Kapitel 17

Antworten auf ungestellte Fragen


"Sir, ich möchte es Harry und Ron sagen, wenn das in Ordnung ist." Hermione blickte Dumbledore unsicher an.

"Das habe ich erwartet, Hermione", antworte Dumbledore sanft und Hermione beruhigte sich etwas. "Wo ist... Severus im Augenblick, Sir?", fragte sie.

Doch bevor Dumbledore antworten konnte, wurden sie vom Geräusch der sich öffnenden Flügeltür des Krankensaales gestört.

"Oh, ich denke, da möchte dich jemand besuchen", sagte Dumbledore, den Blick zur Tür gerichtet.

Hermione wandte sich ebenfalls zur Tür und blickte in die besorgen Gesichter ihrer Freunde, Ron und Harry, die soeben eingetreten waren und sich zögerlich näherten.

"Ach, bevor ich es vergesse, Hermione", sagte Dumbledore und erhob sich von seinem Stuhl. "Es gibt es heute Abend eine kleine Feier draußen auf dem Gelände. Du solltest sie nicht verpassen, immerhin bist du einer unserer Ehrengäste und alle aus dem Orden freuen sich schon dich zu sehen." Dumbledore zwinkerte Ron und Harry noch einmal zu und ging dann hinaus.

"Wir durften jetzt erst zu dir. Wie geht es dir, Hermione?", fragte Harry, setzte sich auf die Bettkante zu ihrer Linken und nahm sogleich ihre Hand.

"Ist das alles wahr?", fragte Ron mit aufgeregter Stimme, der soeben auf der anderen Seite Platz genommen hatte, doch Harry bedachte ihn mit einem warnenden Blick. "Was denn?", fragte Ron verwirrt und blickt erst zu Harry, dann zu Hermione und dann wieder zu Harry.

"Ist schon gut", sagte sie und lächelte ihre beiden Freunde an.

„Man, Hermione, wir hätten gestern fast Dumbledores Tür eingeschlagen um zu erfahren, was mit dir passiert ist", schnaufte Ron. "Du warst auf einmal verschwunden. Und plötzlich ist Du-weisst-schon-wer vernichtet worden und seine Anhänger ebenfalls. Lucius Malfoy ist tot und die restlichen Todesser wurden vor das Zaubereigericht gestellt, es wurden alle verurteilt und nach Askaban gebracht. Das ging alles so schnell. Gestern Abend hatte Dumbledore die gesamte Schule über alles informiert. Und Snape war an alldem beteiligt, der war auf gar keiner Forschungsreise. Du wirst es nicht glauben, die ganze Welt feiert und Dumbledore gibt für die Schule eine Party heute Abend." Ron hatte vor lauter Aufregung rote Flecken im Gesicht bekommen.

'Gestern Abend. Gestern Abend?' "Wie lange bin ich denn schon hier?", fragte Hermione.

Harry antwortete ihr: "Also, das letzte mal, dass wir dich gesehen hatte, das war vor vier Tagen gewesen, als wir uns in Hogsmeade getrennt hatten."

Hermione schwieg. Sie konnte die Antwort kaum ertragen. Vier Tage. Vier Tage in denen so viel passiert war. Sie dachte nur an Severus...

Und dann sahen Harry und Ron sie schräg von der Seite an. "Findest du nicht, dass du uns mal aufklären solltest, Hermione?", sagte Harry.

Hermione nickte, sie fand das auch. Es war nun an der Zeit dafür und begann zu erzählen. Sie schilderte ihnen, unter welchen Umständen sie vor über sechs Monaten der Aufforderung gefolgt und dem Orden des Phoenix beigetreten war, wie sie eine frühzeitige Ausbildung zum Auror begonnen hatte und dies geheim halten musste und dass sie in den Schulferien nicht mit ihren Eltern auf Reisen, sondern immer im Grimmauldplatz Nr. 12 gewesen war.

Dann berichtete sie von dem Abend, als Severus Snape die Information mitgebracht hatte, dass Lord Voldemort ein offenbar uraltes, schwarzmagisches Ritual durchführen wollte, um weitere Kräfte zu mobilisieren und noch mächtiger zu werden.

