14. Dezember: Widersprüche

Außerdem hatte Lily wirklich genug zu tun. Im Mai fand wieder eine große internationale Konferenz in Prag statt, über die sie berichten würde. Im Juli gab es dann noch eine viel größere in Rio de Janairo, an der fast die ganze Welt teilnahm, aber die war wahrscheinlich noch eine Nummer zu groß für sie. (Das war nicht ihre Meinung, aber bisher wurde sie immer nur zu Konferenzen der Abteilung der internationalen magischen Zusammenarbeit geschickt, und nicht zu denen, bei denen die Zaubereiminister und -ministerinnen zusammenkamen. Das war ja wohl eindeutig genug.)

Und dann passierte etwas, womit Lily nie im Leben gerechnet hätte, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt ihrer Karriere. Ihre Berichterstattung über die letzte Konferenz wurde für eine Goldene Feder nominiert. Die Goldene Feder war der wichtigste Preis, den man als Journalist in der Britischen und Irischen Zauberwelt gewinnen konnte. Ihre Mutter hatte den Preis schon zwei Mal gewonnen und Lily konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie die kleinen Statuen, natürlich in Form einer Goldenen Feder, im Regal im Wohnzimmer angestarrt und sich vorgestellt hatte, dass sie auch einmal so eine Statue bekommen würde, auf der dann ihr Name stehen würde. Und jetzt war es endlich soweit. Sie konnte es kaum glauben. Wahrscheinlich würde sie es erst dann wirklich glauben, wenn der Laudator tatsächlich ihren Namen sagte und ihr die Statue überreichte. Merlin sei Dank war das nicht wie bei den Oscars und die Gewinner wussten schon im Vorfeld Bescheid. Das war sowieso eine Veranstaltung für Journalisten unter sich. Was natürlich dazu führte, dass ausführlich darüber berichtet wurde. Schließlich wollte man sich selbst ausgiebig feiern. Die Gewinner wussten also schon vorher Bescheid, wurden aber unter Verschluss gehalten. So konnte Lily sich wenigstens ausgiebig darauf vorbereiten und würde an dem Abend nicht in Ohnmacht fallen.

Dann wurde sie allerdings mehr involviert, als ihr lieb war.

„Potter, du gehst heute zu Pauline Mitchell", sagte ihr Chefredakteur Anthony Goldstein zwei Tage vor der Verleihung der Goldenen Feder zu ihr. Lily hatte gerade den abschließenden Bericht zur letzten Konferenz und die Bewertung der daraus folgenden Beschlüsse in Druck gegeben und sich eigentlich darüber gefreut, wenigstens einmal früher Feierabend machen und endlich mit Howard Essen gehen zu können. Sie hatten ihre letzte Verabredung jetzt schon drei Mal verschieben müssen und nur einmal war Howards Arbeit Schuld gewesen. Sie waren bisher noch nicht einmal dazu gekommen, ihre Nominierung für die Goldene Feder zu feiern.

Howard klang zwar immer noch sehr verständnisvoll, aber mittlerweile konnte sie den vorwurfsvollen Unterton kaum noch überhören. Langsam bekam sie schon ein schlechtes Gewissen, auch wenn es nicht ihre Schuld war, wenn sie länger arbeiten musste. Ihre Arbeit war eben keine Arbeit, die sich immer in reguläre Stunden einteilen ließ. Und sie war immer noch besser als Teds Arbeit im Krankenhaus, wo sie so unterbesetzt gewesen waren, als er angefangen hatte, dass er im ersten Jahr vielleicht drei freie Tage im Monat gehabt hatte. Gut, dass er damals noch nicht mit Victoire zusammen gewesen war.

„Was?", fragte sie erstaunt. „Ich dachte Sidney geht zu ihr. Der ist doch für den gesellschaftlichen Teil zuständig." Seit zwei Jahren hatte sie nichts mehr für den Gesellschaftsteil schreiben müssen und sie hatte wirklich gehofft, dass diese Zeit endgültig hinter ihr lag.

