Kapitel 21
Hinter der Tür
Offenbar wollte er nicht mit ihr sprechen.
Noch immer kauerte sie auf dem steinernen Boden vor Severus Tür. Hier unten in den Kerkern war es kalt und sie fror. Außerdem hatte sie Durst. Aber nichts davon brachte sie dazu, aufzustehen und fortzugehen. Trotz ihrer frustrierenden, ergebnislosen Überlegungen war sie entschlossen: Sie würde hier nicht weggehen. Sie musste mit ihm sprechen. Irgendwann würde er rauskommen. Und er könne ihr dann direkt ins Gesicht sagen, dass er kein Interesse an ihr hat. Und ob Filch sie hier unten entdecken sollte, war ihr inzwischen scheißegal.
Hermiones Hinterkopf lehnte an der Tür, irgendwann fiel er zur Seite weg.
Als Hermione wieder erwachte, fühlte sie sich auf Anhieb wohl. Sie war nicht mehr dort, wo sie eingeschlafen war, nämlich auf dem kalten Boden kauernd vor Severus Tür.
Verwirrt von der sie umgebenden Behaglichkeit richtete sie sich auf und bemerkte die weiche, wollene Decke, die in diesem Moment von ihrem Oberkörper fiel.
Hermione blickte sich um. Sie befand sich in einem Raum, der nach ihrem Ermessen nicht hätte vollkommener sein können.
Der Raum war ein schönes Zimmer, nicht besonders groß, welches an allen vier Wänden vom Boden bis zur hohen Decke mit Regalen aus dunklem Holz bestückt war, bis auf den letzten Platz angefüllt mit Büchern.
Der ganz Raum bestand im Grunde nur aus Büchern.
Wie die eines erstaunten Kindes, wurden Hermiones Augen bei diesem für sie wundervollem Anblick ganz groß und sie erhob sich, um sich neugierig umzuschauen. Sie war so gefangen genommen worden von dem, was sie umgab, dass sie nicht einmal bemerkte, wie sie die Decke achtlos von sich heruntergleiten und auf den Boden fallen ließ.
Sie hatte sich von einem schmalen, dunkelgrünen Sofa mit samtenem Stoff erhoben, welches neben einem Schreibtisch aus wunderschönem Mahagoniholz, dessen glänzend polierte Oberfläche mit einer Vielzahl von Pergamenten bedeckt war, sowie einem niedrigen Sofatischchen aus demselben Holz das einzige Möbelstück war, das sich im Raum befand. Sie erblickte Harrys Tarnumhang, ordentlich über der Lehne des zum Schreibtisch zugehörigen Stuhles zusammengelegt.
Auf dem Sofatischchen entdeckte sie auf einer kleinen, von Büchern freien Ecke, ein Glas mit klarem Wasser. Ohne weiter darüber nachzudenken ergriff sie es und stürzte durstig die kühle Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Zaghaft stellte sie das leere Glas sodann an seinen ursprünglichen Platz zurück.
Sie musste sich in Severus privaten Räumen befinden, dessen war sie sich sicher. Irgendwann war sie vor seiner Tür tatsächlich eingeschlafen und er hatte sie offenbar hineingeholt. Ein kurzer Anflug des Gefühls der Wut und Enttäuschung streifte Hermiones Geist, ob der Tatsache, dass sie zuvor abgewiesen worden war.
Doch dieses Gefühl verflog so schnell, wie es in diesem Augenblick gekommen war; ihre gesamte Aufmerksamkeit war nunmehr von diesem wunderbaren Ort vereinnahmt worden.
Hermione ging langsam im Raum umher.
Da sie sich tief unten in den Kerkern Hogwarts befand, wo sich neben dem Klassenzimmer für die Unterrichtsstunden für Zaubertränke ebenfalls Severus private Räume befanden, bestand der Boden auch hier aus grauem Stein. Hier jedoch war dieser fast bis aufs Gänze mit einem wunderschönen, dicken Teppich bedeckt, der mit mittelalterlichen Mustern verziert und überwiegend aus verschiedenen Grüntönen gewebt war. Es gab keine Fenster und, wie Hermione feststellte, brauchte es auch keine. Von einem großen, offenen Kamin, der sich an der der Eingangstür gegenüberliegenden Wand befand, links und rechts von Büchern eingerahmt, und in dem ein schönes Feuer knisterte, strahlte eine angenehme Wärme in den Raum aus.
Hermione blickte sich weiter um.
Beim Streifen über die einzelnen Buchrücken verlor sie sich immer mehr. Vergessen war, wie sie hierher gekommen war. Vergessen war, warum sie hier war.
