Kapitel 15
Schuld und Sühne
Mit zwei langen Schritten hatte Severus Hermione erreicht. Er hob sie sanft vom Altar herunter und sank mit ihr auf den Boden. Hermiones Augen waren erneut leicht geöffnet. Es kostete sie unendlich viel Kraft ihren Kopf zu heben. Sie blickte ihn an. „Severus", flüsterte sie kaum hörbar. Ihre Augen begannen erneut zu flackern und ihr Kopf fiel wieder nach hinten. Sie sackte in seinen Armen zusammen und versank in tiefe Bewusstlosigkeit.
Severus strich ihr zärtlich das feuchte Haar aus der Stirn. Er schloss seine Augen und presste ihren leblosen Körper an den seinen und wiegte ihn sanft hin und her.
Severus legte seinen Umhang ab und bedeckte damit ihre Blöße. Er griff in die Innentasche seiner Robe und holte eine kleine Phiole hervor, in der dunkelblaue Flüssigkeit schimmerte. Es war der Corroboro-Trank. Mit einem Schnipp seines Daumens entkorkte er die Phiole, öffnete leicht Hemiones Mund und kippte die schimmernde Flüssigkeit langsam zwischen ihre geöffneten Lippen, wie er es vor einigen Wochen schon einmal getan hatte. Hermiones Körper schluckte instinktiv.
Danach zog er aus einer anderen Tasche einen kleinen, gläsernen Tiegel hervor, in dem sich ein schneeweißer Balsam befand. Severus schraubte den Deckel ab und tunkte Zeige- und Mittelfinger in den kühlen Balsam. Dann öffnete er Hermiones Schenkel, um ihre wunde Scham zu versorgen. Dabei entdeckte er das Blut, das an ihrem nackten Schenkel herablief. Es war nicht viel, aber es war da und Severus seufzte tief auf. Er war wohl doch grober gewesen, als er es beabsichtigt hatte.
Vorsichtig verteilte Severus den Balsam auf ihrer Scham und wischte sich danach mit einem Taschentuch die verbliebene Salbe von seinen Fingern, die sich bereits mit ihrem Blut vermischt hatte. Trotz ihrer Bewusstlosigkeit zitterte Hermione und er zog den Umgang fester um ihren Körper.
Severus griff nach seinem Zauberstab am Boden und beschwor einen Patronus hervor, um ihn mit seiner Nachricht an Albus Dumbledore zu schicken. Dann wartete er.
Die Zeit verstrich unendlich langsam. Severus kauerte noch immer auf dem kalten Steinboden, hielt Hermione weiter an sich gedrückt. Er zitterte ebenfalls. Die Anspannung der letzten Jahre und besonders der letzten Wochen lastete schwer auf ihm. Er hatte in seiner Zeit als treuer Anhänger Voldemorts viele unaussprechliche Dinge getan, die ihn immer noch quälten. Jahrelang hatte er versucht diese Schuld mit seiner Tätigkeit als Spion für den Orden des Phoenix abzutragen, hatte allen Schmerz auf sich genommen und unendliche Qualen gelitten als Opfer und als Täter. Aber er trug diese Schuld weiter mit sich, Tag für Tag, ohne Aussicht auf Befreiung. Dass ihn alle hassten und verachteten war ihm egal geworden, er hatte gelernt damit zu leben. Doch nun war da Hermione Granger. Eine besserwisserische und quälend nervige Schülerin. Seine Schülerin. Und Jung. So jung an Jahren. Und doch bereits so weise, dass sich manch einer eine Scheibe davon hätte abschneiden sollen. Unglaublich klug und mutig. Und offen für ihn... 'Offen gewesen für ihn', korrigierte er sich in seinen Gedanken.
Drei Wochen war es erst her, dass sie in seiner Türschwelle gestanden hatte. Drei Wochen war es erst her, dass sie ihn hatte haben wollen, ihn anderen vorgezogen hatte.