„Das ist mir auch klar, Potter, aber er war gestern Skifahren in den Schweizer Alpen und hat sich den Fuß so kompliziert gebrochen, dass die ihn bis übermorgen dort im Krankenhaus behalten wollen", erklärte Anthony genervt.

Lily verdrehte die Augen. Nur weil Sid so ein Interesse an diesem blöden Muggelsport hatte und sogar mitten im Mai in irgendeiner neumodischen Halle mitten im Frühjahr Ski fahren ging, obwohl er es offensichtlich nicht konnte, durfte sie noch mehr Arbeit erledigen. Dabei hatte sie in der letzten Woche ihre Wohnung kaum von innen gesehen, so viel Zeit hatte sie in der Redaktion verbracht. Scheiß Sidney mit seinem scheiß Skifahren!

„Ich weiß, dass du für die Außenpolitik zuständig bist, Lily", sagte Anthony verständnisvoll und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Aber du bist die beste Reporterin hier, die schon fertig ist mit ihrer Arbeit für heute und noch nicht nach Hause gegangen ist." Lily schnaubte. Was für ein hohes Lob von ihrem Chef! Er zwinkerte ihr zu und sie rang sich ein Lächeln ab. Und lustig war er auch nicht wirklich. Zumindest nicht dann, wenn er ihr noch mehr Arbeit aufhalste. „Und die anderen haben genug damit zu tun, ihre Stories bis zum Redaktionsschluss zu beenden", fuhr er fort. „Außerdem lieben dich die alten Frauen, das hab ich oft genug sehen können." Was mitunter ein Grund gewesen war, dass sie so lange im Gesellschaftsteil festgesteckt hatte. Es stimmte, sie konnte ganz gut mit alten Damen, besonders, weil die immer viel zu erzählen hatten, aber Lily war sich nie sicher, ob ihr Nachname da nicht auch eine große Rolle spielte.

Sie seufzte. „Gibt es nicht noch irgendjemand anderen? Danny ist doch auch schon fertig mit seinem Artikel, oder?" Sie schaute zu dem Schreibtisch, der ihrem Kollegen Daniel Thomas gehörte. Doch der Stuhl war leer. Scheiße. Sie hätte schwören können, dass er noch dagewesen war, als sie das letzte Mal von ihrem Artikel aufgeschaut hatte. Dann war wohl noch mehr Zeit vergangen, als sie gedacht hatte.

„Ich würde ihn gerne schicken, aber er ist schon vor einer halben Stunde gegangen", erwiderte er schulterzuckend. „Bitte, Lils. Der Termin steht seit zwei Wochen fest und Pauline wird sich weigern, einen anderen Termin zu akzeptieren. In der Hinsicht ist sie stur wie ein Hippogreif. Sie findet, da sie uns mit der Goldenen Feder so viel Ehre erweist, können wir ihr auch etwas entgegenkommen."

„Und wenn ich schon was vorhätte?", wollte Lily wissen. Sie wusste, dass sie letztendlich nachgeben würde, aber sie wollte es zumindest versucht haben. Damit sie Howard nicht komplett ins Gesicht lügen musste.

„Dann würdest du es verschieben müssen", sagte er kompromisslos. „Ich weiß, es ist scheiße, aber ich brauche den Artikel morgen, du bist die zuverlässigste und wie gesagt, du bist schon fertig und noch da." Er wies auf ihre Kollegen, die alle noch die Federn über ihre Pergamente fliegen ließen oder hektisch hin und her liefen. Sie seufzte. Sie hatte hart gearbeitet, um zu den Besten zu gehören und es wurde auch mehr als gewürdigt, aber dadurch blieb ihr Privatleben häufiger auf der Strecke als ihr lieb war. „Außerdem bin ich hier der Chef und muss mich nicht rechtfertigen. Glaubst du, für mich war das anders, als ich in deinem Alter war? Meine Exfreundin ist aus unserer Wohnung ausgezogen und hat nur einen Zettel dagelassen und mir ist das erst nach zwei Wochen aufgefallen."

