23. Dezember: Keine Reue
Als Lily am nächsten Abend direkt vom Tagespropheten nach Ladenschluss in die Apotheke kam, waren die Tränke fertig und sie schluckte sie brav unter Henrys wachsamen Augen. „Das dürfte genug Zeit sein, dass die Tränke greifen, bis dein Portschlüssel geht", versicherte Henry ihr. Anders als Muggel hatten sie keinen Impfpass. Sollte sie die nötigen Anforderungen für die Einreise nicht erfüllen, nahm der Portschlüssel sie einfach nicht mit. Deshalb konnte man da auch nicht irgendwie mit gefälschten Dokumenten tricksen.
Dankbar fiel sie Henry um den Hals, küsste ihn stürmisch und versprach dann, ihm zum Dank etwas aus Brasilien mitzubringen. Dann eilte sie nach Hause, um zu packen und die letzten Unterlagen durchzugehen. Mit dem Portschlüssel am nächsten Tag lief alles ohne Probleme. Sie würde Henry ein ganz tolles Geschenk kaufen müssen. Ob Sex wohl auch zählte?
Doch dann wurde jeder Gedanke an Henry vertrieben, als sie sich in die Arbeit stürzte. Einerseits war diese Konferenz auch nicht anders als all die anderen, an denen sie schon teilgenommen hatte. Die Abläufe waren gleich und die Menschen, denen sie begegnete auch, selbst wenn sie ungemein wichtiger waren für die Regierungen ihrer Länder. Andererseits war die Konferenz aber auch so viel größer und lauter und bunter und Lily musste sich konzentrieren, immer am richtigen Ort zu sein und die richtigen Fragen zu stellen. In den Pausen schrieb sie wie wild ihre Kurzberichte, die sie an den Propheten schickte, am Abend schrieb sie längere Zusammenfassungen und Bewertungen, fiel dann in einen kurzen und unruhigen Schlaf, wachte am nächsten Morgen auf und machte das gleiche erneut. Als sie nach fünf Tagen wieder im Foyer der Redaktion erschien, schrieb sie noch eine abschließende Bewertung, die Anthony Merlin sei Dank für gut befunden hatte, apparierte nach Hause und schlief die nächsten fünfzehn Stunden wie ein Stein. Sie konnte es kaum erwarten, dieses Theater zu wiederholen.
Als sie sich zwei Tage später endlich wieder wie ein normaler Mensch fühlte, nahm sie die Geschenke, die sie für Henry besorgt hatte, und ging kurz vor Ladenschluss zur Apotheke. Mr Smith warf einen Blick auf sie, als sie den Laden betrat, und lächelte ihr zu. „Er ist hinten bei den Tränken, meine Liebe", sagte er mit einem Zwinkern.
Lily lief leicht rosa an und erwiderte sein Lächeln. Henry sah überrascht von einem Kessel auf, gegen den er alle zehn Sekunden mit seiner Kelle schlug. „Hey, du bist wieder da!", sagte er erfreut. „Ich hab nichts mehr von dir gehört, deshalb bin ich davon ausgegangen, dass mit den Tränken alles okay war."
Lily nickte. „Ja, hat alles reibungslos geklappt. Ich wollte dir eigentlich Bescheid geben, aber ich hab deine Nummer gar nicht. Ich meine, falls du überhaupt ein Handy hast …" Handys waren mittlerweile sehr verbreitete Kommunikationsmittel in der Zauberwelt. Es war beschämend, aber sie waren effektiver und schneller als alle magischen Mittel und da immer mehr Muggelgeborene nach Hogwarts kamen, hatte sich die Technologie in den letzten Jahren rasch ausgebreitet. Was aber natürlich nicht bedeutete, dass alle in der Zauberwelt ein Handy nutzten.
„Ja, ich hab ein Handy", erwiderte Henry und fing dann plötzlich an, jede Sekunde gegen den Kessel zu schlagen. Das machte er geschlagene zwei Minuten, bis er abrupt aufhörte und dann zufrieden dabei zuschaute, wie genau zehn Blasen aus Rauch aufstiegen, bevor der Trank ein schrilles Pfeifen von sich gab und dann in rascher Folge von blau zu rot zu grün zu gelb wechselte und dann durchsichtig wurde. Zufrieden richtete er seinen Zauberstab auf das Feuer unter dem Kessel. „Das muss jetzt noch bis morgen köcheln und dann ist der Trank gegen Hörschäden fertig."
