18. Dezember: Verwirrung
Lily stand so lange unter der Dusche, bis das heiße Wasser aufgebraucht war und wickelte sich dann in ihr flauschigstes Handtuch. Zu Tode erschrocken sprang sie in die Luft, als sie aus dem Badezimmer kam und James auf ihrem Sofa sitzen saß. Er hatte die Füße auf ihren Couchtisch gelegt. Das machte er absichtlich. Er wusste, wie sehr sie das hasste. Aber dann wurde sie davon abgelenkt, dass er ihre Goldene Feder in seinen Händen drehte und wendete.
„Was machst du hier?", fragte sie schließlich und ging an ihm vorbei in ihr Schlafzimmer. Sie zog sich ihren Schlafanzug an und ließ sich dann neben ihm auf das Sofa fallen, das Ted und Victoire ihr überlassen hatten, nachdem sie sich ein neues gekauft hatten. James präsentierte ihr mit einer dramatischen Handbewegung ihren Preis.
„Ich dachte, du möchtest den vielleicht wiederhaben. Du bist so schnell verschwunden, dass du ihn auf dem Tisch stehen gelassen hast."
Lily schluckte und nahm die Statue mit zitternden Händen entgegen. Sie stand auf und stellte sie in ihr Regal. Sie hatte die Stelle schon vor Wochen freigeräumt, sobald sie erfahren hatte, dass sie den Preis bekommen würde. Und nach allem, was sie heute erlebt hatte, hatte sie ihn völlig vergessen.
„Danke", sagte sie mit bebender Stimme und setzte sich wieder neben ihn.
Er drehte sich zu ihr und schaute sie besorgt an. Es fühlte sich irgendwie falsch an, James so zu sehen. Normalerweise war er gut gelaunt, grinste und heiterte sie auf, wenn es ihr nicht gut ging. Er war wie Onkel George, wollte immer alles mit einem Lachen besser machen. So ernst hatte sie ihn schon lange nicht gesehen.
„Alles in Ordnung?", fragte er leise.
Lily biss sich auf die Lippe, überlegte einen Moment, ob sie lügen sollte und schüttelte schließlich den Kopf. Alle Gefühle des Abends kochten in ihr hoch und sie brach in Tränen aus. James zog sie ohne zu zögern in seine Arme. Sie krallte ihre Finger in den Festumhang, den er immer noch trug, und vergrub ihren Kopf in seiner Brust. James strich ihr zärtlich über ihre Haare und sagte gar nichts. Er ließ sie einfach weinen.
„Ich versteh nur nicht", sagte Lily schließlich nach fünf Minuten, als ihre Schluchzer langsam wieder nachließen, „wie Howard das für eine gute Idee halten konnte. Er weiß, wie sehr ich die Aufmerksamkeit von den Klatschreportern verabscheue. Und ausgerechnet heute?" Das war immer noch das größte Rätsel. Warum hatte er ihren Abend so an sich reißen und alles ruinieren müssen?
„Vielleicht hat er gedacht, da sowieso schon alle wegen der Feder auf dich achten, kann er zwei Trolle mit einer Keule schlagen?", schlug James zögerlich vor.
Lily schnaubte. Sie löste sich von James und setzte sich wieder auf. „Als ob sich auch nur ein Mensch noch dafür interessieren würde, dass ich gewonnen habe! Vielleicht wird das am Schluss noch in irgendeinem Nebensatz erwähnt." Sie stöhnte, schlug die Hände vors Gesicht und lehnte sich nach hinten. „Merlin, jetzt kann mich doch beruflich niemand mehr ernst nehmen!"
„Ach Quatsch, jetzt mach dich nicht lächerlich!", widersprach James vehement. „Natürlich nehmen dich die Leute noch ernst. Den Preis hast du schließlich nicht umsonst bekommen! Die wissen ganz genau, was sie an dir haben!"
„Wirklich?", fragte sie skeptisch. „Wenn keiner mehr meine Artikel liest, dann reden wir weiter."