Hin und wieder zog sie behutsam eines der vielen Bücher aus dem Regal hervor, schlug es auf, las einige Zeilen, um es dann an seinen ursprünglichen Platz zurückzustellen. Währenddessen sog sie immer wieder tief den für sie so angenehmen Duft des Papiers ein und strich mit zarter Berührung beinahe liebkosend über die einzelnen Buchrücken der zum Teil schon sehr alten Bücher.
Sie war in diesem Moment ganz sie selbst, vollkommen glücklich und hatte ihr Gespür für Zeit vollständig verloren.
"Hermione!"
Seine dunkle Stimme ließ sie herumfahren.
Erst in diesem Moment fiel Hermione eine zweite, etwas schmalere Tür an der dem Sofa gegenüberliegenden Seite des Raumes auf, an dessen dunklem Rahmen Severus mit verschränkten Armen vor der Brust lehnte. Sein Erscheinungsbild war so für sie ungewohnt, dass ihr Blick kurz an seiner Kleidung hängen blieb. Er war barfuß, trug eine schwarze, weich fließende Hose sowie ein weites, weißes Hemd mit langen Ärmeln, das am Hals weit ausgeschnitten war. Offenbar war dies seine bequeme Kleidung, die er ausschließlich in seinen eigenen Räumen trug.
Bei seinem Anblick spürte Hermione erneut das bekannte Ziehen in ihrem Unterleib und ihr nächster Atemzug erfolgte beinahe zischend.
Severus hatte bereits einige Zeit dort verweilt und mit wachsendem Interesse Hermiones liebenswerte Verzückung bei der Erkundung seiner Bibliothek verfolgt und festgestellt, dass sie bei ihrer Konzentration auf seine Bücher in der Lage gewesen war, ihn offensichtlich komplett zu übersehen.
Er verstand das vollkommen. Er kannte das Gefühl, sich in den papiernen Seiten zu verlieren. Genau das hatte er soeben bei ihr beobachtet.
Hermione sah, dass ein sanftes Lächeln kurz seine Lippen umspielt hatte, bevor er sie nun wieder gewohnt ernst anblickte. Und er hatte sie direkt bei ihrem Vornamen angesprochen, dies, so weit sie sich erinnerte, zum ersten Mal.
Sie schob das soeben ergriffene Buch sanft wieder in das Regalfach zurück; es war das gleiche Buch gewesen, welches sie in Hogsmeade bei Smith's Great Bookstore gekauft hatte und das sie dort auf den Boden fallengelassen haben musste, als Severus Fluch sie getroffen hatte. Bis zum jetzigen Moment hatte sie dieses Buch komplett vergessen.
Hermione drehte sich erneut zu Severus herum und blickte ihn stumm an. Sie war verunsichert. In ihrem Innern waren sogleich wieder die verschiedensten Gefühle erwacht und sie vermisste ihre sonstige Klarheit.
Es verstrichen noch einige Sekunden und dann, ermutigt von seiner Erscheinung, schritt sie direkt auf ihn zu, um ihn, ohne ihren Blick von ihm zu wenden, mit beiden Armen fest zu umschließen.
Severus Augen schlossen sich augenblicklich. Ganz automatisch umfingen seine Arme auch sie und er ließ seine Wange auf ihr Haupt sinken.
Severus atmete tief ein und aus. Von Albus hatte er natürlich bereits erfahren, an welche Details der Entführung Hermione sich erinnerte und wofür sie sich hernach entschieden hatte. Feige wie er sich dennoch gefühlt hatte, hatte er sie, obwohl sie offenkundig mit ihm hatte sprechen wollen, vor seiner Tür stehen lassen.
Als sie dann ihren Patronus schickte, nunmehr das Ebenbild seine eigenen, hätte er darauf hin beinahe die Tür aufgerissen und sie in seine Arme gezogen. Doch sein innerer Widerstand war stark genug gewesen, um ihn zurückzuhalten. Er konnte ihr nicht öffnen.
Erst als ihm Gewahr wurde, dass sie sich auch nach über zwei Stunden noch immer vor seiner Tür befunden hatte und augenscheinlich vor dieser eingeschlafen war, hatte er sie mit schlechtem Gewissen zu sich hinein geholt. Diese Abweisung hatte sie nicht verdient.
Severus hatte ihren schlafenden Körper sanft auf seinem Sofa abgelegt und ihn mit einer Decke eingehüllt. Nachdem er ihr noch ein Glas mit frischem Wasser hingestellt hatte, hatte er sich für eine Weile vor ihr auf dem weichen Teppich niedergelassen und sie beobachtet.
