Kapitel 16

Eine Entscheidung wird getroffen


Severus schwieg dazu und Dumbledore erhob sich. "Es wird Zeit", sagte er dann. "Sie kommen."

Doch Severus nahm die Ankunft der Auroren gar nicht richtig wahr. Seine Energie war mit der Vernichtung Voldemorts und seiner Anhänger versiegt. Seine Aufgabe war nun beendet und er... er fühlte sich leer. Manche Dinge heilt auch die Zeit nicht, manchen Schmerz, der zu tief sitzt und an einem klammert.

Als Hermione ihre Augen aufschlug, blickte sie in das freundlich lächelnde Gesicht Albus Dumbledores. Hermione brauchte einen kurzen Moment, um sich zu orientieren und Dumbledore ließ ihr genug Zeit dafür. Sie blickte sich um und stellte fest, dass sie wieder in Hogwarts war und sich auf der Krankenstation befand.

"Wie geht es dir, Hermione?", fragte Dumbledore sanft und beugte sich dabei auf seinem Stuhl ein wenig vor.

"Gut...", antworte sie zögernd. Doch tatsächlich fühlte sie sich gut und kräftig. Ihr Kopf erschien ihr nur irgendwie dumpf. So als wäre ihr Gehirn in weiche Watte eingepackt.

Hermione richtete sich auf, doch dann begann es vor ihren Augen zu flimmern und sie sank mit einem leichten Schwindelgefühl in die Kissen zurück.

"Langsam, Hermione", sagte Dumbledore. "Severus hat dir mehrere stark wirkende Genesungstränke gegeben. Das jetzt sind noch die üblichen Nachwirkungen, die aber bald vorübergehen."

Was Hermione nicht wusste war, dass einer dieser Tränke genau diesen Effekt hervorrief, nämlich die Verschleierung von Erinnerungen.

Das Denken fiel Hermione sehr schwer. „Professor?", fragte sie heiser. „Was ist passiert? Ist es... vorbei?"

„Ja, Hermione, es ist vorbei", antwortete dieser ernst. "Es war der Auroren dank Severus gelungen, alle verbliebenen Todesser auf einen Schlag festzusetzen. Sie befinden sich bereits in Askaban."

„Lucius Malfoy, ist er... ist..." Die Erinnerung kehrte jetzt mehr und mehr zurück, doch die Dumpfheit in ihrem Kopf ließ dies nur langsam zu. Dass sie nicht so schnell denken konnte, wie sie es gewohnt war, begann Hermione direkt zu nerven. Sie vermutete aber, dass dies im Moment sicher das sinnvollste für ihr Gemüt war, wenn die Erinnerungen in nur kleinen Schritten zum Vorschein traten.

„Tot?", unterbrach Dumbledore sie. "Ja, das ist er."

Hermione schluckte. Sie war sich dennoch sicher, dass sie Severus den tödlichen Fluch hatte aussprechen hören und dachte an das, was sie einmal im Unterricht für Verteidigung gegen die dunklen Künste gelernt hatten, nämlich dass jeder, der einen unverzeihlichen Fluch anwandte, verurteilt und damit nach Askaban gebracht wurde.

Ihr Gesicht spiegelte offenbar genau diese Gedanken wider, denn Dumbledore tätschelte behutsam ihren den Arm. „Severus ist natürlich ebenfalls verhört worden. Doch er wurde nicht verurteilt, noch nicht einmal vor das Zaubereigericht gestellt. Wir konnten den Ausschuss davon überzeugen, dass er als Spion für den Phoenixorden die unverzeihlichen Flüche anwenden musste." Dumbledore seufzte kurz auf, dann fuhr er fort. „Es war dennoch ein ganz schön hartes Stück Arbeit, als Beweismaterial musste Severus sogar einige seiner Erinnerungen preisgeben. Das hat ihm gar nicht gefallen. Aber er ist selbstverständlich rehabilitiert worden."

Hermione schloss erleichtert ihre Augen. Als sie sie wieder öffnete, blicke Dumbledore sie prüfend an. „Du hast in den letzten Wochen eine Menge durchgemacht", sagte er leise. "Natürlich war das nicht leicht für dich."

"Nein", antwortete Hermione. "Aber für keinen von uns war es das und... naja... schließlich haben wir es ja auch ...geschafft!"

Dumbledore's Gesicht blieb ernst. "Ich nehme an, du kannst dich inzwischen an alles erinnern, Hermione?"

"Ja, ich denke schon", antwortete sie leise.

Dumbledore zögerte kurz. "Nun, Hermione, es wurde der Vorschlag gemacht, dich von den, sagen wir, nicht so angenehmen Erinnerungen sowohl an das Ritual als auch an die Entführung zu befreien, um dich künftig nicht damit zu belasten."

Auf Schlag war Hermiones Gehirn wieder voll da. Ihre Gedanken waren glasklar und sie war geschockt. Sie hatte sich bewusst für die Mitgliedschaft im Phoenixorden und den direkten Kampf gegen Lord Voldemort entschieden. Sie und auch die anderen hatten geglaubt, dass sie schon reif genug dafür war. Sie alle hatten gewusst, dass Gefahren auf sie zu kommen würden und jetzt wollte man ihr diese Erfahrungen und ihren Triumph wieder nehmen?

