20. Dezember: Wiedersehen
Im nächsten Monat verließ Lily ihre Wohnung nur, um zur Arbeit zu gehen und manchmal, um jemanden aus der Familie zuhause zu besuchen. Es gab ein Familienessen bei ihren Eltern, wo sich alle krampfhaft bemühten, das Thema Goldene Feder und Howard zu umgehen und James stattdessen eine halbe Stunde sein letztes Spiel beschrieb. Selbst ihre Mutter und Al, die größten Quidditchfans, die sie kannte, waren am Ende enorm gelangweilt. Hugo brachte ein paar Prototypen aus dem Scherzartikelladen vorbei, die sie testen sollte und sie besuchte zweimal Rose und Scorpius, um mit ihren Kindern zu spielen. Die stellten wenigstens keine Fragen und schauten sie nicht mitleidig und besorgt an, weil schon wieder ein Artikel über ihr Liebesleben irgendwo erschienen war. Beim Merlin, sie war doch wirklich nicht die Einzige, die jemals einen Antrag abgelehnt hatte! Wenn die mal eine wirklich spannende Geschichte hören wollten, dann konnten die sich bei der Grauen Dame und dem Blutigen Baron umhören!
Und auch wenn sie mittlerweile etwas besser verstand, warum Howard ihr den Antrag gerade dort gemacht hatte, gab sie ihm dennoch die Schuld an dem ganzen Schlamassel. Aber er war auch gestraft genug, so weh, wie sie ihm unabsichtlich getan hatte. Das hatte sie nun davon, dass sie sich die große Liebe eingeredet hatte und dann mit der harten Realität konfrontiert worden war, sobald er sie beim Wort nahm und ernst machen wollte. Sie hatte sich genau so wohl gefühlt, wie es war. Sie hatte nichts ändern wollen, aber er hatte sie dazu gezwungen und sie hatten das Ergebnis beide nicht gewollt.
Am Ende hatte ihre Familie genug davon, dass sie sich so einigelte und verschwor sich gegen sie. Dazu spannte sie ganz offensichtlich Victoire und Ted ein, die Lily regelrecht anbettelten, damit sie einen Tag ihre Kinder nahm und mit ihnen in den Zoo ging. Nicht, dass Lily die Knirpse nicht mochte, aber eine sieben- und ein vierjähriger waren schon ganz schön anstrengend, vor allem, wenn man sie allein am Hals hatte. Aber sie tat ihnen den Gefallen und so opferte sie ihren nächsten freien Tag und ging mit den Kleinen in den Zoo.
Dora und Remus waren ganz aus dem Häuschen, dass sie Lily für sich alleine hatten – und das auch noch im Zoo – weil sie sie in der letzten Zeit viel zu wenig gesehen hatten. Also gingen sie zu den Giraffen und den Elefanten und Lilys besonderen Lieblingen, den Erdmännchen. Dann machten sie einen Abstecher zu einem der viele Spielplätze, wo sie Remus ganze zehn Minuten auf der Schaukel anschubsen musste und sich nebenher krampfhaft bemühte, Dora nicht aus den Augen zu lassen, die auf dem Klettergerüst herumtollte. Wie Andromeda das immer schaffte, die diese beiden und zusätzlich auch die Kinder von Rose und Scorpius andauernd zu sich nahm, Lily hatte keine Ahnung.
Und dann zerrten die Kleinen sie regelrecht zu den Reptilien, weil sie die Chamäleons sehen wollten. Lily konnte sich noch gut daran erinnern, wie Dora mit drei das erste Mal die Chamäleons gesehen hatte. Lily war mit ihr und Ted im Zoo gewesen (sie mochte den Zoo eben, na und?), damit die schwangere Victoire etwas Ruhe hatte, und Dora hatte geschlagene zehn Minuten das Tier fasziniert angestarrt und anschließend einen Tierpfleger so lange gelöchert, bis er ihr alles gesagt hatte, was er über Chamäleons wusste. Für den Rest des Tages hatte Dora dann nur noch diese Fakten wiedergegeben und immer wieder begeistert gerufen „Die sind genau wie ich, Daddy! Genau wie ich!" Zwei Wochen hatten Victoire und Ted dann große Probleme, Dora im Haus zu finden, weil Dora immer krampfhaft versucht hatte, die Farbe der Wände und Möbel anzunehmen (dass ihre Kleidung die Farbe nicht auch einfach so ändern konnte, hatte sie da noch nicht so ganz begriffen).
Zu Lilys Entsetzen war der Bereich zu den Chamäleons aber gerade abgesperrt und sie sah schon vor sich, wie Dora den Rest des Tages schluchzend durch den Zoo schleichen und der ganze Tag ruiniert sein würde.
„Oh, keine Sorge, mein Kollege putzt nur noch rasch das Fenster von innen, dauert keine zehn Minuten, dann können Ihre Kinder die Chamäleons so lange anstarren, wie sie wollen", beruhigte ein Tierpfleger Lily, drückte Dora und Remus jeweils einen Lutscher in die Hand und wuschelte Remus durch sein blaues Haar. „Coole Frisur", fügte er zwinkernd hinzu.
Lily grinste. „Danke." Die Kinder hatten schon den ganzen Tag die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, Dora mit ihren giftgrünen Haaren und Remus mit seinen dunkelblauen, aber in der Muggelwelt war ihr das völlig egal. Da wusste schließlich keiner, wer sie war. Sollten die Leute doch starren, solange die Kinder glücklich waren. Trotzdem beschlich sie hier im Reptilienhaus ein ungutes Gefühl. So als ob sie die ganze Zeit beobachtet wurde. Die Kinder schien es allerdings nicht zu stören, die beiden lutschten fröhlich an ihren Lollis und schlenderten von einem Terrarium zum nächsten. Fasziniert betrachteten sie eine Vogelspinne, die es Lily kalt den Rücken herunterlaufen ließ. Sie stellte sich neben die Kinder, schaute aber krampfhaft in eine andere Ecke.
