15. Dezember: Nervös
Das Interview verlief ausgezeichnet. Mrs Mitchell antwortete ausführlich, aber konnte ihre Antworten auch genau auf den Punkt bringen, wenn Lily genauer nachhakte. Sie hatte einen wunderbaren Sinn für Humor und Lily konnte sich gar nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so bei einem Interview gelacht hatte. Sie hatte sich mehr als einmal ein paar Tränen aus den Augenwinkeln wischen müssen.
Es wurde lediglich etwas unangenehm, als Henry mit einem Tablett hereinkam, auf dem zwei Teetassen und eine Teekanne aus teurem Porzellan standen. Er hatte das Tablett auf den Tisch knallen lassen mit der Bemerkung, dass ihr die Tassen hoffentlich fein genug waren und der Tee nicht zu billig war für Lilys empfindlichen Gaumen. Lily hatte ihn verwirrt angeschaut, aber Henry hatte sie keines Blickes gewürdigt und sich schnell wieder aus dem Zimmer verzogen.
Mrs Mitchell hatte gesagt, Lily solle ihn nicht weiter beachten und sie war ihrem Rat gefolgt. Zumindest äußerlich. Trotzdem machte sie sich den Rest der Zeit darüber Gedanken, was genau passiert war, um ihn so gegen sie aufzubringen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, in den fünf Minuten, die sie zusammen gehabt hatten, etwas gesagt oder getan zu haben, das diese Reaktion rechtfertigte.
Sie war richtig überrascht, als sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf und feststellte, dass es bereits halb zehn war. Sie war zweieinhalb Stunden hier und es kam ihr vor wie zehn Minuten. Sie würde sich in Zukunft um Interviews mit Pauline Mitchell prügeln, wenn es sein musste.
„Oh, meine Liebe, es tut mir leid, dass ich Sie so lange aufgehalten habe", rief Mrs Mitchell nach einem Blick auf ihre alte Standuhr überrascht und schaute Lily entschuldigend an.
Lily schüttelte den Kopf. „Das haben Sie überhaupt nicht. Es hat großen Spaß gemacht, wirklich." Sie überflog die seitenlangen Notizen, die sie sich gemacht hatte. „Wenn Sie wollen, dann schicke ich Ihnen den Artikel, bevor er in Druck geht."
Mrs Mitchell schüttelte den Kopf. „Das wird nicht nötig sein. Ich bin mir sicher, dass Sie das wunderbar hinkriegen werden. Ich freue mich schon darauf, das Interview morgen in der Abendausgabe zu lesen."
„Ich freue mich darauf, es schreiben zu können", erwiderte Lily lächelnd. Und das meinte sie vollkommen ernst. Normalerweise hatten diese Interviews zu wenig Biss, um sie wirklich interessant beschreiben zu können, aber das hier war eine Ausnahme und sie freute sich auf die Herausforderung, Mrs Mitchells Humor richtig zu repräsentieren. Das war in vergangenen Interviews nicht sehr gut gelungen, sonst wäre sie nicht so überrascht darüber gewesen. Lily verstaute ihre Notizen und ihre Glücksfeder in ihrer Aktentasche und stand auf.
Auch Mrs Mitchell bemühte sich, auf die Beine zu kommen, wobei sie sich allerdings schwer auf zwei Stöcken abstützen musste. Lily wollte sie stützen, aber Mrs Mitchell schüttelte stur den Kopf und führte sie langsam zur Tür. Lily folgte ihr auf dem Fuße, bereit, sie aufzufangen, falls sie stolpern oder einfach das Gleichgewicht verlieren sollte. Aber sie schaffte es ohne Probleme und öffnete für Lily die Tür, bevor sie nach ihrem Enkel rief.
Henry kam einen Moment später aus einem der anderen Räume im Erdgeschoß und warf Lily wieder einen Blick zu, der sie zusammenzucken ließ. Lily lächelte ihn an und sein Blick verfinsterte sich noch, was Lily gar nicht für möglich gehalten hatte.
