach das Geld nicht wert gewesen war. So toll war Shakespeare jetzt auch nicht, zumindest nicht Richard der Dritte.

Ihre Eltern hatten sich dieses Jahr entschlossen, eine große Silvesterparty in ihrem Haus zu schmeißen, um das überstandene Jahr zu feiern und zu hoffen, dass das nächste besser wurde. Außerdem war die Party auch so etwas wie eine inoffizielle Geburtstagsfeier für Lily und Al. (Wenn es nicht ihr richtiger Geburtstag war, sondern ein paar Tage später, störte es sie nicht, zusammen mit ihrem Bruder zu feiern. Außerdem war sie langsam zu alt, um sich so anzustellen, auch wenn sie insgeheim der Meinung war, dass es trotzdem ihr gutes Recht war, auf einen eigenen Tag zu bestehen.) Die beiden konnten sich vor Geschenken kaum retten und um Mitternacht küsste sie Howard stürmisch und war rundherum zufrieden.

Manchmal spielte sie mit dem Gedanken, ihn zu fragen, ob sie nicht zusammenziehen sollten, aber jedes Mal, wenn sie sich sahen, blieb ihr die Frage im Hals stecken. Außerdem fragte er sie auch nicht, also waren sie vielleicht einfach noch nicht so weit. Sie war schließlich erst vierundzwanzig, da musste man nichts überstürzen.

Trotzdem ließ ihr die Frage keine Ruhe.

„Wann wusstest du eigentlich, dass Scorpius der Richtige ist?", fragte sie Rose an einem warmen Tag Ende April. Sie saßen auf einer Decke in Roses großem Garten auf dem Rasen. Die vierjährige Diana versuchte, einen Fußball an Scorpius vorbei in ein provisorisches Tor zu kicken, das aus zwei Mülltonnen bestand, während Lily und Rose dabei zusahen, wie der anderthalb Jahre alte Aiden immer noch leicht unsicher versuchte, um sie herumzulaufen.

„Was?", fragte Rose abgelenkt, während sie Aiden genau im Auge behielt, als er sich plötzlich herunterbeugte und im Gras herumtastete, das Gleichgewicht verlor, auf dem Hosenboden landete, aber stolz einen Regenwurm in die Luft hielt. Etwas unsicher gab er ihn an Rose weiter, die Aiden überschwänglich lobte und den Wurm dann weit wegwarf. Währenddessen stellte Aiden sich vorsichtig wieder auf die Beine und schwankte dann mutig weiter um die Decke herum.

„Wann wusstest du, dass Scorpius der Richtige ist?", wiederholte Lily ihre Frage, während sie Aiden lächelnd anstarrte. Er war so ein süßer kleiner Junge, mit seinen blonden Haaren und seinem verschmitzten Lächeln. „Als ihr euch kennen gelernt habt?"

Rose schnaubte. „Wohl kaum. Dad hat uns doch alle ewig vor den bösen Malfoys gewarnt. Und als ich das erste Mal mit ihm gesprochen habe, hab ich gedacht, dass er Recht hat, weil Scorpius unbedingt wissen wollte, ob meine Großeltern Muggel sind und meine Mum muggelstämmig ist. Glaub mir, das Letzte, was ich da gedacht habe, ist, das ist mein zukünftiger Ehemann und der Vater meiner Kinder."

Sie zuckten zusammen, als sie Diana laut lachen hörten. Scorpius hatte anscheinend versucht, den Ball zu halten und war dann dramatisch in den Staub gefallen, als es ihm nicht gelungen war. Diana hüpfte jubelnd um ihren Vater herum.

„Und warum wollte er wissen, ob deine Großeltern Muggel waren?", fragte Lily stirnrunzelnd. Scorpius war der Letzte, der irgendwelche Vorurteile hatte. Sie kannte niemanden, der Muggel so liebte, wie er. Nicht mal Muggel mochten sich so gerne wie er sie.

„Oh, er wollte nur wissen, ob ich weiß, wie die letzte Folge von einer Staffel Big Bang Theory ausgegangen ist und ob ich den letzten Marvelfilm gesehen habe. Ich weiß noch, er war sehr enttäuscht, dass ich das nicht hatte und ihm seine Fragen nicht beantworten konnte." Lily lachte. Ja, das klang nach ihm. Rose schüttelte lächelnd den Kopf und packte dann Aiden am Kragen seines Pullovers, damit der Kleine nicht abhaute. „Das hat dann schon gereicht, um zu wissen, dass Dad total falsch lag. Aber dass er mal mehr sein könnte … das wusste ich damals ganz sicher nicht."

„Und wann wusstest du dann, dass er der Richtige ist?", wiederholte Lily die Frage.

Rose zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Gibt es überhaupt den Richtigen?"

