17. Dezember: Wechselbad der Gefühle

An den Rest der Preisverleihung konnte Lily sich kaum erinnern. Sie beobachtete ihre Mutter dabei, wie sie die Goldene Feder an die beste Sportberichterstattung verlieh, wusste aber beim besten Willen nicht, was ihre Mutter gesagt oder wer den Preis bekommen hatte.

Die ganze Zeit schaute sie auf die Goldene Feder, auf der ihr Name stand. Und immer noch konnte sie nicht glauben, dass diese Feder wirklich ihre war. Dass das nicht alles nur ein Traum war und sie gleich wieder in ihrem Bett aufwachen würde, wie schon so oft, wenn sie diesen wundervollen Traum gehabt hatte. Aber jedes Mal zuckte sie zusammen, wenn sie sich in den Arm kniff und das musste schließlich heißen, dass das hier echt war.

„Lily, wir sind so stolz auf dich!", flüsterte ihr Vater ihr zu.

Lily nickte, beugte sich vor und küsste ihn überglücklich auf die Wange. „Danke, Dad. Für alles."

„Für dich immer, meine Kleine", erwiderte er gerührt, bevor er anfing zu klatschen, wie alle anderen im Saal, als der letzte Preisträger von der Bühne ging und der Organisator allen Anwesenden für ihr Kommen dankte und sie darauf hinwies, dass die Bar noch einige Stunden geöffnet sein und es auch noch einen kleinen Imbiss geben würde, wenn sie bleiben wollten.

Viele Leute standen auf, um sich die Beine zu vertreten. Der Großteil steuerte auf die Bar zu und einige traten auf die große Terrasse hinaus, die zu einem großen parkähnlichen Garten führte. Es schien sogar etwas zu geben, was wie ein kleines Heckenlabyrinth aussah, aber nach allem, was ihrem Vater beim Trimagischen Turnier passiert war, hatte Lily nicht das Bedürfnis, sich das näher anzusehen. Und auch sonst niemand, weil der Garten stockfinster war und nur die Terrasse hübsch ausgeleuchtet.

Lily griff nach einem Glas Champagner, das an ihr vorbei schwebte und kippte es herunter.

„Schon zwei Preisträgerinnen in der Familie", meinte Al und gestikulierte von Lily zu ihrer Mutter. „Jetzt fehlst nur noch du, James. Wie wär's, wenn euer Team mal die Quidditchmeisterschaft gewinnen würde, anstatt immer nur Zweiter zu werden?"

James grinste, aber niemandem am Tisch entging der böse Blick, den er seinem kleinen Bruder zuwarf. „Glaub mir, ich tu, was ich kann. Aber erst heute ist unser Sucher Jason Boot von seinem Besen gefallen, weil er einen Zusammenstoß mit einem Adler hatte." James verdrehte die Augen. „Weiß der Teufel, wo das Vieh so plötzlich herkam. Er fällt für mindestens ein Spiel aus, also wird das wieder nichts mit dem Titel, fürchte ich." Seine Stimme klang entspannt, aber jeder, der ihn kannte, konnte den sorgenvollen Schimmer in seinen Augen sehen.

„Boot ist vom Besen gefallen?", erkundigte ihre Mutter sich besorgt.

James nickte seufzend. „Wir haben ihn sofort ins Mungos gebracht. Er hat einige ziemlich üble Knochenbrüche und auch irgendwelche inneren Blutungen. Seine Milz hat auch was abgekriegt, glaube ich", berichtete er in einem mitleidigen Tonfall. „Die Heiler haben ihm einen Monat Spielverbot erteilt."

„Bist du deshalb so spät gekommen?", wollte Lily wissen. „Weil du im Krankenhaus warst?" Warum hatte er das nicht gleich gesagt? Oder wenigstens eine Nachricht geschickt? So hatte sie ihm mehrere Stunden die Pest an den Hals gewünscht, weil sie dachte, dass sie ihm egal war. Stattdessen war er ein guter Mensch und Teamkollege gewesen.

„Ich wollte wirklich rechtzeitig kommen, Lily", erwiderte James geknickt und strich ihr zögerlich über den Arm. „Aber ich konnte nicht einfach gehen, ohne zu wissen, was mit ihm los war und ob er durchkommen würde. Und mein Handyakku war leer, deshalb konnte ich mich nicht melden." Er griff in seine Umhangtasche und zog sein Handy zum Beweis heraus. „Es tut mir leid, Schwesterchen, ehrlich. Ich hab gehofft, du verstehst das. Aber ich wollte dir den Abend wirklich nicht versauen."

