Kapitel 19
...für dein Leben
'Kommt... kommt... beeilt euch', dachte sie. Hermione presste eine Hand auf den bereits durchtränkten Verband, während ihre andere unablässig über Severus Haar strich. "Warum hast du das getan? Warum hast du ihn nicht einfach geschockt?" schluchzte Hermione ihr Gesicht tief über seines gebeugt.
Severus spürte ihre salzigen Tränen auf sein Gesicht fallen. Er blinzelte, sah sie an, lächelte, dann schlossen sich seine Augen und sein Kopf fiel schwer zur Seite.
"Nein, Severus, nein..."
"LASST MICH DURCH!" Durch einen dichten Schleier aus Tränen sah Hermione Albus Dumbledore mit gezücktem Zauberstab sich einen Weg durch die bereits dichtgedrängte Menge bahnen, die sich auf sie zuschob. Als er sie erreicht hatte, kniete er sich zu ihnen hinunter und richtete seinen Zauberstab auf die von Hermione notdürftig versorgte Wunde. Aus seiner Spitze glomm ein stahlblauer Strahl, welcher jedoch direkt von Severus Körper abprallte und, ohne irgendeine Wirkung gezeigt zu haben, langsam in der eisigen Luft verpuffte. "Das habe ich befürchtet", nuschelte Dumbledore, dann wandte er sich um und erblickte als erstes Ron, der wie alle anderen auch mit offenem Mund auf Hermione starrte, welche mit tränenüberströmtem Gesicht und Snapes Kopf in ihrem Schoß im Schnee saß. "Ron, lauf sofort in den Krankenflügel und sag Madam Pomfrey, sie soll sich auf Vitalis Incantatem vorbereiten. Los, lauf! Und beeil dich!" Ron nickte verstört und raste dann los, auf der langen Treppe mit seinen langen Beinen gleich mehrere Stufen aufeinmal nehmend.
"Mobile Corpus", rief Dumbledore und Severus Körper erhob sich vom Boden. "Hermione, folge mir und nimm den Dolch mit!" Dumbledore hielt seinen Zauberstab in die Höhe und dirigierte Severus vorsichtig die Stufen zum Schloss hinauf. Hermiones Blick blieb noch einige Sekunden wie erstarrt an den Blutstropfen hängen, die von Severus bereits durchtränktem Umgang rot in den Schnee tropften. Dann besann sie sich, griff im Schnee nach dem blutverschmierten Dolch und eilte hinter Dumbledore her. Zurück blieb der große rote Fleck auf weißem Untergrund sowie eine verdattert dreinblickende Schülermenge.
"Er hat sich einfach dazwischen geworfen, Professor... ich... ich konnte nicht mehr für ihn tun..." stotterte sie. "Hermione, ohne deinen simplen Zauber hätte Severus wohl schon kein Blut mehr im Körper gehabt", sagte Dumbledore ernst ohne Hermione jedoch anzusehen, denn sein konzentrierter Blick war auf Severus gerichtet. "Wie du bemerkt hast, hatte mein durchaus mächtiger Zauber keinerlei Wirkung gezeigt."
"Aber...", setzte sie erneut an. "Das Messer, Hermione, das Messer! Hast du nicht gesehen, dass es der Ritualdolch war, der auch dich verletzt hatte? Und bedenke, Severus stand nicht unter den mächtigen Schutzzaubern, wie die, die dich seinerzeit vor dem Schlimmsten bewahrt hatten", unterbrach Dumbledore sie. Hermione blickte verzweifelt auf den vom Blut verschmierten Dolch, der ihre Handfläche rot verfärbt hatte.
