19. Dezember: Endgültig
Am nächsten Abend überprüfte Lily schweren Herzens den Inhalt ihrer Aktentasche und apparierte dann schnurstracks in Howards Wohnzimmer. Den Vormittag hatte sie damit verbracht, alle seine Sachen, die er in ihrer Wohnung gelassen hatte, zusammenzusuchen. Vielleicht wäre es besser, etwas mehr Zeit verstreichen zu lassen, bis sie ihn wiedersah, aber Lily wusste, dass diese Spannung sie umbringen würde. Sie musste das klären, sonst würde sie verrückt werden.
Ihr Vormittag wurde nur von Hugo unterbrochen, der plötzlich bei ihr auftauchte und ihr die Sonderausgabe der Hexenwoche unter die Nase hielt, die eigentlich anlässlich der Goldenen Feder erschienen war, sich aber hauptsächlich mit Lilys Liebesleben beschäftigte. Vor allem ging es natürlich darum, dass sie aus unerklärlichen Gründen einem netten Mann so grausam das Herz gebrochen hatte, aber auch sonst wärmten sie alle Beziehungen und Affären auf, die sie Lily je nachgesagt hatten. Von den fünfzehn Männern, mit denen sie fotografiert worden war, war sie nur mit einem überhaupt zusammen gewesen, nämlich Andrew, der Teamkollege von James. Fünf von den anderen kannte sie überhaupt nicht und sie waren nur zufällig auf dem Bild mit Lily und der Rest waren Ted; Mollys Mann Justin; Tante Audreys Bruder, dem sie einmal die Winkelgasse gezeigt hatten; Dudley, der Cousin ihres Vaters, den sie mitgenommen hatten, als seine Kinder Sachen für Hogwarts gebraucht hatten; und verschiedene Quellen aus dem Ministerium. Manche Gerüchte hatte sie gar nicht mitgekriegt, weil sie die Hexenwoche seit Jahren aus Prinzip ignorierte. Auch wenn die Rezepte manchmal gar nicht so schlecht waren.
„Ich wollte dich eigentlich nicht stören, weil ich mir dachte, dass du heute bestimmt mit Howard feierst, aber du bist nicht an dein Handy gegangen und auf dem Weg zur Arbeit hab ich das hier gesehen", sagte Hugo entschuldigend und hielt die Hexenwoche hoch, „und da steht, dass du den Heiratsantrag von Howard abgelehnt hast? Ich hätte das ja nicht geglaubt, weil man nie was glauben sollte, was in dem Zeug steht, aber da waren Bilder, wie er mit einem Ring vor dir kniet und ich weiß wirklich nicht, wie man das anders interpretieren könnte …"
Seufzend erzählte Lily Hugo die ganze Geschichte, sogar von dem Sex mit Henry, auch wenn sie immer noch nicht schlauer war, was sie davon halten sollte. Sie war sehr froh, dass Hugo ihr bester Freund war und unwiderruflich auf ihrer Seite stand. Er konnte sich auch nicht erklären, war Howard geritten hatte, ihr mitten in einer Horde von Reportern einen Antrag zu machen. Aber was den Sex mit Henry betraf …
„Ich würde mir da nicht allzu viele Gedanken machen, Lils", sagte Hugo leichthin. Er hatte schon einige fragwürdige Entscheidungen getroffen, was sein Sexleben betraf, also war er da praktisch Experte. Das hatte schon damit angefangen, dass er nach einer von James' legendären Partys im Raum der Wünsche betrunken mit Suzie Finnigan geschlafen hatte, als er vierzehn gewesen war. Es war sein erstes Mal gewesen und er konnte sich kaum daran erinnern.
„Du warst mies drauf und er war da und du konntest deine Wut an ihm auslassen. So wie das klingt, habt ihr's beide genossen, also was soll's. Sex muss nicht immer eine große Sache sein." Er betrachtete prüfend ihren Hals. „Aber wenn du wirklich später zu Howard gehen willst, dann wäre es wahrscheinlich besser, wenn du die Knutschflecke irgendwie abdeckst."