Lily schüttelte den Kopf und wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. „Das hast du nicht", versicherte sie ihm, stand auf und umarmte ihn. „Ich bin wirklich froh, dass du da warst, großer Bruder." Er lächelte sie an und strich ihr liebevoll ein paar Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatten. Glücklicherweise hatten die meisten Fotografen sich mittlerweile verzogen oder betranken sich gerade an der Bar, sodass die Familie so annähernd ihre Ruhe haben konnte wie möglich. Es war richtig nett, nicht mehr das Gefühl zu haben, ständig beobachtet zu werden. Schon zum tausendsten Mal fragte sie sich, wie ihr Vater das nur aushielt. Bei ihm war es ja noch hundertmal schlimmer als bei ihr.

Der geschwisterliche Moment wurde unterbrochen, als Howard sich laut räusperte. Lily drehte sich zu ihm um und erstarrte, als er ihre Hand nahm. Sie konnte es nicht erklären, aber es lief ihr kalt den Rücken herunter und sie bekam ein ganz schlechtes Gefühl. So, als würde gleich etwas Schreckliches passieren. Das gleiche Gefühl hatte sie gehabt, als Al in der fünften Klasse beim Training von einem verirrten Klatscher getroffen worden war und halbtot mit einem Schädelbruch in den Krankenflügel gebracht werden musste. Nur dass hier keine verirrten Klatscher waren.

„Lily", sagte Howard mit überraschend fester Stimme. „Ich wollte das eigentlich schon eine ganze Weile tun, aber ich habe den richtigen Moment einfach noch nicht gefunden. Doch ich denke, dass er jetzt gekommen ist. Dein Traum ist wahr geworden und wir sind umgeben von deiner Familie und ich denke, es ist Zeit, dass ein anderer deiner Träume wahr wird." Er schluckte und atmete tief durch, bevor er in die Tasche seines Umhangs griff, ein kleines Kästchen herauszog und vor ihr auf die Knie sank. Lily blieb das Herz stehen. Um Himmels Willen! Das war alles nicht wahr! Das konnte nur ein Traum sein!

„Lily, ich liebe dich. Die letzten anderthalb Jahre waren die schönsten in meinem Leben. Ich hasse es, wenn ich dich so wenig sehe und kann mir nicht vorstellen, noch einen Tag ohne dich zu sein. Ich will keinen Tag mehr ohne dich sein. Und deshalb ..." Er öffnete das Kästchen. Ein wunderschöner Diamantring war darin. Lily schluckte. Tränen liefen ihr über die Wangen. „Lily Luna Potter, beste Reporterin auf diesem Planeten, Liebe meines Lebens, willst du meine Frau werden?"

Lily schaute auf den Ring. Sie brauchte einige Sekunden, bis sie den Mut aufbrachte, ihm in die Augen zu sehen. Und sie brauchte noch mehr Sekunden, bis sie den Mut fand, etwas zu erwidern.

Letzten Endes brachte sie nur ein einziges Wort heraus, aber das reichte.

„Nein."

Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und drängte sich dann ohne ein weiteres Wort durch die Menge von Fotografen und Reportern, die sich in den letzten Minuten um sie versammelt hatten. Sie griff sich die volle Flasche Champagner, die an ihr vorbeischwebte, stieß die Terassentüren auf und stürzte in die kühle Nachtluft. Blindlings lief sie an allen Menschen auf der Terrasse vorbei, rannte die Stufen in den Garten hinab und an der Außenhecke des Labyrinths entlang, bis sie abseits von allem Licht und allen Menschen eine Steinbank fand, die direkt an der Außenmauer stand. Vielleicht hätte sie gleich nach Hause apparieren sollen, aber sie hatte keinen klaren Kopf und würde nie heil ankommen. Hoffentlich kam niemand auf die Idee, ihr zu folgen. Mit zitternden Fingern zog sie ihr Handy aus ihrer kleinen Handtasche und schickte eine Nachricht an ihre Mutter, dass sie sich keine Sorgen machen brauchten und nach Hause gehen sollten. Sie wollte jetzt alleine sein. Merlin sei Dank kannte ihre Familie sie gut genug, um diesen Wunsch zu respektieren.

