Kapitel 12

Verräter oder Verbündeter


„Du musst jetzt aufwachen, Severus!", sagte sie leise. Er öffnete seine Augen und sah in ihr nun ernstes Gesicht. „Wach nun auf, Severus!", sagte sie erneut. „Wach auf!"

Und Severus erwachte. Es war bitterkalt und dunkel um ihn herum. Er konnte sprichwörtlich nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Denn seine Hände waren schmerzhaft hinter seinem Rücken gefesselt. Severus erinnerte sich jetzt wieder wo er war und wünschte sich augenblicklich zu der Geborgenheit zurück, die ihn vor einem Moment noch umgeben hatte...

Er war wach, obwohl er eigentlich gar nicht wach sein dürfte. Er wurde mit dem Animi defectus-Zauber belegt, der ihn bewusstlos halten sollte, bis jemand diesen Zustand wieder aufheben würde. 'Es tut mir leid, Severus', hatte Narzissa Malfoy zu ihm gesagt, kurz bevor sie den Zauber über ihn gelegt hatte. Er hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihr gehabt und wusste, dass ihr dies befohlen worden war. Und doch glaubte er, dass Narzissa diesen Zauber nur in abgeschwächter Form angewandt hatte, da er sonst keine andere Erklärung dafür hatte, jetzt wach zu sein.

Er erinnerte sich wieder an den Traum und ein angenehmes Kribbeln durchfuhr ihn. In diesem Traum hatte er starke Zuneigung für Hermione Granger empfunden und diese Gefühle waren jetzt noch immer sehr stark in ihm. 'Keine Zeit darüber nachzudenken', schalt er sich selbst und widmete sich wieder seiner momentanen Lage. Er vermutete, dass er schon einige Tage hier sein musste. Er verspürte großen Hunger und sein Mund war ausgetrocknet. Severus lag auf einem kalten Steinboden. Er drehte sich hin und her und versuchte seine Umgebung zu erfassen. Dabei fand er einige Kiesel und nahm einen davon sogleich in seinen Mund auf, um den Speichelfluss anzuregen. Dabei sah er sich weiter um. Sein Zauberstab war fort und er hätte ihn in seinem gefesselten Zustand ohnehin nicht erreichen können. Severus wusste jetzt genau wo er war. Er befand sich in den unterirdischen Kerkern des Malfoy-Anwesens. Er war körperlich gebunden und konnte sich aus eigener Kraft nicht befreien.

Aber er war wieder bei Bewusstsein. Und das war gut so. Denn jetzt konnte er sich noch vorbereiten. Okklumentik. Dumbledore und er hatten eine Methode entwickelt, die neben dem kompletten Verschließen des Geistes ebenfalls sehr effizient war: das Vortäuschen gefälschter Gedanken und Erinnerungen. Aber man brauchte eine gewisse Zeit um sich mental auf einen gezielten Legilimentik-Angriff vorzubereiten. Die hatte er nun, so hoffte er, denn er war sich sicher, dass es dazu kommen würde, dass man ihn wie schon so viele Male zuvor, mit dieser Methode prüfen würde.

Einige Minuten später knarrte eine Tür und Severus schloss schnell wieder seine Augen.

"Enervate!", sagte eine ihm vertraute Stimme und Severus schlug seine Augen wieder auf. Er sah Lucius Malfoy im Lichtstrahl der Tür stehen, der nun durch die offene Tür herein schien. Seine Augen glitzerten vor Zorn.

"Verräter!" presste Malfoy langsam auf ihn zukommend zwischen seinen Zähnen hervor und trat Severus mit seinem Fuß brutal ins Gesicht. Severus unterdrückte ein Stöhnen und fühlte das warme Blut, dass aus seiner gebrochenen Nase sein Gesicht runterlief.

"Hör mich an, Lucius", keuchte Severus heiser und richtete sich so gut es ging auf.