Lily hatte amüsiert zugeschaut und fragte sich wieder einmal, wie jemand darauf kommen konnte, einen Trank so zuzubereiten, der dann auch noch funktionierte. Sie wusste, dass Ted jetzt an diesen Tränken arbeitete und solche Sachen wahrscheinlich ständig ausprobierte, aber es musste trotzdem sehr viel Glück dabei sein.
Sie hielt ihre Tasche hoch. „Ich wollte dir nur kurz dein Mitbringsel aus Rio geben, dann bin ich auch schon wieder weg."
„Hast du schon gegessen?", fragte er sie unvermittelt. „Ich hab den ganzen Tag noch nichts gegessen und einen Wahnsinnshunger, ich wollte in den Tropfenden Kessel, also wenn du mitwillst … Schon gut, wenn du keine Zeit hast, war nur ein Angebot", unterbrach er sich selbst, als er ihren Gesichtsausdruck sah.
Lily schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich hab Hunger. Mein Körper ist sowieso noch ganz durcheinander von der Zeitumstellung." Das war ein Vorteil von Konferenzen in Europa, da ging es höchstens mal um eine oder zwei Stunden. „Es ist nur, nach der Geschichte mit Howard … wenn du dich nicht in der nächsten Ausgabe der Hexenwoche wiederfinden willst, dann ist der Tropfende Kessel wahrscheinlich keine so gute Idee."
Henry verzog enttäuscht das Gesicht. „Oh, okay, daran hatte ich nicht gedacht."
„Aber wenn du auch woanders essen würdest, zwei Straßen von der Winkelgasse entfernt ist ein sehr guter Italiener, bis dahin hat mich noch nie einer der Fotografen verfolgt." Immer wenn sie genug hatte, dann ging sie in die Muggelwelt, wo sie ihre Ruhe hatte.
Henry lächelte. „Oh, ja gerne", sagte er erfreut.
Und so waren sie keine zehn Minuten später bei ihrem Lieblingsitaliener und teilten sich eine große Pizza. Lily erzählte begeistert von der Konferenz und Henry gab zu, dass er alle ihre Artikel gelesen hatte. Und gestern hatte er seine Großmutter besucht, die ihm jeden Artikel noch einmal vorgelesen hatte und die überglücklich war, dass man Lily endlich an die „richtig harten Sachen" ranließ. Lily gab ihm die Geschenke, die sie mitgebracht hatte, ein Hemd in den Farben der brasilianischen Flagge, einen Haufen brasilianische Süßigkeiten und ein Buch über südamerikanische Heiltränke, das sie in einem Second Hand Shop gefunden hatte, der direkt neben dem magischen Hotel gewesen war.
„So eins habt ihr bestimmt schon", sagte sie unsicher. „Aber ich hab's gesehen und mir gedacht, falls ihr es doch gebrauchen könnt …"
Henry blätterte das Buch begeistert durch. „Diese Ausgabe suchen wir schon lange! Das wird schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gedruckt und unsere einzige Ausgabe ist in Flammen aufgegangen, als unser ehemaliger Azubi einen Schrumpftrank in der falschen Richtung umgerührt hat und er explodiert ist. Also der Trank, nicht der Azubi. Das ist super! Danke!" Er beugte sich vor und küsste die überraschte Lily auf den Mund. Der Kuss artete mehr aus, als die beiden geplant hatten und Lily war wirklich froh, dass sie nicht im Tropfenden Kessel waren, wo jede Hexe und jeder Zauberer sie hätte sehen können. Sie lösten sich erst voneinander, als der Kellner vor ihrem Tisch halt machte und sich laut räusperte.
„Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn sie diese Knutscherei an einen privateren Ort verlegen könnten, ganz egal, wie verliebt Sie sind."
Lilys und Henrys Blicke trafen sich, aber sie wandten sich schnell wieder ab. Lily lächelte nervös und aß dann den letzten Rest von ihrem Tiramisu auf. Nachdem sie die Rechnung bezahlt hatten und vor dem Restaurant standen, schauten sie sich unsicher an. Henry räusperte sich. „Also dann vielen Dank für das Buch und das Hemd und-"
Weiter kam er nicht, denn Lily hatte die Arme um ihn geschlungen und küsste ihn. Es war so gut gelaufen und sie würde sich das von einem vorlauten Kellner nicht kaputt machen lassen. „Sollen wir in deiner Wohnung weitermachen?", fragte sie, denn Muggelwelt hin oder her, es war ihr immer etwas unangenehm, sich in aller Öffentlichkeit zu küssen, ganz besonders, wenn diese Küsse sie dazu brachten, alles um sich herum zu vergessen, so wie das bei Henrys Küssen anscheinend immer der Fall war.