„Also Lily, ich will deine Traumwelt jetzt wirklich nicht zum Einstürzen bringen, aber ich glaube nicht, dass jemand seitenlange Berichte über Außenpolitik liest, nur weil du die geschrieben hast. Vielleicht einmal. Aber normalerweise wird sowas gelesen, weil man sich dafür interessiert. Ich glaube kaum, dass sich viele da durchkämpfen werden und die ganze Zeit denken, ‚das ist doch die Tochter von Harry Potter, die irgendwann diesen Typen in aller Öffentlichkeit in den Wind geschossen hat'. So läuft das doch nicht."
„Dein Wort in Merlins Gehörgang", murmelte Lily skeptisch. Sie hoffte, dass er Recht hatte, aber sicher war sie sich nicht. Die Leute hatten schon viel Bescheuerteres gemacht, weil ihr Nachname Potter war. „Ich könnte ihn auf den Mond schießen!"
James grinste. „Ich glaube, da musst du dir keine Sorgen machen, der hat seine Strafe schon bekommen."
Lily stöhnte. „Oh Merlin, war er sehr enttäuscht?" Sie hatte Howard innerlich verflucht, nachdem sie aus dem Saal gestürmt war, aber sonst hatte sie sich keine weiteren Gedanken über ihn gemacht. Zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt gewesen.
„Ich kenn ihn jetzt nicht ganz so gut und er ist nicht gerade jemand, der seine Gefühle auf der Zunge trägt", begann er zögerlich, „aber ich würde sagen, es hat ihn schon getroffen, dass du nein gesagt hast. Ich glaube nicht, dass jemand, der einen so öffentlichen Antrag plant, damit rechnet, dass seine Angebetete ablehnt."
„Ich versteh wirklich nicht …", sagte Lily kopfschüttelnd, „ich meine, wir haben noch nie darüber gesprochen. Wir sind ja noch nicht mal zusammengezogen und dann macht er mir aus heiterem Himmel einen Antrag. Was soll das?"
„Ernsthaft?", fragte James überrascht. „Ihr seid seit anderthalb Jahren zusammen und habt noch nie über die Zukunft gesprochen? Wirklich?"
Lily zuckte mit den Schultern. „Nicht so! Wir wollten im Sommer verreisen und zu unserem Jahrestag vielleicht nach Paris, aber das …", verteidigte sie sich.
James hob abwehrend die Hände. „Ich mein ja nur! Ist das nicht üblich, dass man über sowas redet, wenn man länger zusammen ist? Wohin eine Beziehung gehen soll? Nicht, dass ich Experte bin-"
Lily schnaubte. „Das nun wirklich nicht!" Soweit sie wusste, hatte James noch nie eine Beziehung gehabt, die länger als eine Nacht gedauert hatte.
„Hey!", erwiderte er beleidigt. „Ich wollte doch nur helfen. Ich meine, Al hat ewig davon geredet, dass er Tia heiraten wird, lange bevor er ihr den Antrag gemacht hat. Und bei Ted und Vic war das auch irgendwie klar. Ganz zu schweigen von Rose und Scorpius. Und Fred und Ellen? Da haben wir doch alle Wetten abgeschlossen, wie schnell nach ihrem Abschluss sie heiraten werden." Es stimmte, die meisten aus ihrer Familie, die eine lange Beziehung in Hogwarts hatten, hatten nach dem Abschluss nicht allzu lange gezögert, und keiner erwartete, dass das bei Fred und Ellen anders sein würde, aber irgendwie kam es ihr komplizierter vor, wenn man Hogwarts nicht als gemeinsamen Nenner hatte.
„Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Wir haben nie darüber geredet, was wir in fünf Jahren oder so machen werden. Das kam nie zur Sprache." Sie runzelte die Stirn. „Vielleicht ist das ein Zeichen." Gut konnte das auf keinen Fall sein.
„Ist es denn vorbei zwischen euch?"
Darüber, dass es auch nicht vorbei sein könnte, hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Ihr war dieses nein sehr endgültig vorgekommen. Howard war zwar ein gutmütiger und geduldiger Mensch, aber sie bezweifelte, dass er ihr das würde verzeihen können. Und ob sie überhaupt wollte, dass er ihr verzieh. Von dem Sex mit Henry ganz zu schweigen.
„Ich glaube schon. Ich hab nicht nein gesagt, weil er mich überrumpelt hat und ich nachdenken musste und noch nicht so weit war. Gut, natürlich hat er mich überrumpelt. Aber das war es nicht."
„Nein?"