Und das hatte sie auch getan, bevor sie aufgebrochen war. Zuerst hatte sie sie überschminkt und dann hatte sie zur Sicherheit noch einen Rollkragenpullover angezogen, denn man wusste ja nie.
Howard saß an seinem Schreibtisch und brütete über ein paar Pergamenten, als sie auftauchte. Er schaute überrascht auf. Ein unsicheres Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Lily!", rief er und stand sofort auf. Er machte ein paar Schritte auf sie zu, blieb aber stehen, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Ich hab versucht, dich anzurufen, aber dein Handy war aus." Lily hatte ihr Handy ausgeschaltet, sobald sie gestern im Garten ihren Eltern die Nachricht geschickt hatte, dass sie nach Hause gehen konnten und nicht auf sie warten sollten, und noch nicht den Mut gehabt, es wieder anzumachen. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie viele Nachrichten sie von ihrer Familie hatte. Wenigstens war außer Hugo und James niemand aufgetaucht, weil alle wussten, dass sie ihre Ruhe haben wollte.
„Ja, ich weiß." Sie räusperte sich. „Ich wollte nur …"
„Du warst gestern so schnell weg, ich wusste nicht, ob ich dir folgen sollte, aber deine Eltern haben gemeint, ich soll dir etwas Zeit lassen und …" Er schluckte. „Ich bin froh, dass du gekommen bist und … ich wollte nur sagen, es tut mir leid, dass ich dich so überrumpelt habe. Ich wollte nicht … ich dachte …"
„Wieso hast du das gemacht?", unterbrach sie ihn, weil diese Frage sie mehr beschäftigte als alles andere. „Wieso hast du mir gestern vor allen Leuten einen Antrag gemacht? Wieso?"
Howard zuckte unsicher mit den Schultern. „Ich wollte dir schon lange einen Antrag machen", fing er an. Lily riss überrascht die Augen auf. Damit hätte sie nie im Leben gerechnet. Er hatte nie auch nur eine einzige Andeutung gemacht, dass er mit diesem Gedanken spielte. Dann wäre sie wenigstens nicht so völlig überrumpelt gewesen. „Aber irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt und ich dachte, in Anwesenheit deiner Familie, wenn sich dein Traum von der Goldenen Feder erfüllt hat, ist eine schöne Gelegenheit. So hättest du gleich mehrere Gründe, dich immer an den Abend zu erinnern …" Lily erschauderte. Das hatte er wirklich geschafft. Wie er das nur für eine gute Gelegenheit halten konnte …
„Aber inmitten von so vielen Reportern …"
Howard kratzte sich verlegen am Kopf. „Jaah, das hab ich irgendwie ein bisschen vergessen, dass sie so schlimm sein könnten. Ich wollte den Antrag eigentlich sofort machen, nachdem du den Preis bekommen hast." Na wenigstens hatte er das nicht gemacht. Dann wäre sie wirklich vor Scham im Boden versunken. „Aber deshalb hab ich auch gewartet, bis alle an der Bar waren, damit wir etwas ungestört sind …"
„Das hat ja super geklappt", schnaubte Lily.
„Du sagst doch immer, dass deine Kollegen an keiner Bar vorbeikommen und saufen, bis sie nicht mehr gerade gehen können! Ich dachte nicht, dass die uns überhaupt groß beachten werden!", verteidigte er sich mit einem sehr dünnen Argument.
„Wenn die Tochter von Harry Potter vor allen Augen einen Heiratsantrag bekommt?", fragte Lily ungläubig. „Das glaubst du doch wohl selber nicht!"
„Ja, da hab ich mich getäuscht, beim Merlin, das kann ja mal vorkommen!", sagte Howard jetzt auch genervt. „Hättest du ja gesagt, wäre das bestimmt anders gelaufen! Darf ich dich daran erinnern, dass du vor allen nein gesagt hast und dann abgehauen bist?"
