Kapitel 5

Das Ritual


"Es ist soweit", zischte er. "Wir müssen los!"

Hermione erhob sich. Sie hatte ihre Hände fest zusammengepresst in der Hoffnung, niemand würde ihr Zittern bemerken. Sie wollte zuversichtlich sein, hatte aber plötzlich schreckliche Angst.

Severus hatte sich ebenfalls erhoben und ergriff nun reserviert und fest Hermiones linken Arm.

Sie blickte vertrauensvoll zu ihm auf und Severus verharrte einen kurzen Moment in ihren großen braunen Augen, bevor er seinen Blick von ihr abwandte.

Mit einem lauten Knall waren beide appariert.

Hermione öffnete die Augen. Sie stand noch immer an Severus Seite, der ihren Arm schmerzhaft fest im Griff hatte.

Sie befanden sich in einem großen, runden, backsteinernen Raum, der kalt und dunkel war. Lediglich sechs an den steinernen Wänden befestigte Fackeln in ihren Halterungen tauchten den Raum in geringes flackerndes Licht. Hermione sah wie sich aus der Dunkelheit in der Mitte des Raumes ein runder Altar aus felsigem Stein abzeichnete. Ihr wurde umgehend übel und sie schauderte und drängte sich unwillkürlich an Severus Seite.

Severus blickte auf sie hinunter und stieß sie mit seinem Ellenbogen ruckartig von sich, hielt ihren Arm aber weiter fest. „Was soll das?", schnauzte er sie an. „Du solltest dich freuen, dass du hier sein darfst. Es sollte dir eine Ehre sein, dem Dunklen Lords dienen zu dürfen." Severus schwarze Augen funkelten sie wütend an.

Hermione trafen seine Worte wie ein Schlag ins Gesicht und sie musste sich sehr bemühen zu glauben, dass dies alles zu seiner Rolle gehörte. Aus ihren Augen kullerten Tränen und dafür musste sie sich nicht besonders verstellen. Sie versuchte ihm zu vertrauen, trotzdem fühlte sie sich ausgesetzt, allein und verloren.

plop plop plop

Immer mehr Todesser apparierten in den Raum und stellten sich in weitem Kreis um den Altar herum auf. Bis auf Severus trugen alle Masken.

Keiner von Voldemorts Anhängern sprach ein Wort, aber ihrer aller Blicke lagen auf Severus und Hermione.

Als letztes erschien Voldemort in der Mitte aller, mit Wurmschwanz an seiner Seite. Er behielt seinen Platz in der Mitte seiner Anhänger ein, während Wurmschwanz den letzten freien Platz im Todesser-Ring füllte.

Voldemort ließ seinen Blick kreisen. Als er Severus mit Hermione entdeckte lachte er erfreut auf.

„Ah, Severus, wie ich sehe, hast du jemanden mitgebracht. Bring sie zu mir", zischte er ihm zu.

„Ja, mein Lord", sagte Severus, schritt auf Voldemort zu und zog Hermione grob hinter sich her.

„Erzähl mir ein bisschen von ihr, Severus." In Voldemorts Stimme lag unverhohlene Vorfreude und seine bösen Augen begutachteten Hermione durchdringend.

„Es ist mir eine Ehre, mein Lord. Sie ist eine Hogwarts-Schülerin, Meister, ein Schlammblut. Darüber hinaus ist sie ein Element des berühmten Potter-Trios." Severus spuckte das letzte Wort quasi vor Hermiones Füße.

„Ausgezeichnet. Nun, Severus, du machst mich sehr zufrieden."

„Danke, Meister."

"Dann ist sie ja auch im gleichen Jahrgang wie dein Sohn, Lucius?", fragte er an einen Todesser gewandt.

"Ja, mein Lord", sagte eine verächtlich klingende und Hermione durchaus vertraute Stimme hinter einer Todessermaske. "Dieses Schlammblut hat seinen und auch meinen Weg schon zu oft gekreuzt."

Voldemort grinste diabolisch.

„Ein hübsches Mädchen", sagte er und strich ihr mit seiner fahlen kalten Hand über die Wange. Hermione drehte angeekelt ihren Kopf zur Seite und Voldemort lächelte sie böse an. Dann wandte er sich wieder an Severus.

„Und natürlich sie ist eine Jungfrau, Severus?", fragte Voldemort mit erhobener Stimme.

„Ja, Meister."

„Hast du sie getestet? Erkläre!"

„Ja, Meister. Ich habe ihr Veritaserum gegeben", sagte Severus gelassen.

„Ah, ja, das gute alte Veritaserum", zischte Voldemort, „einfach aber wirksam."

Voldemort zückte seinen Zauberstab und richtete ihn auf Hermione. „Veritas Virginalis!" rief er und Hermione zuckte kurz zusammen, doch nichts geschah.

„Wie ich sehe, mein lieber Severus, hast du wieder einmal gute Arbeit geleistet."

„Danke, mein Lord", sagte Severus und verneigte sich leicht vor ihm.

Hermione atmete innerlich auf. Zumindest die erste Hürde wäre geschafft. Sie war wirklich dankbar dafür, mit Albus Dumbledore einen der größten Zauberer seiner Zeit zu kennen.

„Meister", hörte Hermione eine unbekannte Stimme fragen. „Meister, was habt ihr geplant?"