Henry nickte und zog sie in die dunkle Gasse neben dem Restaurant, damit sie ungestört apparieren konnten. Dieses Mal blieb Lily sogar zum Frühstück.
/-/
Und dann ging das einfach immer so weiter zwischen ihnen. Sie verabredeten sich in der Muggelwelt zum Abendessen, sie gingen ins Kino, einmal gingen sie sogar in den Zoo, vermieden aber, sich die Chamäleons anzuschauen, weil sich das ohne Dora irgendwie falsch angefühlt hätte. Und es gab Sex. Sehr viel Sex. Sehr guten Sex. So guten Sex, wie sie ihn noch nie gehabt hatte. Und weil sie ihre Interaktionen in der Zauberwelt sehr begrenzten, tappte die Klatschpresse immer noch im Dunkeln. Stattdessen druckten sie immer noch Bilder von dem missglückten Heiratsantrag, spekulierten, ob Lily und Howard vielleicht heimlich geheiratet hatten, ob Lily schwanger war und es vor einem wütenden Howard geheim halten wollte, oder ob sie nach der gescheiterten Beziehung einen Selbstmordversuch begangen hatte. Lily tat wirklich leid, dass Howard andauernd mithineingezogen wurde und ständig daran erinnert werden musste, so wie sie, aber darüber hätte er wirklich nachdenken können, bevor er ihr in einem Raum voller Reporter einen Antrag gemacht hatte.
„Das sind aber wirklich sehr makabere Artikel", sagte Henry eines Abends kopfschüttelnd. Er lag neben ihr auf ihrem Bett und blätterte die neueste Hexenwoche durch, während Lily noch einmal den Ablauf der Konferenz durchging, zu der sie in ein paar Tagen fahren musste. Leider war diese große internationale Konferenz in Rio eine einmalige Sache gewesen, nachdem Roisin wieder da war, aber Anthony hatte ihr mittlerweile zwei sehr viel umfangreichere Reportagen zugeteilt, also konnte sie sich wirklich nicht beschweren.
Lily zuckte mit den Schultern und machte sich eine Notiz auf einem ihrer Pergamente. „Die schreiben ständig so einen Scheiß. Tante Hermine hat schon vor Jahren versucht, die Gesetze zu ändern, aber da haben sich ihr mehr Leute in den Weg gestellt als damals, als sie die Hauselfengesetze ändern wollten. Molly versucht es auch, aber bisher glaube ich mit sehr wenig Erfolg." Sie unterstrich einen anderen Punkt und machte sich dann eine weitere Notiz. „Familie und Freunde wissen alle, dass sie davon nichts glauben können, also ignorieren wir es meistens."
„Aber du wirst fast in jeder Ausgabe erwähnt."
Lily seufzte. „Ja und? Ich bin die einzige Tochter von Harry Potter, die ‚Prinzessin'." Sie verdrehte die Augen. „Mein Privatleben ist interessanter als das von James, das nur aus Quidditch und Sex besteht. Oder das von Al, der sich erst um die halbe Welt geflüchtet und dann recht unauffällig eine Frau geheiratet hat, mit der die Zeitschriften wenig anfangen konnten." Tia hatte da wirklich Glück gehabt. Am Anfang wurde zwar viel diskutiert, dass sie aus Ägypten kam, aber anscheinend hatte das keinen Flubberwurm aus dem Salat geholt, also hatte man sich bald wieder auf Lily konzentriert. Die ihnen durch den Heiratsantrag Futter für Monate, wenn nicht sogar Jahre, gegeben hatte. Eine Zeitlang waren auch Rose und Scorpius und ihre Romeo-und-Julia-Geschichte ein gefundenes Fressen gewesen, aber durch Scorpius' Jahr in Amerika war ihnen auch da die Luft ausgegangen. Roses Hochzeit und Schwangerschaft hatten zwar wieder ein paar Magazine gefüllt, aber im Großen und Ganzen waren Rose und Scorpius wohl einfach zu uninteressant, solange der Krieg zwischen den Weasleys und Malfoys ausfiel. Nicht, dass Lily sich für interessanter hielt, aber die Leser waren da wohl anderer Meinung.