"Ich konnte es erst nicht glauben, als Narzissa mir erzählte, dass du hier aufgetaucht bist, Severus. Wie kann man nur so dumm sein... jetzt muss ich dich leider umbringen." Malfoy grinste diabolisch.

"Ich bin genauso getäuscht worden wie ihr...", stieß Severus hervor, doch Malfoy unterbrach ihn.

"Lügner! Und wieso bist du dann vor uns geflohnen und hast SIE mitgenommen?" Malfoy richtete seinen Zauberstab auf ihn. "Crucio!", hauchte er genüsslich.

Severus fühlte den Schmerz jäh über sich hereinbrechen. Lucius Malfoys Cruciatus-Flüche waren legendär. Bereiteten diese Flüche jedem Menschen, über den sie gesprochen wurden, unendliche Pein, so waren die von Malfoy voller Überzeugung und Hass gesprochenen Flüche schier unerträglich. Severus stöhnte und wand sich quälend auf der quietschenden Pritsche hin und her. In diesem Momenten wünschte er sich sehnlichst den erlösenden Tod und doch wusste er, dass dieser ihm nur durch einen anderen Fluch geschenkt werden könnte.

"Reducio!", sagte Malfoy dann endlich und hob damit den Cruciatus wieder auf.

Der Schmerz fiel augenblicklich von Severus ab, sein Körper erschlaffte und er konnte sich kaum regen. Er keuchte und öffnete wieder seine Augen. 'Durchhalten', sagte er zu sich selbst, 'es hängt zu viel davon ab. "Ich hätte euch meine Unschuld dort nicht beweisen können und ihr hättet mir gewiss nicht zugehört. Du weißt das!", flüsterte Severus kaum hörbar.

"Ich glaub dir kein Wort!" Malfoy hob seinen Zauberstab. "Stirb Verräter! Avada ..."

"Nutze Legilimentik, Lucius," hauchte Severus kaum hörbar. "Sieh damit in meinen Geist. Dann wirst du alles verstehen. Ich bin ebenfalls getäuscht worden ...will auch Rache." Severus Kopf sackte zurück auf den harten Untergrund. Sein vom Hunger und Cruciatus geschwächter Körper forderte seinen Tribut.

Lucius ließ seinen Zauberstab langsam sinken. Er dachte nach. Das hatte Severus erwartet. Er kannte Lucius sehr genau, auch wenn dieser das nicht ahnte. Außerdem war sein Wunsch nach Rache so stark, dass er die Vorteile, die Severus ihm bot, sicher nicht außer Acht lassen würde.

"Um der alten Freundschaft willen, will ich es tun." Malfoy richtete seinen Zauberstab wieder auf Severus: "Legilimes!"

Und er sah die sorgsam von Severus zurechtgelegten Gefühle und Erinnerungen.


Die Zugfahrt nach Hogwarts verlief ereignislos. Hermione hatte sich wirklich gefreut, als sie Harry und Ron wiedergesehen hatte. Die beiden hatten sie am Bahnhof in Hogsmeade bereits erwartet und ihr eine große Tüte Honigbonbons aus dem Honigtopf mitgebracht. Hermione würgte die Süßigkeit hinunter und versuchte so gut es ging eine gute Miene aufzusetzen. Trotz der nagenden Angst um Severus gelang es ihr ein fröhliches Gemüt an den Tag zu legen, so dass keiner ihrer Freunde etwas ahnte.

"Gibt's irgendwas neues in Hogwarts?", fragte sie um sich von ihrer immer stärker aufsteigenden Übelkeit abzulenken. "Nö", sagte Ron. Sie schritten gemütlich über die Hogwarts-Ländereien zum Schloss hinauf und plauderten dann über dieses und jenes.

Im Gemeinschaftsraum der Gryffindors trennten sie sich kurz. Hermione sagte, sie wolle noch ihre Sachen auspacken und für den morgigen Schultag vorbereiten, bevor sie zum Abendessen in die Große Halle gingen. In Wahrheit schob sie dies aber nur vor. Hermione packte ihre Sachen nicht aus und legte auch nicht, wie es sonst immer ihre Gewohnheit war, akribisch ihre Schulsachen für den nächsten Tag zurecht. Sie legte sich auf ihr großes Himmelbett, zog an allen Seiten die schweren Vorhänge zu und vergrub ihr von Tränen nasses Gesicht in den Kissen.