Nach gefühlt viel zu langer Zeit hatten sie den Krankenflügel endlich erreicht, an dessen bereits geöffneter Eingangstür Madame Pomfrey auf sie wartete. Hinter ihrer professionellen Fassade konnte Hermione ihre Aufregung erkennen und das versetzte sie in zusätzliche Angst. "Poppy", japste Dumbledore als er auf sie zurauschte, "ist alles bereit?" "Ja", antwortete diese einsilbig und mit zittriger Stimme. Sie drehte sich rasch um und wäre dabei beinahe mit Ron zusammengestoßen, der mit großen Augen und immer noch keuchend wegen seinen Sprints direkt hinter ihr gestanden hatte. "Mr. Weasley, Sie gehen jetzt bitte", sagte sie überdreht, stob an ihm vorbei und deutete auf ein freies Bett, auf das Dumbledore Severus nun zusteuerte. Ron blieb noch einen kurzen Moment stehen und suchte Blickkontakt zu Hermione. Als hätte sie seinen bohrenden Blick gespürt, drehte sie sich zu ihm um und warf ihm einen verzweifelten Blick zu. Als Ron sie so ansah, ihre vor Angst geweiteten Augen, ihr tränennasses Gesicht, ihre Hand das Messer umklammert, da glaubte er, es ein wenig besser akzeptieren zu können. Ron nickte, drehte sich um und verließ nachdenklich den Krankenflügel.
Hermione blickte ihm noch eine Sekunde nach, dann richtete sie ihre volle Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen zu. Dumbledore hatte Severus in der Zwischenzeit auf ein Krankennett niedergelegt, während Madame Pomfrey soeben eine kleine Phiole mit einer milchigen Flüssigkeit entkorkte.
"Hermione", Dumbledore wandte sich nun ihr zu, "ist dir Vitalis Incantatem ein Begriff?"
Hermione dachte angestrengt nach und durchforstete jede Ecke ihres Gehirns. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen und sie blickte Dumbledore mit weit aufgerissenen Augen an.
"Vitalis Incantatem wird in der Zaubererwelt nur äußerst selten angewandt, weil es höchst gefährlich ist und die Chancen auf Erfolg dagegen verschwindend gering sind. Ist doch das Ziel, einen Zauberer, der durch einen dunklen Fluch oder durch einen durch denselben verzauberten Gegenstand verletzt wurde, mit der Lebenskraft eines anderen Zauberers zu heilen, führte die Prozedur in der Vergangenheit den meisten Fällen zum Tode - bei beiden Beteiligten." Hermione schluckte.
"Das ist in der Tat exakt das, was in den Büchern steht, Hermione", schmunzelte Dumbledore leicht, doch sein Lächeln erstarb fast augenblicklich. "Und die Bücher haben meistens Recht. Allerdings, habe ich diesen Zauber schon einmal durchgeführt - mit Erfolg."
Ein kurzer Moment der Stille trat ein, in der alle drei sich dieser Situation und ihrer eigenen Rolle darin bewusst wurden.
"Ich mache es!", sagte Hermione plötzlich und durchbrach die Stille.
"Kommt gar nicht in Frage!", sagte Madame Pomfrey entrüstet. "Das ist viel zu gefährlich!"
"Es steht auch noch in den Büchern," fuhr Hermione mit bemüht fester Stimmte fort, "dass die Erfolgschancen um ein weiteres höher liegen, sind die lebensspendenden Zauberer jung und vital. Je älter ein Mensch ist, desto eher schlägt der Versuch fehl, und es gibt nur den einen." Hermione zitterte, blickte aber fest zu Madame Pomfrey und Albus Dumbledore.
Madame Pomfrey stockte der Atem und ihr Mund ging auf und zu ohne jedoch einen Ton von sich zu geben. Dumbledore legte ihr behutsam eine Hand auf den Arm. "Vergessen wir jetzt einmal die Fürsorgepflicht bei Schülern, Poppy. Miss Granger ist volljährig und kann ihre Entscheidungen selbst treffen. Und ich stimme ihr zu. Also keine weitere Diskussion jetzt, wir müssen beginnen, bevor wir noch mehr Zeit verlieren. Wir müssen es zumindest versuchen, Poppy! Das sind wir alle Severus schuldig!" Dumbledore warf ihr einen letzten prüfenden Blick zu und wandte sich dann wieder Hermione zu.
"Du musst nicht viel tun, Hermione", sagte Dumbledore und ließ sich durch einen Wink zu Madame Pomfrey die Phiole reichen. "Trink das", wies er sie an und gab Hermione das Röhrchen. Ohne zu zögern griff sie danach und stürzte die Flüssigkeit in einem Zug runter. Sie verzog angewidert das Gesicht. "Das gibt dir zusätzliche Stabilität", sagte Dumbledore. "Und die kannst du gebrauchen. Denn je schwächer Severus ist, desto mehr..."