„Jaaaaaah, sagte Voldemort gedehnt, „ich werde mich eines alten, beinahe vergessenen Ritus bemächtigen. Vor Jahrhunderten nutzte man ihn, um neue oder verlorene Macht zu erlangen. Doch leider wurde dieser Ritus verboten und geriet dann in Vergessenheit …welch eine Schande. Aber ich habe die alten Schriften Slytherins gelesen und ihn wieder entdeckt."

Durch den Kreis der Todesser war ein anerkennendes Raunen zu vernehmen.

„Aber Geduld", fuhr Voldemort fort und klang, als würde er zu kleinen Kindern sprechen. „Geduld."

Voldemort drehte sich wieder zu Severus herum. „Bereite sie vor, Severus, wie es geschrieben steht", befahl er und deutete auf den Steinaltar.

Hermione wurde plötzlich heiß und kalt. Damit hatte sie nicht gerechnet, dass Severus offenbar den genauen Ablauf dieses Rituals kannte. Wusste Dumbledore davon? Aber ihr blieb keine Zeit, weiter darüber nachzusenden.

„Ja, Meister", antwortete Severus. Er zog Hermione in die Mitte des Kreises und schubste sie unsanft zum dem etwa anderthalb Meter hohen Steinaltar. Hermione stieß sich an diesem schmerzhaft das Schienbein und sie erkannte erschrocken, dass sie Dumbledores Schutzzauber wohl nur gegen Flüche immun machte. Gegen Verletzungen dieser Art war sie anscheinend ungeschützt.

"Rauf da," zischte Severus und stieß ihr mit seinem Zauberstab unsanft in den Rücken.

Hermione geriet in Panik. Sie schrie auf und wehrte sich und Severus richtete seinen Zauberstab auf ihr Gesicht. „Sei still, Schlammblut, sonst..."

Doch Voldemort unterbrach ihn. „Lass sie nur, Severus. Das stört mich nicht, im Gegenteil", sagte er sanft und mit einem boshaften Lächeln. Die Todesser lachten laut auf und Severus verzog seinen Mund zu einem gemeinen Grinsen. Er verneigte sich kurz und fuhr fort.

Mit dem gleichen Zauber, mit dem Severus sich in der Nacht zuvor mit Hermione in seinem Bett seine Kleidung vom Körper gezaubert hatte, entfernte er sie nun von ihr.

Hermione saß nun nackt auf diesem Altar und umklammerte ihren zitternden Körper, umgeben von hässlichen Masken, hinter denen sie höhnisches Lachen hörte.

Mit einem weiteren Wink seines Zauberstabes erschienen an vier Seiten des Steins schwarze Ketten, die wie von selbst Hermiones Hand- und Fußgelenke umschlossen und festzogen, so dass sie unsanft zurückgezogen wurde und nun auf dem Rücken lag. Sie zog und zerrte an den widerlichen Ketten, doch je mehr sie zog, desto fester spannten sie sich. Unter dem lauten Gelächter der Todesser gab sie schließlich auf.

"Zeig ihr, was wir normalerweise mit Schlammblütern zu tun gedenken", befahl Voldemort.

"Gerne, Meister." Mit finsterem Blick richtete Severus seinen Zauberstab auf sie: "Crucio!"

Hermione fühlte wie ein Kribbeln durch ihren Körper lief. Instinktiv begann sie zu schreien und zu winden und als Severus den Fluch aufhob blieb sie schlaff und mit geschlossenen Augen liegen.

Severus wandte sich ab und trat nun ebenfalls zu seinem Platz in den Kreis.

„Sehr gut. Wir werden nun beginnen!", sagte Voldemort, „Wurmschwanz, der Dolch!"

Wurmschwanz eilte auf ihn zu und reichte ihm einen alten Dolch auf dem Hermione, die ihre Augen wieder zu öffnen gewagt hatte, auf seinem grünen Heft eine silberne Schlange erkennen konnte.

Voldemorts Gefolge rückte auf Geheiß ihres Meisters näher heran und stellte sich um den runden Altar herum erneut kreisförmig auf. Ein gutes Dutzend machthungriger und der Finsternis verfallener Hexen und Zauberer und sie alle glaubten, dass dieses Ritual ihrem Meister ein neues Maß an Macht bringen werde.

Dann schritt Voldemort langsam um den Alter herum und bleibt dann hinter Hermiones Kopf stehen. Er hob den glänzenden Dolch mit beiden Händen nach oben und begann leise murmelnd, dann immer lauter und deutlicher werdend alte und gefährlich klingende Formeln zu sprechen.

Hermione spürte, wie ihr Körper immer leichter und leichter wurde. Sie begann offenbar zu schweben und wurde nur von den Ketten, die sie umschlossen, dicht über dem Stein gehalten.

Vor Angst zitternd blickte sie nach oben und sah über sich den Dolch blitzen, der sie mit etwas zu umhüllen schien. Wie grüne Nebelschwaden erschien etwas aus dem Dolch herauszufließen und ihren Körper zu einzuhüllen. Dann blickte sie sich suchend um. Wo ist Severus? Wieso tut er nichts? Wann meint er ist der richtige Moment einzugreifen? Wie lange will er noch warten?

Und dann kamen Hermione plötzlich Zweifel. Wird er überhaupt eingreifen?

Hermiones Körper war bedeckt von kaltem Schweiß. Sie war nun vollständig in grünen Nebel eingehüllt.

Dann waren die Worte Voldemorts jäh verstummt und ihr Blick glitt wieder nach oben.

Ihr Schrei blieb ihr im Halse stecken, als sie den Dolch auf sich zurasen sah.


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