Mrs Mitchell lehnte ihren Stock an die Wand und nahm Lilys Hand. Sie lächelte sie warmherzig an und schüttelte ihr die Hand. „Ich habe mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen, Miss Potter. Ihre Artikel sind fantastisch. Sie haben den Preis wirklich verdient." Henry schnaubte abfällig. Mrs Mitchell warf ihm einen ermahnenden Blick zu. „Wir sehen uns dann am Mittwoch bei der Preisverleihung."
Lily nickte und ignorierte Henry, so gut es ging. „Ich freue mich", sagte sie ehrlich und ließ ihre Hand los. „Ich werde mich dann mal auf den Weg machen, der Artikel muss schließlich bis morgen Abend fertig sein und ich will Ihnen gerecht werden."
Mrs Mitchell nickte. „Und grüßen Sie bitte Ihre Großmutter von mir."
Lily schaute sie überrascht an. „Sie kennen meine Großmutter?"
Sie nickte lachend. „Natürlich kenne ich Molly Prewett! Ich war Schulsprecherin, als sie Vertrauensschülerin wurde. Ich hab ihr so manches Mal Punkte abziehen müssen, weil ich sie häufiger bei nächtlichen 'Spaziergängen' mit Arthur erwischt habe." Mrs Mitchell zwinkerte Lily zu. „Merlin, könnte ich Ihnen da Geschichten erzählen!" Lily lachte. Das hatte sie ihrer Großmutter gar nicht zugetraut. Grandma Molly war immer so sehr dafür, die Regeln einzuhalten, dass Lily gar nicht erwartet hatte, dass sie sie früher gebrochen hatte. Das hatte ihre Großmutter immer weggelassen, wenn sie von ihrer Schulzeit erzählte. „Ich hab ihr fast das Abzeichen wegnehmen müssen."
„Wirklich?", fragte Lily überrascht. Dass ihr Dad manchmal kurz davor gewesen war, von der Schule zu fliegen, und dass das nur manchmal etwas mit seinem leichtsinnigen Handeln zu tun gehabt hatte, das wusste sie. Aber das … Da musste sie ihre Großmutter dringend drüber ausquetschen, wenn sie sie das nächste Mal sah. Sie konnte schon genau vor sich sehen, wie begeistert Onkel George davon sein würde, und wie entsetzt Onkel Percy.
„Ja, aber auch nur fast. Sie hat mich eines nachts auch bei einem Spaziergang mit meinem Liebsten erwischt, dann konnte ich schlecht etwas dagegen tun."
„Grandma!", rief Henry entsetzt und schien für einen Moment zu vergessen, Lily finster anzustarren.
„Ach bitte", erwiderte Mrs Mitchell lachend. „Als ob du sowas nicht auch gemacht hättest in Hogwarts! Wir waren alle mal jung, verkauf mich nicht für dumm. Nicht wahr, Ms Potter?" Lily zuckte nur mit den Schultern. McLaggen hatte manchmal versucht, sie zu nächtlichen Treffen zu überreden, aber daran hatte sie nie Interesse gehabt. Und sonst hatte sie eigentlich nie einen Grund gehabt, in der Nacht herumzuschleichen. Ihre Freunde waren alle im gleichen Haus gewesen und Al hatte oft genug bei ihnen vorbeigeschaut, sodass sie nicht in den dunklen Kerker gehen musste. Es war ja nicht so gewesen, dass sie sich in die Verbotene Abteilung oder den Verbotenen Wald hätte schleichen müssen, oder die Kammer des Schreckens suchen oder war ihr Vater, Onkel Ron und Tante Hermine noch so veranstaltet hatten.
Henry lief rosa an und schaute seine Großmutter mit offenem Mund an. Dann hatte er wohl mehr Grund dazu gehabt, die Regeln zu brechen als sie.
