Kapitel 24

Epilog


Hermione stand oben an der Aussichtsstelle des Astronomieturms und blickte auf die Ländereien Hogwarts hinab.

Der Wind wehte heute ein wenig stärker als sonst, doch sie fror nicht. Es war ein milder Vorfrühlingstag und die Sonne hatte heute besonders viel Kraft.

Hier und dort erblickte sie die ersten Krokusse ihre Köpfe aus der Erde steckend. Sie liebte das bunte Meer aus gelb, lila und weiß, das sich im Frühling über die halben Ländereien Hogwarts ergoss.

Sie war gerne hier oben.

Dann blieb ihr Blick auf den beiden großen, marmornen Gräbern liegen, wie so oft seit ihrem Verlust.

Fast sechs Monate war es jetzt her, dass Severus gestorben war.

Er war friedlich in ihren Armen eingeschlafen, glücklich, von ihr viele Jahre gehalten worden zu sein.

Fast wären es dreiundfünfzig geworden.

Severus war 88 Jahre alt geworden.

Hermione war dankbar dafür, dass Severus nach den schrecklichen Ereignissen während der ersten Jahrzehnte seines Lebens, weit mehr Lebenszeit glücklich, friedvoll und erfüllt leben durfte. Er hatte es verdient.

Während sie sich, wie jeden Tag seit seinem Tod, voller Dankbarkeit über ihre gemeinsame Zeit gerne in ihrer Erinnerung verlor, drehten ihre Finger an dem großen Ring, den sie seit nunmehr beinahe einem halben Jahr an ihrem Daumen trug.

Kurz nachdem ihre Bindung öffentlich geworden war, hatten sie in kleinem Rahmen geheiratet und sich eigene Ringe geschmiedet.

Es waren schlichte, goldene Ringe geworden mit einem Stich ins grünliche. Auch nach so vielen Jahren mochte sie dieses Schmuckstück noch immer gerne ansehen. Es war das einzige, dass sie je getragen hatte.

Nun trug sie zwei. Ihren an ihrem linken Ringfinger und seinen an ihrem rechten Daumen. Vielleicht würde sie ihn irgendwann an einer Kette um ihren Hals tragen.

Sie zog seinen Ring ab und blickte auf die in feinen Linien eingravierten Zeilen in der Innenseite. Ihr Ring trug die gleiche Inschrift. Eine Inschrift, die sich wie von selbst für ihre Verbindung aufgetan hatte.

Hermione und Severus hatten ihre Beziehung während der Dauer ihrer Schulzeit geheim gehalten, aber fortgesetzt. Bis auf die wenigen Eingeweihten war dies nie an die Öffentlichkeit gedrungen bis zu dem Zeitpunkt, da sie dies selbst entschieden hatten.

Und ihre Freunde hatten es akzeptiert.

Die größten Schwierigkeiten hatten damals Hermiones Eltern mit ihrer Wahl gehabt. Sie konnten zuerst nur sehr schwer den Altersunterschied von beinahe 20 Jahren zwischen ihrer jungen Tochter und ihrem Lehrer akzeptieren. Aber schlussendlich nahmen sie Severus als den an, der er war: der Mann, den ihre Tochter liebte. Und wie sehr sie sich liebten sah man jeden Tag.

Es hatte sich damals noch viel verändert.

Harry war nach ihrem gemeinsamen Schulabschluss einige Jahre in der Welt gereist. Er war glücklich, eine Weile frei von allem sein zu können. Am Ende war er ein Auror geworden. Und ein guter Auror obendrein, denn auch wenn es nach Voldemort bislang keinen mehr gegeben hatte, der es mit seiner Boshaftigkeit aufgenommen hatte, so war die Welt dennoch weiterhin voller schlechter Geister, die zu bekämpfen galt.

Seine Beziehung zu Ginny hatte sich nicht weiterentwickelt. Zumindest nicht auf romantischer Ebene; sie waren nach wie vor gute Freunde. Auf seinen Reisen hatte Harry dann seine Frau kennengelernt. Sein kleines Muggelmädchen, wie er Rosie gerne liebevoll nannte. Sie hatten nach einigen traurigen Enttäuschungen zwei wunderbare Kinder bekommen. Einen Jungen und ein Mädchen, beide hatten Hogwarts besucht und waren Hermiones Schüler gewesen.