„Nein. Als er da vor mir gekniet hat und ich endlich begriffen habe, was er von mir will, hab ich nur denken können ‚nur über meine Leiche'. Ich glaube nicht, dass das eine gute Grundlage ist, um weiterzumachen." Ganz abgesehen davon, dass sie sich an seiner Stelle nie verzeihen würde, dass sie sofort danach mit einem anderen geschlafen hatte.
James verzog das Gesicht. „Armer Kerl."
Lily blinzelte. „Ach ja? Ich hatte nicht den Eindruck, dass du Howard sonderlich gemocht hast." Die beiden haten kaum jemals ein Wort miteinander gewechselt, auch wenn James nie unfreundlich zu ihm gewesen war. Nur eben auch nicht besonders freundlich.
James zuckte mit den Schultern. „Na und? Deshalb kann er mit doch trotzdem leidtun. Auch wenn er irgendwie selbst Schuld ist, wenn er dir so in aller Öffentlichkeit einen Antrag macht und nicht mal genau weiß, ob du ja sagst." Lily verzog das Gesicht. „Und ich würde nicht unbedingt sagen, dass ich ihn nicht gemocht habe. Ich kannte ihn kaum. Und ich fand ihn recht uninteressant. Aber ich war ja auch nicht mit ihm zusammen. Und solange du ihn gemocht hast … ich misch mich da nicht mehr ein."
„Das ist ja ganz was neues." Vor ihrem inneren Auge erschienen Alex Horne und Leonard McLaggen und all die anderen Jungen, zu denen ihre Brüder ihre Meinung kundgetan hatten.
James lachte. „Glaub mir, ich hab seit McLaggen meine Lektion gelernt. Und es war ja nicht so, als ob ich mich da viel eingemischt habe. Das war immer Als Ding gewesen und ich bin meistens nur mitgegangen, um zu verhindern, dass er irgendwelchen Unsinn anstellt."
Das hatte sie zwar anders in Erinnerung, aber es bestand durchaus die Möglichkeit, dass ihre Erinnerung ihr da ein paar Streiche spielte. Es stimmte schon, Al war immer der Laute gewesen, was ihre Freunde anging, aber trotzdem war James im Hintergrund dabei gewesen. Doch hatte er auch etwas gesagt, oder hatte er nur amüsiert zugeschaut?
„Aber darüber sind wir längst hinaus. Wir wissen, dass du deine eigenen Entscheidungen treffen kannst und wir dachten, du wolltest Howard. Du hast doch früher immer von der großen Liebe und heiraten und Kindern gesprochen. Warum solltest du mit jemandem zusammen sein, mit dem du das nicht willst?"
„Weiß ich doch auch nicht!", protestierte Lily ratlos. „Ich hatte immer solche Probleme, überhaupt jemand vernünftigen zu finden, und Howard ist toll. Er sieht gut aus, er ist süß, er ist intelligent, er hat einen guten Sinn für Humor, wenn er sich erstmal wohlfühlt in einer Situation. Er ist gut im Bett und er mochte mich, so wie ich war." Sie schluckte. „Und er war wirklich für mich da, als Grandpa im Krankenhaus war. Ich weiß nicht, was ich ohne ich gemacht hätte." James biss sich auf die Lippe und streichelte Lily über die Schulter. Jetzt, wo sie so darüber nachdachte …
„Vielleicht … vielleicht hatte ich irgendwie das Gefühl, dass ich ihm was schuldig war, weil er mir so geholfen hat. Vielleicht hätte ich mich schon eher von ihm getrennt …" Sie hatte nie wirklich darüber nachgedacht, sich von ihm zu trennen, weil sie nicht unglücklich mit ihm war. Aber sie hatte auch nie wirklich ernsthaft darüber nachgedacht, mit ihm eine Zukunft zu haben und das war schon irgendwie merkwürdig, oder?
„Echt jetzt?", fragte James skeptisch und zuckte zusammen, als Lily ihn in den Arm boxte.
„Was weiß denn ich? Gefühle sind nicht immer logisch! Ich weiß nur, dass ich unmöglich seinen Antrag hätte annehmen können." Dagegen hatte sich alles in ihr gesperrt, als er den Ring rausgeholt hatte. Sie war nicht einmal in der Lage gewesen, ihn zur Seite zu ziehen und nicht in aller Öffentlichkeit nein zu sagen. Dieses nein hatte in ihrem Kopf widergehallt und keinen Platz für irgendetwas anderes gelassen.