Lily lächelte amüsiert. „Ich werde meine Großmutter auf jeden Fall grüßen", versicherte sie Mrs Mitchell. „Das nächste Familienfest wird sehr amüsant werden." Darauf freute sie sich jetzt schon.
„Das kann ich mir vorstellen. Am Mittwoch wird sie wohl nicht dabei sein, oder?", fragte Mrs Mitchell bedauernd. „Es sind so wenige aus meiner Schulzeit übrig, nach zwei Kriegen und dem Alter." Sie seufzte.
Lily schüttelte den Kopf. „Ich hab nicht viele Karten bekommen. Ich kann nur meinen Freund und meine Geschwister mitnehmen." Und da waren sie auch nur kulant gewesen, weil Lily tatsächlich für eine Goldene Feder nominiert war. Sonst hätte sie nur eine zusätzliche Karte bekommen.
„Ihre Eltern kommen nicht?", fragte Mrs Mitchell verwirrt. „Ich hätte gedacht, dass Ihre Mutter auf jeden Fall kommt. Sie arbeitet doch selbst beim Tagespropheten und hat den Preis schon mal bekommen."
Lily nickte. „Zwei Mal, ja", sagte sie stolz. „Meine Eltern kommen auch", erwiderte Lily. Dieses Prestige, den Harry Potter persönlich unter den Gästen zu wissen, hätten sich die Veranstalter niemals entgehen lassen. „Aber meine Mum hat eigene Karten bekommen für sich und meinen Dad."
Mrs Mitchell nickte. „Dann werden wir uns alle am Mittwoch sehen." Sie schaute auffordernd zu ihrem Enkel. „Henry, sei ein Schatz und bring Miss Potter noch zur Tür. Ich werde zu Bett gehen." Sie lächelte Lily zu und machte sich dann daran, die Treppe in Angriff zu nehmen, indem sie sich mit einem erleichterten Stöhnen auf den Stuhl, der neben der großen Treppe stand, fallen ließ und dann darauf die Treppe hochschwebte.
Henry riss ihren immer noch nassen Umhang von der Garderobe und warf ihn ihr so plötzlich zu, dass sie ihn beinahe fallen gelassen hätte. Dann deutete er auf die Tür. „Falls Sie sich nicht mehr daran erinnern sollten, da hinten ist sie."
Lily runzelte die Stirn und schaute ihn ebenso finster an wie er sie. Ein paar Sekunden lang starrten sie sich nur an, um zu sehen, wer es länger aushielt. Dann brach Lily den Blickkontakt schließlich ab. Sie war keine zwölf mehr. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte sie an ihm vorbei zur Haustür.
„Ich hoffe sehr, dass Sie am Mittwoch nicht auch da sind, damit ich Ihren Anblick nicht ertragen muss", sagte sie schließlich. Sie hätte den lächelnden Mann, der ihr vor drei Stunden die Tür geöffnet hatte, gerne noch einmal gesehen, aber auf diesen Stinkstiefel, zu dem er plötzlich mutiert war, konnte sie verzichten. Und sie konnte genauso unfreundlich sein wie er, wenn sie wollte.
„Da muss ich Sie leider enttäuschen", erwiderte Henry kalt und folgte ihr zur Haustür. „Ich werde da sein und es in vollen Zügen genießen, wenn Sie den Preis nicht gewinnen und anfangen werden, wie ein Baby zu heulen, weil ihn jemand gewonnen hat, der ihn auch tatsächlich verdient hat."
Lily fuhr herum. Beinahe hätte sie dabei mit ihrer Tasche einen Porzellanclown von der Anrichte gefegt. Sie stemmte ihre Hände in die Hüften und funkelte ihn wütend an. „Was zum Teufel soll das denn heißen? Denken Sie, ich hab den Preis nicht verdient?" Ihr Blut kochte plötzlich und sie hätte diesem Idioten am liebsten eine reingehauen. Was dachte dieses Arschloch sich eigentlich? Sie hatte hart gearbeitet, um zu sein, wo sie war, und obwohl sie selbst das Gefühl hatte, die Goldene Feder noch nicht ganz zu verdienen, war sie trotzdem eine gute Reporterin. Ganz abgesehen davon, dass die Preisverleihung sowieso nicht so funktionierte. Das waren nicht die Oscars mit dem La La Land Debakel.
