Kapitel 9
Ein Plan wird gefasst
Hermione wollte bei ihm sein. Bei ihm, wo sie sich sicher und, sie musste es zugeben, wohl und geborgen fühlte.
Severus holte tief Luft. "Ich machen Ihnen einen Vorschlag, Miss Granger", entgegnete er, obwohl ihm das ganz und gar nicht passte. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart unwohl.
"Sie gehen zurück in den Salon", sagte er und hob abwehrend eine Hand als er sah, dass Hermione ansetzte um zu widersprechen. "Und ich begleite Sie."
Als Remus Lupin und Madame Pomfrey am nächsten Morgen gemeinsam den purpurnen Vorhang zur Seite zogen staunten sie nicht schlecht.
Hermione war wach und lag mit geöffneten Augen und scheinbar glücklichem Gesichtsausdruck in ihrem Bett. Daneben auf dem schweren Salonsessel saß Severus Snape. Seine Arme vor der Brust verschränkt und sein Kopf seitlich gestützt an der Kopflehne. Er hatte die Augen geschlossen und seine Brust hob und senkte sich in gleichmäßigem Rhythmus. Er schlief.
Madame Pomfrey schüttelte etwas verwirrt ihren Kopf, wünschte Hermione einen genuschelten guten Morgen, drehte sich um und verschwand eilends wieder hinter dem Vorhang um Hermione eine Arznei zu holen. Doch Remus starrte diese Szene ungläubig mit offenem Mund weiter an.
Hermione drehte ihren Kopf und lächelte Remus freundlich an. "Lassen wir ihn noch ein wenig schlafen, Remus", flüsterte sie.
Remus Beschützerinstinkt gegenüber Hermione war erneut geweckt. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, wieso Severus Snape hier an ihrem Bett wachen sollte. Vermutlich war er die ganze Nacht über hier gewesen oder zumindest einen Großteil davon.
"Wann bist du aufgewacht, Hermione?", fragte er leise. Ganz sicher wollte er in diesem Augenblick nicht mit Severus sprechen.
"Irgendwann heute Nacht", flüsterte Hermione zurück.
Und woher konnte Severus Snape das wissen?, frage er im Stillen.
"Und wie geht es dir?" Remus ging dichter an ihr Bett ran und stellte nicht die Frage, die ihm eigentlich auf der Zunge lag.
"Gut, Remus, wirklich", antwortete sie.
"Du möchtest bestimmt wissen was passiert ist", sagte er.
"Nicht nötig. Professor Snape hat mir bereits alles berichtet."
"Oh, ...gut." Remus blickte auf den schlafenden Snape.
Ein klirrendes Geräusch und ein lautes Fluchen hinter dem Vorhang verriet, dass Madame Pomfrey soeben etwas fallengelassen hatte.
"Guten Morgen, Severus", sagte Remus mit einem leicht ironischen Unterton.
Severus, durch das laute Geräusch aufgeschreckt, hob seinen Kopf und sah Remus leicht irritiert an. Dann blickte er zu Hermione, die seinen Blick zärtlich erwiderte. Severus stand auf und ohne ein Wort zu sagen ging er hinaus. Madame Pomfrey, die den Schaden bereits mit einem geschickten Wink ihres Zauberstabs behoben hatte und mit einer kleinen Phiole rötlich schimmernder Flüssigkeit in der Hand soeben an Hermiones Bett treten wollte, stieß beinahe mit ihm zusammen.
"So, meine Liebe", sagte sie mütterlich, als sie es geschafft hatte, die Phiole sicher an Severus Snape vorbei zu bringen, "trink das hier bitte in einem Zug aus". Sie hielt Hermione die Phiole hin und zuckte kurz zusammen, als Severus die Salontür soeben laut ins Schloss hatte fallen lassen. Hermione nahm Madame Pomfrey die Phiole ab, setzte sie an ihre Lippen und trank die rote Flüssigkeit in einem Zug aus. Sofort breitete sich eine wohlige Wärme in ihr aus und sie fühlte sich gut und kräftig.
Nachdem Madame Pomfrey sie dann akribisch über ihren Gemütszustand und ihr Wohlbefinden ausgefragt und ihr dann noch über ihren Gesundheitszustand Auskunft erteilt hatte, wies sie zufrieden mit allem Hermione an noch ein wenig zu schlafen. Am Abend könne sie dann den Salon verlassen und an der geplanten Versammlung teilnehmen. Madame Pomfrey erwähnte mit keinem Wort Severus, und auch Hermione vermied es ihr zu erzählen, dass sie in der letzten Nacht im Haus unterwegs gewesen war. Dann nahm Madame Pomfrey Remus Lupin beim Arm, damit sie beide den Salon verlassen und Hermione noch etwas Ruhe gönnen würden.