„Ob die Spinne, gegen die Onkel Harry und Onkel Ron gekämpft haben, auch so groß war?", überlegte Remus. Die Kinder kannten schon einige der Abenteuer, die Lilys Eltern, Tanten und Onkel in Hogwarts erlebt hatten. Aber für die waren das nur coole Märchen, dass jemand wirklich in Gefahr gewesen war, hatten sie noch nicht begriffen. Aber besser so, als Albträume zu bekommen, so wie Lily als kleines Mädchen.
„Nein, die war doch viel größer!", widersprach Dora und breitete ihre Arme weit aus. „Mindestens so groß wie ein Auto, hat Onkel Ron gesagt. Und Autos können doch riesig sein!"
„Wow", sagte Remus und starrte die Spinne mit großen Augen an. „So riesig wie ein Auto! Wow!"
„Und das war immer noch viel kleiner als diese riesige Schlange." Dora zeigte auf eine mehrere Meter lange Würgeschlange, die um einen Baumstamm geschlungen schlief. Dora griff nach Remus' Hand und zog ihn vor das andere Terrarium. Lily folgte ihnen erleichtert. Nicht, dass sie Schlangen sehr viel lieber mochte als Spinnen, ganz besonders nicht nach all den Geschichten, die sie von ihrem Dad gehört hatte. Aber nach sieben Jahren Hogwarts, wo man durch das Slytherinwappentier andauernd irgendwo irgendwelche Schlangen gesehen hatte, war sie mittlerweile etwas abgestumpft. Sie hoffte nur, dass keins von den Kindern schon so viel Magie beherrschte wie ihr Vater damals, als der einfach die Glasscheibe im Zoo hatte verschwinden lassen, damit das Tier in die Freiheit entkommen konnte. Bei dem Gedanken erschauderte sie.
Eine Weile starrten alle drei stumm die Schlange an, dann zog Dora an Lilys T-Shirt. Lily beugte sich zu dem Mädchen herunter. „Ja? Was ist?", fragte sie und erwartete, dass Dora ihr auch zu den Schlangen ein paar Fakten erzählen würde, so wie sie das jedes Mal bei den Chamäleons tat. Stattdessen zeigte die Kleine mehr oder weniger unauffällig auf eine Gestalt, die in der Mitte des Raumes saß und rasch den Blick abwandte.
Alarmiert drehte Lily sich um und erstarrte, als sie sah, dass es sich bei der Person im Henry Mitchell handelte. Lily blinzelte. Vor einem Monat hatte sie nicht einmal gewusst, dass er existierte, und jetzt begegnete sie ihm schon wieder? Sie hatte gehofft, dass sie ihn nach der Preisverleihung nie wieder würde sehen müssen. Bisher hatte das doch fantastisch geklappt.
„Bei dem musst du dir keine Sorgen machen", sagte Lily schließlich nach einer etwas zu langen Pause. Sie alle hatten den Kindern eingebläut, dass sie auf der Hut vor Fremden sein sollten, die zu viel Interesse an ihnen hatten. Mittlerweile war der Krieg zwar lange genug vorbei, dass man die Gefahr durch ehemalige Todesser vernachlässigen konnte, aber man wusste ja nie. Und Henry war zwar ein Arschloch, aber zumindest war sie sich ziemlich sicher, dass er nicht so ein Arschloch war.
„Dann ist ja gut", sagte Dora beruhigt und ehe Lily es sich versah, hatte Dora sie und Remus zu Henry gezerrt. „Wartest du auch auf die Chamäleons?", fragte sie aufgeregt und zeigte in die Richtung des Terrariums, in dem die Chamäleons waren. „Die müssen gleich fertig sein, dann können wir endlich dorthin. Nicht wahr, Tante Lily?"
Henry schaute perplex von Dora zu Lily und zuckte schließlich hilflos mit den Schultern. „Äh … klar, warum nicht?"
Einen Moment später schien das Terrarium endlich gereinigt zu sein, denn wie der Blitz schossen Dora und Remus los. Dora drehte sich nur kurz um und schaute Lily und Henry auffordernd an. „Kommt ihr?", rief sie. Lily setzte sich seufzend in Bewegung. Sie war eine erwachsene Frau und ließ sich von zwei Kindern herumkommandieren. So musste man sich als Mutter fühlen. Überrascht bemerkte sie, dass Henry ihr folgte.
„Oh, du musst nicht …", beeilte sie sich zu sagen, aber winkte ab.
„Ich glaub schon, dass ich muss. Die Kleine klang ziemlich bestimmend."
„Ja, so ist Dora", seufzte Lily. „Aber du hast ja nicht versprochen, heute den ganzen Tag auf sie aufzupassen, also musst du nicht …"
„Das ist schon in Ordnung", unterbrach Henry sie schulterzuckend. „Ich mag Chamäleons. Und ich hab sowieso nichts weiter vor, also …"
„Ach ja?", fragte sie und schaute ihn überrascht an. „Du gehst einfach so alleine in den Muggelzoo?", fragte sie ungläubig. Sie hatte den Zoo sehr gerne, aber sie nahm wenigstens immer irgendwelche Kinder mit.
Er seufzte und starrte frustriert in die Ferne. „Also alleine würde ich jetzt nicht sagen. Ich hatte eigentlich eine Verabredung, aber die hatte irgendwann die Schnauze voll und hat mich einfach hier sitzen lassen und ich hatte den Nachmittag für das hier freigehalten, dann kann ich mir auch genauso gut die Chamäleons anschauen."
Lily konnte sich gerade so die Bemerkung verkneifen, dass sie seine Verabredung nur zu gut verstehen konnte, bei seiner biestigen Persönlichkeit hätte sie auch nichts anderes gemacht. Aber ihr gefiel, dass er sie im Moment nicht mit diesem finsteren Blick anschaute, mit dem er sie sonst die ganze Zeit bedachte, und entschloss sich der bessere Mensch zu sein und einfach die Klappe zu halten.