Henry schnaubte abfällig und verschränkte die Arme vor der Brust. „Also bitte. Sie glauben doch selbst nicht, dass Sie für diesen Preis jemals in Erwägung gezogen worden wären, wenn Sie nicht die Tochter des Auserwählten wären." Er verdrehte die Augen.
Lily atmete tief durch und bemühte sich sehr, nicht ihren Zauberstab zu ziehen und ihm einen Flederwichtfluch auf den Hals zu hetzen, der sich gewaschen hatte. Verdient hätte er es auf jeden Fall. Ihr tat seine Großmutter richtig leid, weil sie mit so einem unmöglichen Enkel gestraft war.
„Mr Mitchell", sagte sie schließlich giftig. „Ich würde vorschlagen, dass Sie ein paar meiner Artikel erstmal lesen, bevor Sie sich eine Meinung anmaßen." Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Haustür, die sie energisch aufriss. Sie konnte nicht anders, als sich noch einmal umzudrehen und ihn verächtlich anzuschauen. „Das heißt, falls Sie überhaupt lesen können. Aber Ihre Großmutter hilft Ihnen bestimmt bei den schwierigen Wörtern."
Sie schlug die Tür hinter sich zu, bevor er etwas erwidern konnte und apparierte einen Moment später zitternd vor Wut in ihre Wohnung. Da war sie ehemaligen Todessern begegnet, die höflicher waren.
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Lily schüttelte lächelnd ein paar bekannten Journalisten der Hexenwoche die Hand, obwohl sie zumindest einem von ihnen am liebsten verflucht hätte, weil er letztes Jahr einen völlig erlogenen Artikel darübergeschrieben hatte, dass sie SM bevorzugen würde und am liebsten flotte Dreier hatte. Lily hätte ihn liebend gerne verklagt (mit Tante Hermine hatte sie auch gute Chancen, zu gewinnen und selbst ihre Cousine Molly hätte sie bestimmt vertreten können), aber Anthony hätte sie sofort rausgeschmissen, weil sich der Prophet so einen Skandal nicht leisten konnte und darüber wäre bestimmt auch wieder ausführlich berichtet worden und dann hätten diese Lügen eine nur noch größere Runde gemacht. Die Medien waren fantastisch und schrecklich zugleich.
Howard hatte einen Arm um sie gelegt und lächelte allen Gästen freundlich, aber auch sehr nervös, zu. Solche Menschenmengen waren nicht sein Ding und so viel Aufmerksamkeit eher unangenehm, aber als Lilys Partner war das etwas, das leider dazugehörte. Und wenigstens war es dieses Mal vorwiegend positiv, was meistens nicht der Fall war.
Lily stellte sich in ihren High Heels auf die Zehenspitzen, um Ausschau nach ihrer Familie zu halten. Bald hatte sie die rote Haarmähne ihrer Mutter entdeckt, die sich, gefolgt von ihrem Vater, geübt durch die Menge schlängelte. Ihre Mutter lächelte, als sie Lily erreicht hatte, und umarmte sie herzlich, gefolgt von ihrem Vater. Lily hatte das Gefühl, dass ein Gewitter losgebrochen war, so viele Blitze leuchteten um sie herum auf. Wenigstens die Fotografen kamen auf ihre Kosten.
„Es ist schön, dich mal wieder zu Gesicht zu kriegen, Lily", meinte ihr Dad lächelnd und schüttelte dann Howard die Hand, dessen Lächeln etwas entspannter wurde, weil sich die ganze Aufmerksamkeit jetzt auf Lilys Vater richtete. „Wir hatten schon fast vergessen, wie du aussiehst."
