Kapitel 18
Mein Leben...
Und deswegen war sie bei ihm gewesen, und die Nacht mit ihm hatte Hermione in ihrem Glauben bestätigt. Sie hatte es genossen, seinen heißen Körper zu berühren, ihn zu schmecken, sein schnell pochendes Herz zu spüren, den Ausdruck in seinen Augen zu sehen, der nur kurz aufflackerte und sofort wieder vorbei war, bevor er Gefahr lief, dass sie es bemerken könnte. Doch sie hatte ihn gesehen und als das erkannt, was es war.
Ein Lächeln breitete sich auf Hermiones Gesicht aus. Es war vorbei, alle Schuld war abgetragen und Severus war frei!
Inmitten einer freudig erregten Schülerschar schritten Hermione, Ron und Harry die große Schlosstreppe zum Gelände hinunter. Hermione durfte zeitig die Krankenstation verlassen und hatte sich für diesen Abend besonders schön gemacht; sie hatte ihr gelocktes Haar geglättet, so dass es weich und in großen Wellen über ihre Schultern fiel. Dazu trug sie einen mitternachtsblauen Umhang, der das Goldbraun ihrer Haare wunderbar hervorhob und sah einfach umwerfend aus. Ihre beiden Freunde warfen ihr verstohlene Blicke zu, sie hatten beide im Gryffindor-Gemeinschaftsraum auf Hermione gewartet und nicht schlecht gestaunt, als sie in diesem Aufzug die Treppe heruntergekommen war. Es war ihnen natürlich klar, für wen sie sich so hübsch gemacht hatte? Nach dem langen Gespräch, das den ganzen Nachmittag gedauert hatte, waren sich Ron und Harry darüber einig geworden, dass sie um ihrer engen Freundschaft willen, Hermiones Entscheidungen akzeptieren und ihr wie immer zur Seite stehen würden. Auch wenn es ihnen schwerfiel.
Sie stapften durch den Schnee hinüber zum Quidditchfeld. Es war ein milder Januarabend, und ihr Weg wurde vom hellen Mond und unzähligen Fackeln, die überall aufgestellt waren, in ein warmes Licht getaucht.
"Dumbledore hat sich mal wieder einmal selbst übertroffen", meinte Harry, als sie am Quidditchfeld angekommen waren und er seinen Blick links und rechts über das weite Feld schweifen ließ. Neben der hohen Quidditchringe säumten weitere große Fackeln das Feld und überall waren riesige Eisskulpturen aufgestellt, die die unterschiedlichsten Geschöpfe darstellten. An vielen kleinen, hübsch geschmückten Tischen ließen sich hier und dort die ersten Schüler nieder. Hermione fiel auf, dass es keine Trennung zwischen den Häusern gab, sondern Hufflepuff's neben Ravenclaw's saßen und sich Gryffindor's mit Slytherin's unterhielten. Weiter hinten sah sie Professor Dumbledore sich mit Professor McGonagall unterhalten, und als die beiden sie entdeckten, winkten sie ihr fröhlich zu.
Die drei setzten sich an einen Tisch direkt unter einer Fackel, die gefährlich nahe bei einem schönen Zentauren aus glitzerndem Eis stand, der durch Magie jedoch unversehrt blieb. Überall schwirrten Hauselfen herum, die ebenfalls in Feierlaune waren und den Schülern jeden Wunsch von den Augen ablasen. Sie bestellten sich drei Butterbier und stießen mit fröhlichem Gelächter auf ihren Sieg über Voldemort und seiner Todesser an.
"Na, wie stets?", fragte eine vertraute Stimme hinter ihnen und Hermione erhob sich augenblicklich, um breit lächelnd ihre Arme um Remus Lupins Hals zu schlingen. Neben ihm stand Tonks, strahlte sie freudig an und erntete ebenfalls eine warme Umarmung von Hermione sowie einen dicken Kuss auf die Wange. Remus und Tonks, Tonks heute mit tomatenrotem Haar, setzten sich zu ihnen an den Tisch und begannen aufgeregt zu Plaudern.
