Kapitel 10

Ein Gespräch unter vier Augen


Hermione schluckte schwer und blickte Severus an. Sie konnte es einerseits nicht fassen, dass er sich wieder dieser Gefahr aussetzen würde, doch andererseits wusste sie wie alle anderen auch, dass sie keine bessere Möglichkeit hatten. Der Phoenixorden war mit dem Zaubereiministerium übereingekommen, die Nachricht vom Sieg über Voldemort vorerst nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen um ihre Chancen auf die Erfassung der restlichen Todesser zu erhöhen. Und in gut einer Woche würde die Schule wieder beginnen und spätestens dann wüssten alle, dass sie noch am Leben war. Sie mussten also vorher diese Chance nutzen.

Es gab nichts weiter zu besprechen. Severus Plan war beschlossen.

Als Hermione am nächsten Morgen die Küche betrat, schlug ihr eine angespannte Atmosphäre hart entgegen.

Sie setzte sich zu den anderen an den großen, runden Holztisch, der zwar mit leckerem Essen beladen war, von dem sich augenscheinlich aber noch niemand bedient hatte, und blickte ängstlich in die Runde. Irgendetwas war offenbar geschehen und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrer Magengrube aus. „Was ist los?", fragte sie.

„Er ist weg!", antwortete ihr Remus in barschem Ton der mit einem Brotmesser auf dem ohnehin schon ramponierten Tisch einstach.

Hermione verstand sofort. Severus hatte den sicheren Grimmauldplatz bereits verlassen. „Merlin!" Sie beugte sich vornüber als Übelkeit über sie kam.

„Alles in Ordnung, Kleines?", fragte Molly besorgt und tätschelte ihr beruhigend den Rücken.

Hermione öffnete den Mund und wollte gerade sagen, dass eben nicht alles in Ordnung war, wurde aber durch Dumbledores Ankunft in der Küche unterbrochen.

Remus sah auf. „Albus, er…"

„Ich weiß, Remus", unterbrach Dumbledore ihn müde. „Severus hat heute Nacht den Orden verlassen und sich direkt zum Malfoy-Anwesen begeben".

"Wäre schön gewesen, wenn er, wie besprochen, die heutige Sitzung noch abgewartet hätte." Remus stach bei diesen Worten das Messer hart in den Tisch, so dass es zitternd stecken blieb.

Hermione hörte seine Worte, sah aber nicht auf. Ihr Blick war noch immer auf den Fußboden gerichtet, als ob sie dort hoffte etwas finden zu können, das gegen ihre Panik half oder ihr sagte, dass das hier gerade nicht passierte.

Es half ihr auch nicht, als Molly meinte „Albus, hoffentlich ist er überhaupt noch am Leben!"

Dumbledore zog einen Stuhl zurück um sich ebenfalls an den Küchentisch zu setzen. Er nahm Platz, streckte seinen Arm aus und griff nach der Teekanne. „Wir müssen abwarten, liebe Freunde", sagte er während er sich heißen Tee eingoss. „Ich vertraue Severus. Er wird es schaffen."

Hermione wollte nichts mehr hören, sprang auf und lief hinaus. Sie knallte die Küchentür hinter sich zu und lehnte sich schwer atmend dagegen. Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Es war ja nicht so, dass sie Dumbledore nicht vertrauen würde, nein, das tat sie durchaus. Aber auch Dumbledore macht Fehler. Sirius ist ja auch ums Leben gekommen... Aber nein, schalt Hermione sich selbst. Es war ein Unfall, niemand konnte das vorhersehen.

Nach einem Augenblick wurde Hermione von der sich öffnenden Küchentür unsanft nach vorn geschoben.

„Wir sollten uns mal unterhalten", sagte Remus und legte seinen Arm um ihre Schulter.

Hermione ließ sich stumm mitziehen, als er sie über den großen Flur in den unteren Salon führte. Dort setzten sie sich gegenüberblickend auf die großen, schweren Ohrensessel , die an dem zurzeit kalten Kamin standen.

„Gibt es irgendetwas, dass du gern erzählen möchtest, Hermione?"

Hermione wich seinem Blick aus.

„Hermione?"

„Was willst du denn von mir hören", schnappte Hermione gereizt. Sie hatte eine Scheißangst um Severus und konnte im Moment keinen klaren Gedanken fassen.

„Schon gut, Remus. Tut mir leid." Sie schluchzte auf und wühlte in ihrer Hosentasche nach einem zerknitterten Taschentuch.

Remus atmete langsam ein und aus. „Deine Reaktion in der Küche eben hat uns alle ein wenig verwirrt, Hermione."