Lily schaute Rose entsetzt an. Wenn es jemanden gab, den Lily als Traumpaar bezeichnet hätte, dann Rose und Scorpius. Die beiden waren schon durch dick und dünn gegangen und ihre Beziehung war die, die Lily am meisten beneidete. Nicht, weil sie insgeheim noch Gefühle für den besten Freund ihres Bruders hatte. Aber keine Beziehung kam ihr stärker vor als die von ihrer Cousine.

„Ich hätte schon gesagt, dass Scorpius der Richtige für dich ist", sagte sie leicht verstimmt. Sie wusste, dass Rose pragmatischer veranlagt als sie und ihr die kitschige Ader fehlte, die Lily zumindest gerne auslebte, wenn sie ihre kitschigen Liebesromane las.

„Ja, das ist er auch, aber bei dir klingt das so, als ob er der einzige auf der Welt wäre. Als ob es keinen anderen gäbe, der zu mir passen könnte", erwiderte Rose und kitzelte Aiden am Bauch. Der Kleine lachte und wandte sich in ihren Armen.

„Aber … warum bist du dann mit ihm zusammen?" Jetzt war Lily vollends verwirrt.

„Weil ich ihn liebe und mit ihm zusammen sein will. Ich will auch keinen anderen, so darfst du das jetzt nicht verstehen, aber ich find's Schwachsinn, dass es keinen anderen geben könnte. Wir sind zusammen, weil wir zusammen sein wollen, aber es gab so viele Momente, in denen es auch hätte schiefgehen können."

„Ach ja?"

„Oh ja, unzählige. Das fing schon damals an, als ich ihn dabei erwischt habe, wie er seine Exfreundin geküsst hat. Hat sich herausgestellt, dass sie ihn geküsst hat und ich nur im falschen Moment dazugekommen bin, aber ich hätte ihm auch nicht glauben können, nicht wahr? Oder Dads ständiges Misstrauen. Scorpius hätte locker irgendwann sagen können, dass er die Schnauze voll davon hat, dass Dad ihn nicht ausstehen kann. Oder als wir nach dem Abschluss zusammengezogen sind und dauernd gestritten haben, weil wir uns erst ans Zusammenleben gewöhnen mussten und zu wenig Zeit hatten. Ganz zu schweigen von dem Jahr, das er im amerikanischen Ministerium verbracht hat. Oder der ungeplanten Schwangerschaft und dass wir danach beide überfordert waren von einem Baby und unserer Arbeit. Glaub mir, da gab es genug Momente, wo wir das Handtuch hätten werfen können."

„Und warum habt ihr nicht?" Das klang alles andere als romantisch. Lily kannte zwar einige Details, die Rose gerade erwähnt hatte, aber so aufgelistet klang das gar nicht so prickelnd.

„Weil ich ihn nicht verlieren wollte und weil ich der Ansicht war, dass es sich lohnt, um das, was wir haben, zu kämpfen. Kann sein, dass das irgendwann mal anders sein wird, aber bisher …" Sie schaute zu Scorpius, der mittlerweile Diana ins Tor gestellt hatte und umständlich versuchte, den Ball so an ihr vorbeizuspielen, dass sie ihn aufhalten konnte. Sie lächelte ihn an und er lächelte so strahlend zurück, dass einem wirklich die Knie weich wurden. Scheiß Malfoys mit ihrem Scheiß Charme! Aiden war genauso, konnte einen mit einem Blick um den Finger wickeln. Was er auch prompt tat, als er sich aus Roses Umarmung löste und auf Lily zustolperte. Sie fing ihn geistesgegenwärtig auf, bevor er auf die Nase fallen konnte.

„Wahrscheinlich ist da irgendwo die Antwort auf deine Frage", sagte Rose schließlich. „Es gab für mich keinen Moment, wo ich ganz klar dachte, ‚der ist es', so wie deine Mum. Oder Al anscheinend. Ich wusste, dass ich Gefühle für ihn hatte und mit ihm zusammen sein wollte, wenn ich konnte, und dass mich niemand daran hindern würde. Und das war schon was Besonderes. Vor ihm war ich noch nie verliebt, auch wenn ich schon Freunde hatte. Und dieses Gefühl hat nie aufgehört. Als er mir damals direkt nach Amerika den Antrag gemacht hat … überrascht hat es mich schon sehr, aber ich musste keine Sekunde drüber nachdenken."

„Und das will schon was heißen", sagte Lily anerkennend. Rose war jemand, der alles durchdachte, alles abwägte, nie wirklich überstürzt etwas tat.

„Eben. Es war mir klar, dass es irgendwann darauf hinauslaufen würde, wenn auch eher unterbewusst, und als er gefragt hat, dachte ich nur, ‚natürlich will ich ihn heiraten. Was sonst?' Wenn du mich zwingen würdest, würde ich wahrscheinlich sagen, das war der Moment. Aber harte Arbeit ist es trotzdem."

