Kapitel 8

Nächtlicher Besuch


Severus hörte an ihrem stechenden Gang Madame Pomfrey an seiner Tür vorbei laufen. Sie war vermutlich auf dem Weg nach unten in die Küche. Kurzerhand sprang er auf und keine Minute später zog er erneut den schweren Vorhang zur Seite, der Hermione von dem kleinen Salon im 2. Stock abgrenzte.

Sie lag noch genauso da, wie er sie gestern verlassen hatte. Blass und wie eingefroren. Er schritt an ihr Bett heran und blieb dicht davor stehen.

Er hatte keine Ahnung, warum er wieder hier war. Einige Sekunden stand er da und starrte sie an. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und verließ das rasch den Salon. Er kehrte nicht mehr wieder.

Er stürmte aus dem Salon und lief im Haus umher. Severus war an einem Ende des Hauses angekommen und stand vor einem großen hässlichen Wandteppich. Er machte auf dem Absatz kehrt und lief denselben Weg wieder zurück. In dieser Nacht fand er keine Ruhe; die aufkommenden ungewohnten Gefühle verdrängte er. Er verdrängte, dass er sich vor drei Nächten zum ersten Mal seit langer Zeit wieder als Mensch gefühlt hatte. Er verdrängte, wie sehr ihn Hermione innerlich berührt hatte und er verdrängte seine große Sorge um sie. Seit dieser Nacht besuchte er Hermione nicht mehr. Er konnte diese ungewohnten Gefühle nicht ertragen.


In den nächsten zwei Tagen geschah einiges und doch nicht sehr viel. Es wurden zwei Todesser aufgegriffen, verurteilt und nach Askaban gebracht. Von Lucios Malfoy fehlte jegliche Spur und Hermiones Zustand war nach wie vor kritisch. Severus registrierte, dass Remus Lupin täglich mehrere Stunden bei Hermione verbrachte und die Berichterstattung über ihren Gesundheitszustand übernommen hatte.

Es war zermürbend und die Stimmung im Phoenixorden drohte trotz ihres Erfolgs über Voldemort nachhaltig zu kippen. Tonks hörte man häufig mit Dumbledore streiten, dass man doch endlich Hermiones Eltern und Ron und Harry informieren sollte. Doch Dumbledore ließ sich nicht umstimmen. Er hatte seine Gründe. Severus wusste das und hatte das Diskutieren vor langer Zeit selbst aufgegeben. Er vertraute ihm und hatte in der Vergangenheit gut daran getan.

Severus war die Tage über sehr unruhig gewesen. Er hasste es an einem Ort gefangen zu sein und innerlich verfluchte er Dumbledore dafür. Er hatte ihm nicht erzählt, welchen Kampf er gefochten hatte, als er zulassen musste, wie Hermione gequält wurde. Was er dabei empfunden hatte, als er sie nackt an den Altar fesseln musste. Und wie er mit ansehen musste, wie Voldemort den Dolch in ihr Herz gestoßen hatte. Severus hatte dagestanden, Freude über den Erfolg geheuchelt und innerlich laut geschrien. Es hatte ihn seine ganze Selbstdisziplin gekostet nicht einzugreifen. All das hatte er Dumbledore nicht erzählt. Denn wichtiger als seine Gefühle war der Auftrag gewesen. Er selbst hatte schon unzählige Male sein eigenes Leben dabei riskiert und war dabei kaum noch Mensch, vielmehr ein Instrument gewesen. Aber das kümmerte ihn nicht, er verdiente es. Doch diesmal war es anders gewesen. Er hatte zum ersten Mal seit langer Zeit Angst verspürt.

Severus zog sich nach den Besprechungen meistens in sein kleines Zimmer zurück und verzichtete auf die Gesellschaft der anderen. Manchmal streifte er auch tagsüber, jedoch meistens nachts ziellos im Haus umher. Doch in der darauf folgenden Nacht blieb er jedoch auf seinem Zimmer, er war erschöpft.

Mitten in der Nacht klopfte es zaghaft an seine Tür. Wer zu dieser Zeit ihn zu stören wagte, müsste schon gute Gründe dafür haben. Severus hatte trotz Erschöpfung noch immer wach gelegen und lag voll bekleidet auf der Decke auf seinem Bett. Mit einem Satz sprang er hoch, lief zur Tür und öffnete sie.

Blass, ausgemergelt und eingehüllt in einen dunkelroten Gryffindor-Morgenmantel stand sie auf seiner Schwelle.

Severus starrte sie an.

"Darf ich reinkommen?", fragte Hermione.