"Ich verstehe", sagte Hermione.
"Aber lass mich dir sagen, dass ich kein Risiko eingehen werde." Dumbledores blaue Augen blickten sie durchdringend an. Hermione nickte. Wenn es nicht gelang, würde Severus sterben. Ihr Blick fiel auf sein aschfahles Gesicht und sie schloss für einen kurzen Moment die Augen.
"Wir müssen nun beginnen!", sagte Dumbledore ihrem Blick folgend. "Hermione, lege dich bitte hierhin." Dumbledore wies auf das leere Nachbarbett und Hermione ließ sich darauf nieder. Dann stellte er sich in die Mitte der beiden Betten und richtete seinen Zauberstab auf Hermione. "Vigor incantare!", rief er laut und ein blauer Strahl floss aus seinem Zauberstab und umhüllte sogleich Hermiones Körper. Dann richtete Dumbledore seinen Zauberstab auf Severus. "Vigesco incantare!" Und der blaue Strahl umschloss sodann Severus Körper. Dumbledore ließ augenblicklich seinen Zauberstab fallen und ergriff nun jeweils Severus linke und Hermiones rechte Hand. Dumbledore hatte die Verbindung hergestellt, die Prozedur hatte begonnen.
Madame Pomfrey, die noch nie zuvor Zeugin einer solchen Heilmethode gewesen war, verfolgte die Prozedur mit staunendem Gesicht. Sowohl Hermione und Severus als auch Dumbledore waren nun eingehüllt in leuchtendes Blau. Dumbledores Körper zitterte stark, während Hermione und Severus völlig still auf ihren Betten lagen. Obwohl Madame Pomfrey aus der Theorie wusste, dass Dumbledore selbst in seiner Funktion als Medium keinerlei Gefahr drohte, wusste sie doch, dass dies für ihn äußerst anstrengend war.
Hermione lag still auf ihrem Krankenbett und nahm alles um sie herum durch den blau leuchtenden Schleier wahr. Vor ihren Augen begann es plötzlich zu flimmern und sie schloss ihre immer schwerer werdenden Augenlider. Sie selbst begann sich nun immer schwerer und schwerer zur fühlen, so als würde sie bald einschlafen. Dann war sie in eine warme Geborgenheit eingetaucht, umgeben von Ruhe, Frieden und Glück. Hermione öffnete wieder ihre Augen und erblickte ihn. Seine schwarze Gestalt stand nicht mehr weit von ihr entfernt. Er hatte seine Hand zu ihr ausgestreckt und wartete auf sie. Und Hermione lief los.
Dumbledore hielt Hermiones Hand fest umklammert und spürte, wie das Leben aus ihr wich. Es würde bestensfalls zu knapp werden. Er konnte nicht zulassen, dass sie ihr Leben für Severus opferte und vor allem, Severus würde es nicht zulassen. Er kannte Severus gut genug um zu wissen, dass dieser lieber sterben würde. Dumbledore wollte gerade die Prozedur abbrechen, als ihm jemand Hermiones Hand abnahm und sie stattdessen durch seine eigene ersetzte. Dumbledore blickte sich überrascht um. Niemand hatte bemerkt, dass vor wenigen Minuten Draco Malfoy die Krankenstation betreten und seitdem stumm der Prozedur beigewohnt hatte. Dracos Nase war blutverkrustet und sein linkes Auge war angeschwollen. Aber es waren nicht Potter und Weasley gewesen, die ihn letztendlich dazu bewogen hatten umzukehren, es war sein Gewissen gewesen und der Wunsch seinen Fehler wieder gutzumachen.
Draco war vor Dumbledore zusammengesackt und kauerte nun vor dessen Knien. Der blaue Schleier hatte Hermione inzwischen verlassen und nun von ihm Besitz ergriffen. Dumbledore ließ es geschehen. Er drückte ermutigend Dracos Hand und dieser schloss dankbar seine Augen und spürte bereits Auswirkungen der Prozedur.
mobile corpus-beweglicher Körper
vitalis-Leben gebend
vigor-Lebenskraft
vigesco-lebgenskräftig werden
incantare-zaubern
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