„Wieso denn?", schnappte sie zurück. "Ich mache mir Sorgen um Professor Snape, wie ihr hoffentlich auch!" Hermiones Gesicht lief bei diesen Worten leicht rosa an.

„Hermione, ich glaube nicht, dass du so zart besaitet bist, dass dich die bloße Nachricht, dass sich Severus wieder zu den Todessern begibt, so aus der Bahn wirft. Da ist doch mehr, nicht wahr?"

Hermione betrachtete Remus mittlerweile wirklich als ihren Freund, doch sie war momentan nicht in der Stimmung ihm von ihr und Severus zu erzählen. Zumal sie auch nicht wusste, was genau sie da erzählen sollte. Sie selbst hatte ja keine Ahnung, was zwischen ihr und Severus war. Sie hatten Sex gehabt. Einmal.

Genau in diesem Moment erschien es ihr so seltsam, dass sie als einzige im Orden Severus Snape weiterhin siezte und ihn mit Professor ansprach. Es wurde ihr jetzt erst so richtig bewusst, dass dies im Grunde von Anfang an ihre Entscheidung gewesen war. Sie war nach wie vor seine Schülerin und trotz allem hatte es sich für sie falsch angefühlt, ihn so persönlich anzusprechen. Während der Zeit im Hauptquartier hätte nichts dagegen gesprochen, ihn ebenfalls beim Vornamen und nennen und zu duzen. Er hatte ihr das zwar nie direkt angeboten, aber auch niemals untersagt. Sie dachte an ihren Ausrutscher, als sie ihn im Affekt bei seinem Vornamen nannte. Da fühlte sich das ganz und gar nicht falsch an. Und jetzt auch nicht mehr. Doch nun war es vermutlich zu spät dafür. Hermiones Augen füllten sich mit Tränen.

„Da ist nichts", sagte sie leise und senkte den Kopf.

„Ach Hermione, ich bin doch nicht naiv", schalt Remus sie freundlich und legte seine Hand auf ihren Unterarm.

„Bitte entschuldige, Remus. Ich möchte nur nicht darüber reden." Hermione blickte noch immer nach unten.

Remus sah sie prüfend an. „Wie du willst. Aber als dein Mentor, muss ich dich um folgendes bitten."

Seine Tonlage wurde ernst und Hermione sah auf.

„Die Arbeit im Phoenixorden ist gefährlich, Hermione. Du weißt das. Und Gefühle können dabei hinderlich sein und zu folgenschweren Fehlern führen. Bitte denke da Harry und auch an Sirius. Ich weiß, dass Severus seine Gefühle unter Kontrolle hat, nur so ist es ihm möglich, die vielen unaussprechlichen Dinge zu tun, zu denen er gezwungen wird."

Remus hielt einen Moment inne und sah Hermione dann eindringlich an. „Du hast dies selbst zu spüren bekommen, Hermione", fuhr er dann fort.

Hermione griff unwillkürlich an ihre Brust und befühlte durch den dünnen Stoff ihrer Bluse die Narbe. Sie nickte.

Remus erhob sich. „Bedenke das bitte. Dein Privatleben geht mich im Grunde nichts an..." Er stoppte kurz und fuhr dann fort: „Hermione, ich muss dich das fragen. Bist du in der Lage, deine Gefühle ebenfalls zu kontrollieren?"

Hermione wusste natürlich, dass er Recht hatte. Ihre Gefühle zu Severus beeinträchtigten sie ganz klar. Und auch versetzte es ihr einen kleinen Stich ins Herz, dass Severus seine eigenen Gefühle so gut abschirmen konnte. Sie stellte sich die Frage, ob er dann überhaupt noch in der Lage war wirklich zu fühlen. Oder war sein Auftrag immer wichtiger als alles andere und er hatte sich gänzlich ihn verschrieben – mit allen Konsequenzen? Und wollte Hermione dies auch? Musste sie sich jetzt zwischen einem Leben mit seinen Gefühlen – seien sie positiv oder negativ – oder dem Kampf gegen das Böse entscheiden? Ging denn nicht auch beides – Hand in Hand? Ist es nicht genau dieses Leben für das sie kämpften? Hermione begriff, dass sie das wollte und dass sie sich würde zusammenreißen müssen um dieses Ziel zu erreichen.

Hermione sah zu Remus auf und nickte dann zustimmend.

Dieser warf noch einen letzten Blick auf sie und ging dann hinaus. Er erkannte einen verliebten Menschen, wenn er ihn sah.


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