James legte den Arm um sie und zog sie wieder an sich, wahrscheinlich um zu verhindern, dass sie ihn noch einmal in den Arm boxte. „Ich mach dir doch keine Vorwürfe. Du hast alles richtig gemacht. Wenn du ihn nicht heiraten willst, dann hat es keinen Sinn, irgendetwas anderes zu machen. Es ist nur schade, dass es wirklich so enden musste und dass deine Goldene Feder so untergegangen ist. Du hast dich doch so darauf gefreut."
Sie schluckte. „Es ist, wie wenn du die Meisterschaft gewinnst, weißt du? Oder zumindest hab ich mir das so vorgestellt. Nicht, dass es das Ziel ist, auf das ich unbedingt hingearbeitet habe. Ich bin gerne auf diesen Konferenzen, ich berichte gerne über das, was passiert ist, damit die Leute sich ein Bild machen können und informiert sind. Preis hin oder her. Es ist nur … er ist schön, eine Anerkennung für die harte Arbeit zu kriegen. Und ich hab mich so gefreut, dass endlich einmal über mich berichtet wird, weil ich wirklich etwas getan habe, das den Bericht wert ist. Nicht immer nur als Tochter von oder Schwester von …"
„Ich weiß, was du meinst", sagte James leise.
„Ach ja?" Von allen Kindern ihres Dads hatte es James immer am wenigsten ausgemacht, dass er durch seinen Vater so berühmt war. James hatte immer eher versucht, seine Berühmtheit auszukosten und auszunutzen, als ihr aus dem Weg zu gehen, so wie Al und sie.
„Oh ja. Ich meine, es stört mich nicht, dass Dad berühmt ist. Er hat ja einen wirklich guten Grund, nicht wahr? Und ich dachte mir immer, wenn schon, denn schon. Wenn schon alle wissen, wer ich bin und mich ständig darauf ansprechen, dann kann ich das auch ausnutzen. Was soll das sonst? Aber als mich das erste Mal jemand angesprochen und gesagt hat, ‚du bist doch James Potter, der Quidditchspieler' und nicht, ‚du bist doch der Sohn von Harry Potter' … ich hätte nicht gedacht, dass mich das so umhauen würde, dass mich jemand kennt, wegen meiner eigenen Leistung."
Lily schluckte. „Und ich werde das jetzt nie haben."
„Ach Quatsch, jetzt sei mal nicht so dramatisch. Du hast noch Jahrzehnte, um Goldene Federn zu gewinnen. Irgendwann wird das mit Howard ein alter Hut sein. Und mit Dad auch."
„Das glaubst du doch wohl selbst nicht! So präsent, wie der Krieg und Dad immer noch überall sind. Mit den Gedenktagen und -tafeln und Vorträgen und allem." Die Zauberwelt bemühte sich sehr, dass Voldemort und der Krieg nicht vollends in Vergessenheit gerieten, um sicher zu gehen, dass man daraus lernte und die Geschichte sich nicht wiederholte. In Hogwarts hatte sie immer gewusst, wann die Einheit in Geschichte der Zauberei wieder dran war, weil die Schüler sie dann immer so ehrfurchtsvoll angeschaut hatten. Dabei war sie damals noch längst nicht geboren worden, als ihr Vater seine Heldentaten vollbracht hatte. „Außerdem war doch fast jede Familie in der Zauberwelt betroffen und die Kinder und Enkelkinder und so weiter werden ewig davon hören. Das bleibt doch gar nicht aus bei all den Toten und Verletzten." Und es war auch normal und sollte so sein, dass daran erinnert wurde. Nur war ihre Familie und ganz besonders ihr Vater so sehr in die Ereignisse verstrickt, dass man ihn unmöglich weglassen konnte. Er war neben Voldemort und wahrscheinlich Dumbledore das zentralste Element der ganzen Geschichte. Und als einziger Überlebender auch das aufsehenerregendste.