Er hatte Hermione Granger nie wirklich wahrgenommen. Zwar war er sich ihrer herausragenden Begabung seit ihrer ersten Unterrichtsstunde bei ihm durchaus bewusst gewesen; hatte in ihr aber nichts weiter als eine talentierte Schülerin gesehen, die ihre Zeit mit Potter und Weasley verschwendete. Noch nicht einmal als sie Mitglied im Phoenixorden geworden war, hatte er ihr mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
Und nun wurde ihm das, was er in den letzten drei Wochen so erfolgreich verdrängt hatte, schlagartig bewusst. Seit langer Zeit hatte er in jener Nacht wieder das Gefühl verspürt ein Mensch zu sein. Kein Lehrer, kein Spion, kein verhasster Bastard, sondern einfach nur ein Mensch, der für kurze Zeit begehrt und gewollt wurde, und der selbst auch begehren kann. Und doch war dies nicht die ganze Wahrheit. Dies erkannte Severus in dem Moment, als er seinen Patronus erblickte, der nun eine andere als die ihm bekannte Gestalt angenommen hatte.
Severus drückte sein Gesicht in ihr Haar und schluchzte trocken. Er weinte nicht. Er konnte nicht mehr weinen. Vor langer Zeit, als er geglaubt hatte, sich endgültig im schwarzen Strudel der Ereignisse verloren zu haben, hatte er dies verlernt. Und doch trauerte jetzt er um den Menschen in seinen Armen, der ihm einen, wenn auch flüchtigen Einblick auf das gegeben hatte, was sich hinter seiner harten Fassade befand und was er nie wieder würde hervorholen können, da es nun zu spät war.
Gerne wäre er gestorben, allein um Hermione die erlebten Qualen und Demütigungen zu ersparen. Aber er hatte abwarten und zusehen müssen bis endlich der Moment gekommen war um einzugreifen. Sie alle waren gerettet, aber der Preis dafür war hoch. Hermione hatte ihn bezahlt. Er hatte ihn bezahlt. Und wieder einmal hatte er alles dabei verloren.
Eine Hand berührte sanft seine Schulter. Severus zuckte zusammen, hob seinen Kopf und blickte in Albus Dumbledores Gesicht. Dieser lächelte freundlich und kniete sich zu ihm hinunter. "Es ist vorbei, Severus. Du hast es geschafft."
Severus lachte kurz und hart auf. "Zu welchem Preis, Albus?", fragte er und nickte zu Hermione.
Dumbledore beugte sich vor, nahm Hermiones Wange in seine Hand und befühlte dann ihre Stirn. "Wie viele?", fragte er.
"Zwei, direkt hintereinander ...von Malfoy", zischte Severus und verspürte die erneut aufkeimende Wut in sich brennen.
Dumbledores Blick glitt hinüber zu Lucius Malfoys Leiche, auf dessen weit aufgerissenen Augen noch immer der starre Blick des Entsetzens lag. Dann wandte er sich wieder Severus zu.
"Zwei... hmmm...", murmelte er, befühlte nochmals Hermiones Stirn und hob sachte ein Augenlid an. "Wir bringen Sie zu Poppy. Du hast ihr sicherlich bereits etwas verabreicht, nicht?" Severus nickte. "Sie wird sich wieder erholen, Severus. Sie wird keinen körperlichen Schaden davontragen. Vielleicht noch etwas schwach in den nächsten Tagen..."
Severus unterbrach ihn: "Da ist noch etwas, Albus...", doch die Stimme versagte ihm und so zog er nur mit zittriger Hand den Umhang ein wenig zur Seite und zeigte Dumbledore das Blut, das an Hermiones Schenkeln klebte.