Lily verdrehte die Augen. „Sehr witzig, Dad. Ich hab einfach viel zu tun gehabt. Aber bald sollte es etwas ruhiger werden, dann hab ich wieder mehr Zeit." Schließlich fing in nicht allzu ferner Zeit die Sommerpause an, da wurde es Merlin sei Dank etwas weniger stressig. „Du weißt doch, wie das ist, Mum", wandte sie sich hilfesuchend an ihre Mutter, die bestätigend nickte und ihrem Vater eine Hand auf den Arm legte. Besonders in den Jahren, wo Europa- und Weltmeisterschaften im Quidditch stattfanden, bekam man ihre Mutter in den Wochen davor und währenddessen kaum zu Gesicht.
„Natürlich weiß ich das. Außerdem waren wir auch mal in deinem Alter und wir wissen alle, wie viel Zeit es kostet, sich beruflich zu etablieren. Es nimmt dir kein Mensch übel, Lils, es wäre einfach nur schön, dich hin und wieder zu sehen und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit." Sie warf einen Blick auf all die Fotografen, die die Hälse reckten.
„Ich versuch's", versprach Lily lächelnd, nickte irgendeinem Idioten zu, der zur Begrüßung ihren Namen rief und lehnte sich gegen Howard. Er küsste sie auf die Wange und lächelte ihr aufmunternd zu. „Wo sind Al und James?"
„James hat versprochen, vor einer halben Stunde bei uns zu sein, damit wir zusammen herkommen können und ist nicht aufgetaucht, weshalb wir fast zu spät gekommen wären", rekapitulierte ihr Dad und ließ seinen Blick suchend über die Menge schweifen. „Al hat gesagt, dass er vielleicht etwas später auftauchen wird. Tia und er haben irgendein Jubiläum zu feiern. Weißt du, was es war, Gin?", fragte er seine Frau, aber die schüttelte nur den Kopf.
„Keine Ahnung. Aber das wird sowieso nur eine Ausrede gewesen sein, um guten Gewissens Sex zu haben, also was soll's", erwiderte sie schulterzuckend.
Lily riss die Augen auf und schaute ihre Mutter schockiert an. „Mum!" Ihre Eltern hatten sich zwar bei dem Thema nie so prüde angestellt wie Onkel Ron, aber trotzdem musste man doch nicht in aller Öffentlichkeit davon anfangen.
„Was?", fragte sie unbeeindruckt. „Dein Vater und ich haben das zu Beginn unserer Ehe auch gemacht. Du glaubst gar nicht, was man alles für Sachen feiern kann." Sie zwinkerte Lily zu. „Der Tag, an dem ich mich in ihn verliebt habe, der Tag, an dem er sich in mich verliebt hat, der Tag, an dem er mich vor dem Tagebuch gerettet hat, der Tag, an dem wir zum ersten Mal zusammengekommen sind, unser Verlobungstag, der Hochzeitstag, der Tag, an dem wir zum ersten Mal zusammen verreist sind, der Tag, an dem wir in unsere Wohnung gezogen sind ... du verstehst, was ich meine." Sie verstand schon, aber wissen wollte sie es eigentlich nicht.
Lily nickte und verzog das Gesicht. „Das ist mehr, als ich wissen wollte."
Ihre Eltern lachten und hielten weiterhin Ausschau nach ihren Söhnen, während alle routiniert in die Kameras lächelten. Lily wurde langsam doch etwas nervös. Vor und während der Verleihung würde ein Abendessen serviert werden, aber so, wie ihr Magen mittlerweile Purzelbäume schlug, bezweifelte sie, dass sie etwas herunterbringen würde. Merlin sei Dank wusste sie schon, dass sie später die Goldene Feder bekommen würde, sonst wäre sie jetzt ein nervöses Wrack. Howard drückte aufmunternd ihre Hand und Lily atmete tief durch. Am liebsten hätte sie den Preis schon in der Hand gehalten, dann wäre der ganze Spuk vorüber und sie konnte sich endlich entspannen. Diese Warterei machte sie wahnsinnig. Nicht nur auf die Vergabe, sondern besonders das Warten auf ihre großen Brüder. Das sah ihnen ähnlich, einmal geschah etwas Besonderes in Lilys Leben und die zwei idioten kamen zu spät. War Lily zu Als Hochzeit zu spät gekommen? Oder zu James' Spielen? Nein! Das würde sie ihnen nie verzeihen und noch in zehn Jahren vorwerfen. Das hatten die beiden dann davon!