„Aber je länger das Zeug her ist, desto uninteressanter wird es. Oder glaubst du ernsthaft, dass die Leute bei den Kindern unserer Kinder noch sagen, ‚dein Urgroßvater ist Harry Potter? Wahnsinn!' Das wird dann eher sein ‚Harry Potter? Der Typ von den Schokofroschkarten? Cool' und das war's dann. Und so Zeug wie, ‚meinem Großvater fehlt ein Ohr', ‚mein Großonkel wurde mal von einem Werwolf angegriffen, als kein Vollmond war' oder ‚mein Dad hat gesehen, wie mein Kräuterkundelehrer eine Riesenschlange mit einem Schwert geköpft hat'. Interessante Anekdoten halt, aber der Kontext wird doch unwichtig." Er grinste und sagte dann mit stolzgeschwellter Brust: „Oder vielleicht wird es auch irgendwann mal nur noch sein ‚Potter? Wie der Quidditchweltmeister?'"
Lily verdrehte lachend die Augen. „Du hast ja auch gar keine hohen Ziele." Das Selbstvertrauen ihres Bruders hätte sie auch gerne.
„Tante Hermine sagt doch immer, man soll sich nicht mit Kleinigkeiten zufriedengeben, sondern sich wirklich große Ziele stecken, damit man etwas hat, wofür man kämpfen kann. Sonst hätte sie es auch nie geschafft, die Gesetze für die Hauselfen zu ändern. Und immerhin bin ich jetzt in der Nationalmannschaft, also ist das Ziel nicht mehr so weit weg wie damals, als ich noch in Hogwarts war."
Da hatte er auch wieder Recht. Auch wenn die englische Nationalmannschaft im Moment nicht gerade so berauschend war. Aber sie hatte mit Oliver Wood auch erst vor kurzem einen neuen Trainer bekommen und einige sehr erfahrene Spieler verloren und die neue Gruppe musste sich erst einmal finden. Aber es war unbestreitbar, dass James zu den Besten der Welt gehörte und Lily würde als persönliche Beleidigung betrachten, wenn James nicht irgendwann Weltmeister werden würde. Seit sie denken konnte hatte er an seinen Fähigkeiten gearbeitet.
Sie tätschelte seine Wange. „Ja, das wird schon, Brüderchen."
Er verdrehte die Augen. „Da will man einmal ernst sein. Wie ich sehe, geht's dir schon besser. Dann werde ich hier ja nicht mehr gebraucht." Er machte Anstalten, aufzustehen, und Lily war sich nicht sicher, ob sie ihn aufhalten sollte oder nicht. Sie hatte eigentlich allein sein wollen, doch James' Besuch hatte ihr so gutgetan, damit hätte sie nie gerechnet. Aber er war auch etwas ganz Besonderes. Er hörte ihr zu und nahm sie ernst, aber er musste auch nicht alles zerreden und nahm nichts allzu schwer. Er machte ihr keine Vorwürfe, aber er hatte auch nicht viel für ihr Selbstmitleid übrig und das war wirklich angenehm. Doch wenn er gehen wollte, dann würde sie ihn nicht aufhalten.
Dazu kam es dann jedoch überhaupt nicht mehr, denn als er aufstehen wollte, fiel sein Blick auf ihren Hals und er stutzte. Stirnrunzelnd zog er den Kragen ihres Schlafanzugoberteils zur Seite.
„Was ist?", fragte Lily verwirrt und zuckte zusammen, als er mit seinem Zeigefinger über ihre empfindliche Haut strich.
„Ist das ein Knutschfleck?", fragte er ungläubig.
Lily wurde rot und schluckte. Das war ihr vorhin gar nicht aufgefallen, aber sie hatte auch nicht in den Spiegel geschaut. Und Henry hatte sich lange genug mit ihrem Hals beschäftigt, da wunderte es sie gar nicht, dass sie ein Souvenir davongetragen hatte. Ganz toll.
„Du hattest doch vorhin noch keinen Knutschfleck. Bei dem Kleid, das du getragen hast, wäre mir das aufgefallen", sagte James. Während ihr schwarzes Kleid nur einen dezenten Ausschnitt hatte, weil sie kein Bild mit einem zu großen Blick in ihr Dekolleté hatte riskieren wollen, war er dennoch tief genug, dass ihr ganzer Hals genau zu sehen gewesen war. Sonst hätte Henry an ihrem Hals auch nicht so leichtes Spiel gehabt. Lily stieß seine Hand weg, weil sich die langsam sehr unangenehm anfühlte. Warum hatte er nicht einfach gehen können? Darüber wollte sie wirklich nicht mit ihrem großen Bruder sprechen, bei aller Liebe.