Dann steckte sie das Handy weg, ließ sich auf die Bank sinken und trank die halbe Champagnerflasche in einem Zug leer, bevor sie die Hände vor ihr Gesicht schlug und zu schluchzen anfing.

Der schönste Tag ihres Lebens war gerade eben zu dem schrecklichsten Tag ihres Lebens geworden.

/-/

Zehn Minuten später hatte sie die ganze Flasche leer getrunken und starrte nur noch in die Dunkelheit.

Mittlerweile war sie angetrunken genug, dass ihre Gefühle alle ein wenig gedämpft waren. Noch nie hatte sie in so kurzer Zeit so viele Höhen und Tiefen erlebt. Erst war sie schrecklich nervös gewesen, dann stinksauer auf ihren Bruder, dann überglücklich, dass sie wirklich den Preis gewonnen hatte, von dem sie schon so lange geträumt hatte, dann hatte sie ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie so schlecht über James gedacht hatte. Und dann … dann …

Merlin, was war denn überhaupt passiert? Einen Moment schwebte sie auf Wolke sieben und im nächsten Moment kniete Howard vor ihr mit einem sauteuren Ring und stellte ihr eine Frage, von der sie schon als kleines Mädchen geträumt hatte. Sie hatte schon immer heiraten wollen, hatte sich ihr Kleid vorgestellt und den Mann, mit dem sie ihr Leben verbringen würde, die Kinder, die sie haben würden. Und natürlich würde sie so glücklich sein wie ihre Eltern und Großeltern. Was sonst?

Dass das einmal so laufen würde hatte sie sich nun wirklich nicht vorgestellt. Und das Beste an dem ganzen Schlamassel war, dass sie jetzt bis an ihr Lebensende davon in den Klatschblättern lesen konnte, immer schön zusammen mit Hochglanzfotos, die das natürlich aus jedem Winkel aufgenommen hatten. Und egal, was noch in ihrem Leben passieren oder nicht passieren würde, das würde jedes Mal hervorgekramt werden. Dass sie ein herzloses Miststück war, das einem netten Mann (dessen Name noch nie richtig geschrieben worden war, aber wen kümmerte das schon?) vor allen Augen das Herz gebrochen und es obendrein auch noch genossen hatte.

Ganz wunderbar. Genauso hatte sie sich den Abend, an dem sie beruflich erreicht hatte, was sie hatte erreichen wollen, immer vorgestellt. Mit verlaufener Wimperntusche und einer leeren Flasche Champagner auf einer Parkbank in der Dunkelheit.

Und dann hörte sie auch noch Schritte, die direkt auf sie zukamen. Na super. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Hoffentlich wollte die Person einfach ein bisschen im Labyrinth herumirren und bemerkte sie gar nicht. Sie wollte jetzt wirklich nicht mit jemandem reden. Aber so viel Glück hatte sie nicht, denn die Schritte kamen immer näher und plötzlich konnte sie im Mondlicht das Gesicht von Henry Mitchell erkennen, der sie genauso finster anschaute wie vor zwei Stunden. Na wenigstens da hatte sich nichts geändert.

„Na wenn das nicht unsere beste Reporterin ist", höhnte er. „Die Königin des Abends! In der letzten Stunde gab es kein anderes Gesprächsthema als Sie. Herzlichen Glückwunsch! Aber warum so abseits? Wollen Sie nicht Ihren Ruhm nach diesem großen Auftritt genießen? Sie haben schließlich nicht jeden Tag die Gelegenheit, jemandem vor aller Augen das Herz zu brechen."

Er setzte sich neben sie. Lily rutschte so weit wie möglich weg von ihm. Sie zitterte. Nicht vor Kälte, da über dem ganzen Gelände ein leichter Wärmezauber lag und es für einen Abend im Mai schon ziemlich warm war, sondern vor Wut. Was dachte dieses Arschloch sich eigentlich?! Wieso in aller Welt hatte er sie extra gesucht, um sich über sie lustig zu machen? Was gab ihm das Recht dazu? Was hatte sie getan, das dieses Verhalten rechtfertigte? Und warum trampelte er auch noch auf ihren Gefühlen herum? Sie fühlte sich schon schlecht genug.