„Also, warum Chamäleons?", fragte er, als sie die Kinder schließlich eingeholt und vor dem Terrarium Halt gemacht hatten. Dora zeigte Remus ganz aufgeregt, wo die Tiere überall waren, auch wenn ihr kleiner Bruder nicht ganz so begeistert schien wie sie.
„Und wann wechseln sie die Farbe?", wollte er wissen.
„Gleich!", versicherte Dora ihm, auch wenn Lily überzeugt war, dass sie da lange warten konnten. Aber sie wollte ihr nicht den Spaß verderben. „Chamäleons sind meine Lieblingstiere", erklärte Dora dann an Henry gewandt. „Wusstest du, dass manche von ihnen bis zu fünfzehn Jahre alt werden können? Und dass es über 200 Arten gibt?" Sie zählte noch eine ganze Menge anderer Fakten auf, die Lily alle schon gehört hatte, weshalb sie es vorzog, lieber Henry anzustarren, der immer noch nicht so ganz zu wissen schien, wie ihm geschah und der Dora mit einem leicht glasigen Blick zuhörte.
„Aber am tollsten ist, dass sie einfach so die Farbe wechseln können. So wie ich, siehst du?" Sie zog die Nase kraus, aber Lily kannte sie nicht erst seit gestern und wusste, was gleich passieren würde, wenn sie nicht einschritt.
„Dora!", sagte sie so scharf, dass das Mädchen leicht zusammenzuckte. „Du kennst die Regeln!"
Dora verdrehte die Augen. „Ich muss mich für eine Haarfarbe entscheiden, bevor wir gehen", wiederholte sie genervt. „Aber es ist doch niemand hier außer uns!", protestierte sie dann sofort.
„Das weißt du nicht!", sagte Lily mahnend. „Nur, weil du niemanden siehst, heißt das nicht, dass auch wirklich niemand da ist. Außerdem sind hier überall Kameras! Die Muggel sind nicht blöd!"
„Jaah, aber sie glauben doch nicht an Zeug, was sie sich nicht erklären können", erwiderte Dora augenverdrehend.
Lily seufzte. „Das mag sein, aber man muss das auch nicht riskieren. Onkel Scorpius arbeitet so hart daran, dass die Muggel uns nicht entdecken, willst du das alles kaputt machen? Außerdem kann ich dich dann nicht mehr in die Muggelwelt mitnehmen, wenn ich nicht darauf vertrauen kann, dass du dich nicht an die Regeln hältst. Und das willst du doch nicht, oder?"
Dora riss entsetzt die Augen auf und schüttelte dann hektisch mit dem Kopf. „Nein, nein, Tante Lily, ganz bestimmt nicht! Ich will auch weiterhin die Chamäleons sehen!"
Lily nickte zufrieden. „Na dann weißt du ja, was du zu tun hast", sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Manchmal konnte man Kinder doch ganz leicht manipulieren. Auch wenn sie Erwachsene genauso leicht manipulieren konnten.
„Worum ging's denn da?", fragte Henry schließlich verwirrt, nachdem sie eine weitere Minute die Chamäleons stumm angestarrt und darauf gewartet hatten, dass die Tiere etwas anderes taten als nur herumzuliegen.
„Dora ist ein Metamorphmagus, genau wie Remus", flüsterte sie ihm zu. „Sie war ganz begeistert, als sie das erste Mal gehört hat, dass ein Tier sein Aussehen so leicht ändern kann wie sie. Ich meine, es gibt auch einige Fische, die was ähnliches können, aber die arbeiten mehr mit optischen Täuschungen, deshalb hat sie sich an den Viechern hier festgefressen."
„Das sind keine Viecher!", protestierte Dora entrüstet und schaute Lily böse an. „Das sind ganz intelligente und tolle Tiere!"
„Metamorphmagus", sagte Henry beeindruckt. „Wow!"
Lily verdrehte die Augen. „Was hast du denn gedacht, warum sie mit solchen Haarfarben rumlaufen?"
„Ich dachte, du hast die mit einem Zauber einfach eingefärbt", erwiderte Henry schulterzuckend.
„Jaah sicher, und dann muss man das ständig auffrischen, damit der Zauber nicht nachlässt, am Ende mitten in einer Menschenmenge voller Muggel." Sie wuschelte durch Remus' blaue Haare. „Nein, nein, das können die ganz alleine." Sie konnte sehen, dass Remus langsam langweilig wurde, denn so beeindruckend Chamäleons auch waren, so uninteressant war es, ihnen dabei zuzusehen, wie sie buchstäblich nichts taten. Dora protestierte zwar, als sie merkte, dass die anderen aufbrechen wollten, kam aber schließlich mit, weil sie nicht zurückgelassen werden wollte. Zur Wiedergutmachung gingen sie danach für eine Stunde in den Streichelzoo und zum Schluss bekamen beide ein Eis. Das schmeckte zwar nicht so fantastisch wie in der Winkelgasse, aber dafür konnten sie während dem Essen dabei zusehen, wie die Pinguine gefüttert wurden.
„Und zu wem gehören die Knirpse?", erkundigte sich Henry schließlich, als sie alle dabei zusahen, wie sich fünfzehn Pinguine auf einen Fisch stürzten.
„Meiner ältesten Cousine Victoire und dem Patenkind von meinem Dad", erwiderte Lily und hielt Remus an seinem T-Shirt fest, als der sich auf die Bank stellte, auf der sie saßen, um besser sehen zu können. Das halbe Eis war bereits geschmolzen und auf seinen Klamotten gelandet. Nur gut, dass sie zaubern konnte. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie Eltern mit ihren Kindern fertig wurden, die diese Sauereien nicht einfach wegzaubern konnten.
„Dein Vater hat ein Patenkind?", fragte Henry überrascht.
„Ja, schon seit er siebzehn ist. Aber er hat das nie an die große Glocke gehängt und die Medien haben sich glücklicherweise nie für ihn interessiert." Ted hätte es gehasst, wenn die Zeitschriften hinter ihm so her gewesen wären wie hinter Lily und ihren Brüdern. Dann hätten sie die Geschichte von Ted und Victoire bestimmt auch schrecklich aufgebauscht. Der Patensohn von Harry Potter und das älteste Kind der Weasleys, die auch noch zum Teil Veela war … das wäre ein gefundenes Fressen gewesen.