Dann tauchte Al plötzlich in der Menge auf, die Haare zerzauster als sonst, und erklärte, dass heute das Jubiläum von Tias und seinem ersten Date in England war, das sie hatten feiern müssen. Ihre Eltern tauschten einen amüsierten Blick und Lily verdrehte die Augen. Nur James ließ auf sich warten, aber das war keine Überraschung. Er war lediglich zum Quidditchtraining und Spielstart pünktlich, weshalb es schon zu einer Gewohnheit geworden war, ihm eine Zeit zu nennen, die eine halbe Stunde vor der eigentlichen Anfangszeit war, damit er nur noch zehn Minuten zu spät kam. Diese Taktik hatte bisher sehr gut funktioniert. Nur heute schien dem nicht so, und dabei fing die Preisverleihung auch nicht gerade pünktlich an.
Aber langsam schien es loszugehen, denn sie wurden jetzt alle in den großen Festsaal gescheucht, der in einem alten Anwesen am Rand von London lag, das einem alten Freund von Mrs Mitchell gehörte, und dann zu ihren Plätzen geführt. Lily schnappte sich ein Glas Champagner von einem der vielen Tabletts, die durch die Luft schwebten, und kippte es in einem Zug herunter. Das leere Glas stellte sie auf einem anderen Tablett ab und nahm sich ein neues, an dem sie dann dezent nippte, so wie der Rest ihrer Familie. Sie nahmen an dem runden Tisch Platz, zu dem sie von einem Platzanweiser geführt wurden. Glücklicherweise reichten die Plätze gerade für ihre Familie, sodass sie sich den Tisch nicht mit irgendwelchen Fremden teilen mussten, die die ganze Zeit sprachlos ihre Eltern anstarrten oder pausenlos redeten, um ihre Nervosität zu überbrücken.
Plötzlich brandete Applaus auf und Lily erblickte in der Menge Pauline Mitchell, die ein elegantes hochgeschlossenes schwarzes Kleid trug. Ihre grauen Haare waren zu einem unauffälligen Dutt geschlungen und sie stützte sich auf ihren beiden Stöcken ab, während sie allen lächelnd zunickte und anscheinend genau in ihrem Element war. Ein paar Schritte hinter ihr war ein, wie Lily leider feststellen musste, unverschämt gutaussehender Henry Mitchell. Und sie war nicht die Einzige, die das bemerkt hatte. So ziemlich jedes weibliche Wesen zog ihn mit seinen Blicken praktisch aus.
"Meine Güte, der sieht ja gut aus", sagte Lilys Mutter unwillkürlich, nachdem auch sie Henry bemerkt hatte. Howard verschluckte sich an seinem Champagner und Al klopfte ihm amüsiert auf den Rücken.
Lily schaute sie überrascht an. „Du bist verheiratet!", sagte sie strafend. „Du solltest über andere Männer nicht so denken." Hoffentlich hatte das niemand gehört. Sie sah die nächste Schlagzeile in der Hexenwoche bereits vor sich.