„Hast du etwa noch mit Howard geschlafen, nachdem du seinen Antrag abgelehnt hast? Das hat der arme Kerl nun wirklich nicht verdient, Lily!" James schaute sie enttäuscht an. Sie biss sich auf die Lippe und wurde noch röter. Seine Augen wurden groß. „Oder hast du etwa mit jemand anderem geschlafen, nachdem du Howard abserviert hast?!" Sie wandte den Blick ab. „Lily!", sagte er schockiert. „Beim Merlin, das hätte ich dir wirklich nicht zugetraut!"
„Es hat nichts zu bedeuten, okay?", platzte es aus ihr heraus, weil sie ihm nicht mehr zuhören konnte. „Ich war betrunken und ich konnte nicht klar denken und ich war so wütend und er war da und-"
„Woah, woah, woah, Lily", unterbrach James sie in dem Tonfall, mit dem Hagrid einen aufgebrachten Hippogreif beruhigte. „Ganz ruhig! Ich wollte doch nicht ..." Er runzelte die Stirn. „Moment mal, hat dich jemand gezwungen, als du betrunken warst? Hat das jemand ausgenutzt?" Ein harter Ausdruck trat in seine Augen. Sie schüttelte hastig den Kopf.
„Nein! Nein, das nicht! Das auf keinen Fall! Es ist nichts passiert, was ich nicht gewollt habe." Sie schüttelte den Kopf. Nur dass sie es überhaupt gewollt hatte, darüber hatte sie bisher noch nicht nachdenken wollen. Darüber würde sie am liebsten überhaupt nicht nachdenken.
„Aber wann hattest du überhaupt die Zeit, irgendjemanden zu finden? Und warum? Du hältst doch überhaupt nichts von One Night Stands."
Lily fuhr sich durch ihre halbtrockenen Haare und wandte sich von ihm ab. „Es war eine Ausnahmesituation, okay? Ich war dort allein im Garten nach dem Antrag und hab mich betrunken und dann ist plötzlich der Enkel von Pauline Mitchell aufgetaucht und hat mich beleidigt und dann hab ich ihn angeschrien und dann …" Sie zuckte mit den Schultern und schaute ihn hilflos an.
„Er hat dich beleidigt?", wiederholte James empört. „Wieso hat er dich beleidigt? Du hast ihm doch nichts getan, oder?"
„Ich weiß es auch nicht! Ich hab ihn getroffen, als ich Pauline Mitchell interviewen sollte und die ersten fünf Minuten war er wirklich nett und höflich und er hat ein wirklich schönes Lächeln …" Sie verstummte kurz, als das Lächeln vor ihrem inneren Auge wieder auftauchte. Es lief ihr kalt den Rücken herunter. „Und dann war er plötzlich ein Arschloch und kurz angebunden und hat mich angeschaut, als wäre ich Dreck unter seinem Schuh und dann im Garten hat er mir vorgeworfen, dass ich nur mit Howards Gefühlen gespielt hätte und dass man von der Prinzessin gar nichts anderes erwarten kann, weil ich ja nur Aufmerksamkeit will und ich weiß auch nicht …"
„Das hat zu Sex geführt?", fragte James skeptisch.
„Ich weiß es doch auch nicht", wiederholte Lily hilflos. „Ich weiß es wirklich nicht. Das sieht mir überhaupt nicht ähnlich, ich bin wirklich nicht der Typ für One Night Stands, ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist. Und dann auch noch im Garten, wo uns jeder hätte sehen können!" Je länger sie darüber nachdachte, desto absurder wurde die ganze Situation. Sie hatte eindeutig den Verstand verloren.