15 Minuten später kam Hermione fröhlich und ohne einen einzigen roten Flecken im Gesicht die Treppe zum Mädchenschlafsaal wieder herunter und ging zusammen mit Ron und Harry zum Abendessen in die Große Halle.

Alles war wie immer! Sie hörte die freudigen Begrüßungen ihrer Mitschüler und versank völlig in den lauten Unterhaltungen am Gryffindor-Tisch. Ihr Blick glitt hinüber zum Lehrertisch, an dessen Mitte Professor Dumbledore saß, der mit glitzernden Augen über die Schülermenge blickte. Links und rechts neben ihm saßen alle anderen Lehrer; der Platz von Professor Snape war jedoch leer. Hermione schluckte und blickte wieder zu Dumbledore, der ihren Blick zufällig auffing und ihr aufmunternd zunickte.

Dann erhob sich Dumbledore. "Ich hoffe, ihr habt alle schöne Weihnachtsferien gehabt. Ich persönlich möchte mich ganz herzlich für die vielen warmen Socken bedanken, die unter meinem Weihnachtsbaum lagen." Dumbledore grinste in die lachende Menge hinein und Hermione fragte sich, wie schon so oft, wie er es nur schaffen konnte, angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage, so ruhig, gelassen und vor allem so fröhlich zu wirken und dies augenscheinlich völlig mühelos. Dann dachte sie sich wieder an ihr Gespräch mit Remus und wurde daran erinnert, dass sie alle ihre Gefühle unter Kontrolle halten mussten. Aber dann flackerte der kleine Gedanke in ihr auf, dass Remus bestimmt anders gedacht hätte, wenn sie in der besagten Nacht zu ihm gekommen wäre. Sie schob diesen Gedanken aber schnell wieder beiseite und schenkte erneut Dumbledore ihre Aufmerksamkeit, der, nachdem das Lachen der Schüler vorbei war, nun wieder zu sprechen begonnen hatte.

"Wie euch sicher aufgefallen ist, ist ein Platz am Lehrertisch leer. Ich muss euch mitteilen, dass sich euer Lehrer für Zaubertränke, Professor Snape, für das Zaubereiministerium auf einer Forschungsreise befindet." Dumbledore wurde durch ein lautes Raunen unterbrochen, das durch die Halle ging. Doch er erhob die Hand und gebot den tuschelnden Schülern Einhalt. "Ich selbst werde für diese Zeit für Professor Snape in seinem Unterrichtsfach die Vertretung übernehmen. Zwar sind meine Kenntnisse nicht ganz so herausragend wie die seinen, aber ich denke doch annehmbar."

"JA!", riefen Ron und Harry fast gleichzeitig und ernteten von Hermione einen vernichtenden Blick. Sie registrierte schockiert, dass sich offenbar alle wahnsinnig darüber freuten, dass Severus fort war. Sie war fassungslos. Severus hatte sich für sie alle in höchste Gefahr begeben und so dankten sie es ihm. Selbst Ron und Harry, die um seine Tätigkeit im Orden des Phoenix wissen, freuten sich um kamen nicht im Entferntesten auf die Idee, dass sich Severus eventuell in Gefahr befinden könnte. Sie dachten nicht einmal darüber nach; es war ihnen schlicht egal. Hermione wischte sich schnell die feuchten Augen. Da sie nicht mit den anderen in freudiges Klatschen ausgebrochen war, zog sie bereits die Aufmerksamkeit auf sich.

"Gut", sprach Dumbledore weiter. "Nachdem wir das geklärt haben wünsche ich euch allen Guten Appetit."


animi defectus-Bewusstlosigkeit


Nächstes Kapitel 13: Hass...