„Was ist harte Arbeit?", fragte Scorpius schwer atmend. Er trug Diana auf dem Arm, die einen knallroten Kopf hatte und sich müde an die Schulter ihres Vaters lehnte. Auch Scorpius wirkte verschwitzter, als er nach Lilys Meinung sein sollte, dafür, dass er nur mit einer Vierjährigen Fußball gespielt hatte. Er ließ sich neben Rose auf die große Decke fallen und reichte Diana an Rose weiter, als das Mädchen sehnsüchtig die Arme nach ihrer Mutter ausstreckte.

„Deinen Sohn davon abzuhalten, sich Regenwürmer in den Mund zu stecken", erwiderte Rose und strich Diana ein paar Strähnen aus der Stirn.

„Er hat schon wieder welche gefunden?", fragte Scorpius ungläubig und musterte seinen Sohn. „Wie er das nur immer schafft …", murmelte er kopfschüttelnd.

„Scorpius, wann wusstest du, dass Rose die Richtige ist?", fragte Lily unvermittelt. Es war immer wichtig, mehrere Aussagen zu bekommen und zu vergleichen. Vielleicht würde die von Scorpius ihr mehr weiterhelfen als dieses Drumherumgerede von Rose. Sie hätte es besser wissen müssen als eine sinnvolle Antwort von ihrer Cousine zu erwarten.

„Als sie mich das erste Mal geküsst hat", erwiderte Scorpius wie aus der Pistole geschossen.

„Ach ja?", fragte Rose überrascht. „Wirklich?"

„Ja klar", erwiderte Scorpius nickend. „Ich meine, mir ist erst an dem Tag klar geworden, dass ich in dich verliebt war, aber … es hat mir damals den Boden unter den Füßen weggezogen, als du mich das erste Mal geküsst hast und das musste doch etwas bedeuten, oder? Außerdem war das die Hölle, als ich dachte, du trennst dich von mir, nachdem Carolina mich geküsst hat. Und wenn ich Ron ertragen konnte … und du meine Großeltern … wer soll denn sonst die Richtige sein?"

„Ja, wenn du das so sagst …", sagte Rose grinsend und küsste ihn zärtlich auf den Mund.

Lily verdrehte die Augen. „Deine Eltern sind unmöglich", flüsterte sie Aiden zu, der ihr unerklärlicherweise schon wieder einen Regenwurm unter die Nase hielt.

So amüsant und verliebt Rose und Scorpius auch waren, Lily half das nicht wirklich weiter. Genauso wenig wie Al, der nur sagte, dass er es „einfach gewusst hatte", was auch immer das bedeuten sollte. Ted und Victoire sagten, dass sie irgendwann so lange zusammen gewesen waren, dass es merkwürdig gewesen wäre, nicht zu heiraten, während Molly ihre Hochzeit wahrscheinlich als eine Methode gesehen hatte, Onkel Percy abzuwürgen, weil der nicht begeistert gewesen war, dass sie nach der Schule sofort mit Justin zusammengezogen war.

Aber sie … sie war gerne mit Howard zusammen. An ihrem ersten Jahrestag hatte er ihr gesagt, dass er sie liebte, und Lily hatte ohne groß nachzudenken „Ich dich auch" gesagt. Sie waren schon lange zusammen, sie verbrachte gerne ihre Zeit mit ihm, er war gut im Bett, natürlich liebte sie ihn. Wahrscheinlich war sie nur noch nicht so weit, mit ihm zusammenzuziehen, deshalb konnte sie ihn nicht mal fragen, ob er darüber nachdachte. Aber er sprach das Thema auch nie an, also nahm sie an, dass es ihm ähnlich ging. Und nur, weil Joseph schon nach ein paar Monaten mit seinem Freund zusammengezogen war, den er viel kürzer kannte als Lily Howard, hieß das noch lange nicht, dass sie es ihm nachmachen mussten. Joseph war anscheinend jemand, der sich kopfüber in eine neue Beziehung stürzen konnte, trotz negativer Erfahrungen. Howard war Lilys erste Beziehung, die länger als ein paar Monate ging, da konnte man ruhig etwas vorsichtiger sein. Und wahrscheinlich war es sowieso eher die Ausnahme, dass man es „einfach wusste", so wie Al.

Also entschloss Lily sich dazu, sich keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob Howard der Richtige war oder wann sie welchen nächsten Schritt wagen sollte. Sie würde es einfach auf sich zukommen lassen. Rose und Scorpius hatten auch nicht alles in ihrem Leben geplant und am Ende war es gut gegangen.

TBC …