Kapitel 13
Hass...
Sie dachten nicht einmal darüber nach; es war ihnen schlicht egal. Hermione wischte sich schnell die feuchten Augen. Da sie nicht mit den anderen in freudiges Klatschen ausgebrochen war, zog sie bereits die Aufmerksamkeit auf sich.
"Gut", sprach Dumbledore weiter. "Nachdem wir das geklärt haben wünsche ich euch allen Guten Appetit."
Mehrere Tage waren vergangen.
Die beiden Männer saßen am knisternden Feuer eines gigantischen Kamins. Nach einer üppigen Mahlzeit ließen sie sich von einem alten und sehr mickrigen Hauselfen soeben ihr zweites Glas Whisky einschenken.
Einer der Männer lachte laut auf und der andere viel schmunzelnd mit ein.
"Und wie?", fragte die kalte Stimme des einen Mannes.
"In Hogsmeade", antwortete die dunkle Stimme seines Gegenübers. "Beim nächsten Ausflugswochenende."
"Wann ist das?", fragte wieder die erste Stimme.
"Jetzt, dieses Wochenende", entgegnete die dunkle Stimme und man konnte das Lächeln heraus hören, das auf dem Gesicht des Mannes lag.
"Gut!", sagte der andere gedehnt, lehnte sich in seinem eleganten Sessel zurück und nippte erneut an der goldenen Flüssigkeit in ihrem bauchigen Glas. "Und du bist sicher, dass sie da sein wird?"
"Ich bin sicher! Sie wird sich Hogsmeade nicht entgehen lassen. Sie nutzt jede Gelegenheit, um bei Smith's Great Bookstore stöbern zu können. Dort werden wir sie kriegen."
"Dann auf gutes Gelingen, Freund!", erklang erneut die eisige Stimme und hielt dem anderen Mann sein Glas hin, um mit ihm anzustoßen.
Die Gläser klirrten und beide Männer tranken den letzten Rest Whisky in einem Zug aus. Dann lächelten sie sich zu.
Etwa zur selben Zeit in Hogwarts wurde Hermione unsanft von hinten an die Mauer des Flures im 3. Stock gestoßen. Sie hatte sich an dem rauen Stein ihre Handballen aufgerissen und drehte sich nun wütend um. Sie sah sich Draco Malfoy gegenüber und stellte verwundert fest, dass er allein unterwegs war, ohne seine Grabbe und Goyle-Garde.
"Was soll das, Malfoy?", blaffte sie ihn an und schubste ihn mit beiden Händen nach hinten. Malfoy taumelte kurz rückwärts, fand auf seinen Beinen schnell aber wieder festen Halt.
"Du bist Schuld, dass sich mein Vater verstecken muss, dreckiges Schlammblut", zischte er zornig.
Hermione schluckte. Er wusste es also. 'Na ja, das war zu erwarten', schalt sie sich selbst und ging noch einen Schritt auf Draco zu.
Sie spürte, wie das Adrenalin durch ihren Körper rauschte und ihr Mut verlieh.
"Dein Vater ist grausam und gemein", entgegnete sie ihm. "Er wird bekommen, was er verdient. Wie Voldemort auch."
Bei dem Klang dieses Namens zuckte Draco kurz zusammen und Hermione registrierte, dass er sich noch immer vor Voldemort fürchtete. Doch Draco fing sich schnell wieder.
"Wag es ja nicht!", stieß er hervor und zückte seinen Zauberstab. Doch in diesem Moment hörten sie beide hinter einer Biegung eine größere Schülermenge auf sich zu kommen. Hermione reckte ihr Kinn hervor und blickte Draco herausfordernd an. Doch dieser steckte seinen Zauberstab schnell in seinen Umhang und sah sie mit hasserfüllten Augen an. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und eilte den Flur hinunter.
"Wir sprechen uns noch, Schlammblut!", rief er Hermione noch zu.
Hermione drehte sich von der herannahenden Schülermenge weg und trat an eines der großen Fenster heran, von welchem aus man auf den vor sich liegenden Schlosshof blicken konnte. Mühsam unterdrückte sie die aufkommenden Tränen. Sie zitterte jetzt am ganzen Körper und versuchte mit verschränkten Fingern das Zittern ein wenig im Zaum zu halten. Hermione schloss kurz die Augen und atmete mehrmals tief ein und aus. Nach einigen Augenblicken wandte sie sich um und setzte ihren Weg nach unten zum Unterricht fort.
Drei Tage später in Hogsmeade verließen Hermione, Harry und Ron soeben mit prall gefüllten Taschen den Honigtopf. Die drei lachten.
Obwohl sowohl Harry als auch Ron Hermiones Unmut über ihre Reaktion über die Abwesenheit Severus nicht zu spüren bekommen hatten, hatte Hermione ihnen innerlich verziehen. Sie wusste, dass sie selbst emotional befangen war. Und Severus hatte überdies viel dafür getan, dass er von den meisten gehasst wurde. Wie könnte sie ihnen ihre Reaktion verübeln? Hermione wurde dann und wann, wenn die Gelegenheit günstig war, zumeist von Professor McGonnagal mit den neuesten Informationen versorgt. Auch wenn diese zurzeit eher spärlich und unbefriedigend ausfielen, half es ihr jedoch etwas, dass sie mit ihrer Sorge um Severus nicht alleine war.