„Wow", sagte Lily unwillkürlich und kniff sich unauffällig in den Arm, um nicht laut loslachen zu müssen. „Also schön", gab sie sich geschlagen, als Anthony sie auffordernd anschaute. „Hat Sid wenigstens schon einen Fragenkatalog entworfen? Du weißt, dass ich gut bin, aber mich in so kurzer Zeit in dieses Thema einzuarbeiten, das schaffe ich nicht." Sie wusste, dass Pauline Mitchell die Sponsorin von der Goldenen Feder war und dass sie anlässlich der Preisverleihung am Mittwoch interviewt werden sollte, aber das war auch schon alles. Und wenn Lily eins hasste, dann war es, unvorbereitet in ein Interview zu gehen. Aber auch wenn sie den Preis schon lange haben wollte, hatten die Hintergründe sie bisher eigentlich kaum interessiert. Dazu gab es viel zu viel, worüber sie sich in der internationalen Politik auf dem Laufenden halten musste. Und sie machte aus Prinzip einen großen Bogen um den Gesellschaftsteil, wenn sie nicht dafür schreiben musste, weil ihre Familie da für ihren Geschmack viel zu häufig auftauchte.

Anthony nickte und reichte Lily einen Stapel Pergamente, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. „Sid hat schon alles vorbereitet. Seine ganzen Recherchen und Fragen sind hier, genau wie die vorigen Artikel über Pauline Mitchell. Du bist eine schnelle Leserin, du solltest dir den nötigen Überblick noch bis sieben Uhr verschaffen können." Es war halb fünf, da sollte das machbar sein. Aber anstelle des leckeren Essens beim Italiener, auf das sie sich schon eine Woche gefreut hatte, würde es wohl ein Muffin von dem Bäckereistand in der Eingangshalle tun müssen, da sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.

Lily nickte und nahm seufzend die Pergamente entgegen. Sie legte sie auf ihren vollen Schreibtisch und überflog sie rasch. Sid hatte sich anscheinend ziemlich gut vorbereitet und selbst wenn sie es nicht schaffen würde, sich in die Materie gut genug einzulesen, dann würden seine Fragen gut genug sein, um durchzukommen. Hintergründe konnte sie immer noch nach dem Interview herausfinden. Eigentlich war es unnötig, Pauline Mitchell jedes Jahr aufs Neue zu interviewen, schließlich änderte sich nicht viel. Aber da sie den Preis sponsorte und man nicht wollte, dass sie auf die Idee kam, es irgendwann sein zu lassen (es gab auch noch eine kleine Summe Preisgeld zusätzlich zu der Statue, was zumindest etwas komfortablere Hotelzimmer und besseres Essen bedeutete, etwas, was nicht zu verachten war, wie sie mittlerweile festgestellt hatte), wollte man sich mit Pauline Mitchell gut stellen.

Lily warf einen Blick auf ihre Uhr und begann auf dem Schreibtisch nach ihrem Handy zu suchen. Einen Moment lang hielt sie es in der Hand und überlegte, ob sie Howard anrufen und ihm sagen sollte, dass sie es nicht schaffen würde. Aber das würde nur eine Diskussion zur Folge haben und sie noch mehr von ihrer knapp bemessenen Zeit vor dem Interview kosten.

Seufzend entschied sie sich dafür, eine Nachricht zu schreiben. Es war zwar feige, aber das war ihr im Moment egal. Nach der Preisverleihung würde sie zumindest das Wochenende freihaben und dann konnte sie endlich wieder gutmachen, dass sie sich im letzten Monat so wenig gesehen hatten. Dann stand sie seufzend auf, um sich ihren Muffin zu holen und dann die nächste Stunde in das Leben von Pauline Mitchell einzuarbeiten. So hatte sie sich den Abend wirklich nicht vorgestellt.