„Was, fällt Ihnen nichts ein? Sie sind doch so talentiert, was Worte angeht. Obwohl ich keine Ahnung habe, warum Sie von allen bis in den Himmel gelobt werden. Sie sind wirklich nichts Besonderes. Und für anderer Leute Gefühle haben Sie auch nichts übrig. Aber wen wundert's?", stichelte Henry weiter. Jedes einzelne Wort traf sie in ihrem Herzen.

Sie umklammerte die Flasche und drehte sich zu ihm. „Was fällt dir ein!" Er hatte ihr zwar nicht das Du angeboten, aber wenn er ihr so wenig Respekt entgegenbrachte, dann konnte sie das auch. „Was fällt dir ein, hierher zu kommen und so zu tun, als hättest du auch nur die geringste Ahnung, wie es mir geht oder wie ich mich fühle!" Sie sprang erzürnt auf. Ihre Wut verdrängte ihren ganzen Schmerz. „Glaubst du vielleicht, es hat mir Spaß gemacht, Howards Antrag abzulehnen?" Henry sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, als wollte er sagen, ‚na wenn schon'.

„Nur zu deiner Information, es hat mir keinen Spaß gemacht! Ich habe ihn sehr gerne. Ich wollte ihm nicht weh tun. Ich bin zwar kein Experte, aber ich glaube nicht, dass der erste Gedanke, den man haben sollte, wenn der eigene Freund mit einem Ring vor einem kniet, ‚nur über meine Leiche' ist! Entschuldigung, dass ich in dieser Sekunde nicht klar denken konnte und in deinen Augen angemessen reagiert habe!" Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Henry sollte nicht sehen, wie sehr sie das alles mitnahm. „Und glaub mir, ich hab das nicht gern in aller Öffentlichkeit getan. Aber wenn er mir nun mal in aller Öffentlichkeit diesen verdammten Antrag macht, was soll ich da tun? Ich kann mir auch Schöneres vorstellen, als morgen in allen Zeitungen zu lesen, wie ich diesem armen Mann das Herz gebrochen habe. Als ob die Klatschpresse sich jemals wirklich dafür interessiert hätte, wer er ist und sich nicht immer nur absurde Sachen aus den Fingern gesaugt hätte!"

Sie atmete tief durch. „Das sollte der schönste Abend meines Lebens werden, verdammt! Ich hab den Preis bekommen, für den ich mir jahrelang den Arsch aufgerissen habe! Und jetzt, wo ich diesen Preis endlich bekommen habe, wo ich einmal im Mittelpunkt stehe als Lily Potter, Reporterin des Tagespropheten, nicht als Lily Potter, Tochter von …, oder Schwester von …, oder Nichte von …, oder Cousine von …, oder Enkelin von …, wo ich diese Aufmerksamkeit einmal verdient habe, wo sie ein einziges wirklich Mal gerechtfertigt ist und ich sie auch bekommen hätte, wenn ich ein Niemand wäre, wird es jetzt nur um diesen verdammten Antrag gehen! Das werden die Klatschblätter ausschlachten! Letzten Endes wäre es sogar egal, ob ich ja oder nein gesagt hätte. Und es geht wieder nicht um mich. Es geht um irgendein kaltherziges Biest, das sich Klatschreporter wie Rita Kimmkorn zusammenbasteln werden, weil es ihnen in den Kram passt und weil sie dann ausnahmsweise mal wieder gedruckt werden. Und meine ganze harte Arbeit geht unter! Der ganze seriöse Journalismus geht unter! Alles, wofür diese Veranstaltung steht, wofür Ihre Großmutter steht, geht unter!"