Bei ihrer Darstellung des Rituals und dem was danach passierte, klappten Harry und Ron der Mund immer weiter auf. Hermione zögerte kurz, dann zog sie den Ausschnitt ihres Nachthemdes ein wenig nach unten und gab die silbrige Narbe preis, die sich über ihrem Herzen befand.

„Merlin!" Harry keuchte auf.

Schließlich erzählte sie noch von der Entführung in Hogsmeade, der Folter durch den Cruciatus-Fluch, verschwieg ihnen aber die Vergewaltigung. Sie würde es ihnen irgendwann einmal erzählen, vielleicht, jetzt jedoch nicht.

"Dann hat sich die Prophezeiung ja gar nicht erfüllt", meinte Ron sichtlich geschockt seinen Blick noch immer auf die feine Narbe geheftet. Er starrte daraufhin Hermione mit offenem Mund an. Es war ihm ins Gesicht geschrieben, dass es ihm schwer fiel, diese Geschichte ganz zu erfassen. Und er war gekränkt, weil Hermione an ihm und Harry vorbei agiert und sie über viele Monate angelogen hatte.

Harry nickte verdattert und wollte darauf gerade ebenfalls etwas erwidern, als sich die Tür zum Krankensaal erneut öffnete. Alle drei wandten ihre Köpfe um und sahen Severus Snape, der soeben eintreten und nun ruckartig stehen geblieben war, als er Ron und Harry auf Hermiones Bettkante sitzen sah.

"Was will der denn hier?", flüsterte Ron, den Blick immer noch auf Professor Snape gerichtet.

Hermione ignorierte Rons Frage und auch Harry sagte nichts, sondern beobachtete Hermione und wie ihr Blick an ihnen vorbei hinüber zu Snape glitt. Hermiones Augen glänzten und doch wurden sie von etwas melancholischem überschattet, genau wie Snapes Ausdruck. Dieser jedoch hielt ihrem Blick Stand und rührte sich einen Moment nicht von der Stelle. Dann drehte er sich plötzlich um und ging wehendes Umhangs wieder hinaus.

"Was sollte das denn?", fragte Ron und wandte er sich wieder Hermione zu. Auf Hermiones blassem Gesicht lag immer noch der schwere melancholische Ausdruck, den Ron offenbar nicht bemerkte.

"Er hat mich davor bewahrt, von Lucius Malfoy vergewaltigt zu werden, Ron! Und von weiteren Todessern." Hermiones Stimme war ein wenig schärfer geworden.

Harry und Ron klappte erneut der Mund auf. Sie waren zu schockiert über das soeben gehörte, dass ihnen im Moment nichts dazu zu erwidern einfiel.

Das und die Situation, dass sie drei sich im Moment alleine auf der Krankenstation befanden und somit keine weiteren Zuhörer anwesend waren, nutzte Hermione jetzt aus. "Jungs," begann sie, "ich liebe euch und das, was ich euch nun sagen werde, wird bestimmt nicht leicht sein ...zu verstehen."

Harry und Ron sahen einander kurz an und richteten ihren Blick wieder auf Hermione. "Was kann denn noch schlimmer sein, als das, was du uns bis jetzt bereits erzählt hast," meinte Ron.

"Schlimmer nicht, Ron", antwortete sie.

"Hermione?" Harry ließ ihre Hand los, die er bis zu diesem Augenblick festgehalten hatte. "Was ist los?"

"Bevor ich es euch sage, will ich euch das Versprechen abnehmen, dass ihr mit niemand anderem, außer mit mir oder miteinander über diese Angelegenheit sprecht."

Als keiner von beiden etwas entgegnete fuhr sie fort: "Ich vertraue euch beiden, aber ihr müsst es dennoch schwören!"

"Ist gut, Hermione", sagte Harry, "du bist meine beste Freundin. Natürlich schwöre ich dir das."

"Und du, Ron?" Hermione drehte ihren Kopf zu Ron.

"Ja, okay, natürlich schwöre ich dir das auch. Was denkst du denn?" Ron hatte bei der Antwort seine Stirn kraus gezogen.

"Okay, also... ich hatte Sex mit Sever... also mit Professor Snape!"