„Ja, aber-"
„Henry, das geht schon so, solange ich denken kann. Die Presse hatte schon immer Interesse an meinem Dad. Verständlich. Schließlich war er als Baby dafür verantwortlich, dass Voldemort vom einen auf den anderen Tag einfach verschwunden war. Und dann wurde er dadurch auch noch Vollwaise, das ist immer eine gute Geschichte. Und dann kam alles, was in Hogwarts passiert ist. Trimagischer Champion, der einfach so die Alterslinie umgangen hat, auch noch sehr erfolgreich bei den Aufgaben, dann war er plötzlich geisteskrank und ein Lügner, dann wieder der Auserwählte, dann der Unerwünschte Nummer eins, dann der Retter der Zauberwelt, der mit der kleinen Schwester seines besten Freundes zusammen war, die er damals als zwölfjähriger aus den Fängen eines Basilisken gerettet hat ... Außerdem sah meine Mum sehr gut aus, war erfolgreiche Quidditchspielerin … du solltest mal sehen, wie viel die damals über ihre Hochzeit geschrieben haben. Ganz zu schweigen von den Schwangerschaften! Meine Mum konnte kaum einen Schritt in der Zauberwelt unternehmen, ohne dass jemand ihren Bauch fotografiert hat. Und unsere Babyfotos erst! Und als wir dann in Hogwarts waren … Merlin, was die sich da alles zusammenfantasiert haben!"
Sie seufzte. Eine Weile hatte sie sogar Panikattacken gehabt, wenn eine neue Hexenwoche herausgekommen war. Mittlerweile war sie so abgehärtet, dass sie kaum noch wusste, was über sie geschrieben wurde. In den wenigsten Fällen war es auch nur annähernd wahr gewesen. „Glaub mir, mit der Zeit lernst du, das ganze Zeug einfach zu ignorieren."
„Ja aber, das ist doch nicht fair", protestierte Henry. „Dein Vater hat es doch nicht drauf angelegt … und seine Kinder haben doch noch weniger damit zu tun …"
„Wem sagst du das? Aber das hat die noch nie interessiert. Und man entwickelt seine Taktiken, damit umzugehen. James hat alle provoziert, um zu sehen, wie weit er gehen kann, und es dann ausgenutzt, was ich irgendwie auch verstehen kann. Wenn man schon die ganzen Nachteile ertragen muss, warum sollte man dann nicht auch ein paar Vorteile haben, weißt du?" Henry verzog das Gesicht und Lily erinnerte sich, dass er James nicht mochte. Bisher war das aber kein Problem gewesen, da sie Henry noch nie zu einer Familienveranstaltung mitgenommen hatte. So war ihre Beziehung nicht. Und sie konnte auf Henrys finsteren Blick gerne verzichten. „Und mittlerweile ist er gut genug als Quidditchspieler, dass er ganz separat von unseren Eltern berühmt ist und erkannt wird. Das ist dann was ganz anderes. Wenigstens hat man es so verdient, weißt du?" Henry nickte widerwillig. „Al ist dem Ganzen immer am liebsten aus dem Weg gegangen, indem er das Land verlassen hat, und ich …"
„Du hast dich in die Höhle des Löwen gewagt?", schlug Henry grinsend vor.
Lily zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht will ich sicher gehen, dass trotz der ganzen Lügen und Gerüchte, die gedruckt werden, auch die Wahrheit dabei ist. Dass die Leute wissen, dass es die Wahrheit ist, dass sie wenigstens auf die seriösen Medien vertrauen können und dass sie wissen, woran sie sind und nicht wie damals ins offene Messer laufen gelassen werden, weil die Lüge bequemer ist als die Wahrheit. Dafür hat deine Großmutter doch auch die Goldene Feder ins Leben gerufen, oder?"
Henry nickte. „Ja, das war ihr schon immer sehr wichtig." Er schaute auf die Hexenwoche, die er beim Kreuzworträtselteil aufgeschlagen hatte. „Aber es ist doch trotzdem Scheiße, so einen Mist über sich lesen zu müssen."
„Ich lese den Mist schon seit Jahren nicht mehr. Und du kannst froh sein, dass sie bisher noch kein Foto von uns in die Finger gekriegt haben." Sie grinste. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabs flogen die Pergamente von ihrem Bett alle auf ihren Schreibtisch im Wohnzimmer. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir praktisch direkt unter ihrer Nase Sex hatten und es keiner mitbekommen hat."
„Ja, das war damals …" Er schluckte, als Lily sich rittlings auf seinen Schoß setzte und sich das T-Shirt über den Kopf zog und er völlig den Faden verlor.
„Ich hab damals nicht wirklich nachgedacht, aber ich bereue es nicht." Sie beugte sich vor und küsste ihn.
Er lächelte. „Ich auch nicht."
TBC …