„Und bringen die Eltern von den Kindern sie manchmal ins Mungos?", wollte Henry dann plötzlich wie aus dem Nichts wissen.
Lily runzelte die Stirn. „Wieso sollten sie das tun?" Die beiden waren kerngesund, was hätten die im Krankenhaus verloren gehabt?
„Ich mein ja nur, Metamorphmagi sind sehr selten, man vermutet, dass das Blut von ihnen ganz besondere Eigenschaften hat, die der Schlüssel zur Heilung vieler Krankheiten sein könnten. Aber weil es so wenige gibt und die sich meistens weigern, sich untersuchen zu lassen, geht die Forschung da nur sehr langsam voran. Gleich zwei von ihnen …"
Lily zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, da musst du ihre Eltern fragen." Darüber hatte sie noch nie nachgedacht, auch wenn Ted das wahrscheinlich schon getan hatte, immerhin arbeitete er in der Zaubertränkeabteilung des Mungos, die gerade solche Sachen erforschte. Aber er war auch sehr vorsichtig und beschützend, was seine Kinder anging. Das wäre sie auch gewesen.
„Ich meine ja nur", sagte Henry entschuldigend, als sie so abblockend reagierte. „Ihr Blut könnte wirklich dabei helfen, dass-"
„Das sind Kinder, keine Forschungsobjekte", unterbrach Lily ihn barsch. „Außerdem bist du da bei mir absolut an der falschen Adresse, solche Sachen kann ich wirklich nicht entscheiden." Sie konnte Ted und Victoire mal darauf ansprechen, aber mehr würde sie ganz sicher nicht tun.
„Ist ja schon gut", erwiderte er beschwichtigend. „Ich wollte wirklich nicht … es ist nur, bei so vielen Sachen steckt man fest und es könnte wirklich helfen … Ja schon gut", brach er ab, als er Lilys Gesichtsausdruck sah.
„Sie sollten sich was schämen!", wurden sie dann plötzlich von einer älteren Dame angefaucht, die plötzlich vor ihnen stehengeblieben war und Lily und Henry missbilligend anfunkelte.
„Wie bitte?", fragte Henry verwirrt und auch Lily hatte keine Ahnung, was das jetzt schon wieder sollte. Sie hatten doch gar nichts gemacht. Außer die Frau stand auf Lilys Seite und stimmte ihr zu, dass man Dora und Remus nicht als Versuchskaninchen missbrauchen sollte.
Die Frau deutete auf die Haare von Dora und Remus. „Wie kann man kleine Kinder schon so verunstalten!? Gegen Sie sollte man das Jugendamt einschalten! Wie können Sie nur so kleinen unschuldigen Wesen schon die Haare färben, und noch dazu mit so grässlichen Farben!"
„Na hören sie mal!", erwiderte Lily wütend. „Was gibt Ihnen das Recht, einfach so ein Urteil zu fällen! Für wen halten Sie sich eigentlich?!" Das war doch wirklich das allerletzte! Dass Leute die Haarfarbe der Kinder sahen und stirnrunzelnd den Kopf schüttelten, daran hatte sie sich schon gewöhnt und es war ihr auch egal. Aber dass sie tatsächlich jemand darauf ansprach und behauptete, dass sie das zu einer schlechten Mutter machen würde … das war ja wohl wirklich das Letzte!
„Ich tue nur meine Bürgerpflicht, da können Sie sich sicher sein", erwiderte die Frau hochnäsig und deutete auf Dora und Remus, die immer noch lachend die Pinguine beobachteten. „Das sieht doch ein Blinder, dass-"
„Was?", fauchte Lily. „Was sieht man? Dass die beiden fröhlich sind? Spaß haben? Spaß, den Sie ihnen gerade mit ihren saublöden Bemerkungen versauen!"
Die Frau schnappte empört nach Luft. „Also beleidigen lassen muss ich mich nicht von Ihnen!"
„Ja was für ein Zufall, ich muss das nämlich auch nicht!" Energisch stand sie auf, hob einen verwirrten Remus von der Bank und nahm dann die schokoladeneisverschmierte Hand von Dora. „Kommt, ihr Mäuse, wir gehen!"
„Aber", protestierte Dora enttäuscht. „Die sind doch noch gar nicht fertig!"
Lily warf einen Blick über die Schulter auf die Frau, die sie immer noch wütend anfunkelte. „Tja, aber es gibt Menschen, die darauf bestehen, einem den Spaß zu verderben!" Sie warf Henry einen auffordernden Blick zu, woraufhin der aufstand und sich vor der Frau aufbaute, um ihr den Blick zu verstellen.
„Tante Lily", sagte Dora verwirrt.
Lily beugte sich zu den beiden herunter und lächelte verschwörerisch. „Wir wollten doch noch zu den Kamelen, oder?" Sie deutete in die Richtung, wo das Gehege lag. Das war weit genug weg von den Pinguinen, dass sie hoffentlich ihre Ruhe vor dieser beschissenen Frau hatten. „Wer schneller da ist, okay?" Wie der Blitz schossen die Kinder los und Lily eilte ihnen hinterher. Gut, dass die beiden noch so kurze Beine hatten. Fünf Minuten später hatte auch Henry sie eingeholt. Von der Frau war glücklicherweise nichts mehr zu sehen.
„Die war wirklich unmöglich", sagte er kopfschüttelnd.
„Und was die sich einbildet!", sagte Lily wütend. „Sieht zwei fröhliche Kinder und entschließt sich, uns allen wegen ein bisschen Farbe den Tag zu versauen! Als ob das ein Grund für das Jugendamt wäre!" Sie schnaubte. „Dabei mag ich an der Muggelwelt so, dass man normalerweise in Ruhe gelassen wird und nicht jeder denkt, dass er ein Anrecht auf meine Zeit hat, nur weil mein Vater vor zwanzig Jahren sein Leben riskiert hat." Sie verdrehte die Augen.