James legte seine großen Hände auf ihre Schultern und schaute ihr fest in die Augen. „Tief durchatmen, Lils, okay?" Er machte es vor und Lily machte seine tiefen Atemzüge nach. Langsam beruhigte sie sich wieder etwas. „Ich weiß, dass ihr euch immer alle über meine ganzen One Night Stands lustig macht und auf eurem hohen Ross sitzt mit euren ganzen festen Beziehungen, die so viel besser sind als bedeutungsloser Sex mit fremden Menschen", er verdrehte nicht die Augen, aber Lily konnte sehen, dass ihn das sehr viel Kraft kostete, „aber es ist wirklich nichts, für das man sich schämen muss. Es ist nicht besser oder schlechter, mit jemandem zu schlafen, nur weil man ihn attraktiv findet. Es muss nicht immer die große Liebe sein. Solange man zu nichts gezwungen wird und alle Parteien mit dem, was passiert, einverstanden sind, dann ist das etwas völlig Normales. Okay?"
Lily nickte zögernd. „Aber-"
„Ich weiß, ihr tut immer alle so, als wäre ich Barney Stinson, der die Frauen mit immer absurderen Geschichten ins Bett zu kriegen versucht, aber so ist es wirklich nicht."
„Ich hab doch gar nichts gesagt", verteidigte Lily sich schwach. Aber es stimmte schon, nachdem sie How I Met Your Mother im Muggelclub gesehen und James damit angefangen hatte, mit immer mehr Mädchen in Hogwarts zu schlafen, ohne mit einer von ihnen zusammen zu sein, hatten sie ihn öfter mit Barney Stinson verglichen. Aber er hatte nie den Anschein erweckt, dass ihn das gestört hatte.
„Lil, ich bin nicht blöd. Ich weiß genau, dass ihr alle nicht viel davon haltet, dass ich einfach gerne Sex habe und sonst nicht hinter der wahren Liebe her bin. Louis hat mit verstanden, bevor er mich verraten hat." Louis hatte eine recht wilde Zeit gehabt, als er in Frankreich gelebt hatte. Aber seit er wieder mit seiner großen Liebe aus Hogwarts zusammengekommen war, hatte er sich von diesem Teil seines Lebens verabschiedet und war ein ganz normaler Ehemann und Vater geworden. „Und du musst ja auch nicht werden wie ich, aber du kannst mir glauben, wegen einem One Night Stand musst du wirklich kein schlechtes Gewissen haben. Manchmal braucht man eben ein körperliches Ventil, um Dampf abzulassen und Sex eignet sich dazu hervorragend."
„Aber Howard … ich hab ihn praktisch betrogen."
„Wirklich?", fragte James skeptisch. „Für dich war die Beziehung doch schon beendet, selbst wenn er es noch nicht weiß. Und glaub mir, er weiß es." Lily schluckte. „Ob du jetzt eine Stunde danach mit einem anderen geschlafen hast, weil du betrunken und wütend warst und er da war und du deine Gefühle an ihm auslassen konntest …"
„Merlin, James, bei dir klingt das ja noch viel schlimmer", murmelte Lily. Sollte sie sich dadurch etwa besser fühlen? „Ich hab ihm nicht nur das Herz herausgerissen, sondern auch noch drauf rumgetrampelt." Vielleicht war sie ja wirklich so ein herzloses Miststück wie die Zeitungen morgen schreiben würden.
„Ja, vielleicht, aber wenigstens ist es vorbei. Ihr habt euch das alle nicht so vorgestellt, als der Abend angefangen hat, aber so ganz unschuldig war er jetzt auch nicht."
Lily seufzte. Doch sie war sehr viel schuldiger als er. Er hatte bestimmt nicht eine Stunde später mit einer anderen geschlafen. Und selbst wenn, hätte sie keine Ahnung, wie sie sich dann fühlen würde. Selbst jetzt konnte sie es nicht genau sagen. Sie wusste nur: „Ich fühl mich einfach scheiße, okay?"
„War der Sex so schlecht?", fragte James mit schiefem Grinsen und wich ihr diesmal erfolgreich aus, als sie ihn boxen wollte. Verdammte Reflexe!
„Nein, der Sex war nicht schlecht! Nur alles drum herum." Neben der Goldenen Feder war der Sex objektiv betrachtet das Beste an dem Abend gewesen. Sie hatte gedacht, dass Howard gut im Bett war, aber das hier … das war eine völlig andere Ebene gewesen. „Und ich weiß immer noch nicht, was ich Henry getan habe, dass er so ein Arschloch zu mir war." Und wahrscheinlich würde sie es auch nie erfahren, denn sie hatte nicht vor, ihm noch mal zu begegnen, guter Sex hin oder her. Sie stand nicht darauf, sich in einer Tour beleidigen zu lassen.