"Ich musste es tun, Albus", sagte Severus mit bebender Stimme. "Lucius bestand von Anfang an darauf und andernfalls hätte er... oder weitere..." Severus schluckte. "Ich wusste es, Albus. Ich wusste, was sie ihr antun würden und habe es zugelassen!" Severus Stimme wurde lauter und jetzt blickte er wütend in Albus Dumbledores Angesicht.
Dumbledore schwieg und hörte ihm weiter zu.
"Wir müssen ihr Gedächtnis verändern, Albus. Sie muss nicht... ich meine..." Severus war mit seinen Kräften am Ende. Menschen Gewalt anzutun war eine schreckliche Sache, aber ihr Gewalt anzutun hatte ihm fast das Herz aus dem Leib gerissen. Er wollte ihr wenigstens die Erinnerung daran ersparen, auch wenn sie ihn damit vergessen würde.
"Severus", sagte Dumbledore leise. "Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird. Aber wenn doch, dann überlassen wir ihr diese Entscheidung, meinst du nicht?. Vertrau' mir."
Severus hielt Hermione noch immer fest umklammert und Dumbledore registrierte dies mit einem leichten Zucken um die Mundwinkel. "In wenigen Minuten werden die Auroren hier erscheinen", sagte er dann. "Gibt es noch irgendetwas, das du mir vielleicht jetzt noch sagen möchtest?"
Severus blickte Dumbledore kurz an, dann wich er seinem Blick aus und sagte leise: "In der Nacht vor Voldemorts Ritual, Albus, da kam sie zu mir." Severus wusste nicht, wie er es sagen sollte. Aber er wollte es sagen. "Wir haben miteinander geschlafen, Albus", schloss Severus seinen Satz und strich dabei zärtlich eine Haarsträhne aus Hermiones Gesicht.
Albus Dumbledore hörte seine Worte und betrachtete diese Szene, die sich vor ihm bot.
"Sie wollte es", fuhr Severus fort. "Und ich wollte es auch."
"Ich verstehe, Severus", sagte Dumbledore sanft. "Vergessen wir in diesem Moment einmal, dass Hermione noch eine Schülerin ist und du ihr Lehrer."
Dumbledore drückte sanft Severus Schulter. "Ich nehme an, du glaubst nun, alles sei verloren ob dieser Ereignisse. Aber nimm doch einen Rat von einem alten Mann an, der die Hoffnung auf Romantik in dieser dunklen Zeit nie verloren hatte. Gestatte ihr, dich so zu sehen wie du bist, Severus."
Und damit ließ Dumbledore es auf sich beruhen.
Severus fühlte einen Hauch von Dankbarkeit für Dumbledores Worte. Nach seiner Rückkehr aus dem Todesser-Zirkel war Dumbledore der einzige gewesen, der ihn verstanden und dem er sich ganz geöffnet hatte. Er war ein gütiger Freund und doch würde er sein ganzes Leben lang in seiner Schuld stehen.
Als ob Dumbledore seine Gedanken erraten hätte, ergriff dieser nun erneut Severus Schulter und drückte sie sanft aber fest. "Dein Herz ist immer noch mit Schuld beladen, Severus. Befreie dich endlich davon und finde deinen Frieden, alles andere wird sich zeigen."
Severus schwieg dazu und Dumbledore erhob sich. "Es wird Zeit", sagte er dann. "Sie kommen."
Doch Severus nahm die Ankunft der Auroren gar nicht richtig wahr. Seine Energie war mit der Vernichtung Voldemorts und seiner Anhänger versiegt. Seine Aufgabe war nun beendet und er... er fühlte sich leer. Manche Dinge heilt auch die Zeit nicht, manchen Schmerz, der zu tief sitzt und an einem klammert.
Nächstes Kapitel 16: Eine Entscheidung wird getroffen
Mit dem letzten Satz habe ich mir erlaubt ein Zitat aus LOTR zu verwenden. Diese Formulierung gehört nicht mir, sondern einzig und allein dem großartigen J.R.R. Tolkien.