„Naja, die Farbe ist schon ein bisschen auffällig", gab Henry vorsichtig zu bedenken.
„Na und? Sollen wir den Kleinen etwa verbieten, sie selbst zu sein? Wir haben ja schon den Kompromiss, dass sie sich für eine Farbe entscheiden müssen und sonst nichts an ihrem Aussehen verändern dürfen, wenn wir hier sind." Als Dora noch zu klein war, um das zu verstehen, hatte sie jede einzelne Nase und Schnauze von den Tieren im Zoo imitiert und sie hatten schleunigst das Weite suchen müssen. Sie waren erst wiedergekommen, als Dora alt genug war um zu verstehen, dass man vor Muggeln seine Magie nicht zur Schau stellen sollte. „Aber das ist ein Teil von ihrem Wesen und das letzte, was wir alle wollen, ist, dass sie anfangen, sich für das zu schämen, was sie sind. Zum Glück sind die meisten Muggel nicht so dreist wie diese Schreckschraube."
„Ja, die war ein Arsch." Er schaute zu den Kindern, die mittlerweile vor dem Gehege mit den Kamelen zum Stehen gekommen waren. „Aber die zwei haben nichts mitgekriegt, oder?"
„Nein, zum Glück nicht", erwiderte Lily erleichtert und hielt Dora einen Moment später davon ab, an dem Zaun hochzuklettern. Die beiden hatten so viel Spaß gehabt heute, das letzte, was sie wollte war, ihnen den zu verderben. Selbst Henrys Gesellschaft, mit der sie nun wirklich nicht gerechnet hatte, war überraschend angenehm gewesen.
/-/
Eine halbe Stunde später erschienen Lily und Henry mit den Kindern im Vorgarten von Ted und Victoire in Godric's Hollow. Lily hatte nicht erwartet, dass Henry noch mitkommen würde, aber sie musste zugeben, dass es sehr viel einfacher war, mit nur einem Kind zu apparieren. Sie hielt Remus in ihren Armen, der sich wie ein Affe an ihr festklammerte und müde seinen Kopf an ihre Schulter legte, während Dora Henrys Arm fest umklammert hielt. Lily war froh, dass sie schon vor dem Apparieren eine unbeobachtete Ecke gefunden hatten, wo sie den Kindern Gesicht, Hände und Kleidung wieder hatte sauber zaubern können.
Victoire hatte sie offensichtlich ankommen sehen, denn einen Moment später ging die Haustür auf und sie kam auf sie zugeeilt. Henry starrte sie mit offenem Mund an. Lily verdrehte die Augen. Ja, Victoire war Teil Veela und wunderschön, aber Henry musste sie doch schon in Hogwarts gesehen haben. So besonders war das jetzt auch nicht mehr, dass er sie so anstarren musste.
„Lily!", rief Victoire erleichtert und nahm ihr gleich darauf Remus ab, der sich jetzt schläfrig an seine Mutter klammerte. „Wie schön, dass ihr wieder da seid! Hat alles gut geklappt?"
„Jaja, alles wunderbar", versicherte Lily ihr und musste gleich darauf Dora ausweichen, die sich von Henry losgerissen hatte und auch zu ihrer Mutter wollte.
„Gut, gut", sagte Victoire leicht abgelenkt. Sie strich Dora abwesend über die Haare, die Dora sofort knallpink werden ließ, jetzt, wo sie zuhause war und die Regel von der einen Farbe nicht mehr galt. Fragend schaute sie zu Henry. „Und Sie sind …?"
„Das ist Mr Henry", erklärte Dora ihr sofort, während Lily und Henry einen hilflosen Blick austauschten. Daran hatte sie nicht gedacht, dass sie Henry erklären musste. Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie das tun sollte. „Wir haben ihn im Zoo getroffen. Sein Lieblingstier ist auch das Chamäleon", fasste Dora die wichtigsten Fakten zusammen. Lily konnte nicht anders als zu lachen.
„Ach ja?", sagte Victoire amüsiert und schaute dann fragend zu Lily, die nur ratlos mit den Schultern zucken konnte. Aber dann kam unerwartet Hilfe von überraschender Seite.
„Henry?", rief Ted, der jetzt auch in der Haustür aufgetaucht war. „Henry Mitchell?"
„Daddy!", rief Dora begeistert und stürmte dann sofort zu Ted, der sie lachend hochhob. Lily war die Kleine schon zu schwer, aber er schien damit noch überhaupt kein Problem zu haben. „Wir waren bei den Chamäleons!" Ted nickte grinsend, schaute dann aber gleich wieder zurück zu Henry, den er offensichtlich kannte. Aber woher? Ted war doch so viel älter als Henry, die beiden konnten sich unmöglich aus der Schule kennen.
„Ted Lupin?", sagte Henry nicht minder überrascht und ging sofort zu Ted, um ihm die Hand zu schütteln.
„Wir haben uns doch mindestens zwei Jahre nicht gesehen", sagte Ted erfreut und setzte Dora wieder ab. „Geh schon mal rein und wasch dir die Hände, mein Schatz, gleich gibt es Abendessen." Dora nickte folgsam und rannte ins Haus. „Vic, das ist Henry Mitchell, er hat eine Weile in unserer Abteilung im Krankenhaus gearbeitet." Ach deshalb hatte Henry sofort daran gedacht, wie wertvoll das Blut der Kinder für die Forschung sein konnte. Er hatte selbst in dem Bereich gearbeitet! Lily hatte sich schon gewundert, denn normalerweise war das nicht die erste Reaktion von Menschen, die einem Metamorphmagus begegneten.
„Ach Sie sind das", sagte Victoire herzlich und schüttelte ihm die Hand so gut es ging, während sie Remus noch im Arm hielt. Ted erbarmte sich und nahm seiner Frau seinen Sohn ab. „Aber Sie sind doch bald wieder gegangen, oder?"