Ein paar Mal hatte Severus seine Hand erhoben, um damit ab und an ihr Gesicht zu berühren, leicht über ihre weichen Lippen zu fahren, oder ihr eine verirrte, lockige Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen.
'Mutiges Mädchen', hatte er gedacht. 'Dummes Mädchen. Was willst du nur von mir?'
Da hatte dieses Mädchen vor gar nicht langer Zeit auf einmal vor ihm gestanden und gewollt, dass er mit ihm schlief. Er hatte das nicht gewollt. Sie war seine Schülerin, ein bisschen Moral besaß er schon noch. Und eigentlich war sie ihm viel zu jung. Grundsätzlich bevorzugte er reifere Frauen, erfahrenere Frauen, die zu mehr bereit waren, mehr mit sich machen ließen. Aber als sie dann nackt vor ihm gestanden hatte, nackt und hinreißend schön, hatte er sich nicht mehr zurückhalten können und wollen. Nur ein Stein hätte das gekonnt. Und auch, wenn er sich selbst dabei sehr zurückgehalten hatte, hatte der Sex mit ihr ihm gefallen, sehr sogar. Diese lustvolle Seite an ihr hätte er ihr gar nicht zugetraut. Allerdings hatte er zuvor auch nie darüber nachgedacht.
Als Severus an diese Nacht gedacht hatte, als die kleine Granger, willig und feucht unter ihm gelegen hatte, war er augenblicklich hart geworden. Wer weiß, wie weit er sie hätte treiben können.
Die kleine Granger, Miss Naseweis, die alles besser weiß und dann alle belehren muss. Er hatte es zugegeben, das nervte schon. Auf der einen Seite. Auf der anderen verstand er das allzu gut: Es muss frustrierend für sie sein, einem Pulk von unreifen, unwissenden und leider auch zum Teil mit zu wenig Verstand ausgestatteten Mitschülern umgeben zu sein, als ein Mensch, der selbst mit einem wachen Geist, hohem Intellekt und großem Verstand gesegnet war.
Hermione Granger...
Morgens, wenn er aufwachte, war Hermione Granger bereits da. Abends, wenn er sich zum Schlafen in sein Bett legte, war sie es ebenfalls. Und in der Zeit dazwischen gab es nunmehr kaum noch einen Moment, in dem sie nicht in seinen Gedanken war und sei es, dass sie sie nur zart streifte.
In diesem Moment hatte Severus es sich selbst eingestanden: Hermione Granger hatte sich über die letzten Wochen nachdrücklich in sein Herz geschlichen. Er hatte dies nicht gewollt und dennoch war es geschehen.
'Und was will ich?', hatte er sich ebenfalls gefragt.
Severus war zwiegespalten. Hermione hatte noch ihr ganzes Leben vor sich. In einer Welt ohne Voldemort. Alle Türen standen ihr offen. Sicher wollte sie Familie haben, ein kuscheliges Heim und Kinder. Auf der eine Seite wollte er nicht, dass dieses Mädchen ihr Leben für einen fast 20 Jahre älteren und verbitterten Mann aufgab. Und doch wollte er auf der anderen Seite nichts anderes, nur anders, als sie es ganz sicher wünschte. Er konnte sich das beileibe nicht vorstellen. Nach alldem, was er erlebt hatte, was ihm widerfahren war, würde er sich nicht mehr anpassen können. Er konnte nicht glauben, dass sie glücklich mit ihm werden könne, dass sie mit ihm und seiner Lebensweise umgehen könne. Und diese Enttäuschung wollte er weder ihr noch sich selbst aufbürden.
Nicht mehr anpassen können.
Aber sich auch nicht mehr darauf einlassen können.
Nicht darauf einlassen wollen.
Trotz seiner vorhandenen Zuneigung zu ihr.
Denn viel schwerer als das wog eine andere Tatsache. Eine Tatsache, die seine Tür verschlossen gehalten hatte. Severus hatte schon einmal einen Menschen verloren. Einen Menschen, den er sehr geliebt hatte. Er fürchtete sich tief in seinem Inneren davor, dies noch einmal erleben zu müssen. Damals wäre er beinahe daran zerbrochen.
Auch wenn seine zwischenmenschliche Situation seit seinem damaligen Verlust über die vielen Jahre ein großes Maß an Einsamkeit mit sich brachte, so brachte ihm diese Gewohnheit auch Sicherheit, in der er gelernt hatte, sich wohl zu fühlen.