/-/

Lily warf einen Blick auf ihr Pergament, um sicher zu gehen, dass sie das richtige Haus erwischt hatte. Die Nummer stimmte überein, sofern sie das in dem strömenden Regen, der vor kurzem eingesetzt hatte, beurteilen konnte. Am Morgen war ein strahlend schöner Tag gewesen, deshalb hatte Lily nur ihren leichten Umhang dabei, den sie sich über den Kopf hielt, aber dennoch konnte sie nicht verhindern, in den fünf Minuten, die sie von der nächsten Apparierstelle zu diesem Haus gebraucht hatte, bis auf die Knochen nass wurde. Merlin sei Dank war ihre Aktentasche wasserdicht, sonst hätte sie sich gleich die Kugel geben können.

Sie kämpfte mit dem schnuckeligen Gartentor, das sie am liebsten in die Luft gejagt hätte, weil es klemmte und sie eigentlich keine Hand freihatte, und eilte dann den Weg durch den Vorgarten zur Haustür hoch. Ein Adlerkopf prangte an der Tür und hielt einen Türklopfer im Schnabel. Wenn sie genau hinsah, konnte sie erkennen, wie der Adler ihren Aufzug missbilligend beäugte. Lily hoffte nur, dass das blöde Ding nicht so funktionierte wie der Eingang zum Ravenclawturm. Einmal hatte sie Lucy dort besuchen wollen und sie hätte schreien können, als sie die Frage von dem blöden Vieh nicht hatte beantworten können. Aber es passte zu den Mitchells. Wie sie aus Sids Recherchen entnehmen konnte, war die Familie schon seit Urzeiten in Ravenclaw. Sie war nur dankbar, dass ihre eigene Familie nie so stolz auf Gryffindor gewesen war, dass sie sich verpflichtet gefühlt hätten, irgendwo einen Löwen aufzustellen. Dass Hugo eine Weile nur Godric genannt werden wollte, war wohl das größte Eingeständnis gewesen, und das hatte weniger damit zu tun gehabt, dass Hugo so ein Fan von dem Haus gewesen war und mehr damit, dass er den Namen als Fünfjähriger einfach cool gefunden hatte.

Glücklicherweise verzichtete der Adler hier auf irgendwelche philosophischen Fragen und sie konnte einfach anklopfen. Die Tür ging auf, doch anstelle von Pauline Mitchell, die Lily eigentlich erwartet hatte, da sie wusste, dass die alte Dame alleine lebte, stand ein junger Mann vor ihr. Ein gutaussehender junger Mann. Ein wirklich sehr gutaussehender junger Mann. Er hatte wahnsinnig schöne schokoladenbraune Augen, kurze braune Haare, die aber nicht zu kurz waren, und ein fantastisches Lächeln, bei dem ihr doch tatsächlich die Knie ein wenig weich wurden. Was aber auch daran liegen konnte, dass sie vom Regen mittlerweile wirklich durchweicht worden und kurz davor war, sich eine Lungenentzündung zu holen. Wenn sie gewusst hätte, dass der Abend sich so entwickeln würde, hätte sie sich nicht von Anthony überreden lassen. Sie hätte jetzt genauso gut eine Lasagne essen und mit gutem Wein anstoßen können. (Nicht, dass sie wirklich wusste, was guter Wein war, aber als Erwachsene musste man wenigstens so tun, nicht wahr?) Aber wenigstens wurde sie mit dem Anblick eines wirklich sehr gutaussehenden Mannes belohnt. Nicht, dass Howard nicht gutaussah, aber der hier …

Sie blinzelte ein paar Mal und war sogar versucht, sich in den Arm zu kneifen, um sicher zu gehen, dass sie nicht träumte, aber das wäre dann doch zu verrückt gewesen. Also räusperte sie sich nur laut und fing an zu lächeln, so gut es ging, während ihr das Wasser in die Schuhe lief. Das Lächeln von dem Mann wurde noch größer und Lily hätte sich beinahe an dem Türrahmen abgestützt. Sie sah, wie sein Blick an ihr herunter und wieder heraufwanderte. Sie musste ein wirklich armseliges Bild abgeben.