„Daran musst du mich nicht erinnern, das werden die Zeitungen schon den Rest meines Lebens für dich erledigen", fauchte sie. Die erste Hexenwoche hatte ihr schon einen hübschen Vorgeschmack darauf gegeben, was sie noch zu erwarten hatte.
„Ach komm, wenn wir irgendwann verheiratet sind und Kinder haben, dann ist das doch ein alter Hut", sagte er beschwichtigend. „Dann wird sich niemand mehr groß an diesen Zwischenfall erinnern."
Lily starrte ihn an. „Was?", fragte sie fassungslos. „Ist das dein Ernst?"
„Ja klar", sagte er verständnislos. „Im Moment ist das vielleicht eine große Sache, aber im Laufe der Zeit wird das doch-"
„Wir werden aber nicht heiraten", unterbrach Lily ihn. „Ich hab nein gesagt." Sie war doch wohl im falschen Film.
„Ich weiß, ich hab dich überrumpelt, und du brauchst vielleicht noch mehr Zeit, aber-"
„Ich brauch nicht mehr Zeit, Howard!", sagte sie energisch. Dass das überhaupt zur Debatte stand … „Du hast mich überrumpelt, ja, und ich hab noch nie vorher darüber nachgedacht, aber ich will nicht!"
Er schaute sie perplex an. „Aber … wir sind seit anderthalb Jahren zusammen. Worauf soll unsere Beziehung denn sonst hinauslaufen? Ich dachte, du hast als kleines Mädchen schon von deiner Hochzeit geträumt! Deine Familie zieht dich doch ständig damit auf! Ich dachte, wir wollen beide das gleiche!"
Lily schüttelte energisch mit dem Kopf. „Ich will dich nicht heiraten, tut mir leid. Als du mich gestern gefragt hast, da konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen."
„Aber … aber …" Howard schaute Lily hilflos an. „Ich dachte …"
Lily schluckte. „Ich weiß. Das klingt vielleicht komisch, aber ans heiraten hab ich nie gedacht und als du mir den Antrag gemacht hast … Es tut mir leid." Sie wandte den Blick ab, weil sie seine Hundeaugen nicht mehr ertragen konnte, und öffnete ihre Aktentasche. Sie holte sein Rasierzeug heraus, seine Zahnbürste und dann einen ganzen Haufen Pullover und T-Shirts und legte alles auf seinen Esstisch.
„Lily, was machst du da?", fragte er alarmiert. „Warum gibst du mir meine Sachen zurück? Du willst doch nicht etwa-"
„Ist das nicht offensichtlich?", unterbrach sie ihn. „Ich dachte, es ist klar, nachdem ich deinen Antrag abgelehnt habe." Welche Beziehung überlebte schon so eine Situation?
„Ich dachte, du brauchst einfach noch mehr Zeit, ich dachte nicht, dass du gleich Schluss machen willst!", erwiderte er aufgebracht. „Ich will nicht Schluss machen, ich liebe dich!"
Lily schluckte und bemühte sich sehr, nicht anzufangen zu weinen. „Aber ich brauch keine Zeit, Howard. Ich werde dich nie heiraten. Wir haben keine Zukunft, da hat es doch keinen Sinn …"
„Aber woher willst du das wissen?", beharrte er. „Woher willst du wissen, dass du in drei Monaten nicht anders darüber denkst? Oder nächstes Jahr oder in zwei Jahren? Ich kann warten, bis du so weit bist, ich-"
„Ich hab gestern mit einem anderen geschlafen!", unterbrach sie ihn schließlich, als er nicht aufhören wollte zu reden und sich in eine Fantasie hereinsteigerte, die sie nicht teilte.
„Was?" Howard blinzelte verwirrt und schüttelte dann vehement den Kopf. „Das meinst du nicht ernst."
