Kapitel 7

Auf Messers Schneide


Severus nickte kaum merklich, drehte sich dann auf dem Absatz um und verließ rasch den Raum. Doch anstatt sich zum Ausruhen in sein Zimmer zu begeben stieg er hastig die Stufen zum 2. Stock hinauf.

Oben angekommen eilte er mit wehendem Umhang den schier endlosen Flur entlang und verteilte noch immer Hermiones Blut auf dem Boden.

Dann stoppte er abrupt. Er hatte die große dunkle Holztür zum oberen Salon erreicht und starrte kurz auf die verschnörkelte, goldene Türklinke. Er holte tief Luft, öffnete die Tür und trat ein.

In diesem eher kleinen und schlichteren Salon, den er noch nie zuvor betreten hatte, erblickte er als erstes Madame Pomfrey, vornübergebeugt an einem schweren, holzverzierten Sekretär sitzend und damit beschäftigt, in ein kleines Buch zu schreiben.

Madame Pomfrey, die die Tür hatte knarren hören, hob den Kopf und legte ihre Schreibfeder zur Seite. "Oh, Professor Snape! Wie geht es Ihnen?"

"Ja, ja, danke, mir fehlt nichts. Wie geht es Miss Granger?", entgegnete er knapp.

"Nicht sehr gut, leider", Madame Pomfrey drehte sich auf ihrem Stuhl zu ihm herum. "Ich konnte ihre Wunde zwar heilen", sie atmete tief ein, "der Dolch traf sie mitten ins Herz, wie grausam muss..."

"Jaaah", hakte Severus ungeduldig nach.

"Oh, nun ja, sie hat wirklich viel Blut verloren. Ist sehr geschwächt, die Arme. Und noch nicht aufgewacht."

"Haben Sie ihr den Corroboro-Trank gegeben?"

"Ja, sicher, eine ganze Phiole voll", sagte Madame Pomfrey ein wenig gekränkt. "Ich weiß sehr wohl was ich zu tun habe, Professor."

Severus ignorierte ihren gekränkten Blick. "Geben Sie ihr noch eine", entgegnete er barsch.

Madame Pomfrey blickte ihn wütend an, nickte dann aber. Sie neigte sich zur gegenüberliegenden Seite und kramte aus ihrer magisch vergrößerten Arzttasche eine kleine Phiole hervor, in der dunkelblaue Flüssigkeit schimmerte. Sie hatte sich bereits halb von ihrem Stuhl erhoben, als Severus ihr die Phiole schon aus der Hand schnappte.

"Ich mach das!"

Madame Pomfrey rang nach Luft und plumpste auf ihren Stuhl zurück. Wäre er nicht der Mann, der er war und hätte er nicht so viel für sie alle riskiert, würde sie ihn aufhalten. So ließ sie ihn aber widerwillig gewähren und folgte ihm mit ihrem Blick zu dem schweren, purpurnen Vorgang auf der anderen Seite des Salons.

Severus schritt auf ihn zu und zog den Vorhang zur Seite.

Hermione lag regungslos in einem Krankenbett. Sie war kreidebleich und ihr Gesicht wirkte eingefallen. Neben ihr stand einer der schweren Salonsessel, auf dem momentan Remus Lupin saß und ihre Hand hielt.

Remus blickte auf. "Hat sie schwer erwischt, Severus. Konntest du sie nicht schneller zurückbringen?", fragte er vorwurfsvoll.

"Nein!", erwiderte Severus barsch. "Lass mich allein!"

Remus ließ Hermiones Hand los, legte sie sanft ab und stand auf. "Was hast du vor?"

"Traust mir immer noch nicht, nicht wahr, Remus?"

"Fällt mir auch wirklich schwer, Severus!", antwortete dieser in sarkastischem Tonfall.

Severus blickte ihn finster an. Dann zog er den Pfropfen aus der Phiole und bläulicher Rauch stieg auf.

"Meinst du nicht, es wäre besser, Madame Pomfrey die Heilung zu überlassen?", fragte Remus argwöhnisch.

Severus ignorierte ihn.

Remus blickte verdutzt drein, als Severus einfach an ihm vorbeihuschte und sich über Hermiones Körper beugte. Er beobachtete, wie Severus vorsichtig ihren Mund öffnete, seine freie Hand behutsam unter ihren Kopf schob, ihn sachte anhob und ihr langsam die schimmernde Flüssigkeit zwischen die geöffneten Lippen einflößte. Nachdenklich drehte Remus sich um und verschwand durch den Vorhang.

Severus legte Hermiones Kopf sanft wieder auf dem Kissen ab. Er zog nun die Decke ein wenig von ihrer nackten Brust herunter und erblickte eine etwa 4 cm lange schmale Narbe direkt über ihrem Herzen. Sie würde diese Narbe für immer behalten. Vorsichtig fuhr er mit seinen Fingerspitzen über die silbrige Erhebung.