Dumbledore hatte auf eine Rede verzichtet; er hatte sich unters Volk gemischt und gerade zu einer kleinen Gruppe Hufflepuff's und Slytherin's gesellt und erzählte ihnen gerade seinen Lieblingswitz: "Ein Troll, ein Gnom und ein Zauberer betreten eine Bank..."
Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich. Überall hörte man Gesprächsfetzen über den Niedergang von Du-weißt-schon-wer; manche hatten den Tagespropheten mitgenommen und lasen sich gegenseitig laut daraus vor. Währenddessen wurde ausgiebig getanzt und viel gelacht. Remus hatte gerade die komische Geschichte erzählt, wie er und Tonks sich kennen gelernt hatten. Alle am Tisch waren soeben in lautes Gelächter ausgebrochen, während Tonks Remus mit gespielt böser Miene in die Seite knuffte. Doch Hermione hörte ihnen jetzt nicht mehr richtig zu, sondern hob stattdessen den Kopf, um in die Menge zu schauen. "Weiß jemand, wo Severus ist?", fragte sie plötzlich.
Das Lachen am Tisch verstummte jäh. "Habe ihn heute Abend noch nicht gesehen, Hermione", antwortete ihr Remus. Und auch keiner von den anderen schien eine Ahnung zu haben wo er war. Hermione stand darauf hin auf, entschuldigte sich und begann zu suchen. Es gab keinen extra Lehrertisch, und so suchte sie Tisch für Tisch mühsam ab. Nach etwa einer halben Stunde wurde sie langsam unruhig. Keine Spur von Severus und keiner schien ihn an diesem Abend schon gesehen zu haben. Hermione wandte sich noch einmal nach allen Seiten um, dann beschloss sie, die Feier zu verlassen und zurück ins Schloss zu gehen, sicher würde sie ihn dort in seinen Räumen finden. Sie deutete Harry aus der Ferne zu, dass sie noch weitersuchen würde und lief dann schnellen Schrittes über das Gelände hinauf zum Schloss.
Hermione bemerkte den dunklen Schatten hinter ihr nicht, der sie bis hierher still beobachtet hatte und ihr nun folgte. Dieser Schatten zog etwas Glitzerndes aus seinem schwarzen Umhang und beschleunigte nun seine Schritte um sie einzuholen. Er hatte sie fast erreicht und erhob seinen Arm, so dass sich auf der langen silbernen Klinge des Dolches in seiner Hand das Mondlicht widerspiegelte. Auf seinem grünen Heft waren Symbole und eine silberne Schlange eingraviert.
Hermione hatte die große Treppe, die zum Schlosseingang hinaufführte, fast erreicht. Da hörte sie plötzlich ein Geräusch hinter sich und wollte sich gerade umdrehen, doch just in diesem Augenblick wurde sie heftig nach vorn gestoßen und sie landete unsanft mit dem Gesicht im Schnee.
"Du! Dreckiges Schlammblut", zischte Draco Malfoy über ihr, stieß ihr mit dem Fuß ins Kreuz und hinderte sie so daran, sich aufzurichten. Er stemmte sein volles Gewicht auf ihren Rücken. "Ich hab' dir doch gesagt, dass wir uns noch einmal sprechen werden, Miststück!"
Hermione versuchte nicht in Panik zu geraten. Sie hatte vor Draco zwar weit weniger Angst, als sie vor seinem Vater oder den anderen Todessern gehabt hatte, doch sie durfte ihn auch nicht unterschätzen. Hermione versuchte unter ihrem Bauch ihren Zauberstab zu erreichen, doch Dracos Gewicht hinderte sie daran. "Draco, bitte...", keuchte sie ob der begrenzten Luft in ihren Lungen. "Halts Maul!", blaffte er sie an und fühlte plötzlich die kalte Klinge eines Messern an ihrer Kehle.