„Hi", sagte sie schließlich und reichte ihm die Hand, mit der sie gerade an die Tür geklopft hatte, während sie mit der anderen mühsam ihren Umhang über den Kopf hielt. Er ergriff sie und sofort breitete sich Wärme in Lilys Bauch aus. Huh. „Ich bin wegen des Interviews mit Pauline Mitchell hier."

Der Mann runzelte die Stirn. „Ich dachte, dass ein gewisser Sidney Stuart das Interview führen würde."

Lily nickte. Merlin, klang diese Stimme sexy. Das hatte sie auch noch nie erlebt, dass sie eine Stimme sexy fand. „Ja, das stimmt auch. Aber Sid hatte leider einen kleinen Unfall und kann deshalb nicht kommen. Ich bin der Ersatz. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich eine gute Reporterin bin und Sid würdig vertreten werde."

Der Mann nickte und drückte ihre Hand fester. „Da bin ich mir sicher", erwiderte er, immer noch mit diesem Killerlächeln. Er ließ ihre Hand erst los, nachdem sie ihn flehentlich angeschaut hatte.

„Kann ich bitte reinkommen? Ich bin jetzt schon von oben bis unten nass."

Er schüttelte kaum merklich den Kopf und nickte dann entschieden. „Natürlich, entschuldigen Sie bitte", sagte er rasch und trat zur Seite. Lily schlüpfte dankbar an ihm vorbei ins Haus und streifte ihren klatschnassen Umhang ab. Ihre sonst strahlend roten Haare hatten durch das Wasser einen braunen Farbton angenommen und hingen ihr in triefenden Strähnen ins Gesicht, während das schöne blauweiß gepunktete Sommerkleid, das sie sich heute Morgen optimistisch angezogen hatte, wie eine zweite Haut an ihr klebte. Der Mann nahm ihr hilfsbereit ihren Umhang ab und hängte ihn, tropfend wie er war, an den Garderobenständer. Lily hatte mittlerweile ihre Aktentasche geöffnet und suchte in dem organisierten Chaos nach ihrem Zauberstab, damit sie sich einigermaßen trocken zaubern konnte.

„Meine Großmutter ist im Wohnzimmer. Ich sollte Sie vielleicht warnen." Lily schaute ihn verwundert an. Wovor warnen? Laut Sidney war sie eine umgängliche sympathische alte Dame, die Lily ein bisschen an ihre eigene Großmutter erinnerte. „Meine Großmutter erwartet einen jungen Mann und hat sich dementsprechend herausgeputzt. Nehmen Sie es ihr nicht übel, wenn sie etwas enttäuscht ist."

Lily lachte. "Bestimmt nicht." Bei Sidney wäre sie da sowieso nicht auf ihre Kosten gekommen. Schweren Herzens wandte sie den Blick wieder von ihm ab und fand ihren Zauberstab schließlich zwischen zwei Akten eingeklemmt. Kein Wunder, dass er verrutscht war, so wie sie durch den Regen gerannt war. Normalerweise war ihre Aktentasche sehr zuverlässig, aber für Sprints war sie nicht gedacht. Triumphierend zog sie ihn heraus und grinste, als sie sein amüsiertes Lächeln sah. Vielleicht waren ihre weichen Knie doch nicht nur vom Regen. „Sie haben mir Ihren Namen gar nicht gesagt", brach es unwillkürlich aus ihr heraus. Es war ihr egal, ob sie unhöflich war, aber sie wollte ihn nicht weiter nur als „den Mann" in ihren Gedanken bezeichnen.

„Henry", erwiderte er sofort. „Henry Mitchell."

Lily nickte lächelnd. Henry ... Ein schöner Name, der zu diesem schönen Mann wie die Faust aufs Auge passte.

„Und Sie? Sie heißen doch nicht Sidney Stuart, oder?"