Severus zog die Decke sanft wieder hoch, richtete sich auf und verließ ohne ein weiteres Wort den Salon.


Am nächsten Tag fanden sich die Mitglieder des Phoenixordens zu einer weiteren Versammlung zusammen.

Nachdem sich alle an ihrem gewohnten Platz an dem massiven, runden Holztisch eingefunden hatten, ergriff als erstes Professor McGonagall das Wort. "Wie geht es Hermione?", fragte sie besorgt.

"Ich komme gerade von Poppy", antwortete ihr Dumbledore. "Leider keine Veränderung zu Gestern."

Tonks senkte den Kopf. "Scheiße!"

"Wir müssen es ihren Eltern sagen, und Harry und Ron, Albus?"

"Nein, Minerva. Noch nicht. Wir sollten sie nicht unnötig damit belasten. Wir müssen jetzt erst einmal das weitere Vorgehen planen. Wir sind noch nicht absolut sicher."

"Sie werden aber wissen wollen, was passiert ist", warf Tonks ein.

"Ja, und zu gegebener Zeit werden wir es ihnen auch sagen", Dumbledore blickte ernst in die Runde. "Aber jetzt noch nicht."

"Wir müssen so schnell wie möglich das Zaubereiministerium informieren", sagte Mad Eye Moody.

"Das habe ich heute Morgen bereits getan, Alastor. Die Haftbefehle sind erlassen. Die Durchführung der Verhaftung der bekannten Todesser durch das Zaubereiministerium läuft bereits in vollen Zügen. Der Zaubereiminister selbst hält mich über alle Aktivitäten und Neuigkeiten auf dem Laufenden.

"Sie werden sich bestimmt verstecken", meinte Emmeline Vance. "Und sie werden wieder angreifen und töten."

"Ja, höchstwahrscheinlich schon. Aber sie werden in erster Linie versuchen, Severus zu finden. Das ist im Moment ihr primäres Ziel", sagte Remus Lupin.

"Wir sollten Lucius Malfoy im Auge behalten", meldete sich Severus jetzt zu Wort. "Von ihm wird es höchstwahrscheinlich ausgehen."

"Und was schlägst du vor,?", fragte Remus und fixierte ihn scharf.

Doch Dumbledore antwortete für ihn. "Leider haben wir im Moment keine Möglichkeit mehr an Informationen aus Voldemorts Todesserkreis zu kommen", Dumbledore sah Severus aus seinen blauen Augen durchdringend an. "Aber das war es wert. Ich weiß, Severus, du hasst es untätig zu sein. Aber ich muss darauf bestehen, dass du dieses Haus vorerst nicht verlassen und auf keinen Fall Malfoy suchen wirst. Habe ich dein Wort?"

Severus schnaubte. Dann nickte er knapp.

"Wir werden wohl oder übel auf ihren nächsten Schritt warten müssen", fuhr Dumbledore fort. "Und müssen auf ihn gefasst sein."

"Aber was ist mit der Schule?", fragte Minerva McGonagall.

"Die Ferien gehen noch knapp anderthalb Wochen. In dieser Zeit kann viel passieren."

"Sehen wir jetzt erst einmal zu", fuhr Dumbledore fort, "dass Hermione wieder gesund wird."

"Wenn sie wieder gesund wird", sagte Remus trocken.

Dumbledore atmete tief ein, ging jedoch auf Remus Worte nicht ein. "Severus, beschreibe noch einmal das Messer, mit dem Voldemort das Ritual durchgeführt hat."

"Es war ein sehr alter Dolch", begann er. "Mit breiter, silberner Klinge. Auf dem grünen Heft waren Zeichen und eine silberne Schlange eingraviert. Voldemort sagte, dass er in den alten Schriften Salazar Slytherins das Ritual gefunden hatte. Ich gehe davon aus, dass dieser Ritualdolch ebenfalls von Slytherin selbst stammt."

"Was glaubst du, wer den Dolch jetzt hat?"

"Ich vermute, Malfoy hat ihn mitgenommen."

"Danke, Severus."


Spät abends lag Severus lang gestreckt auf seinem Bett und dachte über die vergangen Stunden nach. Sie hatten noch sehr lange gesessen und beratschlagt, wie man sich am besten auf einen Angriff vorbereiten könne.

Severus hörte an ihrem stechenden Gang Madame Pomfrey an seiner Tür vorbei laufen. Sie war vermutlich auf dem Weg nach unten in die Küche. Kurzerhand sprang er auf und keine Minute später zog er erneut den schweren Vorhang zur Seite, der Hermione von dem kleinen Salon im 2. Stock abgrenzte.

Sie lag noch genauso da, wie er sie gestern verlassen hatte. Blass und wie eingefroren. Er schritt an ihr Bett heran und blieb dicht davor stehen.

Er hatte keine Ahnung, warum er wieder hier war. Einige Sekunden stand er da und starrte sie an. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verließ das rasch den Salon. Er kehrte nicht mehr wieder.


corroboro-ich werde mich stärken


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