"Ziemlich viele Lehrer heute unterwegs, was?", meinte Ron mampfend und schob sich noch einen Schokofrosch in den Mund.
"Stimmt!", sagte Harry und blickte sich nach allen Seiten um. "Sonderbar."
Hermione, die auf den Kauf von Süßigkeiten gänzlich verzichtet hatte, schwieg dazu. Sie wusste ganz genau, warum heute so viele Lehrer in Hogsmeade unterwegs waren. Damals, als Sirius aus Askaban geflohen war, war es auch so gewesen, obwohl Harry noch nicht einmal nach Hogsmeade gedurft hatte.
"Na, Hermione, heute wieder zu Smith's?", zog Ron sie neckend auf. Hermione grinste kurz. Sie liebte diesen Buchladen. Seine hohen Wände, alle voll von alter und neuer Literatur über alle Themen, die man sich nur vorstellen konnte. Sie war in der Lage Stunden dort zu verbringen, in den Büchern zu schmökern und die Zeit um sich herum vollkommen zu vergessen. Doch heute wollte sie nur kurz hinein gehen, sie wollte einfach nicht zu lange allein sein.
"Geht nur schon vor. Ich will nur kurz ein Buch abholen, dauert nicht lange, ich komme dann gleich nach", sagte sie.
Harry und Ron wussten schon, was 'dauert nicht lange' bedeutete und grinsten sich breit an. Dann machten sie sich mit einem 'Okay' schon mal auf den Weg in die Drei Besen und Hermione eilte auf Smith's Great Bookstore zu.
Als sie die schwere und mit kunstvollen Schnitzereien verzierte Holztür des Buchladens öffnete, atmete sie tief den vertrauten Geruch der Bücher ein. Oh, wie sie es liebte... Hermione schob sich durch den überfüllten Laden geradewegs auf den Verkaufstresen zu und fragte nach dem bestellten Buch. Es war bereits da und die freundliche Verkäuferin, eine runzlige alte Hexe mit warmen Augen, zog ein kleines, braunes Päckchen aus einem der oberen Regalfächer hinter ihr hervor. Hermione nahm es ihr ab, zahlte und verabschiedete sich mit dem seligen Lächeln, welches sie immer auf den Lippen trug, wenn sie ein neues Buch erworben hatte. Gerade wollte sie sich wieder zur Tür begeben, als ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde.
Weiter hinten im Laden, in einer staubigen, dunklen Ecke, in der alte Bücher über Runen und Orakel zu finden waren, stand, ihr den Rücken zugewandt, eine vertraut wirkende, schwarze Gestalt. Hermione kniff die Augen etwas zusammen und bewegte sich intuitiv auf sie zu. Sie hielt kurz inne und drehte sich noch einmal um. Der Laden war rappelvoll, doch alle Leute blieben in dem vorderen Teil, wo auf bunten Tischen die Neuerscheinungen ausgestellt waren; niemand interessierte sich für die alten Schinken im hinteren Ladengeschäft. Hermione näherte sich weiter der dunklen, hochgewachsenen Gestalt und ihr Herz machte kurz einen kleinen Hüpfer. Und doch hatte sie das unangenehme Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte. Mit zitternder Hand zog sie ihren Zauberstab aus der Innenseite ihres Umhangs und blieb etwa anderthalb Meter hinter dem Mann stehen.
Und der Mann drehte sich um. Er war Severus. Hermione öffnete ihren Mund, brachte aber keinen Ton hervor. Severus schwarze Augen fixierten sie mit finsterem Ausdruck. Sein Blick strahlte solch eine Traurigkeit und Schmerz aus, dass Hermione erschrak. Er sagte kein Wort, sondern sah sie bloß weiter an. Hermione erkannte nun, dass er hier war, um sie zu holen und nickte. Ihr Kopf war leer geworden.
Unentwegt den Blick auf sie gerichtet, öffnete er seine linke Hand und hielt sie ihr entgegen. Hermione legte ihren Zauberstab hinein, den Severus sogleich in der Innenseite seines Umhangs verschwinden ließ.
Dann griff seine Hand nach ihrer und seine Finger schlossen sich um ihre.
Während seine andere Hand langsam in seinen Umhang glitt, seinen eigenen Zauberstab hervorholte und ihn auf sie richtete, glaubte Hermione eine leichte Berührung an ihrer von Severus umschlossenen Hand zu spüren, so als würde ein Daumen leicht über Haut streichen.
Sie war zu keiner Regung fähig. Sie blickte in seine dunklen Augen und fühlte sich von der Bitterkeit, die sie ausstrahlten, wie gefangen. Sie wusste noch nicht einmal, ob sie in diesem Augenblick Angst verspürte.
Hermine sah rote Funken auf sich zukommen, dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Nächstes Kapitel 14: ...und Schmerz