Was hatte sich Howard nur dabei gedacht? Er wusste, wie die Medien waren, er wusste, wie sehr sie es mittlerweile hasste, im Mittelpunkt zu stehen, weil ihr Nachname Potter war und es schon längst nicht mehr um all die guten Taten ging, die ihr Vater im Krieg vollbracht hatte. Sondern nur darum, dass sie inzwischen zu sowas wie der Kronprinzessin der Zauberwelt geworden war. Es hätte nur um ihre Arbeit gehen sollen heute Abend. Nur darum. Nichts anderes. Sobald ihr Privatleben ins Spiel gebracht wurde, wurde ihre Arbeit völlig unwichtig. Und Howard wusste das, verdammt noch mal! Wenn er ihr unbedingt einen Antrag machen musste, warum hätte er den nicht machen können, wenn sie unter sich waren?! Wenn weder ihre Familie noch sonst jemand anwesend gewesen wäre? Dann hätte sie ihm erklären können, warum sie ablehnte, warum sie davon überzeugt war, dass es nicht das richtige für sie beide war. Aber so? So war alles nur viel schlimmer geworden. Und wenn sie jetzt ihre Goldene Feder ansehen würde, dann würde sie immer daran denken müssen, was zwischen ihnen passiert war. Das hatte alles kaputt gemacht. Alles!

Lily setzte sich wieder auf die Bank, drehte sich komplett zu Henry um und stach ihm aufgebracht mit einem Finger in die Brust. Sie hatte nur ihre Ruhe haben wollen und nicht einmal das hatte er ihr gegönnt, dieses selbstgefällige Arschloch! „Und ich weiß beim besten Willen nicht, was ich dir getan habe, dass du plötzlich zu so einem Arschloch mutiert bist und es ist mir auch scheißegal, aber-"

„Hey!" Er umklammerte mit seiner Hand ihre, denn sie hatte wirklich spitze Fingernägel und wusste, wie sehr die wehtun konnten, aber das hatte er ihrer Meinung nach wirklich verdient. Er nahm ihr die Champagnerflasche aus der anderen Hand, aber so leicht wollte Lily sich nicht geschlagen geben und versuchte, sie zurückzubekommen. Schwer atmend schauten sie sich an. Er hatte wirklich wunderschöne braune Augen, sogar im Mondlicht. Seine Pupillen waren vor Wut geweitet, so wie ihre wahrscheinlich auch. Sie hatte vergessen, was sie sagen wollte, und es war auch nicht mehr wichtig, denn einen Moment später küssten sie sich.

Er schlang die Arme um sie und sie vergrub ihre Hände in seinen Haaren und so küssten sie sich mehrere Minuten lang. Lily wusste kaum, wie ihr geschah, aber mittlerweile war es ihr egal. Ihr war alles egal. Der Abend war ruiniert, ihre Beziehung gegen die Wand gefahren und wenn sie ehrlich war, hatte sie sich von der ersten Sekunde an zu Henry hingezogen gefühlt. Und wenn er ein Arschloch war! So wie er hatte sie noch nie jemand geküsst. Noch nie hatte eine Berührung so ein Feuer in ihr entfacht. Und sie hatte die Schnauze voll, immer das zu tun, was alle anderen von ihr erwarteten, wenn am Ende doch alles den Bach runterging, weil andere es so viel besser wussten.

Als sie schließlich nach Luft schnappten, schauten sie sich einen Moment zögerlich an. Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus und dann küsste er plötzlich ihren Hals und zog den Reißverschluss ihres Kleides herunter, während sie ihre Hände unter seinen Festumhang schob und seine angespannten Bauchmuskeln ertastete. Sie erschauderte, als sie sein leises Stöhnen hörte.

Sie hatte noch nie irgendwo anders Sex gehabt als in einem Bett, selbst bei ihrem ersten Mal in Hogwarts, als ihr Freund sie mit in seinen leeren Schlafsaal genommen hatte. Und ganz bestimmt hatte sie noch nie Sex im Freien gehabt, auf einer Steinbank in einer dunklen Ecke in einem Park, wo theoretisch jeder hätte vorbeikommen können. Und schon gar nicht mit einem Mann, der zugegeben sehr attraktiv war, den sie aber sonst überhaupt nicht ausstehen konnte, weil er eines der größten Arschlöcher war, dem sie je begegnet war.

Aber Merlin, konnte Henry gut küssen! Er fand genau die richtigen Stellen, er wusste genau, wo und wie er sie berühren musste. So hatte sie sich noch nie gefühlt. Also schlug sie alle Bedenken, die sie hätte haben können, in den Wind, und tat nur, was ihr Körper von ihr wollte. Das hatte sie sich verdient.

Es war der absurdeste Abend ihres ganzen Lebens und als sie eine halbe Stunde in ihr Wohnzimmer apparierte, fragte sie sich ernsthaft, ob sie das Ganze nur geträumt hatte.

TBC …