Hermione setzte zu einem neuen Versuch an. Sie musste ihn hinhalten, sie lagen hier quasi vor der Haustür, irgendjemand musste sie doch bemerken. "Draco, mach nicht den gleichen Fehler. Du hast eine neue Chance..." Doch Draco hörte ihr nicht zu. "Halts Maul, hab ich gesagt!" Er drückte ihr den Dolch tiefer ins Fleisch. Hermione schrie kurz auf, sie spürte, wie ein dünnes Rinnsal Blut ihren Hals hinab lief und hellrot in den Schnee tropfte.
Er beugte sich noch dichter zu ihrem Gesicht hinunter und spuckte ihr beim Sprechen kleine Tröpfchen ins Gesicht. "Das ist für meinen Vater, Schlammblut." Mit diesen Worten drehte er Hermione unsanft auf den Rücken. Er drückte den Dolch erneut an ihre Haut, und mit der scharfen Spitze an ihrer Kehle wagte es Hermione nicht sich zu regen.
"Draco, tu es nicht...", flehte sie, doch Dracos Gesichtsausdruck war erfüllt vom blanken Hass. "Dein armseliges Winseln hilft dir jetzt auch nicht mehr." Er kniete sich auf Hermiones Brust, nahm das Heft in seine andere Hand und setzte dann an, ihr langsam die Kehle durchzuschneiden.
"EXPELLIARMUS!" Ein gleißend heller Blitz riss Draco von Hermione herunter. Hermione atmete erleichtert auf, wandte sich nach ihrem Retter um und erblickte hinter sich Severus, der mit vor Zorn funkelnden Augen die Schlosstreppe hinuntergestürzt kam. Draco, der in der Zwischenzeit wieder aufgesprungen war, fischte im Schnee nach dem Dolch und machte mit ausgestrecktem Arm einen großen Satz auf Hermione zu, entschlossen, seine Tat zu vollenden. Sein Gesicht war wutverzerrt, er holte aus, doch Severus warf sich dazwischen.
Hermiones gellender Schrei durchbrach die Nacht. Die Klinge bliebt mitten in Severus Bauch stecken. Dieser schwankte, hielt sich noch einen Moment aufrecht und sank dann matt in den Schnee. Draco taumelte rückwärts, blickte erschüttert auf seinen Hauslehrer herab und floh dann quer über das Gelände in den Verbotenen Wald. Hermione kümmerte sich nicht um ihn, sie kniete sich hastig zu Severus hinunter und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Blut strömte aus der Wunde und breitete sich rasend schnell um sie herum aus.
Hermione zog vorsichtig den Dolch aus seiner Brust, warf ihn ungesehen zur Seite, und griff dann mit zitternder Hand nach ihrem Zauberstab. Mit bebender Stimme zauberte einen einfachen Druckverband auf die blutende Wunde. Nicht imstande einen Pratronus zu schicken, schoss sie verzweifelt rote Funken in die Luft und blickte sich panisch um. Was konnte sie im Augenblick noch tun? Sollte sie ihn ins Schloss bringen? Sie wagte es nicht, ihn zu bewegen. Während sie noch überlegte, sah sie, dass sich vom Quidditchfeld bereits einige Menschen auf sie zu bewegten.
'Kommt... kommt... beeilt euch', dachte sie. Hermione presste eine Hand auf den bereits durchtränkten Verband, während ihre andere unablässig über Severus Haar strich. "Warum hast du das getan? Warum hast du ihn nicht einfach geschockt?" schluchzte Hermione ihr Gesicht tief über seines gebeugt.
Severus spürte ihre salzigen Tränen auf sein Gesicht fallen. Er blinzelte, sah sie an, lächelte, dann schlossen sich seine Augen und sein Kopf fiel schwer zur Seite.
"Nein, Severus, nein..."
Nächstes Kapitel 19: ...für dein Leben