Ihre Mutter verdrehte die Augen. „Also bitte, Liebes! Es ist doch nicht so, als würden alle anderen Männer nach der Hochzeit ihren Sexappeal verlieren." Lily würde diese Aussage ihrer Mutter einfach ignorieren. Sie wusste sowieso schon viel zu viel. „Und dieser Junge hat wirklich mehr als genug davon", fügte sie hinzu und beäugte Henry. Einfach ignorieren. Nichts leichter als das. Und Unrecht hatten sie ja leider nicht. Al, der neben ihr saß, war leicht grün angelaufen, also war Lily wenigstens nicht alleine mit diesen Gefühlen. Ihre Mutter hatte gefälligst nur ihren Vater attraktiv zu finden und das bitte so dezent, dass man als Kind nichts davon mitbekam.
Mrs Mitchell hatte Lily inzwischen entdeckt und steuerte auf sie zu. Lily erhob sich rasch, um sie zu begrüßen. Henry drehte sich sofort in eine andere Richtung, als er erkannte, wohin seine Großmutter wollte. Lily runzelte verwirrt die Stirn. Sie hatte immer noch keine Ahnung, was sie ihm getan hatte. Aber es gab wirklich wichtigeres als Henry Mitchell. Sie hatte es die letzten dreiundzwanzig Jahre geschafft, ihm nicht zu begegnen, da würde das nach heute Abend ein Klacks werden. Was kümmerte es sie schon, dass es da draußen jemanden gab, der sie nicht mochte? Vor einer Woche hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass Henry Mitchell überhaupt existierte.
„Miss Potter, wie schön, Sie wieder zu sehen. Ihr Artikel war absolut fantastisch!", rief Mrs Mitchell, als sie in Hörweite von Lily war. Einige Leute drehten sich zu ihr um und Lily sah sich wieder gezwungen, in die Runde zu lächeln. Nur bei Mrs Mitchell war ihr Lächeln wirklich echt. Lily hasste es, so zu tun, als würde sie sich freuen, all diese Leute kennen zu lernen, obwohl sie sich einen Dreck um die meisten scherte und die nur aus ihr und ihrer Familie Kapital schlagen wollten.
„Vielen Dank", sagte sie geschmeichelt. „Ich hab mich sehr bemüht, Ihnen gerecht zu werden."
„Und das haben Sie sehr gut geschafft. Wirklich sehr gut. Aber auch Ihr letzter Bericht über die Ergebnisse der Verhandlungen mit den Franzosen war wunderbar. Nicht, dass ich etwas anderes von Ihnen erwartet hätte."
Lily konnte sehen, wie ein stolzes Lächeln auf dem Gesicht ihrer Mutter erschien und seufzte zufrieden. Es war ein wunderbares Gefühl, wenn sie ihre Eltern durch irgendetwas stolz machte, auch wenn es noch so gering war. Denn obwohl ihre Eltern normale Menschen waren, so waren doch ihre Taten aus der Vergangenheit etwas unsagbar Großes, das man selbst nie erreichen würde, egal, was man tat oder noch tun würde.
„Äh, Mrs Mitchell, das sind meine Eltern Ginny und Harry Potter und mein Bruder Albus", beeilte sich Lily dann, sie vorzustellen. Al verzog kurz das Gesicht, als Lily seinen ganzen Vornamen nannte, stand dann aber, genau sie ihre Eltern, auf, um sie zu begrüßen.
Mrs Mitchell ergriff beherzt die Hand ihrer Mutter und schüttelte sie. „Ich freue mich sehr, Ihnen einmal offiziell vorgestellt zu werden", sagte sie herzlich. „Wir sind uns ja schon häufiger bei Veranstaltungen dieser Art begegnet."
„Das ist wahr", nickte Lilys Mutter. „Und ich muss Ihnen dafür danken, dass Sie diesen Preis ins Leben gerufen haben. Es ist eine große Ehre und eine unglaubliche Motivation, mit einer Goldenen Feder ausgezeichnet zu werden."