Severus schubste die Tür ein wenig weiter auf und sie glitt auf nackten Füßen herein.

"Wie geht es Ihnen?", fragte Severus kühl, um emotionalen Abstand bemüht.

"Ich denke, gut", antwortete sie ihm und drehte sich zu ihm um.

"Weiß man, dass Sie hier sind, Miss Granger?"

"Nein, ich war allein, als ich aufwachte und ging."

"Miss Granger, Sie sollten unverzüglich zurückgebracht werden. Madame Pomfrey muss informiert werden, dass Sie wieder bei Bewusstsein sind."

Doch Hermione ignorierte ihn. "Professor, wie lange war ich... ich meine, wann...", stotterte sie.

"Fünf Tage", antwortete ihr Severus.

"Fünf Tage...", wiederholte sie. "Was ist passiert?"

"Sie werden alles erfahren, Miss Granger, aber zuerst müssen Sie..."

"Nein, Severus, jetzt! Oh..." Hermione erschrak, sie hatte ihn tatsächlich bei seinem Vornamen genannt.

"Entschuldigen Sie bitte, das wollte ich eigentlich nicht", fügte sie schnell und mit gesenktem Kopf hinzu.

Severus sah sie erstaunt an. "Setzen Sie sich, Miss Granger."

Hermione war unsicher. In dem Zimmer standen das Bett und ein alter Stuhl. Sie zögerte und ging dann zu dem Stuhl und setzte sich zaghaft darauf.

Severus Blick folgte ihr, dann setzte er sich ihr gegenüber auf sein Bett. Er seufzte und begann dann von den letzten Momenten mit Voldemort und den Ereignissen der letzten Tage zu berichten.

Hermiones Miene blieb während seines Berichtes gefasst. Als Severus geendet hatte, zog sie ihren Morgenmantel ein wenig zu Seite und befühlte die lange Narbe, die ihr vorher noch gar nicht aufgefallen war. Tränen rollten über ihre Wangen und sie drehte ihren Kopf verlegen zur Seite.

Severus schwieg. Er fand keine Worte für diese Situation. Eine Weile saßen sie da und sagten nichts. Severus Blick blieb unverwandt auf ihr liegen und Hermione hob plötzlich den Kopf und blickte ihn mit eigenartigem Ausdruck an.

"Wussten Sie es, Professor?, frage sie.

"Was wusste ich, Miss Granger?, antwortete Severus mit einer Gegenfrage.

"Wussten Sie, wie das Ritual ablaufen würde? Ich meine, was Voldemort tun würde?", setzte sie nach.

Severus seufzte. Er kannte Miss Granger und ihren nervtötenden aber brillanten Intellekt mittlerweile zu gut und hatte geahnt, dass diese Frage kommen würde.

"Ja, ich wusste es, Miss Granger. Und Professor Dumbledore wusste es selbstverständlich auch. Alle anderen jedoch, Sie eingeschlossen, hielten wir über die grausamen Details im Unklaren. Sie können sich sicher denken, warum?", endete Severus und zog bei diesen Worten die Augenbrauen hoch.

"Ja, das kann ich, Professor Snape", antwortete Hermione, die ihn während seiner Antwort durchdringend anblickte. "Unser Plan hätte in dieser Form nicht stattfinden können, da die Gegenwehr bezüglich der von Voldemort geplanten rituellen Durchführung zu groß gewesen wäre und vielleicht zu einem Bruch im Orden geführt hätte. Ich verstehe das und danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit, Professor."

Hermiones durchdringender Blick auf Severus hielt an.

"Darf ich heute Nacht hier bleiben, Professor?", frage sie vorsichtig.

Severus zuckte zusammen. "Ich halte das für keine gute Idee, Miss Granger. Sie sollten wirklich wieder zurück."

Hermione setzte zu einem neuen Versuch an. "Madame Pomfrey kann sich immer noch morgen um mich kümmern", sagte sie. "Mir geht es wirklich ganz gut, Professor, ich möchte nur nicht allein sein", fügte sie noch rasch hinzu.

Hermione wollte bei ihm sein. Bei ihm, wo sie sich sicher und, sie musste es zugeben, wohl und geborgen fühlte.

Severus holte tief Luft. "Ich machen Ihnen einen Vorschlag, Miss Granger", entgegnete er, obwohl ihm das ganz und gar nicht passte. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl.

"Sie gehen zurück in den Salon", sagte er und hob abwehrend eine Hand als er sah, dass Hermione ansetzte um zu widersprechen. "Und ich begleite Sie."


Nächstes Kapitel 9: Ein Plan wird gefasst