Darüber hinaus stand zwischen ihnen das, was er Hermione unverzeihliches an Gewalt angetan hatte. Sich der Notwendigkeit dieser Tat zwar bewusst, konnte er dennoch mit sich selbst nicht ins Reine kommen. Es musste auch noch eine andere Möglichkeit gegeben haben und nach dieser suchte er immer noch.
Er wäre auch jetzt im Nachhinein nicht traurig gewesen, wenn er in ihren Armen einfach gestorben wäre. Es wäre ein guter Tod gewesen. Ein sinnvoller Tod. Ein glücklicher Tod. Nicht sie! Das war sein einziger Gedanke gewesen, als er sich zwischen Draco und ihr geworfen hatte. Diese Handlung war ganz selbstverständlich für ihn gewesen.
Aber er war immer noch da. Er war da, weil sein Leben gerettet werden konnte und wollte. Von ihr gerettet werden wollte. Ein Leben, von dem er selbst nicht wusste, wie er es ausfüllen sollte, jetzt, wo der Krieg vorbei war und seine Aufgabe damit ebenfalls.
Nach einer Weile, in der sie eng umschlungen beieinander gestanden hatten, löste er sich sanft aus der Umarmung und trat einen Schritt zurück.
Er schaute auf sie hinab und sie blickte stumm zu ihm hinauf.
Weil Severus in diesem Augenblick nichts besseres zu sagen wusste, meinte er schließlich: "Dir scheint meine kleine Bibliothek gut zu gefallen?"
Hermione lächelte. Aller Ärger war verflogen, stattdessen fühlte sie sich etwas benommen von seiner Nähe.
"Danke, dass ich sie sehen durfte", antwortete sie ihm. "Dass du mich herein gelassen hast, denn eigentlich wolltest mich gar nicht sehen."
Severus Blick wirkte jetzt ein wenig bekümmert. "Nein, das wollte ich nicht", antwortete er leise.
"Warum?", fragte sie.
Severus schwieg.
Ohne zu wissen, was sich hinter seiner Stirn abgespielt hatte, dennoch sich beinahe sicher, dass Severus ihr gegenüber durchaus Sympathie empfand, dachte Hermione sogleich an die Vergewaltigung. "Vielleicht weiß ich, warum du das nicht wolltest. Aber warum denkst du so?"
Severus schwieg weiter. Er wusste, dass er sich mit seinem Schweigen erneut nicht fair verhielt, doch die Antworten blieben ihm noch im Halse stecken.
"Severus...", flüsterte Hermione und nahm seine Hand. Wie zuvor er es in Hogsmeade getan hatte, strich sie zart mit ihrem Daumen über seinen Handrücken. Dabei blickte sie ihm fest in die dunklen Augen und sprach nun das aus, was sie sich vorgenommen hatte, ihm zu sagen, ihm anzubieten, sollte es erforderlich sein, um ihn zu erreichen.
"Ich denke, dass ich nicht in der Lage sein werde, mit Worten auszudrücken, was ich dir gerne sagen möchte. Und ich möchte es dir sagen. Ich möchte es dich wissen lassen. Darum bitte ich dich, bei mir Legilimentik anzuwenden."
Severus brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, was sie soeben zu ihm gesagt hatte. Er entzog ihr entsetzt seine Hand und drehte sich halb von ihr weg. "Nein."
"Severus,... gestatte es mir, dich sehen zu lassen..." Hermione spürte einen Hauch von verletztem Stolz in sich, dass er ihr Angebot so spontan ablehnte.
"Nein!", wiederholte er schroff. Er konnte das nicht. Er wollte das nicht. Er war nicht bereit, seine sichere Komfortzone auf diese Weise zu verlassen, weil er nicht wusste, was darauf folgen würde, wie er darauf reagieren würde. Davor, nicht zu wissen, wozu ihn das Eindringen in ihren Kopf verleiten würden, schreckte er zurück. Er konnte sich hierbei nunmehr nicht mehr selbst vertrauen.
Hermione starrte ihn wegen der Heftigkeit seiner Reaktion verzweifelt an und verfluchte sich für ihre nun folgenden Worte an ihn, die, wie sie wusste, mehr als unfair waren, aber wahrscheinlich wirken würden.
"Das bist du mir schuldig, Severus! Ich lasse dir keine andere Wahl! Tue es, wende Legilimentik an mir an. Und danach, danach kannst du tun und lassen, was du willst."
Nächstes Kapitel 22: Komm und sieh!