Dann wurde ihr schlagartig klar, warum dieser Vorschlag sehr wahrscheinlich gemacht worden war. Sie wurde vergewaltigt. Sie wurde nicht nur mit dem Crutiatus-Fluch gefoltert, sondern ihr wurde Gewalt in der Form angetan, die kein Opfer je vergessen würde. Nach dem zweiten Crutiatus-Fluch konnte sie sich zwar nur noch schemenhaft erinnern, aber sie erinnerte sich doch ausreichend genug und ein Schauer durchfuhr sie und ließ sie zusammenzucken. Sie erinnerte sich bewusst weiter und versuchte sich durch die zum Teil noch etwas verschwommenen Bilder ihrer Erinnerung zu kämpfen. Dann sah sie im Geiste die schwarze Gestalt vor sich, die ihr Gewalt angetan hatte. Es war Severus gewesen, der dies getan hatte. Der dies doch tun musste...

Dumbledore musterte sie eingehend, als hätte er diese Reaktion von ihr erwartet. Hermione blickte ihn ernst an. "Von wem kam diese Idee, Professor?", fragte sie, obwohl sie die Antwort eigentlich schon ahnte.

"Weißt du, wer es war, Hermione, der dich vergewaltigte?", antwortete Dumbleore mit einer Gegenfrage.

Hermione nickte.

"Verstehst du nun auch, weshalb Severus diesen Vorschlag gemacht hat?", fuhr Dumbledore fort.

Sie nickte wieder. "Aber er hat er doch..." sie wusste nicht, wie sie es formulieren sollte.

"Severus hat es getan, damit es kein anderer tut. Diese Tat reut ihn sehr, das sei dir versichert."

Hermine nickte erneut. Sie wusste das. Und es bekümmerte sie. Es bekümmerte sie, dass ihr Gewalt in dieser Form angetan wurde. Und es bekümmerte sie, und dies fast noch mehr, dass Severus hierzu gezwungen worden war. Wie sehr musste es ihn schmerzen? Es würde ihm schwerfallen, ihr hiernach jemals wieder zu begegnen, ohne daran denken zu müssen... Das durfte sie nicht zulassen. Sie musste ihn so schnell wie möglich sehen.

Hermiones Gedanken wurden erneut unterbrochen.

"Severus hält dich offenbar für nicht so stark, wie du in Wahrheit bist, Hermione", sagte Dumbledore sanft. "Er meint es nur gut mit seiner Bitte, dich von dieses schlimmen Erinnerungen zu erlösen."

Hermione erwiderte nichts darauf. Dann fuhr er fort: "Ich dagegen bin mir ziemlich sicher, dass du mit allem sehr gut zurecht kommst." Dumbledore zwinkerte ihr verschmitzt zu und Hermione, obwohl ihr gar nicht zum Lachen zumute war, lächelte zurück.

"Dennoch", setzte er fort. "Was dir zugestoßen ist, dürfte niemals jemandem zustoßen und du hast jegliches Recht darauf, damit umzugehen, wie es dir beliebt."

Hermione schwieg. Das war im jetzigen Moment doch alles ein bisschen zu viel für sie. Sicher, es war vieles nicht leicht für sie gewesen, aber sie hatte auch nie allein davor gestanden. Sie wollte mehr nachdenken. Was sie aber ganz sicher wusste war, dass sie keine Erinnerung genommen haben wollte.

"Professor Dumbledore, Sir", sagte sie mit fester Stimme. "Ich will nicht, dass mir hiervon etwas genommen wird."

Dumbledore nickte lächelnd und tätschelte ihre Schulter. "Ich werde es Severus wissen lassen."

"Und er?", platzte es aus ihr heraus.

"Was meinst du, Hermione?", fragte Dumbledore. "Hat Prof... Severus dies für sich selbst in Anspruch genommen?"

"Nein, das hat er nicht. Jetzt nicht und auch niemals zuvor", antwortete ihr Dumbledore ernst.

"Das dachte ich mir." Hermione fühlte einen kleinen Triumph. Wenn er all dies über all die Zeit tragen konnte, wollte sie das auch.

"Hermione, ich möchte dich darüber informieren, dass Severus, wenn auch sicher in knappester Form, mir von eurer Vereinigung berichtet hat."

Ein zweiter Schauer durchlief Hermiones Körper. "Sir! Severus wird doch keine Schwierigkeiten deswegen bekommen, oder? Bitte, das darf er nicht. Ich habe ihn..."

"Es ist schon gut", sagte Dumbledore sanft. "Ich werde in dieser Hinsicht nichts dergleichen unternehmen. Wie könnte ich auch?" Dumbledore lächelte. "Zudem vertraue ich ganz auf eure Diskretion."

"Sir, ich möchte es Harry und Ron sagen, wenn das in Ordnung ist." Hermione blickte Dumbledore unsicher an.

"Das habe ich erwartet, Hermione", antworte Dumbledore sanft und Hermione beruhigte sich etwas. "Wo ist... Severus im Augenblick, Sir?", fragte sie.

Doch bevor Dumbledore antworten konnte, wurden sie vom Geräusch der sich öffnenden Flügeltür des Krankensaales gestört.


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