Henry nickte. „Ja, die Forschung war nicht wirklich was für mich. Und die Arbeitszeiten auch nicht." Ted und Victoire verzogen beide wissend das Gesicht. Mittlerweile war es zwar nicht mehr so schlimm wie damals, als Ted angefangen hatte zu arbeiten, aber Lily konnte sich noch gut daran erinnern, wie er kaum frei gehabt hatte und ständig müde gewesen war, weil sie so dünn besetzt gewesen waren, dass er dauernd sehr lange Schichten hatte schieben müssen. „Ich braue am liebsten Tränke, die ich schon kenne, deshalb bin ich in der Apotheke in der Winkelgasse."
„Das ist ja auch sehr wichtig", sagte Ted sofort. „Und nicht jedem liegt das im Mungos. Du hast es ja wirklich lange versucht, aber am Ende hast du dich nur gequält."
„Ja, jetzt ist es viel besser", bestätigte Henry lächelnd.
„Das freut mich. Brauen konntest du ja immer fantastisch, du hattest mehr Rezepte im Kopf als wir alle zusammen."
Henry lächelte geschmeichelt. „Ach komm. Dafür konnte ich mit dem Druck nicht so gut umgehen wie ihr, ganz zu schweigen davon, dass ich nie diese komplexen Zusammenhänge erkennen konnte, die ihr gesucht habt, oder keine neuen Rezepte entwickeln konnte, zumindest keine brauchbaren …"
„Ja, deshalb bist du auch viel besser in der Apotheke aufgehoben, das hab ich dir schon damals gesagt", erwiderte Ted.
Henry nickte. „Ich weiß. Und ich bin dir wirklich dankbar dafür, dass du mich damals dazu ermutigt hast. Es ist nur schwer, sich zu entscheiden, aufzugeben, nachdem ich so hart gearbeitet hatte-"
„Aber du hast nicht aufgegeben", widersprach Ted vehement. „Du hast nur etwas gefunden, was besser zu dir passt, das ist doch keine Schande, oder?" Er sah hilfesuchend zu Lily und Victoire, die schnell bestätigend nickten. Auch wenn Lily immer noch dabei war zu verarbeiten, dass Ted und Henry sich kannten. Das war eine Verbindung, die sie nicht für möglich gehalten hatte. Ted hatte ihn nie erwähnt. Aber Ted sprach sowieso nicht viel von seinen Kollegen, wenn er von seiner Arbeit erzählte, sondern mehr von den Fortschritten, die er in seiner Forschung machte.
Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als Dora den Kopf durch die Tür steckte und die Erwachsenen fragend anschaute. „Wo bleibt ihr denn? Ich hab Hunger!"
Henry wollte sich eigentlich verabschieden, aber Ted bestand darauf, dass er zum Essen blieb, weil er unbedingt wissen wollte, wie es ihm ergangen war, und Lily wurde auch überredet, zu bleiben, obwohl sie eigentlich nur die Kinder hatte abliefern wollen, weil Dora auf eine ihrer Gute-Nacht-Geschichten bestand.
Also fand sich Lily schließlich neben Henry am Esstisch von Ted und Victoire wieder und aß Coq au Vin nach einem Rezept von Tante Fleur, während die Kinder Nudeln mit Soße in sich hineinstopften. Also Dora stopfte, Remus schlief alle zwei Minuten ein, so erschöpft war der kleine Kerl.
„Und du bist wirklich der Patensohn von Harry Potter?", fragte Henry nach zwanzig Minuten, in denen er ausführlich von seiner Arbeit in der Apotheke erzählt und sich nach dem neuesten Stand der Forschung erkundigt hatte. Ted nickte. „Wieso hast du das nie erwähnt? Ich wusste gar nicht, dass du ihn überhaupt kennst. Oder dass du mit seiner Nichte verheiratet bist."
Ted seufzte und Victoire lachte. „Ich geh damit einfach nicht hausieren. Die Presse hat nie wirklich mitgekriegt, wer ich bin, und als ich in Hogwarts am Anfang davon erzählt hab, hat man mir entweder nicht geglaubt und mich einen aufgeblasenen Wichtigtuer genannt, oder man hat mich nur noch über Harry ausgefragt und alle wollten ihn unbedingt kennenlernen. Da war es einfacher, nichts zu sagen. Und es geht die Leute ja auch wirklich nichts an, oder? Schlimm genug, was Lily, James und Al alles über sich ergehen lassen müssen, da hab ich's wirklich einfacher." Lily nickte bestätigend. Nicht, dass sie mit Ted hätte tauschen wollen, sie war dankbar, dass ihre Eltern am Leben waren, aber manchmal war sie schon neidisch, dass Ted, obwohl er das älteste Mitglied der Familie war, zumindest was ihre Generation betraf, der Presse so unbekannt entwischen konnte. Und das, obwohl er mittlerweile mit dem ältesten Weasley-Kind verheiratet war.
„Und wie bist du zu ihm als Pate gekommen? Die Leute standen doch bestimmt Schlange, um Harry Potter als Pate zu bekommen."
Ted verdrehte die Augen. „Mein Vater war einer der besten Freunde seines Vaters und dann war er Harrys Lehrer in Hogwarts und sie haben im Krieg zusammen gekämpft und als ich dann kurz vor Kriegsende geboren worden bin, hat er ihn gebeten, mein Pate zu werden. Und weil das eben noch im Krieg war und Harry sich zu dem Zeitpunkt versteckt hatte und, wenn wir ehrlich sind, eigentlich nicht damit gerechnet hat, heil aus dem Ganzen herauszukommen, hat er zugestimmt, um meinem Vater eine Freude zu machen. Dass er überlebt und meine Eltern in der Schlacht sterben, damit hat glaube ich keiner von ihnen gerechnet." Er seufzte. Lily schluckte. Sie hätte Teds Eltern liebend gern kennen gelernt. In den Geschichten, die ihre Eltern und Großeltern immer erzählten, klangen die wahnsinnig cool und interessant und Lily war überzeugt, dass sie sich mit Tonks super verstanden hätte. Und Remus hatte sie in vielen der alten PotterWatchfolgen gehört und er hatte wahnsinnig interessant geklungen.