„Mitchell, hast du gesagt?", erkundigte sich James stirnrunzelnd.
„Ja, Henry Mitchell. War in Ravenclaw. Gut möglich, dass ihr in einem Jahrgang wart."
James kratzte sich nachdenklich am Kopf, zuckte aber letzten Endes nur mit den Schultern. „Gut möglich. Aber mit den Ravenclaws hatten wir nie viel zu tun, dafür waren unsere Jahrgänge zu voll. Wenn er kein Quidditch gespielt hat …"
„Vielleicht hast du ihm ja die Freundin ausgespannt", mutmaßte Lily.
James seufzte. „Ich hab noch nie jemandem die Freundin ausgespannt." Lily hob skeptisch eine Augenbraue und er verdrehte die Augen. „Ich frag vielleicht nicht immer nach, ob die Frau in einer festen Beziehung steckt, aber ich hab noch nie jemanden zu etwas gezwungen, was sie nicht wollte. Wenn ich jemanden angemacht habe und sie hat nein gesagt, dann hab ich das immer akzeptiert. Und ich hab auch nie jemandem versprochen, danach mit ihr zusammen zu sein. Die wussten immer alle ganz genau, worauf sie sich einlassen. Es ist nicht meine Schuld, wenn sich eine einbildet, dass sie mich ändern kann und ich mich Hals über Kopf in sie verliebe. Das Leben ist keiner von deinen Kitschromanen! Und es ist auch nicht meine Schuld, wenn die Beziehung von der Frau so scheiße ist, dass sie die für Sex mit mir aufs Spiel setzt."
„Machst du's dir da nicht ein bisschen einfach?" Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass Pedro, ihr beinahe One Night Stand, der ihr seine Frau verschwiegen hatte, genauso argumentiert hätte. Lily hatte nicht explizit gefragt, ob er verheiratet war, also war es auch nicht seine Schuld, schließlich hatte er sie nie aktiv belogen. Nur eben auch nie die ganze Wahrheit gesagt.
„Nein, mach ich nicht. Ich bin Single, ich betrüge niemanden und ich bin immer ehrlich bezüglich dessen, was sie von mir erwarten können", beharrte James vehement. „Ich werde mir hier keine Schuldgefühle von dir einreden lassen, die nicht nötig sind. Besonders nicht, nachdem ich dich trösten wollte. Wenn du ein schlechtes Gewissen haben willst, bitte schön. Wenn du mich fragst, war das heute Abend alles eine Verkettung unglücklicher Umstände, die ihr beide vielleicht besser hättet handhaben können, aber passiert ist passiert und es gibt wirklich schlimmeres im Leben. Sex mit einem anderen war jetzt vielleicht nicht die weiseste Entscheidung, aber solange er dich nicht gezwungen hat oder du davon nicht schwanger wirst, ist das jetzt auch kein Weltuntergang. Du wirst doch nicht schwanger werden davon, oder?"
Lily schüttelte den Kopf. Seit sie mit Howard zusammen war, nahm sie immer brav ihren Verhütungstrank. Seit Rose damals ungeplant schwanger geworden war, weil ein Grippetrank ihren Verhütungstrank außer Kraft gesetzt hatte, achtete Lily penibel darauf, dass auch ja nichts schieflief. Sie wollte zwar Kinder, irgendwann, aber nur zu ihren Bedingungen. Und so ein Trank war wirklich zuverlässig. Schützte nicht nur vor Schwangerschaften, sondern auch jeglichen Geschlechtskrankheiten. Wenigstens darüber würde sie sich keine Gedanken machen müssen.
Schließlich umarmte sie James einfach und legte ihren Kopf an seine Schulter. Sie würden auf keinen grünen Zweig mehr kommen, dafür waren ihre Gefühle einfach zu durcheinander. „Danke, dass du gekommen bist. Ich hab dich lieb."
James erwiderte die Umarmung fest und küsste sie auf ihre mittlerweile fast trockenen Haare. „Für dich immer, Lils. Ich hab dich auch lieb."
Wenigstens hatte sie das. Wenn ihr Liebensleben schon in Trümmern lag, hatte sie wenigstens noch ihre Familie. Die würde sie nie im Stich lassen, ganz egal, was sie tat.
TBC …