Lily schüttelte den Kopf und zauberte dann endlich ihre Kleidung und ihre Haare wieder trocken. Sie wandte diesen Spruch nur sehr ungern an, weil ihre Haare danach immer in alle Richtungen abstanden und sie sie dann doch nur wieder waschen und auf herkömmliche Art trocknen musste, aber sie konnte sie schließlich nicht so lassen. Das würde einen noch schlechteren Eindruck auf Pauline Mitchell machen. Was ihr Enkel von ihr dachte, wollte sie sich gar nicht vorstellen, auch wenn er ihr im Moment sehr wohlgesonnen zu sein schien.

„Ich bin Lily. Lily Potter", sagte sie und verstaute ihren Zauberstab wieder in ihrer Tasche. Sie unterdrückte den Impuls, ihm erneut die Hand zu reichen. Das wäre nun wirklich lächerlich gewesen. Als sie wieder aufschaute, konnte sie gerade noch verwirrt sehen, wie das strahlende Lächeln von seinem Gesicht verschwand und ein finsterer Blick in seine Augen trat.

„Oh", sagte er nur tonlos und drehte sich auf dem Absatz um. Sie folgte ihm verwirrt. Was war das jetzt? Aber bevor sie ihn darauf ansprechen konnte, klopfte er laut an eine Tür und öffnete sie dann, als sie ein „Herein" hörten. Ohne Lily noch eines Blickes zu würdigen trat er zur Seite und verschwand hinter einer anderen Tür. Perplex schaute sie ihm hinterher. Wer hatte ihm denn in den Kürbissaft gespuckt? Von einer Sekunde auf die andere hatte sich die Atmosphäre zwischen ihnen völlig verändert, ohne dass Lily auch nur im Entferntesten hätte sagen können, was der Anlass dafür gewesen war. Sie schüttelte den Kopf und trat dann ins Wohnzimmer, wo eine leicht übertrieben geschminkte Dame, die Lily auf Mitte siebzig schätzen würde (sie wusste allerdings, dass sie bereits dreiundachtzig war) auf einem gemütlichen Sofa saß und sie freundlich anlächelte. Ihr Enkel hatte ein ganz ähnliches Lächeln gehabt, bevor es verschwunden war.

Aber obwohl Pauline Mitchell enttäuscht darüber zu sein schien, dass kein junger scharfer Mann in der Tür stand, behielt sie das herzliche Lächeln, das ihre Lippen umspielt hatte.

„Guten Abend, Mrs Mitchell", begrüßte Lily die Dame und ging mit ausgestreckter Hand auf sie zu. Mrs Mitchell hatte einen stärkeren Händedruck, als Lily ihr zugetraut hätte. „Ich freue mich sehr, dieses Interview mit Ihnen machen zu dürfen."

Mrs Mitchell nickte. "Ich hab das wohl falsch verstanden", sagte sie mit nur einem Hauch von Enttäuschung und deutete auf den Plüschsessel ihr gegenüber. "Ich habe gedacht, dass dieser Sidney ein Mann ist."

„Oh, das ist er auch", beeilte sich Lily, ihr zu versichern. „Das ist er. Aber er hat großen Gefallen am Skifahren gefunden, obwohl er dafür überhaupt kein Talent hat und deshalb ist er momentan noch in einem Krankenhaus in der Schweiz. Er wollte wirklich zu diesem Interview kommen, aber die Heiler haben ihn nicht weggelassen", erklärte sie entschuldigend. „Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich mich bemühen werde, ihn zu vertreten. Ich habe gründlich recherchiert und ich bin eine gute Journalistin."

Mrs Mitchell ergriff Lilys Hand erneut und drückte sie aufmunternd. „Das glaube ich Ihnen, meine Liebe. Ich zweifle überhaupt nicht an Ihrer Qualifikation. Ich bin nur schon recht schlecht zu Fuß und bekomme sehr selten junge, gutaussehende Männer zu sehen." Sie lächelte etwas beschämt, aber Lily fand es einfach nur amüsant. Mit achtzig war man schließlich noch nicht tot, was sprach denn dagegen, wenn man gerne einen schönen Mann sah? Auch wenn sie dann bei Sidney so oder so enttäuscht gewesen wäre.