„Naja, dann bin ich eben bei meiner Großmutter aufgewachsen, aber die Weasleys hatten uns schon längst in ihre Familie aufgenommen, Harry hin oder her. Und deshalb kennen Vic und ich uns schon, seit sie ein Baby ist."
„Das klingt ein bisschen inzestuös, wenn du das so sagst", sagte Henry grinsend.
Victoire verdrehte die Augen. „Du nicht auch noch! Meine Geschwister haben mich schon ständig damit aufgezogen. Ted ist nicht mein Bruder, er war nie mein Bruder und offensichtlich war er auch nie wie ein Bruder für mich, sonst hätten wir uns nie verliebt."
Henry hob abwehrend die Hände. „Ist ja schon gut, so hab ich's gar nicht gemeint."
„Mhm", sagte Victoire skeptisch.
„Und was ist mit den Kindern?", sagte Henry dann schnell, offensichtlich um das Thema zu wechseln. Aber so, wie ihn alle am Tisch anstarrten, war das wahrscheinlich nicht die beste Wahl gewesen.
„Was soll mit ihnen sein?", fragte Victoire mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme.
„Nutzt du ihr Blut zu Forschungszwecken?", fragte Henry Ted. „Ich war zwar eine Niete in der Forschung, aber ich kann mich noch erinnern, dass es genug Theorien von euch gab, dass Metamorphmagi der Schlüssel zu vielen Problemen sein können …"
„Sehr ungern", seufzte Ted. „Die Kinder mögen keine Nadeln und ich hab das bei Dora erst einmal erlaubt, Remus ist noch zu klein."
„Aber … aber das ist doch so wichtig … wenn man so viele Krankheiten damit heilen könnte …", sagte Henry entschuldigend und verständnislos zugleich.
„Ich glaube, da überschätzt du das Blut etwas", erwiderte Ted. „Wir arbeiten schon seit Jahren mit meinem Blut und-"
„Was? Du bist auch ein Metamorphmagus?", unterbrach Henry ihn völlig verblüfft und schaute von einem zum anderen. „Habt ihr das gewusst?"
„Dass mein Mann, den Lily und ich kennen, seit wir denken können, ein Metamorphmagus ist?", sagte Victoire sarkastisch. „Ja natürlich. Das hat er nie verheimlicht. Außerdem ist es auch kein Wunder, seine Mutter war auch einer."
„Wirklich?", fragte Henry ungläubig. „Wieso hast du nie was gesagt? Wissen die anderen auf der Arbeit davon?"
„Die meisten schon, denke ich", erwiderte Ted schulterzuckend. „Es ist nicht so, dass ich es verheimliche, aber es kommt auch nicht einfach so zur Sprache. Ich meine, ich trag am liebsten blaue Haare, aber sonst hab ich schon lange nichts an meinem Aussehen verändert. Ich mag, wie ich aussehe."
Victoire beugte sich zu ihm und küsste ihn auf die Wange. „Ich mag auch, wie du aussiehst", flüsterte sie ihm zu. Lily verdrehte aus Gewohnheit die Augen, während Henry immer noch nicht darüber hinwegzukommen schien, dass er mit einem Metamorphmagus zusammengearbeitet und nichts davon gewusst hatte.
Ted fuhr sich über seine kurzen braunen Haare, die er immer in die Arbeit trug. Einen Moment später wurden sie sichtbar länger und färbten sich blau. Henry starrte ihn sprachlos an. „Als ich mich damals im Mungos beworben habe, hat mir der damalige Chef empfohlen, dass ich eine etwas passendere Frisur wählen soll. Ich wollte mit der Farbe nicht auffallen, deshalb hab ich sie eben braun getragen, und anfangs hab ich sie so lang getragen wie jetzt", er deutete auf die deutlich längeren Haare, die er in seiner Freizeit immer gerne trug und die ein großer Unterschied zu den beinahe kurzgeschorenen Haaren waren, die er hatte, wenn er aus der Arbeit kam. Lily mochte ihn viel lieber mit seinen längeren blauen Haaren, weil sie ihn als Kind nur so gekannt hatte.
„Aber dann ist mir mal ein Trank explodiert und meine Haare haben Feuer gefangen und dann lernt man ganz schnell, was für Vorteile kurze Haare haben", fügte Ted hinzu und fuhr sich durch die Haare. Lily verzog das Gesicht, denn das klang schon sehr unangenehm. „Ich wusste ehrlich nicht, dass du das nicht weißt. Ich gebe uns schon seit Jahren mein Blut, aber es ist wirklich nicht so einfach, wie du dir das vielleicht vorstellst."
„Ach nein?", fragte Henry verwirrt. „Wieso nicht?"
„Weil mein Vater ein Werwolf war und sich keiner von uns sicher sein kann, wie sehr sich das auf meine Genetik ausgewirkt hat."
„Was, wirklich?" Lily bekam langsam Mitleid mit Henry, der mit jedem Satz aus Teds Mund noch geschockter zu sein schien. Kein Wunder, Ted entfernte sich so immer weiter von dem Bild, das Henry jahrelang von seinem ehemaligen Arbeitskollegen gehabt haben musste. Patensohn von Harry Potter, verheiratet mit einer Weasley, Metamorphmagus, der Vater ein Werwolf … da kam schon einiges zusammen.
Ted nickte. „Ja. Wir sind uns mittlerweile alle ziemlich sicher, dass ich nur deshalb kein Werwolf geworden bin, weil die Metamorphmagusgene sein Werwolfgen ausgebremst haben. Meine Zellen können immer mutieren, so wie ich das will, und das verhindert, dass sie vom Vollmond beeinflusst werden können."
„War dein Vater schon ein Werwolf, als du gezeugt wurdest?"
„Mein Vater wurde als kleiner Junge gebissen. Der war schon seit Jahrzehnten ein Werwolf. Und er hatte riesige Angst, dass ich das auch sein würde und konnte sein Glück kaum fassen, dass ich es nicht war. Zumindest erzählt Grandma das immer."