Einen Moment lang passierte gar nichts. Die Information wurde noch aufgenommen.

"Wie bitte, WAS? Du hattest WAS? Mit WEM?" Ron war jetzt aufgesprungen.

"Ron, BITTE! Ich sagte ja, dass es nicht leicht sein würde, das zu hören", Hermione versuchte Rons Hand zu ergreifen, doch dieser entzog sie ihr.

"Wann?", fragte Harry. Er blickte Hermione mit einem Ausdruck an, mit dem er sie noch nie zuvor angesehen hatte. Er erschien fassungslos und noch mehr enttäuscht von ihr.

"Vor einigen Wochen, als wir alle am Grimmauldplatz zusammen waren, kurz vor Voldemorts Ritual. Es war nur das eine Mal." Die Zu- und Umstände verwieg Hermione. Das war jetzt nicht von Bedeutung. Sie war auch der Ansicht, dass sie nicht alles preiszugeben hatte. Sie wusste noch nicht einmal, ob Dumbledore selbst dies überhaupt wusste. Hatte Serverus ihm das ebenfalls erzählt? Oder war dies tatsächlich immer noch ein Geheimnis zwischen Severus und ihr?

"Und du wolltest das?", fragte Ron aufgebracht.

"Ja, ich wollte das!"

"Und er?", setzte Ron nach.

"Er auch", antwortete sie fest, obwohl sie sich eigentlich nicht sicher war; sie hatte ihn ja regelrecht genötigt und im Grunde genommen mit den Umständen erpresst.

"Und willst du, dass sich das wiederholt?"

"Das hoffe ich."

"Bist du in ihn verliebt, oder was?" Rons Tonfall wurde jetzt richtig fies. "Wir reden hier schon von ein- und derselben Person, richtig?"

"RON!" Harry, der mindestens genauso schockiert über das war, was er soeben gehört hatte, versuchte seinen Freund ein wenig zu deeskalieren. "Lass sie doch erstmal erzählen!"

"Na, dann erzähl mal, Hermione!" Ron wusste in diesem Moment selber nicht, was seine heftige Reaktion hervorrief. Irgendwie war in diesem Moment eine Wahrheit, die er schon lange zu kennen glaubte, zerstört worden.

"Ja, ich bin in ihn verliebt!" Hermione blickte beide nacheinander ernst an. "Und lasst euch von mir sagen, dass ihr nur eine Seite von Severus kennt. Zugegebenermaßen die sehr unsympathische Version, die er beinahe ausschließlich von sich selbst zeigt."

"Und jetzt, Hermione?", fragte Harry. Genau wie Ron, hasste er Severus Snape seit vielen Jahren aus tiefstem Herzen und konnte Hermiones Worte nicht recht begreifen. Hatte sie ihn nicht ebenfalls gehasst? Harry versuchte, sich zurück zu erinnern. Der Hass auf der einen Seite und das Vertrauen zu seiner besten Freundin auf der anderen Seite verwirrten ihn in diesem Moment zu sehr. Er würde später ausgiebig mit Ron darüber sprechen müssen.

"Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen, Harry", sagte Hermione leise. Ich hoffe, ihr könnt etwas offener ihm gegenüber werden."

"Ich meine, er ist auch unser Lehrer, oder Hermione? Ein Lehrer und eine Schülern, wie soll das gehen?" Harry sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Ist er all den Ärger wert?"

"Das sind nur noch anderthalb Jahre bis zu unserem Schulabschluss. Aber das weiß ich alles noch nicht, Harry! Doch Dumbledore weiß davon und sagte, dass er nichts gegen Severus unternehmen würde. Und ja, Harry, er ist es Wert!" Hermiones Tonfalls hieß das Gespräch langsam dem Ende zu.

Bei diesen Worten war Ron zurück auf Hermiones Bettkante geplumpst. Er sah sie an, sah Harry an und schüttelte nur noch den Kopf.

Hermione war erschöpft. "Mehr möchte ich im Moment nicht sagen. Lasst mich bitte noch etwas allein, ich werde euch noch alles erzählen, in Ordnung?", sagte sie dann. "Wir sehen uns doch sicher heute Abend auf der Feier?"