Lily war drauf und dran zu widersprechen, da Henry wirklich fantastisch aussah, aber es war wohl etwas anderes, da er ihr Enkel war. Sie räusperte sich und beugte sich verschwörerisch zu Mrs Mitchell. „Wenn es Ihnen hilft, Sid ist wirklich keine Augenweide. Entgangen wäre Ihnen da sehr wenig, außer Sie sehen so schlecht, dass Sie ihn sich zusammenfantasieren können."

Mrs Mitchell lachte. „Leider sehe ich noch perfekt." Sie seufzte. „Naja, dann warte ich eben wieder auf den Muggelpostboten. Ich hab extra die Times abonniert, nur damit ich täglich diesen süßen Knackarsch sehen kann." Sie kicherte mädchenhaft und zwinkerte Lily zu. Lily grinste. Dann schlug die alte Dame sich die Hand vor den Mund. „Herrje, das schreiben Sie doch jetzt hoffentlich nicht in Ihrem Artikel?! Mein Enkel denkt, dass ich die Zeitung aus Interesse an der Muggelwelt lese. Dabei lege ich damit immer nur den Eulenkäfig aus." Lily verkniff sich das Lachen. Deshalb liebte sie alte Damen. Die nahmen selten ein Blatt vor den Mund.

„Keine Sorge, das bleibt unter uns", versicherte sie ihr. Diese Frau gefiel ihr. Grandma Molly hätte ihren Spaß mit ihr. Sie würde James sagen müssen, dass er zur Preisverleihung seinen engsten Festumhang anziehen sollte, damit Mrs Mitchell wenigstens dort auf ihre Kosten kam.

Dann runzelte Mrs Mitchell die Stirn. „Haben Sie mir Ihren Namen gesagt?"

Lily schüttelte den Kopf. Wieso vergaß sie heute ständig, ihren Namen zu nennen? „Ich bin Lily Potter." Sie hielt den Atem an, um zu sehen, ob Mrs Mitchell's Lächeln auch verschwinden würde, so wie das von Henry verschwunden war. Und sie hatte Recht. Das Lächeln verschwand und Mrs Mitchells Augen wurden groß.

„Sie sind Lily Potter?" Lily biss sich auf die Lippe und nickte. Würde sie jetzt rausgeschmissen werden? Das war ihr noch nie passiert, auch wenn nicht jeder begeistert von ihrer Familie gewesen war. Aber sie war professionell und das wussten alle schnell zu schätzen. „Sie sind die Reporterin, die diese ganzen Sonderbeilagen zu den Konferenzen zwischen dem britischen und dem französischen Ministerium geschrieben hat?" Lily nickte überrascht. Mrs Mitchell klang beinahe ehrfürchtig. So wie Leute klangen, die ihren Dad zum ersten Mal sahen. „Ich habe alle Ihre Artikel gelesen. Sie sind eine fantastische Reporterin. Ich habe in den letzten Jahren kaum einen außenpolitischen Artikel gelesen, der so gut war wie Ihre." Sie schaute auf Lilys Hand, die sie immer noch mit ihren beiden festhielt. „Es ist mir eine Ehre, von Ihnen interviewt zu werden."

"Oh." Lily lächelte peinlich berührt und wandte den Blick ab. In diesem Moment konnte sie ihren Dad voll und ganz verstehen, wenn er nach den ganzen Lobpreisungen den Leuten versicherte, dass er wirklich nur ein normaler Mensch war, der getan hatte, was getan werden musste, und dass die wahren Helden alle anderen waren, die im Krieg gekämpft und zum Teil ihr Leben gelassen hatten. Es war wirklich keine so große Sache. Und sie war keine so brillante Reporterin wie Mrs Mitchell jetzt sagte. Sie war gut, das wusste sie, aber sie wusste auch, dass sie noch sehr viel besser sein konnte und in ein paar Jahren mit mehr Erfahrung auch sein würde. Man lernte schließlich immer dazu. „Das ist wirklich lieb von Ihnen, Mrs Mitchell, aber so gut bin ich wirklich nicht."