„Ja, es kann nicht viele Werwölfe geben, die sich fortpflanzen", überlegte Henry mit gerunzelter Stirn.
„Es gibt nur sehr wenige Fälle", bestätigte Ted. „Aber die Kinder waren alle Werwölfe und ich bin's nicht, das kann nur an den Metamorphmagusgenen liegen. Nur macht's das dann eben so viel schwieriger, die Reaktionen von meinem Blut richtig zu beurteilen. Und bei den beiden Kleinen hier ist das noch komplizierter", sagte er mit Blick auf die Kinder, die nur mit müden Augen auf ihr Essen starrten und schon lange aufgehört hatten, der Unterhaltung der Erwachsenen zuzuhören.
„Wie das? Was kann denn noch komplizierter sein als ein Werwolf als Vater?"
„Nun, zuallererst mal ist mein Vater ihr Großvater. Außerdem wurde Vics Vater im Krieg auch von einem Werwolf angefallen, wenn auch nicht bei Vollmond. Sogar vom gleichen Werwolf."
„Ach ja?", fragte Henry stirnrunzelnd. „Zufälle gibt's."
„Ja, das stimmt. Bill ist zwar kein Werwolf, aber so ganz sicher, wie sich der Angriff ausgewirkt hat, war man nie. Vic und ihre Geschwister zeigen zwar genauso wenig Anzeichen von wölfischem Verhalten wie ich, aber so ganz genau kann keiner sagen, ob sich da nicht auch was in der Genetik verankert hat. Und Vics Urgroßmutter war eine Veela und dass sie das vererbt hat, ist wirklich offensichtlich."
Henry warf einen Blick auf Victoires langes wunderschönes silberblondes Haar und nickte.
„Deshalb besteht durchaus die Möglichkeit, dass Fleurs Veelaanteil jegliche Werwolfgene von Bill überschrieben hat. Vics und Fleurs Blut haben wir auch schon untersucht, aber bisher haben wir da noch keine klaren Schlussfolgerungen ziehen können. Und dann hast du mein Gemisch aus Genen und Vics Gemisch aus Genen und kombinierst das in unseren Kindern und bisher konnte keiner richtig sagen, was sich jetzt wie ausgewirkt hat und welche Teile sinnvoll zu isolieren sind, um mit ihnen weiterzuarbeiten. Das wird noch eine ganze Weile dauern, wenn überhaupt." Er seufzte.
Lily betrachtete staunend Dora und Remus. So hatte sie noch nie darüber nachgedacht, dabei hatte sie das alles schon gewusst, mit den Veelagenen von Tante Fleur und dem Werwolfangriff von Onkel Bill. Die Narben waren schließlich nicht zu übersehen. Aber ihr war nie klar gewesen, was für Auswirkungen das auf die Genetik ihrer Kinder haben würde. Wahrscheinlich würde es nie wieder Kinder geben, die so einen Stammbaum hatten wie Dora und Remus.
„Ja, okay, ich verstehe", nickte Henry. „Das klingt wirklich sehr kompliziert."
„Jetzt bist du bestimmt doppelt erleichtert, dass du nicht mehr bei uns bist, oder?", fragte Ted amüsiert.
Henry grinste. „Soweit würde ich nicht gehen, aber ich glaube nicht, dass es mir viel Spaß gemacht hätte, diesen Knoten zu entwirren."
Ted und Henry fachsimpelten noch den Rest des Essens weiter und setzten sich danach mit einem Feuerwhiskey ins Wohnzimmer, während Lily Victoire dabei half, die halbtoten Kinder ins Bad zu zerren und zu waschen und dann ins Bett zu bringen. Remus schlief schon, bevor sie ihn überhaupt ins Bett stecken konnten, aber Dora bestand auf ihrer Geschichte, obwohl sie die Augen kaum noch offenhalten konnte. Zu diesem Zeitpunkt gesellte sich auf Ted wieder zu ihnen und legte sich mit Victoire zusammen zu Dora ins Bett, während Lily eine Geschichte erzählte, die sie sich schon als kleines Mädchen ausgedacht hatte. Das war schon immer ihre Stärke gewesen. Einmal wandte sie den Blick von Dora ab, die ihr fasziniert zuhörte, und erblickte Henry, der im Türrahmen lehnte und sie lächelnd anschaute. Lily war überrascht, dass er überhaupt noch da war, sie hatte erwartet, dass er sich nach dem Feuerwhiskey verabschieden würde. Schnell wandte sie den Blick ab, bevor er sie aus dem Konzept bringen konnte.
Als Dora schließlich eingeschlafen war, verabschiedete Lily sich schnell von Ted und Victoire, die offensichtlich alleine sein wollten, und fand sich schließlich mit Henry im Vorgarten wieder. Unsicher schaute sie ihn an.
„Also dann", sagte sie zögerlich. Das fühlte sich irgendwie wie ein sehr merkwürdiges Ende für diesen Abend an.
„Ich hatte einen überraschend schönen Tag", erwiderte Henry und vergrub die Hände in seinen Hosentaschen. Das schöne Lächeln, das er hatte, erschien wieder auf seinem Gesicht. „Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet, nachdem Sian mich im Zoo einfach stehen gelassen hat. Also danke." Lily nickte und er schluckte. „Ich weiß, dass das bisher nicht gerade gut gelaufen ist, wenn wir uns begegnet sind …" Was alleine seine Schuld war, aber Lily wollte keinen neuen Streit vom Zaun brechen. „Aber … das Ende vom letzten Mal war doch ganz okay." Lily wurden jetzt noch die Knie weich, wenn sie an die Momente mit ihm in dem dunklen Garten dachte. „Wenn du vielleicht Interesse daran hättest, das zu wiederholen, dann …" Er schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Sie biss sich auf die Lippe und nickte. Sofort nahm er ihre Hand und nur Sekunden später tauchten sie in seiner Wohnung wieder auf, wo Henry sie sofort an sich zog und leidenschaftlich küsste.
TBC …