"Wir sehen uns heute Abend, Hermione", warf Remus ihr lächelnd zu und Hermione nickte und lächelte zurück.
"Der zweite Corroboro", sagte Madame Pomfrey beim Hinausgehen zu Remus, "die zweite Phiole hat ihr wirklich geholfen."
Hermione, wieder allein, dachte an letzte Nacht und wie sicher und geborgen sie sich gefühlt hatte. Severus hatte sie in den frühen Morgenstunden geweckt, weil sich sie schweißgebadet und wimmernd hin- und hergeworfen hatte. Sie hatte von dem Ritual geträumt und nochmals miterlebt, wie sie nackt und ausgeliefert auf dem kalten Steinaltar gelegen hatte und ihr unter lautem Gelächter der Todesser das breite Messer in den Leib gerammt wurde. Als Hermione von Severus geweckt wurde hatte sie keine Orientierung gehabt und sich gegen den fremdem Körper gewehrt, der versucht hatte sie festzuhalten. Doch Severus hatte ihre Arme festgehalten und sie behutsam an seine Brust gedrückt. Er hatte kein Wort zu ihr gesprochen, aber er war bei ihr gewesen und konnte sie schließlich allein durch seine Anwesenheit beruhigen.
Am Abend in der Versammlung freuten sich ausnahmslos alle über Hermiones Genesung. Leider gab es seitens des Ministeriums noch nichts Neues über die Verhaftung der noch verbliebenen Anhänger Voldemorts zu berichten.
"Ich vermute", sagte Dumbledore einleitend, "dass sich die restlichen Todesser gemeinsam verstecken. Höchstwahrscheinlich haben sie einen Geheimniswahrer. Wir müssen herausfinden wer es ist."
Severus meldete sich zu Wort. "Ich denke noch immer, dass Lucius Malfoy der Schlüssel ist. Ihn zu finden sollte unser primäres Ziel sein."
Dumbledore nickte. "Ja, Severus, das sehe ich auch so. Hast du einen Plan?" Dies war eine rein rhetorische Frage. Dumbledore kannte Severus lange genug um zu wissen, dass er sich bereits seine Gedanken zu der derzeitigen Situation gemacht hatte.
"Ja", antwortete Severus und alle Augenpaare sahen ihn gespannt an.
"Ich muss in den Zirkel zurück", begann Severus, wurde jedoch jäh unterbrochen.
"Severus, das ist doch Wahnsinn! Sie werden dich töten..." Minerva McGonagall sah ihn entgeistert an.
"Hören wir ihn erst einmal an Minerva", sagte Dumbledore sanft und wandte sich erneut Severus zu.
"Es gibt keine andere Wahl. Wir müssen die letzten Anhängerkreise von innen heraus zerstören. Dies kann nur gelingen, wenn ich zurückkehre."
"Das ist glatter Selbstmord", sagte Mad Eye Moody leise und schüttelte den Kopf.
"Nein", fuhr Severus fort. "Sie werden mich wieder aufnehmen. Ich werde sie davon überzeugen, dass auch ich getäuscht wurde."
"Aber du bist geflohen und hast Hermione gerettet", warf Tonks ein.
"Sie werden noch nicht wissen, dass Herm... Miss Granger noch am Leben ist. Sie werden denken, dass der Dunkle Lord sie beim Ritual getötet hat. Und dass ich geflohen bin, lässt sich simpel dadurch erklären, dass ich mein eigenes Leben retten wollte, da mir das Beweisen meiner Unschuld zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war. Ich kehre also zurück mit dem Ziel, dies nachzuholen und mich dem Todesserkreis erneut anzuschließen um Lord Voldemort zu rächen. Und genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür."
Hermione schluckte schwer und blickte Severus an. Sie konnte es einerseits nicht fassen, dass er sich wieder dieser Gefahr aussetzen würde, doch andererseits wusste sie wie alle anderen auch, dass sie keine bessere Möglichkeit hatten. Der Phoenixorden war mit dem Zaubereiministerium übereingekommen, die Nachricht vom Sieg über Voldemort vorerst nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen um ihre Chancen auf die Erfassung der restlichen Todesser zu erhöhen. Und in gut einer Woche würde die Schule wieder beginnen und spätestens dann wüssten alle, dass sie noch am Leben war. Sie mussten also vorher diese Chance nutzen.
Es gab nichts weiter zu besprechen. Severus Plan war beschlossen.
Nächstes Kapitel 10: Ein Gespräch unter vier Augen