Ihre Freundschaft zu Ron hatte sich am meisten verändert. Ron, von dem sie nach vielen Jahren das Geständnis erhalten hatte, dass er damals in sie verliebt gewesen sei, hatte sich zu einem einfühlsamen Freund entwickelt.

Er hatte bis vor einigen Jahren in einer guten Position im Zaubereiministerium gearbeitet. Heute war er nur noch für seine Familie da. Ron und seine Frau Madlen hatten vier Kinder bekommen. Ein Junge und drei Mädchen. Alles Rotschöpfe, die Hermione ebenfalls alle unterrichtet hatte. Inzwischen hatte er bereits fünf Enkelkinder und eine Urenkelin.

Remus und Tonks hatten kurz vor ihnen geheiratet und durften zwei Kinder bekommen. Sie waren sehr glücklich miteinander gewesen. Leider war Remus nur wenige Jahre nach der Hochzeit gestorben. Man hatte ihn nach einer Vollmondnacht tot in einem Waldstück in der Nähe ihres Hauses aufgefunden und vermutete, dass er im Kampf mit einer anderen Kreatur seinen Verletzungen erlegen war. Das war damals wirklich schlimm gewesen. Tonks hatte nie wieder geheiratet.

Draco musste einen unangenehmen Prozess über sich ergehen lassen, wurde jedoch anhand seiner Umkehr sowie unter mehreren Auflagen freigesprochen. Er durfte unter anderem Hogwarts nicht weiter besuchen und machte seinen Schulabschluss mithilfe privater Lehrer. Soweit sie wussten, hatte auch Draco jemanden geheiratet und Kinder bekommen. Keines von ihnen hatte Hogwarts besucht.

Sie und Severus hatten sich gegen eigene Kinder entschieden. Als Hermione nach ihrem Studium endgültig nach Hogwarts zurückgekehrt war, um zu unterrichten, konnten sie und Severus endlich ihr gemeinsames Leben beginnen. Ihre Ausbildung zum Auror hatte Hermione noch während ihrer Schulzeit abgebrochen. Sie wollte nach all den schrecklichen Ereignissen ein anderes Leben führen. Ein Leben voller Wissen, Frieden und Liebe, gemeinsam mit Severus. Und sie hatte ihre Entscheidung nie bereut.

Ein Lächeln umspielte Hermiones Lippen als bestimmte Erinnerungen wach wurden. Wie oft sie sich wegen wissenschaftlicher Themen oder Unterrichtsmethoden gestritten hatten. Manches Mal waren heftig die Fetzen geflogen. Und nicht wenige Male hatten sie sich am Ende darauf einigen müssen, dass sie manchmal eben unterschiedliche Ansichten hatten. Und beinahe jedes Mal nach einem solchen Streit hatten sie sich mit einer Heftigkeit geliebt, wie der Streit selbst gewesen war.

Irgendwann hatte Severus Harry beiseite genommen und ihm seinen alten Schmerz offenbart. Es hatte mit Harrys Mutter zu tun gehabt und war eine sehr traurige Geschichte gewesen, von der auch Hermione erst zu diesem Zeitpunkt erfahren hatte. Danach hatte man Severus Verhalten während ihrer frühen Schulzeit viel besser verstehen können.

Bald darauf waren Harry und er sehr gute Freunde geworden, dessen Freundschaft bis zu Severus Tod andauerte. Auf seiner Beerdigung hatte Harry die wunderbarsten und wärmsten Worte für ihn gefunden, wie man es sich für einen Nachruf nur wünschen konnte.

Erneut glitt Hermiones Blick zu den beiden Gräbern, beide aus wunderschönem Marmor und sehr opulent gefertigt. Eines war weiß, das andere schwarz.

In dem weißen Grab ruhte Albus Dumbledore. Er war bereits vor sehr vielen Jahren gestorben. Nach Albus Tod war dann Severus Schulleiter von Hogwarts geworden und blieb dies bis zu seinem Tod. Jetzt trug sie diese Verantwortung.

In dem schwarzen Grab schlief Severus, so stellte sie es sich gerne vor. Schlief solange, bis sie ihm nachfolgen würde.

Oh, wie sehr sie ihn vermisste.

Hermione hielt noch immer Severus Ring in ihrer Hand. Sie weinte jetzt. Er fehlte ihr so sehr. Sie war so traurig, dass er nicht mehr bei ihr war und auch so dankbar, dass sie so viele Jahre miteinander haben durften.

Sie nahm den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger und las erneut seine Gravur:

Mein Leben für dein Leben.


E N D E