Mrs Mitchell lächelte. „Ich habe es schon immer für wichtig gehalten, dass man für seine Arbeit eine verdiente Anerkennung erhält. Gerade in einem Feld, in dem so viel Quatsch produziert wird", fügte sie mit einem Blick auf die Redaktion der Hexenwoche verschwörerisch hinzu. Sie drehte sich um, als jemand ihren Namen rief und nickte. „Wenn Sie mich dann entschuldigen, heute ist der einzige Abend, an dem ich so wichtig bin, das muss ich natürlich auskosten." Sie griff nach ihrem zweiten Gehstock, der die ganze Zeit brav auf dem Boden neben ihr gestanden hatte, und eilte so schnell wie möglich davon, während sie von allen Seiten begrüßt wurde.
„Die ist ja wirklich so toll, wie du sie in deinem Interview beschrieben hast", stellte Al fest, nachdem Mrs Mitchell weit genug entfernt war und jetzt von Henry zu ihrem Platz geführt wurde.
„Allerdings", bestätigte Lily.
„Da kann ich sogar verstehen, warum du mich zum dritten Mal versetzt hast", sagte Howard und lächelte, als Lily ihn zur Entschuldigung auf die Wange küsste. War das wirklich das erste Mal seit drei Wochen, dass sie sich persönlich sahen? Scheiße, wie schnell die Zeit verging. Sie hätte eigentlich erwartet, dass sie ihn mehr vermissen würde, so wie am Anfang ihrer Beziehung. Aber es war wahrscheinlich normal, dass sich das mit der Zeit etwas legte. Und sie hatte bis zum Hals in Arbeit gesteckt, also hatte sie sehr wenig Zeit gehabt, überhaupt darüber nachzudenken, dass er ihr fehlte. Aber jetzt war er da und seine vertraute Präsenz half dabei, ihre Nervosität in Grenzen zu halten. Obwohl er heute auch verdächtig nervös wirkte, selbst wenn er gar keinen Grund dazu hatte. Sicher, am Anfang ihrer Beziehung war er sehr nervös gewesen in Gegenwart ihrer Familie, aber das hatte sich mittlerweile gelegt, als er festgestellt hatte, dass sie alle nette und normale Menschen waren (manchmal ein wenig durchgeknallt, aber wer war das nicht?).
„James ist noch nicht aufgetaucht, oder?", wollte ihr Vater wissen, der mit dem Rücken zum Eingang saß und nicht allzu offensichtlich nach ihm suchen wollte.
Ihre Mutter schnaubte. „Natürlich nicht! Aber diesmal kann er etwas erleben! Mir ist scheißegal, ob er siebenundzwanzig ist oder nicht, wenn er sagt, dass er zu einer bestimmten Zeit irgendwo ist, dann hat er auch verdammt noch mal zu dieser Zeit da aufzutauchen! Zu seinen Spielen kommt er schließlich auch pünktlich! Und hier geht es immerhin um ein wichtiges Ereignis im Leben seiner kleinen Schwester! Der kann was erleben, das sag ich dir!", sagte sie wütend. Lily fing den Blick ihres Vaters auf und verkniff sich ein Grinsen. James würde sich in Acht nehmen müssen. Ihre Mutter konnte wirklich gefährlich sein, wenn sie in Fahrt war.
„Du hast völlig Recht, Gin", bestätigte ihr Vater und küsste sie auf die Wange. „Aber vielleicht solltest du damit warten, bis wir wieder zuhause sind. Wir wollen der Meute hier doch kein so gefundenes Fressen vorwerfen."
Ihre Mutter verdrehte die Augen, atmete aber brav durch und kippte dann ihr halb ausgetrunkenes Glas Champagner herunter. „Scheiß Presse", murmelte sie verstimmt. Aus den Augenwinkeln konnte Lily sehen, wie Al sich ebenfalls ein Grinsen verkniff. Es war schon ein wenig lustig, dass ihre Mutter auf die Presse schimpfte bei einem Event, bei dem die Presse sich feierte, auch wenn sie natürlich nicht die ernstzunehmenden Journalisten meinte. James würde sich wirklich auf etwas gefasst machen können. Doch ihre Mutter würde sich hintenanstellen müssen, zuerst war Lily dran.
TBC …