Mrs Mitchell schüttelte vehement den Kopf. „Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel, Miss Potter. Sie sind eine hervorragende Reporterin und völlig zurecht für eine Goldene Feder nominiert."

Lily wurde rot und räusperte sich, um den Moment zu überspielen. „Vielen Dank für die Lorbeeren. Da muss ich mich ja sehr bemühen, Sie auch in Zukunft nicht zu enttäuschen."

„Oh, da habe ich keine Zweifel, Liebes", erwiderte sie überzeugt. Sie atmete tief durch, richtete sich auf und strich ihre Bluse glatt. Dann schaute sie Lily erwartungsvoll an. „Wollen wir dann mit dem Interview anfangen? Ich will Sie nicht zu lange hier festhalten, Sie haben sicher noch viel zu tun."

Lily lächelte. „Keine Sorge. Es dauert so lange, wie es dauert. Guter Journalismus braucht auch Zeit." Mrs Mitchell nickte ehrfürchtig. Während Lily in ihrer Aktentasche nach Pergament und ihrer Glücksfeder suchte, die auch nicht mehr an ihrem Platz war, rief Mrs Mitchell nach Henry, der einen Moment später den Kopf durch die Tür steckte, aber nicht ins Wohnzimmer kam. Er lächelte seine Großmutter liebevoll an, bevor er Lily einen finsteren Blick zuwarf. Lily schaute noch tiefer in ihre Tasche und begutachtete aufmerksam ihre Haarbürste. Die hätte sie vor zehn Minuten brauchen können. Jetzt waren ihre Haare auch nicht mehr zu retten.

„Kannst du Ms Potter und mir bitte den Tee bringen?", bat sie Henry. „Der hätte doch schon längst fertig sein müssen …"

„Oh, Mrs Mitchell, das ist wirklich nett von Ihnen, aber Sie müssen sich wirklich keine besonderen Umstände -" Das war wirklich nicht notwendig. Außerdem war ihr der Blick von Henry sehr unangenehm. Er sah so aus, als würde er sie am liebsten sofort vor die Tür setzen. Es war, als wäre er zu einem völlig anderen Menschen geworden als vor einer Viertelstunde, als er ihr gut gelaunt die Tür geöffnet hatte.

„Papperlapapp. Machen Sie einer alten Frau eine Freude und trinken Sie ein Tässchen mit mir. Wenn ich schon keinen jungen Mann zu Gesicht bekomme, dann bleiben Sie doch wenigstens noch eine Weile. Sie müssen mir unbedingt von der letzten Konferenz erzählen. Das war doch sicher sehr spannend."

Lily seufzte ergeben. Es war ja schon sehr schmeichelhaft, dass sich jemand so für ihre Arbeit interessierte. „Also gut. Aber zuerst bitte das Interview. Mein Chef wird mich umbringen, wenn ich ihm morgen Nachmittag keines liefern kann."

Mrs Mitchell klatschte begeistert in die Hände und scheuchte Henry in die Küche. „Natürlich, natürlich. Schießen Sie los. Fragen Sie mich, was Sie wollen."

Lily überflog die Fragen, die Sidney sich notiert hatte und die, die sie noch hinzugefügt hatte. Sie atmete einmal tief durch und nahm ihre Feder in die Hand. Dann schaute sie Mrs Mitchell aufmerksam an und begann.

TBC …


A/N: So, nach 13 Kapiteln und 40.000 Wörtern kommen wir endlich zu dem Teil, den ich vor 11 Jahren geschrieben habe, auch wenn ich sehr viel geändert habe, um ihn dem Rest der Geschichte anzupassen. Ab jetzt wird die FF auch wieder sehr viel detailreicher, bis hierhin habe ich ja vieles sehr gerafft erzählt, aber ohne die Vorgeschichte hätte ich den Rest wahrscheinlich nicht zufriedenstellend für mich erzählen können. Also weiterhin viel Spaß beim Lesen und noch eine schöne Vorweihnachtszeit!