Sie zog den Kragen ihres Pullovers herunter und wischte etwas an der Stelle, wo der größte Knutschfleck war. Sie konnte sehen, wie Howards Augen sich entsetzt weiteten. „Ich mein das ernst. Ich bin nicht stolz darauf, aber-"
„Ich hab dir gestern Abend mein Herz zu Füßen gelegt und du hast nichts Besseres zu tun, als sofort danach mit einem anderen ins Bett zu gehen?", fragte er ungläubig. „Liebst du mich überhaupt nicht?" Mit Tränen in den Augen schaute sie ihn an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. „Du liebst mich nicht?", sagte er fassungslos. „Du hast es nie so direkt gesagt, aber ich dachte … anderthalb Jahre! Anderthalb! Und du willst mich nicht heiraten und du liebst mich nicht und du schläfst mit jemand anderem … Ich kenn dich überhaupt nicht! Ich weiß nicht, wer du bist! Verdammt, Lily! Warum hast du nie was gesagt?! Dann hätte ich nicht … Ich dachte, wir hätten eine Zukunft, verdammt!"
„Ich wusste nicht, dass wir keine Zukunft haben", murmelte Lily. Sie hatte nie wirklich über eine Zukunft mit ihm nachgedacht, aber sie mochte ihn und sie hatte gedacht, dass das genug war. Er war ihre erste wirklich ernsthafte Beziehung gewesen. Sie hatte gedacht, dass der Rest sich schon irgendwann ergeben würde. Aber als er dann vor ihr gekniet hatte, hatte sie sich nichts mehr vormachen können. Er war einfach nicht der Richtige. Er war ein netter Mann, ein guter Mann, und er hatte sie nicht unglücklich gemacht, aber … Der Antrag von ihm war das Letzte gewesen, was sie gewollt hatte. Dass er das so falsch eingeschätzt hatte, obwohl er ihr Verhältnis zu den Klatschblättern kannte, hatte ihr gezeigt, dass sie sich wohl nicht so gut kannten, wie sie gedacht hatten. Und dass sie danach so leichtfertig mit Henry geschlafen hatte, war das letzte Zeichen dafür, dass sie keine Zukunft mit Howard sah.
„Aber wir haben keine, oder? Das willst du mir damit sagen." Howard zeigte auf den Knutschfleck und alle seine Sachen, die sie mittlerweile ausgepackt hatte. „Das hat dein nein bedeutet. Wirklich nein. Kein nicht jetzt, so wie ich dachte." Er schluckte und wischte sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln, als sie den Kopf schüttelte. „Joseph hatte Recht."
„Was?", fragte sie verwirrt.
„Er hat gesagt, verliebt dich bloß nicht in eine Weasley. Das macht nur Ärger und am Ende wird sie dir das Herz brechen. Ich hätte nie gedacht, dass …" Er schluckte und schaute sie gequält an. „Warum musstest du noch mit jemand anderem ins Bett? Hat es dir nicht gereicht, mir das Herz rauszureißen?"
„Ich hab es doch nicht geplant, verdammt! Nichts an dem Abend ist so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe! Und das letzte, was ich wollte, war ein Antrag von dir!" Erschrocken schaute sie ihn an. So direkt hatte sie das eigentlich nicht sagen wollen.
Howard wandte sich kopfschüttelnd ab. „Wow, vielen Dank! Du hast mir auch viel bedeutet!" Er atmete tief durch. „Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst, sonst werde ich dich wirklich noch verfluchen. Und das wäre dann eine Schlagzeile, die du wirklich nicht gebrauchen kannst."
Lily seufzte. So hatte sie eigentlich nicht auseinandergehen wollen, aber wahrscheinlich hätte sie etwas Besseres sowieso nicht erwarten können. „Mach's gut", sagte sie schließlich leise und war einen Moment später disappariert.
TBC …
