Kapitel 6
Flucht
Vor Angst zitternd blickte sie nach oben und sah über sich den Dolch blitzen, der sie mit etwas zu umhüllen schien. Wie grüne Nebelschwaden erschien etwas aus dem Dolch herauszufließen und ihren Körper zu einzuhüllen. Dann blickte sie sich suchend um. Wo ist Severus? Wieso tut er nichts? Wann meint er ist der richtige Moment einzugreifen? Wie lange will er noch warten?
Und dann kamen Hermione plötzlich Zweifel. Wird er überhaupt eingreifen?
Hermiones Körper war bedeckt von kaltem Schweiß. Sie war nun vollständig in grünen Nebel eingehüllt.
Dann waren die Worte Voldemorts jäh verstummt und ihr Blick glitt wieder nach oben.
Ihr Schrei blieb ihr im Halse stecken, als sie den Dolch auf sich zurasen sah.
Dann herrschte kurz Stille. Hermione blickte an sich hinunter. Der Dolch steckte mitten in ihrer Brust. Warmes Blut strömte aus der Wunde, floss an ihrem Körper hinunter und verteilte sich auf dem Altar. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und ihr Kopf fiel schwer zur Seite.
Voldemort zog den Dolch mit einem zufriedenen Lächeln aus ihrer Brust heraus und leckte gierig über seine blutige Klinge. "Es ist vollbracht!", rief er laut in die Menge und streckte dabei seine fahle Hand, die den Dolch hielt, nach oben.
Seine Anhänger stimmten zu einem Jubelgeschrei an, dem auch Severus folgte, ohne jedoch den Blick von Hermiones leblosen Körper zu nehmen.
Dann übertönte ein gellender Schrei die Jubelrufe. Voldemort blickte panisch um sich. Er begann scheinbar von innen heraus zu glühen. Schwankend versuchte er sich am Altar zu stützen, rutschte jedoch mit seiner Hand an dem vom Blut glitschigen Stein ab und brach plötzlich auf seinen Knien zusammen.
"Meister, was...?", rief Lucios Malfoy, sprang auf ihn zu und beugte sich zu ihm hinunter.
"Aaaaahrg, sie war ein faules Ei! Tötet den Verräter, tööööötet ihn!", schrie Voldemort und sein Gesicht war vom Schmerz verzerrt.
Und dann plötzlich geschah es. Das Glühen wurde stärker und verwandelte sich in schwarze Flammen, die lodernd aus seinem Körper emporzüngelten, ihn verkohlten bis er schlussendlich zu schwarzem Staub zerfiel. Ein letzter markerschütternder Schrei Voldemorts hallte durch den hohen Raum.
Malfoy wich zurück und blickte entsetzt auf seine Überreste. "Neeeeeeein", schrie er und drehte sich um. "Wo ist der Verräter?"
Severus, der erwartet hatte, dass man ihn diesbezüglich beschuldigen würde, hatte das Überraschungsmoment genutzt und Hermione bereits von ihren magischen Ketten befreit. In diesem Moment hob er sie schnell hoch und versuchte dabei das viele Blut, das in seinen Umhang sickerte, zu ignorieren.
"Haaaaaaltet sie!" Doch Severus war schon appariert.
Die Ordensmitglieder warteten bereits voller Aufregung und Ungeduld als Severus mit Hermione in seinen Armen in das Hauptquartier zurückkehrte.
"Schnell", keuchte er, "wo ist Madame...?" Doch Remus Lupin hatte ihm Hermione schon wortlos abgenommen und trug sie schnellen Schrittes die Treppen hinauf. Blutstropfen hinterließen dunkle Flecken auf dem alten Teppich.
"Wohin...?", frage Severus gehetzt.
"Zu Madame Pomfrey, Severus", sagte Dumbledore sanft und legte ihm seine Hand auf die Schulter. "Sie hat im Salon im 2. Stock eine kleine Krankenstation eingerichtet und weiß was zu tun ist. Sag uns jetzt bitte was passiert ist."
Severus gehetzter Blick verharrte noch einen kurzen Moment Richtung Treppe. Dann wandte er sich Dumbledore zu und begann zu berichten. Sie standen noch immer im Flur und die Augen der anwesenden Ordensmitglieder weiteten sich, als Severus beschrieb, wie Voldemort den Ritualdolch in Hermiones Brust gestoßen hatte.
"Merlin", keuchte Tonks. "Wird sie es überleben?"
"Durch den Schutzzauber, der ihre regenerativen Fähigkeiten um ein Vielfaches erhöht hat, hat sie, denke ich, gute Überlebenschancen. Wir müssen allerdings Poppys Bericht abwarten", antwortete Dumbledore.
"Aber sie hat so schrecklich viel Blut verloren", sagte Tonks und blickte dabei auf Severus Umhang, von dessen Saum Blutstropfen auf den Teppich fielen.
"Wir müssen leider abwarten, Tonks. Morgen wissen wir mehr."
"Aber der Plan ist geglückt?", fragte Emmeline Vance, noch ganz kreidebleich im Gesicht.
"Ja, Voldemort wurde vernichtet", sagte Severus leise.
"Was macht Sie so sicher?", fragte Minerva McGonagall skeptisch. "Was ist wenn er nur wieder körperlos ist und sein Geist noch entfliehen konnte - wie das letzte Mal?".
"Das Blut, das ihm die gewünschte Macht zurückbringen sollte, hatte, wie erhofft, das Gegenteil bewirkt und ihn in dem Moment seinen großen Triumphes zerstört", antwortete Severus. "Ich kann nicht sagen, in welchem Umfang dies geschehen ist. Aber von ihm selbst haben wir im Moment sicher nichts zu befürchten, wahrscheinlich nie mehr."
"Gut", sagte Dumbledore. "Severus, ruh dich jetzt aus und..."
"Sie werden uns verfolgen", unterbrach Severus ihn. "Sie werden diese Tat nicht ungesühnt lassen und keine Ruhe geben, ehe sie uns gefunden und vernichtet haben."
"Albus, die Todesser müssen so schnell wie möglich gefasst und nach Askaban gebracht werden", sagte Minerva McGonagall aufgebracht.
"Ja, ich weiß", sagte Dumbledore mit einem leisen Seufzer. "Heute ist etwas Großes, ja Großartiges vollbracht worden! Wir haben viel riskiert und viel gewonnen. Und der Preis war hoch gewesen."
"Ruh dich jetzt bitte aus, Severus", fuhr Dumbledore fort. "Wir werden morgen darüber beratschlagen, was in dieser Sache zu tun ist."
Severus wandte sich zur Tür.
"Severus!", rief Minerva ihm hinterher und er drehte sich wieder um.
"Danke!", sagte sie. "Danke, im Namen aller."
Severus nickte kaum merklich, drehte sich dann auf dem Absatz um und verließ rasch den Raum. Doch anstatt sich zum Ausruhen in sein Zimmer zu begeben stieg er hastig die Stufen zum 2. Stock hinauf.
Oben angekommen eilte er mit wehendem Umhang den schier endlosen Flur entlang und verteilte noch immer Hermiones Blut auf dem Boden.
Dann stoppte er abrupt. Er hatte die große dunkle Holztür zum oberen Salon erreicht und starrte kurz auf die verschnörkelte, goldene Türklinke. Er holte tief Luft, öffnete die Tür und trat ein.
Nächstes Kapitel 7: Auf Messers Schneide