Ron öffnete protestierend den Mund, sagte jedoch nichts. Und Harry wusste nicht warum, aber er war sich sicher, dass Hermione ihnen tatsächlich noch längst nicht alles erzählt hatte. Er spürte eine gravierende Veränderung an ihr und offenbar hatte Snape so einiges zu tun damit. "Komm schon, Ron. Natürlich sehen wir uns nachher, Hermione. Ruh dich noch etwas aus", sagte er dann und zog Ron mit sich und verließen die Krankensaal.

Hermione schloss die Augen. Ihr Kopf schmerzte ob der Anstrengung dieses Gesprächs. Sie würde weder auf Ron, noch auf Harry Rücksicht nehmen, was ihre Entscheidungen bezüglich Severus betraf. Auch wenn das weh tat, dessen war sie sich sicher.

Severus... Er war ihretwegen hier gewesen. Sie hatte den Schmerz in seinen Augen wieder erkannt. Denselben Schmerz, den sie bereits in Hogsmeade bei ihm gesehen hatte, als er für einen kurzen Moment seine Maske nicht mehr Aufrecht erhalten konnte, kurz bevor er sie entführt hatte.

Sie blickte zurück zu dem Zeitpunkt, als die ersten zarten Gefühle für ihn aufgekommen worden waren und wie schockiert sie damals über sie gewesen war. Sie hatte sich lange dagegen gesträubt, doch irgendwann hatte sie schließlich akzeptiert, dass offenbar eine geradezu magische Anziehung von ihrem Lehrer für Zaubertränke ausging, auf die sie empfindlich reagierte. Seine völlige Hingabe in seine Arbeit beeindruckte sie schon sehr lange; er erschien auf seinem Gebiet absolut souverän, so wie sie es auch von sich selbst erwartete. Sein undurchsichtiges Wesen, seine bittere Vergangenheit und seine ungewisse Zukunft faszinierte und bewegte sie.

Und dann ging von ihm eine nahezu überwältigende, erotische Ausstrahlung aus, eine geradezu gefährliche Attraktivität, auf die sie mehr und mehr körperlich reagierte, je älter sie wurde. Seine große schlanke Gestalt, seine geheimnisvolle Aura, düster und einsam. Dieser undeutbare Ausdruck in seinen schwarzen Augen und sein stechender Blick, der einem direkt bis ins tiefste Innerste zu schauen schien. Und seine Stimme, so dunkel, rau und samtig... Immer wenn sie seine Stimme hörte, erwachte die Sehnsucht in ihr, dass er mit eben dieser Stimme leise in ihr Ohr flüstern möge und sie sich willig von ihm dirigieren ließe. In diesem Moment, als sie daran dachte, spürte sie erneut das lustvolle Ziehen in ihrem Unterleib, welches sie so oft überkam, wenn sie an ihn dachte. Die Jungs in ihrem Alter stießen sie ab, langweilten sie bestenfalls. Sie wollte das geheimnisvolle, das charismatische, das unberechenbare, das interessante. Sie wollte ihn.

Bereits damals hatte sie um seine Vergangenheit als Todesser gewusst und um die Opfer, die er später hatte bringen müssen. Und anstatt, dass es sie abstieß, fühlte sie sich nur noch mehr zu ihm hingezogen. Er wirkte unnahbar und stark, doch gleichzeitig kompliziert und labil. Hermione war davon überzeugt, dass sich unter seiner harten Fassade ein vielschichtiger und interessanter Charakter verbarg, der die gleichen Sehnsüchte hatte wie alle anderen auch.

Und deswegen war sie bei ihm gewesen, und die Nacht mit ihm hatte Hermione in ihrem Glauben bestätigt. Sie hatte es genossen, seinen heißen Körper zu berühren, ihn zu schmecken, sein schnell pochendes Herz zu spüren, den Ausdruck in seinen Augen zu sehen, der nur kurz aufflackerte und sofort wieder vorbei war, bevor er Gefahr lief, dass sie es bemerken könnte. Doch sie hatte ihn gesehen und als das erkannt, was es war.

Ein Lächeln breitete sich auf Hermiones Gesicht aus. Es war vorbei, alle Schuld war abgetragen und Severus war frei!


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